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Inter

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In einem wegweisenden Urteil hat das Bundesverfassungsgericht in dieser Woche festgestellt, dass die Auswahlmöglichkeit männlich  und weiblich zur Beschreibung des Geschlechts einer Person nicht ausreichend sind, und dass es auch nicht genügt, wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, diese Stelle leer zu lassen. Wie üblich liefert das Verfassungsgericht keine genaue Lösung, wie das Personenstandsrecht geändert werden muss, sondern beschreibt, was am aktuellen Personenstandsrecht nicht in Ordnung ist, nämlich dass die aktuelle Situation für die klagende Person verfassungsrechtlich nicht zumutbar ist.

Diese lässt sich weder eindeutig dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen, was im konkreten Fall eindeutig medizinisch festgestellt wurde. Sie darf daher nicht gezwungen werden, sich ein Geschlecht zuzuschreiben, dem sie nicht angehört. Und auch das leer lassen müssen des Eintrags stellt eine Diskriminierung dar, denn wie die Verfassungsrichter feststellen, ist die geschlechtliche Identität „regelmäßig ein konstituierender Aspekt der eigenen Persönlichkeit“. Ein Eintrag ohne Geschlecht würde die Person als unvollständig darstellen, als jemand, der/dem etwas fehlt.

Der Sammelbegriff Intersexualität umfasst eine ganze Reihe von genetischen, anatomischen oder hormonellen Gegebenheiten, die dazu führen, dass ein Mensch biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Der Begriff ist so uneindeutig und die Datenlage so unklar, dass je nach Definition und Statistik von 80.000 bis 400.000 intersexuellen Menschen in Deutschland ausgegangen werden kann.

Das Thema wurde und wird viel unter den Tisch gekehrt, nicht zuletzt weil vielfach die betroffenen Menschen schon im Säuglingsalter auf ein bestimmtes Geschlecht hin umoperiert wurden (und teilweise immer noch werden), meist auf das weibliche, weil das chirurgisch einfacher ist. Man kann ja vielleicht noch darüber diskutieren, ob es gut ist, wenn erwachsene, selbstbestimmte Menschen sich ihr Äußeres chirurgisch an das Geschlecht anpassen lassen, als das sie sich identifizieren. Ich persönlich halte diese Möglichkeit für einen großen Segen. Aber wenn Ärzte an den Genitalien eines Kindes rumdoktern, das für jeden Willensausdruck bezüglich seiner eigenen geschlechtlichen Identität noch viel zu jung ist, ist das für mich gar nicht gut, das ist für mich nichts anderes als eine Genitalverstümmelung.

So unklar Definition und Statistik sind, so klar und eindeutig ist die Situation meist bei den betroffenen Personen, zum Beispiel bei genetischer Intersexualität. Bei den Geschlechtschromosomen gilt die Kombination xx als weiblich, xy als männlich. Jede andere Kombination, und da gibt es tatsächlich mehrere Möglichkeiten, ist weder eindeutig weiblich noch eindeutig männlich. Das sind medizinische Fakten, die nicht ernsthaft in Zweifel gezogen werden können.

Nun gibt es Christen, die in der Schöpfung des Menschen als Mann und Frau nach 1. Mose 1, 27 einen abgeschlossenen Katalog allen menschlichen Daseins lesen wollen, dass jeder Mensch entweder eindeutig und in allen Aspekten ein Mann oder eben eindeutig und in allen Aspekten eine Frau sei. Diese Christen mögen im Urteil des Bundesverfassungsgericht einen Angriff auf ihr biblisches, schöpfungsgemäßes Menschenbild sehen. Sie verkennen dabei, dass dieses Urteil auf Fakten beruht, die in sich selbst ein Angriff auf dieses angeblich biblische und schöpfungsgemäße Menschenbild sind.

Dass die Auslegung dieser Bibelstelle auf ein binäres (nur eindeutig Mann und eindeutig Frau kennendes) Menschenbild exegetisch unsinnig ist, habe ich schon vor eineinhalb Jahren geschrieben. Die verschiedenen Formen von Intersexualität zeigen, dass dieses binäre Geschlechtsverständnis schlicht und einfach falsch ist. Ein Menschenbild, das im erkennbaren Widerspruch zur Schöpfung steht, kann nicht schöpfungsgemäß und auch nicht biblisch sein.

Viele Menschen sind sich der medizinischen Fakten, die hinter dem Phänomen Intersexualität stehen, nicht bewusst. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts mag dazu beitragen, das Wissen über diese Fakten zu verbreiten. Wenn dieses Wissen bei Christen auf ein binäres Geschlechtsverständnis trifft, wird es zum Prüfstein. Es ist unumstößlicher Teil jedes christlichen Menschenbildes, dass jeder Mensch absichtsvoll von Gott erschaffen ist. Das gilt selbstverständlich auch für Menschen, die von Geburt an weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich sind.

Für die Verfassungsrichter ist die Situation eindeutig: Diese Menschen existieren, deshalb haben sie automatisch dieselben Rechte wie alle anderen Menschen. Das im Personenstandsrecht vorgesehene binäre Geschlechtsverständnis zerbricht an der intersexuellen Realität und der verfassungsgemäß garantierten Menschenwürde. Der biblische Befund darf nicht anders aussehen: Das binäre Menschenbild als ausschließlich Mann und Frau zerbricht an der Würde jedes einzelnen Menschen als von Gott liebevoll gewollten und geschaffenen Individuums.

