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Monatsarchiv: September 2016

Gott, der Mensch gewordene

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Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten. Ein einfacher Satz, der so viel Geheimnisvolles in sich birgt, das wir unser ganzes Leben mit dem Versuch verbringen können, ihn wirklich zu verstehen. Wir können es auch bleiben lassen, denn um durch Jesus gerettet zu werden, muss man seine Rettungstat glücklicherweise nicht gänzlich verstehen. Ich bin sogar der Meinung, dass man Jesus noch nicht einmal kennen muss, zumindest nicht unter diesem Namen, um von ihm gerettet zu werden. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Dabei übersehen wir leicht, dass es auch von Gottes Seite ein gewisses Verständnisproblem gibt. Die Versuchung ist beständiger, ja fast schon definierender Teil des Menschseins. Wir besitzen die im Grunde sehr erstaunliche Fähigkeit, das Richtige zu erkennen, und trotzdem das Falsche zu tun. Moralisch richtiges Handeln setzt für uns eine aktive, häufig eine schwierige Entscheidung voraus. Die besten Denker der Menschheit haben viel Zeit damit zugebracht zu überlegen, wie diese Entscheidungen besser und einfacher zu treffen sein könnten.

Um dieses Dilemma geht es auch, wenn die Bibel von Versuchung spricht. Und dieses Dilemma ist etwas, das Gott tatsächlich nicht kennt, das seinem Wesen nicht entspricht. Wie könnte Gott versucht werden? Wie könnte Gott durch Kräfte außerhalb von ihm dazu verleitet werden, etwas Unrechtes zu tun? Der Schöpfer des Universums ist immer mit sich selbst eins und kennt keine inneren Konflikte.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten. Er ist aber auch Mensch geworden, um sich bewusst den Umständen auszusetzen, die für uns Menschen Teil unserer Existenz sind, für die bei Gott aber eigentlich kein Platz ist. Und dazu gehört auch, versucht zu werden. Im eingangs zitierten Vers aus dem Hebräerbrief ist mit dem Hohepriester natürlich Jesus gemeint. Er hat Versuchung erlebt, und zwar nicht einfach nur so, sondern „in allem“ und „wie wir“.

Es gab im Leben Jesu eine kurze Episode in der Wüste, die in den meisten Bibeln mit „Versuchung Jesu“ überschrieben wird. Es waren Versuchungen besonderer Art, die Jesus in dieser Situation erlebt hat, aber es waren nicht seine einzigen. Er wurde nicht nur einzelnen Versuchungen ausgesetzt, damit dem Prinzip genüge getan würde. Der Teufel hat ihm nicht nur diesen Musterkoffer mit einer Auswahl erlesenster Versuchungen präsentiert.

Dass Jesus in allem wie wir versucht wurde, ist bestimmt auch theologisch sehr interessant, aber für mich bedeutet diese Tatsache vor allem persönlich sehr viel. Er versteht. Ich muss ihm nichts erklären. Dass er es fertig gebracht hat, der Versuchung nicht nachzugeben, heißt nicht, dass sie bei ihm weniger stark war. Und es heißt vor allem und ganz entschieden nicht, dass es ihm leicht gefallen sei. Er kann mitfühlen mit meiner Schwachheit, weil er selbst schwach war, müde, abgekämpft, enttäuscht, mutlos. Da ist kein: „Jetzt stell Dich nicht so an!“. Da ist ein „Ich weiß.“ Und wenn es nötig ist und er es mir zutraut, ist da ein „Ich weiß, aber …“

Denn Gott will mich natürlich jeden Tag ein wenig zu einem besseren Menschen machen. Er will, dass ich lerne, Versuchungen zu widerstehen. Dabei kennt er den Weg, weil er ihn selbst schon gegangen ist. Meine Stolperschritte, mein Versagen, meine Rückschläge machen ihm nichts aus, weil er sehr genau ihre Ursachen kennt, sie selbst erlebt hat. Es ist ja schon nett, wenn der allmächtige Gott bereit ist, meine Schwachheit als Mensch zu akzeptieren. Jesus hat aber so viel mehr getan: Er hat sich freiwillig dazu entschieden, diese Schwachheit zu teilen.

