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Bibel-Positivismus

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Eine der philosophischen Grundlagen des modernen Rechtsstaats ist der Rechtspositivismus. Er besagt, kurz gesagt, dass Recht ist, was im Gesetz steht, und nur was im Gesetz steht, und zielt damit in erster Linie auf Rechtssicherheit: Jeder kann (im Prinzip) selbst nachlesen, was erlaubt ist, und was ihn erwartet, wenn er sich nicht daran hält. Der Rechtspositivismus schützt vor Willkür und fördert, dass alle Menschen dem Recht nach gleich behandelt werden. Er hat aber auch Grenzen. Das hat man am Ende des zweiten Weltkriegs festgestellt, denn die unfassbaren Verbrechen der Nazis waren häufig durch die Gesetze gedeckt.

Der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch formulierte deshalb im Jahr 1946, dass auch entgegen geltender Gesetze entschieden werden müsse, wenn ihre Anwendung unerträglich ungerecht wäre oder wenn sie selbst die Grundzüge des Rechts verleugnen würden. Diese Radbruch’sche Formel klingt ziemlich unbestimmt, sie stellt, auf Fälle schlimmsten Unrechts begrenzt, zwar die alte Unsicherheit und die Gefahr der Willkür wieder her, ist aber eine offensichtlich notwendige Einschränkung des Rechtspositivismus und damit bis heute Bestandteil der Rechtssprechung der obersten Gerichte.

Warum ich das so ausführlich schildere? Weil viele Christen die Bibel genauso behandeln wie der Rechtspositivismus das Gesetz: Christliche Lehre ist, was in der Bibel steht, und nur, was in der Bibel steht. So wie der Jurist die Antworten zu allen Rechtsfragen im Gesetz suchen muss, suchen diese Christen die Antworten zu allen Glaubens- und Lebensfragen in der Bibel. Analog zum Rechtspositivismus kann man diese Haltung als Bibel-Positivismus bezeichnen, und Google sagt mir, dass ich nicht der erste bin, der diesen Begriff in diesem Sinne gebraucht.

Das Problem am Bibel-Positivismus: Er funktioniert nicht. Die Bibel ist kein Gesetzestext. Das merkt man, wenn man sich moderne Gesetzestexte anschaut: Sie sind bewusst mit der notwendigen Eindeutigkeit und der dazu leider auch oft notwendigen Fachsprachlichkeit formuliert. Gesetzestexte sind selten schön zu lesen, weil sie nicht schön zu lesen sein sollen, sondern weil sie im Sinne des Rechtspositivismus einen genau bestimmten Zweck erfüllen wollen und dazu in erster Linie eindeutig und bestimmt sein müssen.

Bibeltexte genügen diesen Ansprüchen grundsätzlich nicht. Die Bibel besteht in großen Teilen aus Erzählungen und aus Geschichtsschreibung, zwei Literaturgattungen, die wir heute streng unterscheiden, die aber in der Antike wesentlich näher beieinander lagen, und die beide für eine positivistische Auslegung ungeeignet sind. Andere Texte liefern konkrete Handlungsanweisungen, beziehen sich aber meist auf ebenso konkrete Situationen oder spezifische Probleme, so dass ihnen die nötige Allgemeingültigkeit fehlt, die für eine positivistische Auslegung erforderlich ist. Und für die Stellen im Alten Testament, die tatsächlich Gesetzesrang für sich beanspruchen, macht das Neue Testament sehr deutlich, dass sie mit diesem Anspruch für uns heute nicht mehr gültig sind.

Der Bibel-Positivismus legt die Bibel in einer Weise aus, für die sie weder gedacht noch geeignet ist. Er führt zuweilen durchaus zu richtigen Ergebnissen, aber ebenso oft in die Irre und nicht selten zu schlimmen Konsequenzen. Und die werden oft noch viel schlimmer, weil die Bibel-Positivisten kein theologisches Äquivalent zur Radbruch’schen Formel gelten lassen. Statt im unerträglichen Unrecht die Grenzen ihrer Bibelauslegung zu erkennen, wird das Unrecht zum Recht erklärt, weil es sich ja angeblich aus der Bibel ergibt. Beispiele, wie mit der Bibel in der Hand schlimmstes Unrecht begangen wurde, gibt es zu Genüge. Gerade geistlicher Missbrauch geschieht nicht selten mit biblischer Begründung.

Viele Bibel-positivistisch eingestellte Christen erinnern mich auch in ihrem Verhalten nicht an moderne, sorgfältig abwägende Juristen, sondern eher an klassische Westernhelden; der Typus, der schneller zieht als sein Schatten, nur halt nicht den Revolver sondern die Bibel, und der Bibelstellen statt Bleikugeln locker aus der Hüfte feuert. Übrigens trägt der klassische Westernheld auch immer einen weißen Hut, damit man ihn auch noch in der letzten Kino-Reihe leicht vom Bösewicht mit dem schwarzen Hut unterscheiden kann. Womit wir beim Kernproblem des Bibel-Positivismus angelangt sind: Es geht nicht um Recht und Unrecht, sondern um Gut und Böse. Und mit der Bibel In der Hand darf sich der Bibel-Positivist auf der Seite des Guten wähnen und es gegen das Böse verteidigen.

Wir leben aber nicht im Wilden Westen, Gott sei Dank. Denn der klassische Western ist ein guter Ort für Geschichten, aber war ein fürchterlicher Ort zum Leben. Dass Meinungsverschiedenheiten nicht mehr von Revolverhelden, sondern von Juristen und Gerichten geklärt werden, ist außerhalb von Literatur und Film ein gewaltiger Fortschritt. Der Bibel-Positivist wünscht sich in eine Zeit, in der Gut und Böse klar getrennt und einfach unterscheidbar sind, und übersieht, dass es eine solche Zeit außerhalb von Karl-May-Büchern nie gegeben hat.