Natürlich sind intersexuell geborene Menschen nicht dazu geschaffen, irgend etwas zu beweisen oder zu widerlegen. Manche von ihnen identifizieren sich als Frau, andere als Mann. Nur ein Teil von ihnen wird die neuen Rechte wahrnehmen, die sich aus dem Verfassungsgerichts-Urteil ergeben. Dafür gibt es andere Menschen, die, obwohl mit biologisch eindeutigem Geschlecht geboren, sich nicht oder nicht allein mit diesem Geschlecht identifizieren. Der Prüfstein Intersexualität kann auf vielerlei Weise zum Stein des Anstoßes werden. Er kann auch zum Eckstein eines Menschenbildes werden, dass die schöpfungsgemäße Vielfalt geschlechtlicher Identitäten preist und das Recht jedes Menschen, diese selbst zu entdecken, ehrt.

Huhn und Schwein

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Ein Huhn und ein Schwein wollen ein Restaurant eröffnen.
Das Schwein frag das Huhn: „Was wollen wir anbieten?“
Das Huhn antwortet: „Wie wär’s mit Eier und Speck?“
Darauf sagt das Schwein: „Das ist unfair. Ich bin persönlich betroffen, du bist nur beteiligt.“

Die Geschichte von Huhn und Schwein wird gerne erzählt, wenn es um Projektmanagement geht. Bei jedem Projekt gibt es Leute, die beteiligt sind und vielleicht wichtige Beiträge liefern. Aber es gibt auch die persönlich betroffenen, die jede Entscheidung, vor allem jede Fehlentscheidung ausbaden müssen. Die Theorie sagt nun, dass es keine gute Idee ist, wenn wichtige Projektentscheidungen von denen getroffen werden, die nur beteiligt sind. Die persönlich Betroffenen treffen solche Entscheidungen nämlich meistens gründlicher und nachhaltiger, weil sie ja genau wissen, dass sie selbst mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen leben müssen.

Die Geschichte kommt aus der Management-Theorie, aber sie betrifft natürlich auch viele andere Lebensbereiche und auch die christliche Gemeinde. Wie der ältere Pfarrer, der zu seinem Kollegen sagte: „Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, als wir über die Frauenfrage diskutieren konnten, ohne dass die Frauen mitreden wollten?“

Männer diskutieren über die Rechte der Frau, Weiße über Rassismus und Heteros über Homosexualität. Das Ergebnis ist ähnlich wie bei Huhn und Schwein. Die Beteiligten treffen Entscheidungen über die Betroffenen und merken meist nicht einmal, was sie diesen zumuten. Und die Betroffenen sehen sofort, dass die Beteiligten die Problematik überhaupt nicht verstanden haben.

Mir wurde auch schon gesagt, dass ich als Betroffener keine eigene Entscheidung zum Thema Homosexualität treffen sollte, dass ich nicht Richter in eigener Sache sein könne. Es geht hier aber nicht um ein Rechtsgeschäft, sondern um mich als Person. Und über alles, was mich als Person betrifft, bin ich selbst (abgesehen von Gott) der Einzige, der genügend Wissen hat, um hier ein Urteil zu fällen. Kein Mensch außer mir selbst hat Einblick in meine Seele, und erst recht darf kein anderer Mensch darüber richten.

Im Übrigen gibt es vor Gericht immer zwei Betroffene. Wenn die Entscheidung nun mal unbedingt zwischen Speck und Hühnerbrust getroffen werden muss, tun Schwein und Huhn gut daran, einen neutralen Richter hinzuzuziehen. So lange das Huhn nur Eier beisteuert, sieht die Sache völlig anders aus.

Ich kann mir schon vorstellen, dass es für einen heterosexuellen Menschen schwierig sein kann, sich in einen schwulen oder lesbischen oder bisexuellen Menschen hineinzuversetzen. Ich merke ja selbst, wie schwer ich mich damit tue zu verstehen, was  zum Beispiel Transgeschlechtlichkeit für einen Menschen bedeutet. Es gibt da aber leider Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen, die sich für kompetent halten, weil sie sich nie tief genug mit dem Thema beschäftigt haben, um den Grenzen ihres Wissens und Verstehens zu begegnen.

Und selbst wenn das Wissen da wäre: Es ist viel zu einfach für das Huhn, den Speck auf die Speisekarte zu nehmen. Diese Entscheidung kann und darf nur vom Schwein getroffen werden. Und vor allem muss das Schwein dabei keine Rücksicht auf das Huhn nehmen, nur weil dieses seine Eier beisteuert.

Ich glaube, so manche Diskussion, zu Homosexualität und zu vielen anderen Themen, würde erheblich besser laufen, wenn sich zuerst alle Teilnehmer die Frage stellen, ob sie Schwein oder Huhn sind, ob sie wirklich Betroffene oder nur Beteiligte sind. Es ist ja nicht so, dass die Hühner nichts zu geben hätten, ihre Eier sind ja nicht wertlos. Und genauso kann der Rat der Beteiligten von großem Wert für die Betroffenen sein. Aber wenn die Beteiligten sich des Unterschieds zwischen Huhn und Schwein nicht bewusst sind, wenn sie sich auf die gleiche Ebene mit den Betroffenen oder womöglich sogar über sie stellen wollen, dann wird ihr Rat fast zwangsläufig nutzlos und häufig auch sehr verletzend.