„Lass mir das Ziel vor Augen bleiben“, so heißt es in einem Lied. Eigentlich ein guter Ratschlag, aber ich stelle immer wieder fest, dass ich auf diese Weise gerade bei den großen, bei den schwierig zu erreichenden Zielen Jesus aus den Augen verliere. Denn der Mensch gewordene Jesus wartet nicht am Ziel auf mich. Er geht mit mir.

Gott, der Beschützer

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Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Interessanterweise ist dieser Spruch nicht christlichen, sondern heidnischen Ursprungs, er lässt sich laut Wikipedia auf antike griechische und römische Ursprünge zurückführen. Ob er stimmt oder nicht, ist eine sehr schwierige Frage, ich denke, die meisten Christen würden ihn als irgendwie teilweise richtig ansehen.

Der Spruch trifft bei mir einen Nerv, weil er eine unerfüllte Sehnsucht in mir ausdrückt. Ich wäre gern ein Mensch, der nach diesem Spruch leben könnte, ein souveräner, in sich selbst ruhender Mensch, der alle Probleme des Lebens mutig und entschlossen anpackt, der alles tut, was in seiner Macht steht, um dann den Rest, den ganzen, riesigen Rest, der nicht in seiner Macht steht, getrost Gott zu überlassen. Ich bin nicht so ein Mensch.

Ich schreibe heute von Gott als meinem Beschützer. Ich würde gerne von dem Gott schreiben, der mich in den vielen Unwägbarkeiten des Lebens schützt, der mich vor Naturgewalten bewahrt und vor der bösen Absicht anderer Menschen in Schutz nimmt. Ich könnte das tun, aber das wäre unehrlich. Denn ich erlebe Gott als Beschützer, der mich vor den Folgen meiner eigenen Schwäche, meiner eigenen Unfähigkeit, meines eigenen Versagens bewahrt.

Ich gehöre zu den Menschen, die nur mit Mühe durchs Leben stolpern, die Sachen nicht auf die Reihe kriegen, und zwar gerade die Sachen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, und die „normalen“ Menschen leicht fallen. Viele derartige Erfahrungen haben die Überzeugung in mein Herz gepflanzt, dass ich den Grundansprüchen, die man billigerweise an einen Menschen stellen kann, nicht genüge. Eine Überzeugung, deren Wurzeln ich wohl trotz all meiner Bemühungen nie ganz ausreißen können werde.

Deshalb ist der eingangs erwähnte Spruch Gift für mich, weil er Ansprüche an mich stellt, die ich nicht erfüllen kann, und weil er mir folglich die Hoffnung auf Gottes Hilfe raubt und mir selber noch die Schuld dafür gibt. Gott ist glücklicherweise nicht so. Und er ist mir gerade deshalb als Beschützer lieb und wert geworden, weil er mich gerade in meiner Schwachheit beschützt. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass ich oft versage, dass ich oft unfähig und hilflos bin. Ich glaube, es ist sogar seine bewusste Entscheidung, die erwähnte giftige Wurzel in meinem Herzen zu belassen.

Ich habe ihn oft gebeten, dieses Gift zu entfernen. Das hat mich oft taub gemacht für seine Botschaft, nämlich dass seine Liebe viel stärker ist als jedes Gift, und dass ich souveräner und selbstsicherer Mensch viel weniger Gelegenheit hätte, seinen Schutz zu erleben. Wenn ich die Andeutungen, die Paulus im 2. Korintherbrief, Kapitel 12 macht, richtig verstehe, dann bin ich wohl mit dieser Erfahrung nicht ganz allein.

Leider werden daraus keine Heldengeschichten gemacht. Ich kann nicht von den großen Gefahren erzählen, aus denen mich die Hand Gottes auf wundersame Weise errettet hat. Und ich tue mich nach wie vor sehr schwer damit, konkret davon zu erzählen, wie Gott immer wieder verhindert, dass der Mist, den ich beständig baue, auf mich zurückfällt. Mir fehlt leider immer noch die Fähigkeit, mich auch mal unbekümmert zu blamieren. Ich arbeite daran.