Unsere Gesellschaft verändert sich rapide. Erklärung und Anerkennung der Menschenrechte, Ächtung des Krieges als Mittel der Politik und auch die Abschaffung der Todesstrafe in vielen Ländern sind vergleichsweise junge Entwicklungen, und selbst die Abschaffung und Ächtung der Sklaverei liegt zeitlich viel näher zu uns als selbst zu den jüngsten biblischen Texten. Das macht die Auslegung und Anwendung der Bibel für uns bedeutend schwieriger als für frühere Generationen. Andererseits ist heute ein Bildungsniveau selbstverständlich geworden, das früher nur gesellschaftlichen Eliten zugänglich war. Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Leider hat der Bibel-Positivismus es geschafft, sich das Etikett bibeltreu anzuheften; eine Zuschreibung, die zwar gelegentlich abwertend verwendet, aber meist nicht in Zweifel gezogen wird. Ich halte das für falsch. Treue zur Bibel zeigt sich in der intensiven, auch kritischen Auseinandersetzung mit der Bibel, mit ihren zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Randbedingungen, mit Reichweite und Selbstverständnis biblischer Texte, mit Textzusammenhang und heilsgeschichtlichen Linien. Wer Christ ist, muss – im Rahmen seiner Möglichkeiten – immer auch ein kleiner Theologe sein.

Dem gegenüber steht der positivistische Gebrauch der Bibel, der die Bibel zitiert statt auslegt, der Antworten findet auf Fragen, die in der Bibel gar nicht behandelt werden, der die Bibel nicht als Offenbarung erforscht, sondern als Werkzeug gebraucht, der allzu häufig in der Beschäftigung mit Randfragen die Mitte der Schrift verliert. Der Bibel-Positivismus ist ein Missbrauch der Schrift, der die Gefahr des geistlichen Missbrauch von Menschen wesensmäßig in sich trägt. Eine solche Haltung ist nicht bibeltreu und sollte auch nicht so genannt werden.

Stufen

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Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse1

Vor ein paar Wochen habe ich mich aus der Gemeinde verabschiedet, die für die letzten zwanzig Jahre meine geistliche Heimat war. Dieser Schritt war überfällig, und der Abschied ist mir erstaunlich leicht gefallen – leichter jedenfalls, als den meisten übrigen Gemeindemitgliedern. Ich will nicht ausschließen, dass es in der Gemeinde auch Menschen gibt, die froh sind, dass ich endlich weg bin, aber mir gegenüber hat keiner sich auch nur ansatzweise in diese Richtung geäußert. Überhaupt bin ich von Gemeinde und Gemeindeleitung in den Jahren nach meinem Coming Out immer nur freundlich und mit großem Respekt behandelt worden. Und es wäre auch alles in Ordnung, wenn da nicht gewisse theologische Überzeugungen wären im Bezug auf LGBTQ+, die nichts anderes sind als pures Gift.

Wie bei anderen Giften die Biologen und Chemiker sind es hier Exegeten und Theologen, die ausführlich und kenntnisreich über die genaue Wirkung und die Schädlichkeit toxischer Theologie diskutieren können. Aber wer an der Giftwirkung einer Substanz zweifelt, dem steht es frei, mit einer (hoffentlich wohlabgemessenen) Dosis die Wirkung am eigenen Leib zu erfahren. Die schädliche Wirkung giftiger Theologie habe ich mehr als ausreichend erfahren, und das geht ja nicht nur mir so, nachzulesende Beispiele gibt es mittlerweile genug. Timo Platte hat in seinem Buch Nicht mehr schweigen 25 Lebensberichte zusammengetragen und veröffentlicht. Das Buch löst keine theologischen Detailfragen, aber es klärt die Frage, in welche Richtung die Theologie gehen muss, wenn sie Menschen nicht schaden, sondern helfen will.

In den letzten Monaten habe ich gespürt, dass ich die schädlichen Wirkungen toxischer Theologie nicht einfach durch Wechsel meiner Überzeugungen los werde, dass ich nicht einfach eine Auslegung des biblischen Textes durch eine andere ersetzen kann, und schon wird alles gut. Die Veränderung, so sie denn wirklich heilsam sein soll, muss tiefer gehen. Der Abschied aus meiner bisherigen Gemeinde ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Die Veränderung meiner theologischen Denkweise und damit auch meiner Beziehung zu Gott (beides hängt ja immer zusammen) ist ein längerer Prozess, dessen Auswirkungen ich allmählich spüre.

Meine bisherige theologische Praxis war vor allem apologetisch geprägt. Die Bibel diente mir zur Bestätigung und Verteidigung von Glaubensüberzeugungen, an deren grundsätzlicher Richtigkeit ich nie ernsthafte Zweifel hatte. Nicht selten habe ich dabei versucht zu verteidigen, was mit vernünftigen Mitteln nicht zu verteidigen ist. Der apologetische Ansatz soll zu einem festen, unerschütterlichen Glauben verhelfen, aber er führt allzu leicht zu einer erstarrten, toten Theologie, die zwar dem Namen nach noch Lehre von Gott ist, aber einem lebendigen Gott nicht mehr gerecht werden kann.

In den Gesprächen über den Glauben vor allem mit LGBTQ+-Christen, aber auch mit manchen alten Freunden, spüre ich allmählich, wie sich ein neues Element, eine neue Motivation zur theologischen Betrachtung Raum in meinem Denken verschafft: Es ist die Bereitschaft und der Wunsch, über all dem Neuen, dass es über Gott zu lernen gibt, meine alten, gewohnten Überzeugungen in Frage zu stellen, aufs Spiel zu setzen, preiszugeben. Es ist, zumindest in Ansätzen, aufkeimend, die reine, unverstellte Neugier. Und das ist gut so und darf gerne mehr werden.