Ich schreibe über andere und meine natürlich auch mich. Natürlich habe ich auch schon das eine oder andere Gespräch ruiniert, weil ich mir meiner Rolle als Huhn nicht bewusst war. Ich möchte besser darin werden zu erkenne, wenn der Andere persönlich betroffen und ich nur beteiligt bin, und mich entsprechend verhalten. Aber ich habe mir auch vorgenommen, mich auch deutlicher zu wehren, wenn ich mich in der Rolle des Schweins wiederfinde und andere über meinen Speck entscheiden wollen. Ich will versuchen, das liebe- und rücksichtsvoll zu tun, aber ich will auch versuchen, klare Grenzen zu setzen, wenn es Anderen als Beteiligten nicht zusteht, über mich als Betroffenen zu urteilen. Ich denke, die Geschichte mit dem Huhn und dem Schwein kann dabei nützlich sein. Vielleicht werde ich sie noch öfter erzählen.

Brot, Steine und Wunder

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Es ist müßig, darüber zu diskutieren, welche Wunder Gott tun kann, und wo eventuell die Grenzen seiner Macht liegen. Schon beim Versuch schlägt die menschliche Logik Purzelbäume und verknotet das Hirn. Gottes Allmacht ist zu groß für den menschlichen Geist.

Es gibt aber Wunder, bei denen weigert sich Gott einfach, sie zu tun, obwohl sie in seiner Macht lägen. So zum Beispiel in der Wüste, wie Matthäus im vierten Kapitel berichtet: Jesus hat Hunger, aber er will keine Steine in Brot verwandeln, wie ihm der Teufel vorschlägt. Dabei ist Hunger durchaus ein legitimer Grund für ein Wunder. Bei zwei Gelegenheiten macht Jesus aus wenig Brot viel Brot, so dass tausende Menschen satt werden.

Es gibt natürlich viele Unterschiede zwischen diesen Ereignissen, aber ein ganz wesentlicher ist der Ausgangsstoff. Seit die Menschheit gelernt hat, Getreide anzubauen, erlebt sie Jahr für Jahr, wie aus wenigen Körnern viele Körner werden, wie aus jedem einzelnen Getreidekorn eine Pflanze wachsen kann, die wiederum viele neue Körner trägt. Das ist das ursprüngliche Wunder der Brotvermehrung, ein Wunder, dessen Zusammenhänge und Wirkmechanismen wir über die Jahrhunderte immer besser verstanden haben und mittlerweile bis ins kleinste Detail erklären können. Es ist einer der vielen, guten und kreativen Gedanken, die Gott in die Welt hinein geschaffen hat.

Was Jesus bei den beiden Speisungswundern tut, entspricht diesem Gedanken Gottes: So wie auf natürlichem Wege aus wenig Korn viel Korn wird und die Menschen sättigt, wird hier auf übernatürlichem Wege aus wenig Brot viel Brot, und die Menschen werden satt. In dieser spezifischen Situation fehlt einfach die Zeit und die Möglichkeit, eben mal schnell Getreide auszusäen, zu ernten, zu mahlen und Brot daraus zu backen. Jesus lässt die natürlichen Vorgänge sozusagen im Kurzschluss ablaufen. Das ist weit jenseits jeder naturwissenschaftlich erklärbaren Möglichkeit, es ist ein echtes Wunder, aber es entspricht immer noch dem Grundgedanken Gottes, wie er sich in der Natur offenbart.

Viele Wunder Jesu entsprechen diesem Schema. In der Natur entsteht durch hoch komplexe, aber natürliche Vorgänge aus Wasser, Kohlendioxid, Sonnenenergie und ein paar anderen Zutaten Wein. Jesus macht auf der Hochzeit zu Kana Wasser zu Wein, ganz ohne diese vielen, langwierigen Zwischenschritte. Und viele der Heilungswunder sind außergewöhnliche Beispiele des Gedanken Gottes, der auf gewöhnliche Weise auch in den Selbstheilungskräften des menschlichen Körpers wirkt.

Steine zu Brot zu machen, ist etwas völlig anderes. Nichts, aber auch gar nichts in der Natur deutet darauf hin, dass diese Umwandlung Teil von Gottes Schöpfungsplan ist. Es gibt bestimmt mehrere Gründe, warum Jesus den Vorschlag des Teufels zurückweist, aber ein wichtiger steht in Johannes 5, 19. Jesus sagt: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht.“ Jesus kennt den Schöpfer. Er kennt die Schöpfungsgedanken. Er war dabei. Er sieht, wie in der Schöpfung aus wenig Nahrung viel Nahrung wird und tut desgleichen. Er sieht, dass in der Schöpfung niemals aus einem toten Stein Nahrung hervorgehen kann, und weigert sich, dies selbst zu tun.

Es gibt ein Wunder, um das praktisch jeder homosexuelle Christ Gott schon gebeten hat. Es gibt ein Gebet, das so gut wie jeder schwule oder lesbische Christ schon gesprochen hat, die meisten von uns sehr intensiv und über lange Zeit hinweg. Es lautet: Gott, mache mich hetero. Es ist ein Gebet, das nicht erhört wird.

