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Schlechte Witze

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Die fünfte Jahreszeit ist vorüber, ebenso die üblichen politischen Aschermittwoche, und so langsam ebben auch die Diskussionen ab über das Zitat aus Annegret Kramp-Karrenbauers Rede beim Stockacher Narrengericht. Ich möchte es hier trotzdem noch einmal aufwärmen. Es lautet in voller – äh – Schönheit:

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin, da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.

Um erst mal das Offensichtliche aus dem Weg zu räumen: Natürlich darf man Witze über Minderheiten machen. Die meisten Witze drehen sich um Menschen oder um Gruppen, die auf die eine oder andere Weise eine Minderheit darstellen. Und natürlich darf man Witze machen, von denen sich Menschen angegriffen oder herabgesetzt fühlen. Zu fast jeden guten Witz wird sich jemand finden, der so empfindet. Und wenn es in Richtung Satire geht, besteht ja der Sinn des Witz gerade darin, Menschen anzugreifen, die es mutmaßlich verdient haben. Ralph Ruthe bringt das Problem in einem seiner Videos sehr gut auf den Punkt:

Trotzdem gibt es Unterschiede, gibt es gute und schlechte, angemessene und unangemessene Witze. Und auch wenn das eine subjektive Einschätzung ist: Kramp-Karrenbauers Witz ist für mich eindeutig unangemessen, und zwar gleich aus drei Gründen.

Zunächst macht es einen großen Unterschied, ob die Minderheit, über die man Witze macht, verfolgt oder gesellschaftlich anerkannt ist. Meine Mutter hat noch die letzten Kriegsjahre erlebt. Ihr Vater hatte während des Dritten Reichs eine junge Familie zu ernähren und musste sich dazu mit Menschen gut stellen, die er bestimmt viel lieber hochkant rausgeworfen hätte. Als Konsequenz aus diesen Erlebnissen wurde ich (Jahrzehnte später) so erzogen, dass Witze über Juden, egal in welcher Form, Tabu sind.

Natürlich ist die Situation Intergeschlechtlicher Menschen nicht vergleichbar mit der der Juden im Dritten Reich; sie werden nicht systematisch umgebracht, und sie leben in einem Rechtsstaat, in dem sie die Chance haben, ihre Rechte auch gegen eine inter-feindliche Politik durchzusetzen. Trotzdem ist die Lage nach wie vor erschreckend: So genannte kosmetische Genitaloperationen an Kindern, an denen die Betroffenen oft lebenslang leiden, sind immer noch üblich. Wir reden von einer Minderheit, deren Anderssein regelmäßig im Kindesalter wegoperiert wird – ohne jede Rücksicht auf die tatsächliche geschlechtliche Identität dieser Kinder, die ja im entsprechenden Alter meist noch nicht erkennbar ist. Dass bei Witzen über diese Menschen zumindest Vorsicht angebracht ist, sollte sich von selbst verstehen.

Denn es spielt auch eine sehr große Rolle, wie man Witze über eine Minderheit macht. Klischees können einem zuweilen ziemlich auf die Nerven gehen, sie können aber auch sehr amüsant sein. Als schwuler Mann finde ich viele Witze, die mit Schwulen-Klischees spielen, sehr lustig, das ist für mich in den meisten Fällen völlig ok. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn meine Identität oder gar mein Existenzrecht infrage gestellt oder geleugnet wird. Genau das tut zum Beispiel für die angehörigen indigener Völker das „Indianer“-Kostüm zu Fasching. Das ist für uns in Deutschland schwer zu begreifen, weil sowohl die reichhaltigen und unterschiedlichen Kulturen der indigenen Völker Amerikas als auch deren Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte für uns weit weg sind, aber das „Indianer“-Kostüm zieht tatsächlich deren ganze Kultur und Identität ins Lächerliche, wie das auch viele andere Kostüme tun, die fremde Völker zum Thema haben.