In dieser Phase meines Lebens bin ich auf das eingangs zitierte Gedicht von Hermann Hesse gestoßen, das mich sehr berührt hat, und in dem ich mich wiederfinde. Meist wird ja das Ende der ersten Strophe zitiert, der Zauber des Anfangs, aber gerade davon spüre ich derzeit noch recht wenig. Der Abschied aus der Gemeinde ist noch im Wesentlichen Trennung und noch nicht wirklich Aufbruch, und noch geht es für mich eher um die Dekonstruktion toxischer Theologie, um meine geistliche Entgiftung als um den Aufbau neuer Glaubensinhalte. Aber Hesses Worte machen mir Mut zu beidem.

In der letzten Strophe des Gedichts geht es zwar um die Todesstunde, aber ich glaube, die allerletzte Zeile des Gedichts bezieht sich nicht nur auf die letzte Strophe, sondern auf das ganze Gedicht, nicht nur auf den Tod, sondern auf das Ende jeder Lebensphase. Das gilt für mich umso mehr, weil ich weiß, dass das ewige Leben nicht nur ein Versprechen für die Zukunft nach meinem leiblichen Tod, sondern durch den Heiligen Geist schon eine jetzt erfahrbare Wirklichkeit ist. Für Hesse ist es der Weltgeist, der uns Stuf’ um Stufe heben, weiten will, für mich ist die Lebendigkeit des Auferstandenen, die mich aus toxischem Umfeld heraushebt und meinen Blick weitet, auch den theologischen.

Ich denke, auch mit viel Dankbarkeit, an eine Gemeinde die zwanzig Jahre geistliche und theologische Heimat für mich war. Und dann denke ich: Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


 

Schlechte Witze

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Die fünfte Jahreszeit ist vorüber, ebenso die üblichen politischen Aschermittwoche, und so langsam ebben auch die Diskussionen ab über das Zitat aus Annegret Kramp-Karrenbauers Rede beim Stockacher Narrengericht. Ich möchte es hier trotzdem noch einmal aufwärmen. Es lautet in voller – äh – Schönheit:

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin, da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.

Um erst mal das Offensichtliche aus dem Weg zu räumen: Natürlich darf man Witze über Minderheiten machen. Die meisten Witze drehen sich um Menschen oder um Gruppen, die auf die eine oder andere Weise eine Minderheit darstellen. Und natürlich darf man Witze machen, von denen sich Menschen angegriffen oder herabgesetzt fühlen. Zu fast jeden guten Witz wird sich jemand finden, der so empfindet. Und wenn es in Richtung Satire geht, besteht ja der Sinn des Witz gerade darin, Menschen anzugreifen, die es mutmaßlich verdient haben. Ralph Ruthe bringt das Problem in einem seiner Videos sehr gut auf den Punkt:

Trotzdem gibt es Unterschiede, gibt es gute und schlechte, angemessene und unangemessene Witze. Und auch wenn das eine subjektive Einschätzung ist: Kramp-Karrenbauers Witz ist für mich eindeutig unangemessen, und zwar gleich aus drei Gründen.

Zunächst macht es einen großen Unterschied, ob die Minderheit, über die man Witze macht, verfolgt oder gesellschaftlich anerkannt ist. Meine Mutter hat noch die letzten Kriegsjahre erlebt. Ihr Vater hatte während des Dritten Reichs eine junge Familie zu ernähren und musste sich dazu mit Menschen gut stellen, die er bestimmt viel lieber hochkant rausgeworfen hätte. Als Konsequenz aus diesen Erlebnissen wurde ich (Jahrzehnte später) so erzogen, dass Witze über Juden, egal in welcher Form, Tabu sind.

Natürlich ist die Situation Intergeschlechtlicher Menschen nicht vergleichbar mit der der Juden im Dritten Reich; sie werden nicht systematisch umgebracht, und sie leben in einem Rechtsstaat, in dem sie die Chance haben, ihre Rechte auch gegen eine inter-feindliche Politik durchzusetzen. Trotzdem ist die Lage nach wie vor erschreckend: So genannte kosmetische Genitaloperationen an Kindern, an denen die Betroffenen oft lebenslang leiden, sind immer noch üblich. Wir reden von einer Minderheit, deren Anderssein regelmäßig im Kindesalter wegoperiert wird – ohne jede Rücksicht auf die tatsächliche geschlechtliche Identität dieser Kinder, die ja im entsprechenden Alter meist noch nicht erkennbar ist. Dass bei Witzen über diese Menschen zumindest Vorsicht angebracht ist, sollte sich von selbst verstehen.

Denn es spielt auch eine sehr große Rolle, wie man Witze über eine Minderheit macht. Klischees können einem zuweilen ziemlich auf die Nerven gehen, sie können aber auch sehr amüsant sein. Als schwuler Mann finde ich viele Witze, die mit Schwulen-Klischees spielen, sehr lustig, das ist für mich in den meisten Fällen völlig ok. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn meine Identität oder gar mein Existenzrecht infrage gestellt oder geleugnet wird. Genau das tut zum Beispiel für die angehörigen indigener Völker das „Indianer“-Kostüm zu Fasching. Das ist für uns in Deutschland schwer zu begreifen, weil sowohl die reichhaltigen und unterschiedlichen Kulturen der indigenen Völker Amerikas als auch deren Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte für uns weit weg sind, aber das „Indianer“-Kostüm zieht tatsächlich deren ganze Kultur und Identität ins Lächerliche, wie das auch viele andere Kostüme tun, die fremde Völker zum Thema haben.