Viele Christen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen ablehnen, halten sich verzweifelt an dieser vermeintlichen Möglichkeit fest, die sie Heilung nennen. Dabei ist längst klar, dass diese Heilungsversuche fast immer nutzlos, gefährlich und nicht selten schädlich sind. Die größte Organisation dieser Bewegung, Exodus International, hat sich bereits vor vier Jahren selbst aufgelöst, viele ihrer früheren, führenden Mitglieder haben sich für das von ihnen verursachte Leid entschuldigt, leben in festen, gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder setzen sich für deren Akzeptanz unter Christen ein.

Aber immer noch beten unzählige Christen verzweifelt um dieses Wunder, dass Gott ihre sexuelle Orientierung, ihre geschlechtliche Identität ändert, damit sie in das heteronormative Schema passen, das ihre Umgebung von ihnen verlangt. Und es ist wahr: Dieses Wunder würde ihre Probleme lösen, würde sie aus Leid und Verzweiflung befreien. Warum erhört dann Gott diese Gebete nicht, warum verweigert er das Wunder? Weil es sich dabei um ein Brot-zu-Steine-Wunder handeln würde.

Die Schöpfung Gottes ist von überbordender Vielfalt. Sie zeigt im Großen und in unzähligen Details, wie der Schöpfer aus wenigen Grundgedanken eine atemberaubende Vielzahl an Varianten und Kombinationen hervorbringt. Dieses Grundkonzept ist ohne jeden Zweifel Teil der guten und kreativen Gedanken, die Gott in seiner Schöpfung verwirklicht hat. Das gilt auch für die sexuelle Identität. Aus den Grundgedanken Mann und Frau setzt Gott in immer neuer Kombination Milliarden von Individuen zusammen, viele davon sehr ähnlich der Standardausstattung, wie sie auch Adam und Eva hatten, manche aber auch deutlich anders, schwul, lesbisch, trans, inter, nicht-binär.

Nach vierzig Tagen in der Wüste muss Jesus nicht nur sehr großen Hunger, sondern auch sehr große Not gelitten haben. Er brauchte wirklich dringend etwas zu essen, viel dringender als die tausende Menschen, die er später durch ein Wunder satt gemacht hat. Trotzdem macht er keine Steine zu Brot. Not, und sei sie noch so groß, ist keine ausreichende Begründung für ein Wunder, das nicht dem Wesen und den Gedanken Gottes entspricht. Wer die Heilung von Homosexualität propagiert, handelt nicht zwangsläufig in böser Absicht. Aber er verspricht Menschen in großer Not ein Wunder, das Gott nicht tun wird, weil es nicht seinen guten Schöpfungsgedanken entspricht. Er spricht letztlich mit der Stimme des Versuchers in der Wüste.

Magengrimmen

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In den letzten eineinhalb Wochen tourte die sogenannte Demo für alle mit einem Bus durch Deutschland, am Freitag wurde als letzter Stopp Berlin angefahren. Die Initiatoren kämpfen mit diesem Bus gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen, gegen trans*-Rechte und gegen vernünftige Schulaufklärung. Queer.de bezeichnet den Bus als Hass-Bus. Ich weiß nicht, ob diese Bezeichnung wirklich zutreffend ist. Ich glaube nicht, dass Hass die wesentliche Motivation der Demo für alle ist, ich kann mir sogar vorstellen, dass sie tatsächlich glauben, aus bester Absicht zu handeln. Aber sie verbreiten eine Botschaft der Ausgrenzung und Herabwürdigung gegen alle, die nicht ihrem heteronormativen Schema entsprechen. Und diese Botschaft wird, wo sie auf fruchtbaren Boden fällt, Hass verstärken und Hass legitimieren.

Zum Glück fällt sie nicht auf sonderlich fruchtbaren Boden. In jeder einzelnen Stadt war die Gruppe der Gegendemonstranten um ein Vielfaches größer als das kleine Häuflein an Mitarbeitern und Interessenten. Was mir persönlich Sorgen macht, ist nicht die Größe dieses fruchtbaren Bodens, sondern dessen Nähe zu mir. Die Demo for alle argumentiert mit angeblich biblischen Wahrheiten und angeblich christlichen Werten, und ich sehe, wie Christen in meinem Umfeld diesen Unsinn glauben, und manchmal leider auch die Lügen und Verleumdungen, die oft damit verbunden sind.

Davon, was das bei mir auslöst, habe ich vor ein paar Wochen schon geschrieben. Seither ist das Thema deutlich näher an mich herangekommen. Eine Hauskreisteilnehmerin hat eine zutiefst homophobe und verleumderische Petition zur Zeichnung empfohlen, die aus demselben Umfeld wie dieser Bus kommt. Und am vergangenen Sonntag wählte der Prediger die Ehe für alle als Beispiel für den allgemeinen Abfall vom Glauben in der Endzeit und als Vorzeichen für den heraufziehenden Antichristen. Ich schrieb Anfang Juli, dass ich Angst hätte vor LGBT-feindlichen Äußerungen im Gottesdienst. Seit letzten Sonntag weiß ich, dass die Angst berechtigt war.

Ich habe mir in diesem Moment ernsthaft überlegt, den Gottesdienst zu verlassen. Ich hab’s nicht getan. Bei der Entscheidung zu bleiben war sicher auch eine gute Portion Feigheit mit im Spiel. Aber entscheidend war der Gedanke, dass ich als geoutetes, schwules Mitglied meiner Gemeinde nicht vor derartigen Botschaften fliehen, mich nicht verstecken muss. Als schwuler Christ darf ich, ja soll ich erhobenen Hauptes dafür stehen, dass Gott mich absichtsvoll so geschaffen hat, und das er mich liebt, wie ich bin, egal wie andere darüber denken. Das Problem ist: Ich stehe diese Haltung nicht auf Dauer durch.