Aber ich beginne zu begreifen, dass Gottes Liebe sich viel stärker in mancher peinlicher Alltagsgeschichte zeigt als in den großen Heldenepen, die ich mir erträume, und dass sein Umgang mit mir gerade dann besonders liebevoll ist, wenn meine Kräfte mal wieder viel zu früh erschöpft sind. Und was viel wichtiger ist: Ich beginne, das zu spüren. Gottes Liebe dringt durch, ganz allmählich, bis zu den giftigen Wurzeln in mir.

Manchmal hilft die Musik, etwas begreiflich zu machen, was nur schwer in Worte zu fassen ist. Es gibt eine Szene aus der Oper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, die für mich den Schutz Gottes besser darstellt, als Worte es können. Humperdincks Hänsel und Gretel sind keine unschuldigen Kinder. Sie sind eher ganz normale Kinder, und bis zum Ende des zweiten Aktes waren sie nicht gerade brav. Aber nun sind sie allein nachts im gefährlichen Wald, finden nicht mehr nach Hause und müssen hier übernachten. Bevor sie schlafen, beten sie ein schlichtes, auswendig gelerntes Kindergebet von vierzehn Engeln, die sie beschützen sollen.

Hänsel und Gretel schlafen ein, die Musik wird für einen Moment sehr sanft, sehr zerbrechlich, und spiegelt die Schutzlosigkeit der Kinder wieder, bis sie sich plötzlich verändert. Aus dem aufsteigenden Nebel lösen sich, je zwei und zwei, vierzehn Engel mit Posaunen, und die Musik macht mehr und mehr klar: Mit diesen Geschöpfen ist nicht zu spaßen. Dann erklingt, diesmal gespielt von den Posaunen, erneut die Melodie des Abendgebetes, und erstrahlt in der Macht und dem Glanz dieser kleinen Heerschar Gottes, die sich zum Schutz der Kinder versammelt hat. Und schließlich wird die Musik wieder sanft, die Nachtruhe kehrt ein, aber dieses Mal nicht zerbrechlich, sondern friedlich und wohlbehütet.

Gesehen habe ich diese Szene zum ersten Mal im Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Die eher traditionelle, aber sehr gelungene Inszenierung damals hat gerade die Schönheit dieser Szene besonders zum Ausdruck gebracht. Eine ähnlich beeindruckende Inszenierung habe ich auf YouTube nicht gefunden, deshalb bette ich hier eine konzertante Version ein:

 

Gott, der ganz Andere

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Für das Zwischenraum-Treffen in Wiesbaden hat sich ein netter Mensch die Mühe gemacht, 80 Namen und Bezeichnungen für Gott aufzuschreiben. Wir sollten daraus die Begriffe aussortieren, die uns jeweils am wenigsten bedeuteten, bis für jeden nur noch fünf Gottesnamen übrig waren. Meine fünf Namen haben mir nicht nur gezeigt, wie viel Gott für mich bedeutet, sondern auch wie sich meine Beziehung zu ihm verändert hat. Deshalb schreibe ich heute und an den nächsten vier Sonntagen über diese Bezeichnungen für Gott, und was sie für mich bedeuten.

Wenn ich zurückblicke, dann gibt es ein Gefühl, das mich eigentlich immer in die Irre geführt hat, ein Gefühl, das der sichere Vorbote einer großen Enttäuschung war. Es ist das Gefühl, genau zu wissen, was Gott von mir erwartet. Das Ergebnis war meist, dass ich mit aller meiner Kraft versucht habe, Gott gehorsam zu sein. Mit aller meiner Kraft. Im Blick auf das Ziel, das Gott mir anscheinend vorgegeben hatte, habe ich sehr schnell Gott selbst aus den Augen verloren.