Genau in so eine Richtung geht aber der Witz Kramp-Karrenbauers: Sie macht sich nicht über die (tatsächlichen oder eingebildeten) Marotten oder Verhaltensweisen intergeschlechtlicher Menschen lustig, sie stellt Intergeschlechtlichkeit an sich als eine Marotte verunsicherter Männer dar. Sie leugnet damit die Existenz Intergeschlechtlicher Menschen als eigenständiger Gruppe, als eigenständige Kategorie geschlechtlicher, ja menschlicher Identität. Für die Betroffenen, die mitten im Kampf um rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung stehen, kann sich das nicht anders als wie ein unfairer Tiefschlag angefühlt haben.

Das führt mich zu meinem dritten Punkt, nämlich das es auch wichtig ist, wer einen Witz über eine Minderheit macht. Kramp-Karrenbauers Äußerung wurden häufig in Bezug zu Bernd Stelter gebracht, der sich zuvor in einer Faschings-Veranstaltung über Doppelnamen lustig gemacht hat und in diesem Zusammenhang auch über den Namen Kramp-Karrenbauers herzog. Bernd Stelter ist Komiker. Er verdient seinen Lebensunterhalt damit, Witze zu machen. Nicht, dass das irgendwie falsch oder unbedeutend wäre, aber darüber hinaus hat er keine gesellschaftliche Bedeutung, keinen Einfluss.

Kramp-Karrenbauer ist Vorsitzende einer der größten politischen Parteien in Deutschland und wird in dieser Funktion als mögliche nächste Bundeskanzlerin gehandelt. Sie gehört zum Kreis der mächtigsten Politikern dieses Landes. Als Spitzenpolitikerin in einem demokratischen Rechtsstaats ist sie dem in der Verfassung festgeschriebenen Schutz von Minderheiten verpflichtet, zu denen laut Bundesverfassungsgericht auch intergeschlechtliche Menschen gehören. Sich in dieser Position einen Witz zu erlauben, der die Identität und das Existenzrecht intergeschlechtlicher Menschen in Frage stellt, hat ein ganz andere Qualität, als wenn Bernd Stelter das täte – und soweit ich weiß, tut er das nicht.

Es ist übrigens überhaupt nicht nötig, jetzt jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Jeder Mensch hat einen moralischen Kompass, und damit ein instinktives Gefühl, welche Witze angemessen sind und in welcher Situation. Dieser moralische Kompass ist aber nicht angeboren, sondern wird im Lauf des Lebens geformt, zuerst durch die Erziehung, später zunehmend durch eigenes Nachdenken und eigene Entscheidungen. Wem Minderheitenschutz ein wichtiges Anliegen ist, und wer sich auch gerne über die Anliegen von Minderheiten informiert, ist ganz von selbst wenig geneigt, herabsetzende Witze über Minderheiten zu machen, und muss dazu nicht mal groß nachdenken. Und wenn eine solche Person doch mal einen solchen Witz macht, wird sie, wenn sie darauf hingewiesen wird, ganz selbstverständlich den Witz aus ihrem Repertoire streichen und sich freuen, etwas Neues gelernt zu haben.

Kramp-Karrenbauer hat nicht deshalb einen unangemessen und herabsetzenden Witz über intergeschlechtliche Menschen gemacht, weil sie zu wenig aufgepasst hat, weil sie ihre Worte nicht auf die sprichwörtliche Goldwaage gelegt hat. Sie hat einen unangemessenen und herabsetzenden Witz gemacht, weil es ihr längst zur Gewohnheit geworden ist, sich herabsetzend über LGBTIQ+ zu äußern. Sie hat damit ihren moralischen Kompass schon so weit verbogen, dass ihr die Unangemessenheit ihres Witzes gar nicht mehr auffallen konnte. In diesem Sinne: Lasst unsere Politiker nur Witze machen: Sie verraten dabei vielleicht mehr über sich, als ihnen lieb sein kann.

Allgemeine Lage

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Wie die Zeit vergeht: Über ein Jahr ist mein letzter Eintrag auf dieser Seite alt. Höchste Zeit, mal wieder etwas „Content“ zu produzieren, zumal sich bei mir ein paar Themen angesammelt haben, über die ich gerne schreiben würde. Zum Wiedereinstieg gibt’s ein paar Worte zur Lage der Nation, will sagen, zur aktuellen Nachrichtenlage der queeren Christenheit.

Das Nachrichtenportal queer.de listet in der Rubrik „Glaube“ für dieses Jahr bereits 20 Artikel auf. Die meisten davon beschäftigen sich mit der Katholischen Kirche und ihren mehr oder weniger würdigen Würdenträgern. Das ist nicht weiter verwunderlich: Die schlimmsten homophoben Wortmeldungen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit kommen häufig von römisch-katholischen Bischöfen, aber auch der Meinungskampf zum Thema Homosexualität wird in kaum einer Organisation so offen und so öffentlich geführt wie unter den Katholiken. Der Weg zu einer Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erscheint mir noch sehr weit, aber er wird mittlerweile von katholischen Bischöfen und Theologen aktiv beschritten. Und der Versuch, den katholischen Theologen Ansgar Wucherpfennig wegen eben dieser Haltung aus dem Amt zu entfernen, ist bekanntlich gescheitert.

Als durchaus überzeugter nicht-Katholik beobachte ich die Lage als Außenstehender. Viel näher trifft mich die Situation in der evangelisch-freikirchlichen Welt, zu der queer.de in den letzten zwei Monaten auch bereits vier verschiedene Meldungen herausgebracht hat. Am Anfang dieser Woche entschied sich die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche mit knapper Mehrheit, die bisherige, ablehnende Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen beizubehalten und zusätzlich anders denkenden Pastoren und Gemeinden mit Sanktionen bis hin zum Ausschluss zu drohen. Das Entsetzen gerade unter den europäischen Methodisten scheint groß zu sein. Von einem ungewissen Weg in die Zukunft, ja von Spaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche ist die Rede.