Ich denke, ich habe damit gerechnet, dass derart LGBT-feindliche Positionen in meiner Gemeinde ohne öffentlichen Widerspruch geäußert werden dürfen. Dass es dann tatsächlich so gekommen ist, hat mich trotzdem tief getroffen. Die Angst hat sich verstärkt und mir auf den Magen geschlagen. Aus dem metaphorischen Magengrimmen ist mittlerweile ein tatsächliches, physisches geworden, und ich muss mir allmählich überlegen, ob ich daraus nicht Konsequenzen ziehen muss.

Die übliche Empfehlung in so einer Frage wäre vermutlich, der Gemeinde den Rücken zuzukehren. Ich habe schon oft den Rat gehört, auf Abstand zu denen zu gehen, die einen nicht akzeptieren können, wie man ist, weil es genügend Leute gibt, die damit kein Problem haben. Dummerweise enthält die Gemeinde für mich beides: Ein paar meiner besten Freunde und Unterstützer sind Gemeindemitglieder, und gerade die Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben in der Gemeinde mit diesen Menschen bedeutet mir sehr viel.

Wir haben zusammen viel Zeit und Arbeit in unseren Dienst in der Gemeinde gesteckt und gemeinsam etwas aufgebaut, was der Gemeinde gut tut und wichtig für sie ist. Wenn ich nicht mehr in den Gottesdienst gehe, wird dadurch vermutlich ein erheblicher Teil davon zerstört. Aber wenn ich weiter in den Gottesdienst gehe, muss ich auch weiter mit dieser Angst leben und gefährde womöglich dadurch auf Dauer meine Gesundheit.

Ich wünschte, ich könnte das einfach so wegstecken, haters gonna hate, so ist das nun mal. Bis das passiert, muss ich irgendwie mit der Situation umgehen, aber wie ich das tun soll, da bin ich im Moment ziemlich ratlos.

In a Heartbeat

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Ich bin zuweilen etwas langsam. Nicht nur, weil dieser Beitrag erst an einem Montag fertig wird, obwohl ich normalerweise versuche, sonntags zu veröffentlichen. Auch mit dem heutigen Thema springe ich auf einen längst fahrenden Zug auf. Der computeranimierte Kurzfilm In a Heartbeat, um den es heute gehen soll, wurde genau vor zwei Wochen veröffentlicht. Seitdem hat gefühlt schon alle Welt darauf reagiert, und jetzt komme ich auch noch hinterher. Aber für mich ist das nur vier Minuten lange Video zu wichtig geworden, um es zu übergehen.

Es ist eine wunderbare, herzerwärmende kleine Geschichte, noch dazu handwerklich perfekt und sehr liebevoll animiert, aber sie hat auf mich eine sehr starke und sehr schmerzhafte Wirkung. Ich meine natürlich die Stelle, als der Protagonist sein verliebtes Herz zerreißt. Er tut dies aus Angst, ja aus Panik, und weil er in diesem Augenblick keinen anderen Ausweg sieht, aber er tut es dennoch bewusst. Ihm wird nicht das Herz gebrochen, er bricht es selbst, weil die Gefühle, die er für den anderen Jungen hegt, in seiner Weltsicht nicht existieren dürfen. Ein Gefühl, das bestimmt nicht nur schwule und lesbische Menschen kennen, aber das für uns in besonderer Weise nachvollziehbar ist, weil es für die meisten von uns zur persönlichen Geschichte und für viele leider auch zur persönlichen Gegenwart gehört.

Ich habe diesen Blog Herz im Wandschrank genannt, weil der Wandschrank (Closet) im Englischen sprichwörtlich der Ort ist, an dem man seine sexuelle Identität vor anderen versteckt. Im Film kommt kein Schank vor, aber er drückt besser als dieser aus, was dieses Verstecken bedeutet und welche Konsequenzen es für das eigene Herz hat. Und der Film zeigt mir, dass ich diese Konsequenzen in meinem Leben immer noch unterschätzt habe.

Ich spüre das an den Gefühlen, die er bei mir auslöst. Das zerrissene Herz erschüttert mich zutiefst, das Happy End hat auf mich kaum eine emotionale Wirkung, der Film lässt mich mit einem Gefühl des Schmerzes und des Schreckens zurück. Ich blogge jetzt schon eineinhalb Jahre darüber, wie ich mein Herz aus dem Wandschrank befreie, aber irgendwo in meinem Inneren bin ich immer noch der Junge, der einsam und traurig unter dem Baum sitzt mit dem Bruchstück seines Herzens in der Hand, das er selbst zerstört hat.

Seelische Veränderungen dauern lange. Und manchmal sind alles Wissen und Verstehen, alle Entscheidungen und äußeren Umstände nutzlos, um wirklich die Seele zu erreichen. Da braucht es schlicht und einfach Heilung. Und ich bin froh, dass ich einen Gott habe, der Heilung zu seinem Kerngeschäft gemacht hat. Es ist nicht das erste Mal, dass Gott ein Werk der Kunst wie dieses Video benützt, um sich um meine Ängste und Blockaden zu schleichen, um Licht in meine dunklen Ecken zu bringen, um verborgene Gefühle an die Oberfläche zu bringen.