Genau in so eine Richtung geht aber der Witz Kramp-Karrenbauers: Sie macht sich nicht über die (tatsächlichen oder eingebildeten) Marotten oder Verhaltensweisen intergeschlechtlicher Menschen lustig, sie stellt Intergeschlechtlichkeit an sich als eine Marotte verunsicherter Männer dar. Sie leugnet damit die Existenz Intergeschlechtlicher Menschen als eigenständiger Gruppe, als eigenständige Kategorie geschlechtlicher, ja menschlicher Identität. Für die Betroffenen, die mitten im Kampf um rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung stehen, kann sich das nicht anders als wie ein unfairer Tiefschlag angefühlt haben.

Das führt mich zu meinem dritten Punkt, nämlich das es auch wichtig ist, wer einen Witz über eine Minderheit macht. Kramp-Karrenbauers Äußerung wurden häufig in Bezug zu Bernd Stelter gebracht, der sich zuvor in einer Faschings-Veranstaltung über Doppelnamen lustig gemacht hat und in diesem Zusammenhang auch über den Namen Kramp-Karrenbauers herzog. Bernd Stelter ist Komiker. Er verdient seinen Lebensunterhalt damit, Witze zu machen. Nicht, dass das irgendwie falsch oder unbedeutend wäre, aber darüber hinaus hat er keine gesellschaftliche Bedeutung, keinen Einfluss.

Kramp-Karrenbauer ist Vorsitzende einer der größten politischen Parteien in Deutschland und wird in dieser Funktion als mögliche nächste Bundeskanzlerin gehandelt. Sie gehört zum Kreis der mächtigsten Politikern dieses Landes. Als Spitzenpolitikerin in einem demokratischen Rechtsstaats ist sie dem in der Verfassung festgeschriebenen Schutz von Minderheiten verpflichtet, zu denen laut Bundesverfassungsgericht auch intergeschlechtliche Menschen gehören. Sich in dieser Position einen Witz zu erlauben, der die Identität und das Existenzrecht intergeschlechtlicher Menschen in Frage stellt, hat ein ganz andere Qualität, als wenn Bernd Stelter das täte – und soweit ich weiß, tut er das nicht.

Es ist übrigens überhaupt nicht nötig, jetzt jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Jeder Mensch hat einen moralischen Kompass, und damit ein instinktives Gefühl, welche Witze angemessen sind und in welcher Situation. Dieser moralische Kompass ist aber nicht angeboren, sondern wird im Lauf des Lebens geformt, zuerst durch die Erziehung, später zunehmend durch eigenes Nachdenken und eigene Entscheidungen. Wem Minderheitenschutz ein wichtiges Anliegen ist, und wer sich auch gerne über die Anliegen von Minderheiten informiert, ist ganz von selbst wenig geneigt, herabsetzende Witze über Minderheiten zu machen, und muss dazu nicht mal groß nachdenken. Und wenn eine solche Person doch mal einen solchen Witz macht, wird sie, wenn sie darauf hingewiesen wird, ganz selbstverständlich den Witz aus ihrem Repertoire streichen und sich freuen, etwas Neues gelernt zu haben.

Kramp-Karrenbauer hat nicht deshalb einen unangemessen und herabsetzenden Witz über intergeschlechtliche Menschen gemacht, weil sie zu wenig aufgepasst hat, weil sie ihre Worte nicht auf die sprichwörtliche Goldwaage gelegt hat. Sie hat einen unangemessenen und herabsetzenden Witz gemacht, weil es ihr längst zur Gewohnheit geworden ist, sich herabsetzend über LGBTIQ+ zu äußern. Sie hat damit ihren moralischen Kompass schon so weit verbogen, dass ihr die Unangemessenheit ihres Witzes gar nicht mehr auffallen konnte. In diesem Sinne: Lasst unsere Politiker nur Witze machen: Sie verraten dabei vielleicht mehr über sich, als ihnen lieb sein kann.

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