Die Abhängigkeit von Gott, wie sie nach meiner Meinung Ziel jedes Christen sein sollte, bringt immer ein gewisses Maß an Unsicherheit mit. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“, betet der Psalmist, und meint damit keinen Scheinwerfer, der den gesamten Weg vor ihm ausleuchtet, denn so etwas kannte er einfach nicht. Gott zeigt den nächsten Schritt, das muss reichen, und schon der übernächste kann eine Überraschung sein.

Eine meiner größten Überraschungen habe ich Anfang des vergangenen Jahres erlebt. Nach langen Zögern hatte ich mich entschlossen, mich einmal wieder der Verunsicherung und Verwirrung (und auch Wut) zu stellen, die mein ständiger Begleiter waren, so lange ich glaubte, dass Gott mir eine Beziehung mit einem Mann verbieten würde. Meine Hoffnung war, dass Gott mir endlich etwas zeigen würde, das mich mit einem zölibatären Lebensstil versöhnen könnte. Statt dessen bin ich auf das Buch Streitfall Liebe und die gleichnamige Website von Valeria Hinck gestoßen.

Valerias Ausführungen haben mir genau die Perspektive geöffnet, die ich für völlig ausgeschlossen gehalten hatte, nämlich die, dass ich auch als schwuler Christ Erfüllung und (noch viel wichtiger) Gottes Segen in einer festen Beziehung finden könne. Der Rest ist Geschichte, meine Geschichte, die mich in eine tiefere und vertrauensvollere Beziehung zu Gott und nebenbei auch zu diesem Blog geführt hat.

Gott ist der ganz Andere, der mit menschlichen Maßstäben und Vorstellungen nicht zu fassen ist. Das ist zu erwarten: Ein Gott, der mit dem menschlichen Verstand erfassbar, ja durchschaubar ist, ist kein Gott, sondern ganz offensichtlich eine menschliche Erfindung. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt es im Gebot, und gemeint ist die antike Vorstellung, dass Götterbildnisse Repräsentanten, ja Verkörperungen der Gottheit selbst sind. Die Gefahr, irgendwelche Gegenstände für Götter zu halten, ist in unserer Kultur geringer geworden. Aber jeder von uns steht in der Gefahr, seine Vorstellungen von Gott für letztgültige Wahrheit, ja für Gott selbst zu halten.

Laut Calvin ist das menschliche Herz eine Götzenfabrik. Unsere Götzen sind weniger materiell, weniger greifbar als die zur Zeit des Alten Testaments, und manchmal kommen sie sogar in christlichem Gewand daher. Sie sind deshalb aber nicht weniger gefährlich. Es tut uns gut, wenn Gott uns immer mal wieder daran erinnert, dass er sämtliche menschlichen Maßstäbe sprengt. Eigentlich sollten wir uns das wünschen, wir sollten es begrüßen, wenn Gott uns verunsichert, uns überrascht und gelegentlich sogar unsere Maßstäbe über den Haufen wirft. Wenn uns Gottes Handeln verblüfft, wenn er uns überrumpelt und verwirrt, sind wir der Erkenntnis des wahren, des ganz anderen Gottes vielleicht näher, als wenn wir glauben, sein Handeln zu verstehen.

Jesus zuerst

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Mein Arbeitgeber hat vor einiger Zeit eine Kampagne gestartet, dass es bei allen Entscheidungen immer zuerst um das Wohl und den Erfolg der Firma gehen soll. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber natürlich nicht. Wie in allen großen Unternehmen wird die Firmenpolitik nicht zuletzt von internen Machtkämpfen bestimmt. Jeder versucht, sich selbst und seine eigene Abteilung gut dastehen zu lassen. Das ist menschlich und bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich, aber natürlich nicht besonders vorteilhaft für den wirtschaftlichen Erfolg.

Die erwähnte Kampagne thematisiert das Problem, liefert den richtigen Lösungsansatz, wird aber in der Praxis nur wenig Erfolg zeigen. Denn die meisten Konflikte drehen sich um die Frage, was denn genau für das Wohl der Firma als Ganzes das beste sei, entweder weil sich die Beteiligten tatsächlich darüber uneins sind, oder weil sie das Wohl der Firma vorschieben, obwohl sie in Wirklichkeit eigene Interessen verteidigen. Niemand wird gegenüber seinen Gegnern zugeben, dass er seinen persönlichen Erfolg über den Erfolg der Firma stellt.