Die Stimme Gottes erreicht uns auf unterschiedlichsten Wegen. Zu mir spricht er gerade durch diesen wunderbaren Kurzfilm. Die Gefühle, die das bei mir auslöst, sind derzeit noch schmerzhaft und bitter. In ein paar Monaten vielleicht werde ich diesen Film anschauen und mich über das Happy End von Herzen freuen können. Dann wird Gott wieder mal eines seiner Heilungswunder an mir vollbracht haben.

Moral und Regenbogen

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Vor einer Woche war ich zum ersten Mal auf einem Christopher Street Day, und zwar ausgerechnet auf dem in Berlin, einem der größten und buntesten der Republik. Überall Regenbogenfahnen, nicht nur bei den Teilnehmern, sondern auch an vielen Gebäuden in der ganzen Stadt.

Als Symbol der LGBTQ-Community ist diese Fahne knapp 40 Jahre alt. Der Künstler Gilbert Baker hat sie 1978 erschaffen, damals mit acht Farben, von denen jede eine symbolische Bedeutung haben sollte. Leider war ausgerechnet die Symbolfarbe für Sexualität (Pink) mit den damaligen Mitteln nicht industriell herstellbar, Türkis wurde aus Symmetriegründen entfernt, so dass die heutige Fahne mit sechs Farben entstand. Es gibt derzeit Bestrebungen, die Farben Schwarz und Braun zu ergänzen, um auf die Gleichstellung von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe hinzuwirken. Ich glaube aber nicht, dass sich das in Deutschland durchsetzen kann, denn Schwarz ist bei uns vermutlich zu sehr als Trauerfarbe geläufig und Braun, na ja, Braun halt.

Den Regenbogen als Symbol zu verwenden, ist natürlich keine Erfindung von Baker. Er taucht schon sehr früh in der Bibel auf, und zwar in 1. Mose 9 als Symbol des Bundes, den Gott nach der Sintflut mit den Menschen geschlossen hat. Die folgenden Worte sind zwar aus dem achten Kapitel, gehören aber schon dazu:

Und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. So lange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Manche Menschen sehen im Christopher Street Day ein Symbol für den Verfall von Sitte und Moral, für das böse Trachten des Menschen, das auch zur Sintflut geführt hat. Es gab Momente am vergangenen Wochenende, da konnte ich das ein wenig nachvollziehen. Man merkt dem CSD wirklich nicht an, dass die Symbolfarbe für Sexualität aus der Regenbogenflagge entfernt wurde, und manches, was ich gesehen habe, ist mit meiner Vorstellung eines christlichen Lebensstils nicht vereinbar. Aber erstens ist der CSD keine christliche Veranstaltung, und zweitens verkennt der Kritiker, dass Gott in der zitierten Bibelstelle ein Pauschalurteil über alle Menschen abgibt: Das Trachten jedes Menschen ist böse, das des freizügigen CSD-Teilnehmers genauso wie das des zugeknöpften Moralisten.

Die Katastrophe der Sintflut hat doch darin ihre Ursache, dass die Menschheit als Hüter von Moral und Ethik gründlich versagt hat. Glücklicherweise besitzt die Schöpfung ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Dynamik, und Gott hat zugesagt, diese zu bewahren. Ernte folgt der Saat, Sommer dem Winter. Die Vorstellung, Gottes Schöpfungsordnung müsse von Menschen bewahrt werden, ist absurd, die Schöpfung hat ihre eigene Ordnung gut im Griff. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“, schreibt Paulus gleich zwei mal im 1. Korintherbrief. Die Moral menschlichen Handelns erweist sich in ihren Wirkungen: Gutes bring Gutes hervor, Schlechtes erzeugt Schlechtes. Die Schöpfung ist da unerbittlich, sie gehorcht immer ihrer innewohnenden Ordnung und teilt jeder Ursache ihre Wirkung zu, und dass das so bleibt, das hat Gott versprochen.

Diese Ordnung, diese schöpfungsgemäße Moral muss immer neu entdeckt werden, denn sie wird immer neu von den Menschen verdorben, und zwar seit je her. Jede Zeit, jede Gesellschaft hat ihre eigenen Fehler. Wer Moral und Ethik nur in der Weisheit der Vorfahren sucht, ist auch dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen.

Die dunklen, grauen Wolken der Sintflut sind das Ergebnis dieser aufgestauten Fehler. Gott setzt dem doch nicht ohne Grund das bunteste aller Naturphänomene entgegen. Es ist nicht das blendend weiße Licht göttlicher Reinheit, dass die moralische Dunkelheit erhellt. Gott fächert es auf in die bunte, grenzenlose Vielfalt seiner Schöpfung. Diese Vielfalt selbst ist natürlich noch keine christliche Ethik, aber nur in dieser Vielfalt kann sie gedeihen, nur in dieser Vielfalt kann sie erkannt werden.

Wir hatten im vergangenen Jahrhundert in Deutschland zwei Staatsformen, die das öffentliche Leben auf eine Farbe reduzieren wollten. Beide waren Brutstätten von Gewalt und Unrecht. Ich möchte keinesfalls die braunen Gräuel und die roten Untaten gegeneinander aufrechnen, aber sie müssen uns beide eine Warnung sein, wohin Einfarbigkeit eine Gesellschaft führt. Das Bekenntnis zur bunten Schöpfungsvielfalt ist das rechte Mittel dagegen. Dabei spielt es gar keine so große Rolle mehr, ob wir uns unter der Regenbogenflagge von 1978 oder dem viel älteren Symbol des Alten Testamentes versammeln.