Auch vom Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland gibt es eine neue „Orientierungshilfe“ zum Thema Homosexualität, die Ende letzten Jahres erschienen ist und im Februar in vielen Medien diskutiert wurde. Der evangelische Pfarrer und Theologe Dr. Wolfgang Schürger sieht bei Kreuz & queer einen Schritt in die richtige Richtung und zieht ein überwiegend positives Fazit. Das mit dem Schritt in die richtige Richtung kann ich nachvollziehen, das positive Fazit nicht. Das alte Papier des FeG-Bundes von 2004 enthält ein paar recht offensichtliche Lügen, die sich für mich teilweise am Rand der Verleumdung bewegten. Das neue Dokument ist wesentlich sorgfältiger formuliert, aber deshalb nicht weniger gefährlich. Die neuen Formulierungen ändern nichts daran, dass die vertretenen Thesen krank machend sind und Menschen schweren Schaden zufügen können. Gerade weil allzu offensichtliche Lügen durch plausibel klingende Un- und Halbwahrheiten ersetzt wurden, ist das Dokument schwerer angreifbar und widerlegbar. Ich fürchte, deshalb werden die Inhalte auch von wohlmeinenden Christen eher geglaubt und können damit in der Praxis auch mehr Schaden anrichten.

Mein Eindruck ist allerdings, dass sich das Dokument aber gar nicht so sehr an LGBTQ+-Christen, sondern an anders denkende Pastoren und Gemeindeleitungen richtet. Im Gegensatz zu den Methodisten kann der Bund Freier evangelischer Gemeinden nicht so einfach seine Position nach unten durchregieren, weil die Strukturen andere sind. Dass die Bundesleitung glaubt, ihre Position so wortreich vertreten zu müssen, zeigt schon, dass sie längst nicht mehr von allen Freien evangelischen Gemeinden geteilt wird.

Ich denke da an eine Predigt von Pastor Lars Linder aus der FeG Essen Mitte vom November 2017, die mir sehr nahe gegangen ist. Ich möchte einen Gedanken aus dieser Predigt aufgreifen:

Kirche hat fasziniert, weil sie mit Menschen – die verachtet, stigmatisiert, an den Rand geschoben waren – umgegangen ist in einer Art und Weise, die einzigartig war. (…) Deshalb war Kirche in den ersten Jahrhunderten missionarisch, einladend. Eine Haltung, die Gemeinde Jesu immer wieder neu erkämpfen und erleben lernen muss.

Es geht heute nicht mehr nur darum, ob eine Randgruppe auch ihren Platz am Tisch des Herrn haben darf – auch wenn das allein schon wichtig genug ist. Es geht mittlerweile um deutlich mehr. Es geht um die gesellschaftliche Relevanz, um die ethische Glaubwürdigkeit, um die missionarische Wirksamkeit der christlichen Verkündigung. Wer Schwule und Lesben ins Abseits stellt, stellt sich damit – völlig zurecht – ins gesellschaftliche Abseits und disqualifiziert sich als ethisch-moralische Instanz. Als Beleg seien zwei Zitate aus den Kommentaren bei queer.de angeführt. Zu der Entscheidung bei den Methodisten kommentiert Ralph:

Diese Banden sagen, schwul sein ist unvereinbar mit dem Christentum. Ich aber sage: Das Christentum ist unvereinbar mit Anstand und Vernunft, mit Menschenwürde und Grundrechten, mit Freiheit und Vielfalt.

Und zur „Orientierungshilfe des FeG-Bundes“ schreibt NeverEnding:

Es gibt immer wieder Leute, die meinen, es besser wissen zu wollen. Die keine Fakten kennen und nur ihre eigene Lebenswelt wettschätzen. Die übrigens keine Nächstenliebe umsetzen können.

Die Leser von queer.de sind kein repräsentativer Schnitt durch die Gesellschaft, aber die in diesen Kommentaren vertretene Ansicht ist auch jenseits der queeren Weilt weit verbreitet.

Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther:

Niemandem geben wir auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht verhöhnt werden kann.

Zu viele Christen sehen es leider immer noch als Gütesiegel ihres Glaubens, wenn sie in der Zivilgesellschaft Anstoß erregen. Und zu viele andere Christen spielen dieses Spiel mit, nehmen um des lieben Friedens willen in Kauf, sich in weiten Teilen der Gesellschaft als moralische Instanz zu disqualifizieren. Lieber ein schlechtes Beispiel in Frieden als ein gutes Beispiel im Streit. Ich kann das absolut nachfühlen, aber das macht es nicht besser.

Ich habe den allergrößten Respekt vor den Pionieren der queeren Christenheit, vor einem Günter Baum, einer Valeria Hinck und den vielen anderen, die unter schwierigsten Bedingungen für Toleranz gekämpft haben, als Akzeptanz noch in unerreichbarer Ferne schien. Die Zeiten haben sich – Gott sei Dank – geändert, und ich glaube, es ist an der Zeit, dass die „Verbündeten“, die cis-hetero-Christen sichtbar und laut in diesen Kampf mit einsteigen, ihn vielleicht sogar übernehmen. Denn wenn die Situation der LGBTQ+-Christen so endet, wie in der Zeichnung des nakedpastor David Hayward, ist das nicht nur zum Schaden dieser Menschen, es ist zum Schaden des ganzen Leibes Christi.