Unter Christen gibt es ganz ähnliche Konflikte: Wir sind uns alle einig, dass Jesus immer an erster Stelle kommen sollte, streiten aber ständig darüber, was dies in der Praxis genau heißt. Dabei werden die Kämpfe oft noch viel verbitterter geführt als in mancher Firma, weil man nicht um Karriere und Geld kämpft, sondern um ewige Wahrheiten. Jeder Krieg hat die Tendenz, jedes Maß und jede Hemmschwelle zu verlieren, aber im Kampf um Glaube und Religion ist das noch viel stärker der Fall als im Kampf um Macht und Einfluss.

Zum Machtkampf in der Firma gibt es noch einen weiteren, viel wesentlicheren Unterschied. Selbst wenn sich Mitarbeiter manchmal für das personifizierte Wohl der Firma halten, bleibt das Ziel doch eine abstrakte Größe. Christen haben den Vorteil, dass sich Christus selbst zu Wort melden kann. Und das tut er auch.

Nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es dafür aber zwei Voraussetzungen. Zum einen muss das Thema für Jesus wichtig sein. Ich habe schon oft erlebt, dass Jesus zu einem Thema, das mir persönlich unter den Nägeln brannte, merkwürdig stumm blieb. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass meine Maßstäbe von wichtig und unwichtig sich häufig doch erheblich von den seinen unterschieden haben. Und dass ich eher auf das hätte hören sollen, was er mir zu den Themen sagen wollte, die ihm wichtig waren, statt mich einseitig auf meine Prioritäten zu konzentrieren.

Das bringt mich zur zweiten Voraussetzung: Ich muss bereit sein zu hören. Ich vertraue Jesus, dass er jederzeit dazu fähig ist, sich bei mir Gehör zu verschaffen, aber ich weiß einfach auch, dass er sich mein offenes Ohr dazu wünscht, und dass er oft geduldig darauf wartet, bis ich wirklich bereit und in der Lage bin, ihn zu hören. Diese Geduld ist manchmal lästig, weil sie mir erlaubt, mir selbst im Wege zu stehen, aber sie ist Zeichen und Ausdruck seiner Liebe.

Das alles macht die Diskussion unter Christen nicht einfacher. Wenn Jesus ganz persönlich zu mir redet, lässt sich daraus eben nicht eine allgemeine Verhaltensregel für alle erzeugen. Die persönliche, ja intime Natur der Beziehung zu Jesus macht die Suche nach einer gemeinsamen Basis zunächst schwieriger. Ich bin überzeugt, dass es allgemein gültige Regeln für das Leben als Christ gibt, aber die persönliche Beziehung zu Jesus macht diese Regeln flexibler, anpassbarer, diffuser als es uns manchmal lieb ist. Das ist Absicht. Klare, eindeutige Regeln bringen auch immer die Gefahr mit sich, das Hören auf Jesus zu verdrängen, ja überflüssig zu machen. Man weiß ja auch ohne ihn schon alles.

Jesus zuerst heißt eben, alles andere an die zweite Stelle zu setzen. Das gilt für Egoismus und den persönlichen Vorteil. Das gilt auch für die Bibel und die christliche Ethik. Natürlich wird uns Jesus nie etwas sagen, was dem Wesen und Willen Gottes widerspricht. Aber wenn wir ihn an erste Stelle setzen, müssen wir ihm auch erlauben, uns etwas zu sagen, was unserer Vorstellung vom Wesen und Willen Gottes widerspricht. Nur so können wir lernen.

Jesus in unserem Leben konsequent an erste Stelle zu setzen, ist gefährlich, weil durchaus fehleranfällig, kann uns unserer Sicherheiten berauben und uns manchmal sogar ratlos zurücklassen. Aber es ist – man verzeihe mir das viel missbrauchte Wort – alternativlos. „Jesus zuerst“ sei unser Motto. Es wird unser Leben zuweilen auf den Kopf stellen. Gott sei Dank!