Man darf Vielfalt nicht mit Beliebigkeit verwechseln, weder als Wunschbild noch als Bedrohung. Der Disput um moralisch und ethisch richtiges Verhalten darf und muss weitergehen. Nicht alles ist automatisch richtig, nur weil es bunt ist. Aber das Bekenntnis zu schöpfungsgemäßer Vielfalt lässt uns diesen Disput mit gegenseitigem Respekt, Lernbereitschaft und Mut zur persönlichen Veränderung führen. Es erhebt uns über uns selbst und öffnet den Blick zum Anderen.

Nicht alles, was ich auf dem Christopher Street Day gesehen habe, fand ich gut und richtig. Aber seit 1970 habe unzählige CSDs und Pride Parades dazu beigetragen, diese Welt zu einem bunteren, einem lebenswerteren, einem besseren Ort zu machen. Ich kann nichts Schlechtes daran finden, Teil dieser Bewegung zu sein. Nächstes Wochenende bin ich in Nürnberg dabei. Ich freue mich darauf.

Textkritik

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Im Nachgang zur Bundestagsentscheidung für die Ehe für alle hat sich auch Ulrich Parzany zu Wort gemeldet und über das Netzwerk Bibel und Bekenntnis eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie endet in einer sogenannten Kanzelerklärung. Parzany empfiehlt, diese so oder in ähnlicher Form „in Gottesdiensten oder anderen Gemeindeversammlungen abzugeben.“ Theologische Inhalte sucht man in dieser Erklärung vergeblich. Ich denke, aus der übrigen Stellungnahme lässt sich ableiten, dass es auch nicht der Zweck dieser Erklärung ist, die Position Parzanys theologisch oder exegetisch zu begründen. Ich möchte stattdessen versuchen, anhand dieses Beispiels die sprachlichen Mittel herauszuarbeiten, mit denen die Gegner der Ehe für alle häufig arbeiten, und gehe dazu Satz für Satz vor.

Aus aktuellem Anlass möchte ich als Pfarrer / Prediger dieser Gemeinde / Gemeinschaft, der für die Bewahrung der christlichen Lehre verantwortlich ist, etwas klarstellen.

Parzany formuliert aus der ich-Perspektive desjenigen, der seine Erklärung verliest. Obwohl er die genaue Formulierung nur als Vorschlag gewertet sehen möchte, schreibt er sie bewusst so, dass sie in verschiedenen Gemeinden und Gemeinschaften wörtlich vorgelesen werden kann. Dabei wird sie dann aber nicht als Stellungnahme Parzanys sondern als Stellungnahme des Vorlesenden verstanden. Parzany bedient sich also zur Verbreitung seiner Position der geliehenen Autorität des Pfarrers bzw. Predigers vor Ort.

Während in der Überschrift und den einleitenden Worten noch von einer Erklärung die Rede ist, spricht der eigentliche Text nun von einer Klarstellung. Es geht also weder um eine Erklärung im Sinne einer Begründung, noch im Sinne einer Deklaration. Klarstellen kann man nur etwas, über das man selbst offensichtlich zweifelsfreies Wissen hat und die anderen nicht. Parzany will mit seiner Erklärung nicht etwa die Diskussion um gleichgeschlechtliche Beziehungen voranbringen, er will sie durch seine bzw. die geliehene Autorität ersticken.

Der Deutsche Bundestag hat entschieden, dass auch homosexuelle Paare die Ehe schließen können.

Das hat er natürlich nicht. Er hat beschlossen, dass auch gleichgeschlechtliche Paare die Ehe schließen können. Es sollte jedem, der sich mit diesem Thema beschäftigt, klar sein, dass nicht alle Menschen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sind, automatisch homosexuell sind. Und es soll auch vorkommen, dass homosexuelle Menschen eine Ehe mit einem Partner des anderen Geschlechts eingehen. Das Eherecht kümmern sich auch nicht um die sexuelle Orientierung, sondern ausschließlich um die Geschlechtszugehörigkeit der Ehepartner.

Das mag ein harmloser Fehler sein, wenn er nicht bei Parzany und vielen anderen auf einem übersexualisierten Verständnis gleichgeschlechtlicher Beziehungen beruhen würde. Aus seinen übrigen Ausführungen wird deutlich, dass er Homosexualität überwiegend als Synonym für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen sieht und damit nicht nur den Themenkomplex der sexuellen Orientierung weitgehend ignoriert, sondern auch die lebenslange, auf gegenseitige Treue ausgelegte Lebensgemeinschaft zweier gleichgeschlechtlicher Menschen nur aus der sexuellen Perspektive wahrzunehmen vermag.

Dieser Beschluss widerspricht dem biblischen Verständnis der Ehe, die nach Gottes Willen und Stiftung eine Verbindung zwischen Mann und Frau ist.

Die nächste geliehene Autorität: Parzany nimmt für sich in Anspruch, das biblische Verständnis der Ehe zu vertreten und spart sich die Begründung. Das wäre in Ordnung, wenn es in dem Text um eine Positionsbestimmung Parzanys selbst ginge. Als Klarstellung im Sinne der einleitenden Worte stellt dieser Satz eine Anmaßung dar, die jede Fehlbarkeit des Autors bzw. des Vorlesenden im Bezug auf sein Bibelverständnis ausschließt.