Queerer Buchstabensalat

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Ich bin schwul. Das ist ein schöner, kompakter, einfacher Satz, mit dem erst mal vieles gesagt ist – zumindest im Bezug auf das Thema dieser Seite. Aber ich habe auch weibliche Leser, die natürlich, wenn sie sich zu Menschen gleichen Geschlechts hingezogen fühlen, nicht schwul, sondern lesbisch sind. Und dann kommen noch die Menschen beiderlei Geschlechts dazu, die sich in Menschen beiderlei Geschlechts verlieben, also bisexuelle Menschen, und schon haben wir den dritten Begriff.

Damit hätte ich noch nicht mal die verschiedenen sexuellen Orientierungen abgedeckt. Aber wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, gibt es da Menschen, die sind trans, und die möchte ich auch nicht ausschließen, auch wenn es beim trans-Sein weniger um die sexuelle Orientierung als mehr um die eigene sexuelle Identität geht.

Ich könnte jetzt jedesmal lesbisch, schwul, bisexuell und trans schreiben, aber das wäre schon relativ umständlich. Glücklicherweise gibt es dafür eine Abkürzung: LGBT. Die kommt aus dem Englischen, deshalb steht da auch ein G für gay. Man kann auch die deutsche Abkürzung, LSBT, verwenden, aber die sieht man selbst im deutschen Sprachgebrauch relativ selten. Immerhin muss ich mir als Schreibender keine Gedanken machen, ob ich LGBT als el-ge-be-te oder als el-dschi-bi-ti ausspreche.

Das Kürzel LGBT hat viele Vorteile: Es ist kompakt, halbwegs aussprechbar und immerhin so weit verbreitet, dass man es nicht ständig erklären muss. Es hat nur einen großen Nachteil: Es ist unvollständig. Viele Menschen finden sich nicht darin wieder. Das geht schon damit los, dass L, G. B und T sich zunächst mit einem binären Geschlechter-Verständnis begnügen: Da gibt es Mann und Frau und erst mal nichts daneben oder dazwischen. Das gilt auch für viele trans-Menschen, und ich glaube, ich habe erst im Gespräch mit diesen begriffen, wie wichtig die Zugehörigkeit zu einem bestimmten, eindeutigen Geschlecht für einen Menschen sein kann.

LGBT kennt keine intersexuellen Menschen, keine mit nicht-binärem Geschlecht und auch nicht die, die auf sonst irgend eine Weise queer sind. Und um noch mal auf die sexuelle Orientierung zurückzukommen: Man kann ja diskutieren ob Pansexualität (die Orientierung auf Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht) noch von Bisexualität unterschieden werden muss. Keinesfalls ausschließen darf man allerdings asexuelle Menschen, weil gerade diese Leute es verdient haben, als eigenständige Gruppe der sexuellen Orientierung erkannt zu werden, und nicht nur als Menschen mit Mangel an Gelegenheit.

Und dann gibt es noch die vielen, lieben Menschen, die uns nach Kräften unterstützen, obwohl sie sich als cis-binär-heterosexuelle Menschen aus all dem heraushalten könnten, diese wichtigen Verbündeten, englisch Allies genannt.

Versucht man das alles in eine Abkürzung zu gießen, kommt so etwas wie LGBTTQQIAAP heraus. Das ist halbwegs vollständig, aber zugleich völlig unlesbar. Texte, in denen in jedem zweiten Satz ein solcher Buchstabensalat vorkommt, würden weder dem Schreiber noch dem Leser Spaß machen. Und es stellt sich die Frage: Muss das denn alles so kompliziert sein? Müssen wir diese ganzen Gruppen und Bezeichnungen und Buchstaben haben?

Darauf kann es nur eine Antwort geben: Aber ja, natürlich! Zurzeit leben knapp 7,5 Milliarden Menschen, und keine zwei sind gleich. Man könnte so weit gehen zu sagen, es gäbe knapp 7,5 Milliarden unterschiedliche sexuelle Orientierungen und sexuelle Identitäten. Die ganzen Kategorisierungen, wie sie in LGBTTQQIAAP und ähnlichen Abkürzungen ausgedrückt werden, sind notwendige, aber letztlich künstliche Einordnungen. Sie sind notwendig, weil sie uns die Mittel geben, über die Sache zu reden, und weil sie vielen Menschen erst ermöglichen, sich selbst zu finden und zu entdecken und dann das, was sie gefunden und entdeckt haben, anderen zu beschreiben.

Was bleibt, ist ein literarisches Problem. Texte, selbst in bester Absicht geschrieben, sind nutzlos, wenn sie niemand lesen mag oder wenn sie nur mit umfangreichen Erklärungen verstanden werden können. Ich habe mich entschieden, fürs erste bei IGBT oder je nach Textzusammenhang bei IGBTQ+ zu bleiben. Und wenn es möglich ist, will ich versuchen, diese Abkürzung ganz zu vermeiden und andere Beschreibungen zu finden. Ich weiß, dass damit Menschen unerwähnt bleiben, die eigentlich erwähnt werden sollten. Ich habe diese Menschen nicht vergessen, ich gehe hier bewusst einen Kompromiss ein, der mir das Schreiben und anderen das Lesen erleichtern, in vielen Fällen erst ermöglichen soll.

Ich bin schwul. Außerdem bin ich ein binärer cis-Mann. Ich bin dankbar für diese Begriffe, die es mir in wenigen Worten erlauben, meine eigene sexuelle Identität zu charakterisieren. Es gibt so viele solcher Begriffe, und nicht jeder kann in jedem meiner Blog-Einträge eine Rolle spielen. Aber ich habe viele Male erlebt: Immer wenn ich einen neuen dieser Begriffe kennen lerne, hilft er mir, einen Menschen besser zu verstehen.

No Place in Heaven

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So lautet der Titel eines Liedes des libanesisch-britischen Sängers Mika, auf das ich letzte Woche gestoßen bin, und das mich sehr angesprochen hat. Der Titel und das gleichnamige Album wurden allerdings schon vor zweieinhalb Jahren veröffentlicht. Ich kann beides nur sehr empfehlen.