Die Paarung zwischen Mann und Mann und Frau und Frau widerspricht dem Willen Gottes.

Man kann dem Autor hier eventuell noch zugutehalten, dass er Paarung im Sinne von ein Paar bilden gebraucht. Die Primärbedeutung des Wortes Paarung ist aber ohne Zweifel die Begattung bei Tieren. Es ist nicht anzunehmen, dass einem erfahrenen Redner wie Parzany diese Doppeldeutigkeit versehentlich unterlaufen ist. Parzany gelingt es durch geschickte Wortwahl, gleichgeschlechtliche Beziehungen gefühlsmäßig auf das Niveau tierischer Triebbefriedigung zu stellen, ohne dies offen auszusprechen. Er betreibt damit die Entmenschlichung homosexueller Menschen. Selbst wenn ihm das doch unbewusst unterlaufen sein sollte, macht es die Sache an sich nicht besser.

Sie führt zum Ausschluss aus dem Reich Gottes, erklärt der Apostel Paulus (1.Korinther 6,9f).

Ich möchte hier gar nicht näher darauf eingehen, dass eine einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstelle kaum ausreichen dürfte, anderen Menschen das Christsein abzusprechen. Es ist allerdings sehr bezeichnend, dass Parzany hier mit dem Ausschluss aus dem Reich Gottes eine äußerst unpersönliche Formulierung für einen äußerst dramatischen Vorgang wählt. Parzany wäre vermutlich der letzte, der behaupten würde, dass es beim Christsein nur um eine Mitgliedschaft und nicht um eine persönliche Beziehung zu Gott gehen würde.

Die meisten homosexuellen Christen kennen die tiefe, innere Auseinandersetzung, wie sich gängige theologische Positionen mit der Liebe Jesu vereinbaren lassen. Das Versagen der Gegner gleichgeschlechtlicher Beziehungen, hierauf eine halbwegs brauchbare, seelsorgerliche Antwort zu finden, spricht eine ebenso deutliche Sprache wie die geistliche Kraft, die von vielen homosexuellen Christen ausgeht, die in dieser Frage eine positive Antwort und einen liebenden Gott gefunden haben. Parzany wischt diese Fragen durch die Wahl einer möglichst unpersönlichen Formulierung zur Seite. Möglicherweise ist dies ein weiteres Zeichen für die Entmenschlichung Homosexueller im Denken Ulrich Parzanys.

Deshalb ist das neue Eheverständnis für unseren Glauben, unser Lehren und Handeln als christliche Gemeinde ungültig und nicht maßgebend.

Es ist ein beliebter rhetorischer Trick, die eigentliche Streitfrage als (im eigenen Sinne) geklärt darzustellen, um den Streit auf ein Nebenthema zu verschieben. Es geht bei der Ehe für alle aus christlicher Sicht nicht darum, ob ein eventuelles, neues Eheverständnis für die Gemeinde maßgebend ist, sondern darum, ob die Ehe für alle überhaupt ein neues Eheverständnis beinhaltet. Sie öffnet die äußerst wichtige Institution Ehe einer Gruppe von Menschen, die bisher davon ausgeschlossen waren. Ob sich dadurch die Institution Ehe an sich ändert, ist die Kernfrage der ganzen Diskussion, und die Befürworter der Ehe für alle sehen darin gerade kein neues Eheverständnis.

Durch die selbstverständliche Voraussetzung, dass hier ein neues Eheverständnis propagiert wird, verschiebt Parzany die Fragestellung von ihrem Kern weg hin zu einem Argumentationsschema, das vielen Christen vertraut ist: Wir bewahren die Lehre gegen den bösen Zeitgeist.

Gerne kann ich Ihnen dazu im persönlichen Gespräch Näheres mitteilen.

In all den Jahren meines Christseins ist mir kaum ein heterosexueller Christ begegnet, der ein brauchbares Verständnis von Homosexualität hatte. Selbst wenn ich mich ratsuchend an andere Christen gewandt hatte, war doch meistens ich derjenige, der dem Anderen etwas erklärt. Ich darf daran erinnern, dass die ich-Form in diesem Satz sich nicht auf Parzany sondern auf den vortragenden Pfarrer oder Prediger bezieht, der in den meisten Fällen keine besondere Erfahrung und keine besonderen Kompetenzen im Themenfeld Homosexualität besitzt. Sonst würde er ja nicht auf die vorformulierte Erklärung Parzanys zurückgreifen. Das einzige, was den Redner für ein solches persönliches Gespräch qualifiziert, ist wohl, dass er kritiklos Parzanys Meinung vertritt.

In Summe handelt es sich bei Parzanys Kanzelerklärung um ein Dokument der Ausgrenzung. Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen werden entmenschlicht und geistlich ausgeschlossen. Sie tauchen bei Parzany nicht mehr als erlösungsbedürftige und erlösungswerte, von Gott geliebte Menschen auf, sondern nur noch als Feinde biblischer Lehren, als von Gott Verstoßene, als tierischen Trieben Verfallene. Der brillante Redner Parzany verpackt dies geschickt in Worte, denen man diese üble Botschaft nicht auf den ersten Blick ansieht. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ausgerechnet der langjährige, erfolgreiche Evangelist Ulrich Parzany mittlerweile einen erheblichen Teil seiner Zeit und Energie darauf verwendet, homosexuellen Menschen den Zugang zu Gott zu verwehren. Es ist sehr traurig.