Ich möchte den Text des Liedes hier nur auszugsweise wiedergeben, um das Zitatrecht nicht überzustrapazieren. Er ist (mit etwas Suche) auf der Lyrics-Seite des Künstlers und natürlich auch sonst im Internet zu finden. Ein Youtube-Video kann ich aber guten Gewissens einbinden:

Die titelgebende Zeile stammt aus dem Refrain und lautet vollständig:

There’s no place in heaven for someone like me.

Es gibt keinen Platz im Himmel für jemanden wie mich.

Das Lied ist sehr wahrscheinlich aus der Perspektive eines schwulen oder bisexuellen Menschen geschrieben. Das zeigt nicht nur die Textzeile: „for every love I had to hide“ (für jede Liebe, die ich verbergen musste), sondern das legen auch ein paar andere Songs auf demselben Album nahe. Mika selbst ist nach eigenen Angaben nicht hetero und soll aus katholischem Hintergrund kommen. Wenn man die vielen Äußerungen katholischer Würdenträger zum Thema Homosexualität kennt, ist es leicht nachvollziehbar, dass ein schwuler oder bisexueller Katholik glaubt, im Himmel nicht willkommen zu sein.

Der Sänger gibt sich mit diesem Schicksal nicht zufrieden und wendet sich an die richtige Stelle. Das Lied beginnt mit den Zeilen:

Father, will you forgive me for my sins?
Father, if there’s a heaven, let me in.

Vater, wirst Du mir meine Sünden vergeben?
Vater, wenn es den Himmel wirklich gibt, lass mich rein.

Das Lied ist in der Tat ein Gebet, und ein sehr flehendes Gebet noch dazu. Der Sänger wünscht sich und bittet darum, bei Gott noch eine Chance zu bekommen, obwohl es doch eigentlich keinen Platz im Himmel für ihn gäbe. Viele der beschriebenen Gefühle kann ich sehr gut nachvollziehen. Besonders angesprochen haben mich die folgenden Zeilen:

In between us an ocean can be found.
How long will I swim before I drown?

Zwischen uns ist ein Ozean zu finden.
Wie lange werde ich schwimmen, bevor ich ertrinke?

Ich kenne das aus meiner Vergangenheit: Die Trennung von Gott kann sich wie ein weites Meer anfühlen, und die einzige Chance ist, trotzdem in Richtung Gott loszuschwimmen, auch wenn die Entfernung weiter ist, als die eigenen Kräfte (nach menschlichem Ermessen) reichen können.

Dem Text nach könnte man ein sehr trauriges, ja ein verzweifeltes Lied erwarten, aber die Musik lässt das nicht zu. Sie hat natürlich einen flehenden Klang, aber der musikalische Schwerpunkt liegt woanders. Für mich transportiert die Musik vor allem eines: Hoffnung. Fröhliche, zuversichtliche Hoffnung.

Gerade das macht das Lied für mich so besonders. Ich bin ein Mensch, der sich (wie viele) nach Gewissheit sehnt. Ich denke oft, dass erst sicheres Wissen mir die Geborgenheit und Sicherheit gibt, nach der ich mich sehne. Hoffnung ist mir da oft zu wenig, zu vage. Auch in meiner Sehnsucht nach Gewissheit finde ich mich in dem Liedtext wieder. Aber der Musiker Mika enthält mir die Erfüllung dieser Sehnsucht vor. Die drängenden Fragen, die er stellt, erhalten keine Antwort. Stattdessen spielt er ein Lied der Hoffnung, das trotz offener Fragen Zuversicht und Freude vermittelt.

Mir fällt 1. Korinther 13 ein: Alle Erkenntnis wird verschwinden. Bleiben werden Glaube, Hoffnung und Liebe. Und auch wenn die Liebe die größte unter diesen dreien ist, kann das kein Grund sein, die Hoffnung zu vernachlässigen.

Meine Möglichkeiten sind ebenso begrenzt wie mein Horizont. Gott hat da immer noch ein Ass im Ärmel. Ich verwende dieses Bild bewusst, gerade weil das Ass im Ärmel beim Kartenspiel einen Regelverstoß, ja einen Betrug darstellt. Auch wer davon überzeugt ist, dass es für jemand wie ihn keinen Platz im Himmel gibt, hat keinen Grund, die Hoffnung aufzugeben. Jeder Bibelleser weiß, wie flexibel Gott mit seinen eigenen Spielregeln umgeht, wenn es darum geht, Hoffnungslosen neue Hoffnung zu geben. Fakten können manchmal ziemlich irreführend sein, wenn der Allmächtige ins Spiel kommt. Die bloße Hoffnung auf den lebendigen Gott kann realer sein als alles, was wir Realität nennen.

Für mich ist das Lied eine Ermutigung, die fröhliche Hoffnung als Weg in die Nähe Gottes  neu zu entdecken und wertzuschätzen. Der Inhalt meines Gebetes darf Sorge und Verunsicherung sein. Der Ton, der Klang meines Gebetes soll Freude und Zuversicht, soll Hoffnung sein. Mikas Lied hat mir geholfen zu verstehen, dass dies kein Widerspruch ist.  Danke dafür.

Die Heiligen Drei Könige

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Gestern war Dreikönigstag. Ursprünglich und eigentlich heißt der Tag Epiphanias, also Erscheinungsfest. Es geht dabei auch nicht darum, dass orientalische Würdenträger in Betlehem erschienen, sondern dass der Messias höchstselbst in der Welt erschienen ist. Viele christliche Kirchen feiern Weihnachten traditionell am 6. Januar.

Dazu passt, dass die drei Könige eine spätere Erfindung sind. Der Evangelist Matthäus schreibt weder von Königen, noch dass es drei gewesen sein sollen. Welcher König würde schon selbst aufbrechen, um in einem unbedeutenden, von den Römern besetzten Land einem neugeborenen König zu huldigen. Für so etwas schickt man seine Botschafter.

Der biblische Text legt so gar nahe, dass die Weisen, wie sie in den meisten deutschen Übersetzungen genannt werden, aus eigenem Antrieb gekommen sind. Es handelt sich um Magier, Sterndeuter, Astrologen. Dass der Stern vor ihnen hergegangen und ihnen so den Weg gezeigt haben sein soll, ist wohl dem jüdischen Schreiber zuzuordnen, der weder Astrologie noch von Astronomie viel Ahnung gehabt haben dürfte. Die Sterndeuter werden wohl eine Konstellation gesehen haben, die für sie eindeutig war, auch wenn wir heute nicht mehr genau nachvollziehen können, welche das gewesen sein soll.

Damit dürfte sich auch das Attribut heilig erledigt haben. Das Urteil der Bibel über Astrologen im Besonderen, Weissager im Allgemeinen, und erst recht über Magier ist eindeutig, eindeutig negativ. Kein Jude bei klarem Verstand hätte diese Gruppe heidnischer Magier als heilig bezeichnet. Da sie aus dem fernen Ausland angereist sind, gebietet die Gastfreundschaft (und die Diplomatie), die Fremden willkommen zu heißen. Hätten Juden derart Astrologie betrieben, wäre nach dem jüdischen Gesetz vermutlich Steinigung die richtige Antwort gewesen.

Ich möchte damit keinesfalls die Tat dieser Weisen klein reden. Sie sind auf eine lange, beschwerliche Reise aufgebrochen, um zu den ersten zu gehören, die den Messias anbeten. Das ist jeder Ehre wert, egal auf welche Weise sie von der Geburt Jesu erfahren und was sie davon wirklich verstanden haben.

In anderer Hinsicht ist es natürlich ein großer Unterschied, ob der neugeborene Jesus von einer Delegation ausländischer Könige oder von einer Gruppe heidnischer Astrologen besucht wird, denn die wahre Geschichte hat auch einen Aspekt, der in der Bibel häufiger vorkommt: Alle kapieren, was Gott großes tut, nur die Juden nicht. Das ganze Buch Jona handelt davon: Es ist voll von Heiden, die die Macht Gottes begreifen und ihr Handeln danach ausrichten, nur der Prophet Jona, der einzige Jude in der ganzen Geschichte, begreift bis zum Ende nicht, was Gottes Herz wirklich bewegt.

Und noch eine populäre Zutat von Weihnachtskrippen schlägt in die gleiche Kerbe: Ochs und Esel kommen in den Weihnachtsgeschichten des Neuen Testamentes nicht vor. Statt dessen basieren sie auf Jesaja 1, Vers 3:

Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.

Anbetung und Geschenke, das ist die Reaktion der Heiden auf den neugeborenen Jesus. Ganz ähnlich reagieren auch die Juden am unteren Rand der Gesellschaft; ich möchte die Hirten hier nicht unterschlagen. Die einzige Antwort des jüdischen Establishment? Der Kindermord des Herodes! Wobei ich jetzt nicht Herodes als typischen Juden hinstellen will. Seine Tat tauchte wohl deswegen kaum in der damaligen Geschichtsschreibung auf, weil rund ein Dutzend getöteter Säuglinge bei den sonstigen Untaten des Herodes nicht weiter ins Gewicht gefallen sind.

Ich schreibe das deshalb, weil die Menschheit, insbesondere der gläubige Teil davon, sich bis heute nicht geändert hat. Die Gewohnheit des Glaubens kann blind machen für das, was Gott wirklich wichtig ist. Manchmal haben gerade die außerhalb stehenden oder die an den Rand gedrängten einen klareren, unverstellteren Blick auf Gott. Wir tun gut daran, gerade auf die Gotteserkenntnis derjenigen zu hören, die unseren Glauben nicht teilen. Die Geisteshaltung eines Jona, der Pharisäer, ja selbst die des Herodes lauert auf uns und will sich unser bemächtigen. Der wertschätzende Blick über den christlichen Tellerrand bewahrt uns davor.

Ich halte absolut nichts von Astrologie. Spätestens seit der Entdeckung des Planeten Uranus müsste eigentlich jedem klar sein, dass die Sterndeuterei menschengemachter Unsinn ist. Wie kann man den Planeten unveränderliche Deutungen zuweisen, wenn sich schon deren Zahl ändert? Trotzdem lässt Gott anlässlich der Geburt seines Sohnes die Astrologen wirkliche Wahrheit erkennen. Der Gott, der sich in der Heiligen Schrift von Anfang bis zum Ende immer wieder gegen Sterndeuterei und Wahrsagerei ausspricht, offenbart sich durch Sterndeuterei und Wahrsagerei.

Ich wohne in der Innenstadt. Sterne sind hier kaum zu sehen, dazu ist es zu hell. Der Blick geht nur selten nach oben zum Himmel, dafür gibt es um mich herum zu viel zu sehen und zu beachten. Sterndeuterei ist für mich keine Gefahr, geistliche Kurzsichtigkeit aber schon. Ich erkenne ein gut Teil Herodes in mir. Keine Angst, ich werde bestimmt keine kleinen Kinder töten, aber auf alles, was meine gewohnten Kreise stört, reagiere ich viel zu oft ängstlich und ungehalten. Ich bitte Gott, dass er meinem Blick die Weite gibt, die sein Wirken auch außerhalb meines begrenzten Horizonts sieht, die Weite, die seiner Größe würdig ist.