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Archiv des Autors: Markus

Juda und Tamar, Teil 2

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Die folgenden Gedanken basieren auf meinem letzten Eintrag. Bitte den zuerst lesen. Danke.

Die Geschichte von Juda und Tamar in 1. Mose 38 lebt aus ethischen und philosophischen Vorstellungen, die wir heute für archaisch und menschenverachtend halten. Doch wenn man sich die Mühe macht, die Hülle dieser Vorstellungen abzustreifen, kommen ein paar interessante biblische Werte zum Vorschein, die über die Zeiten hinweg gültig sind.

Da wäre zuerst einmal Onan; er ist der einzige in der Geschichte, der für eine konkret benannte Tat von Gott bestraft wird: Er verweigert Tamar den Nachwuchs, weil der erste Sohn nicht als sein eigener, sondern als Sohn seines verstorbenen Bruders Ger gegolten hätte. Das ist ein recht eigensüchtiges Motiv, insbesondere wenn man bedenkt, was er Tamar damit antat. Ich erinnere daran, wie wichtig es für eine Frau damals war, Kinder zu bekommen, und wie sehr sowohl ihr Selbstwert als auch ihre gesellschaftliche Anerkennung davon abhingen. Onan erniedrigt seine Frau und gibt sie der Erniedrigung durch andere preis.

Auf Ehebruch stand damals in den meisten Fällen die Todesstrafe. Ist es zu weit hergeholt, die Tat Onans als Ehebruch zu definieren und seinen Tod als die von Gott vollstreckte Strafe dazu? Mann könnte sagen: Ehebruch vollzieht, wer seinen Partner oder seine Partnerin bewusst und aus selbstsüchtigen Motiven erniedrigt oder der Erniedrigung durch andere preisgibt. Es ist offensichtlich, dass das klassische Fremdgehen in dieser Definition enthalten ist. Onans Tat ist ganz gewiss kein klassisches Fremdgehen, aber in seiner Auswirkung auf Tamar nicht weniger schlimm und nicht weniger demütigend.

Schon in 1. Mose 2 heißt es, dass ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen wird, eine für die damaligen, patriarchalischen Familienverhältnisse sehr ungewöhnliche Formulierung, die zeigt, wie wichtig der Bibel von Anfang an die Zuwendung der Ehepartner zueinander ist. Und Paulus macht im Epheserbrief deutlich, dass diese Zuwendung zum Ziel haben muss, dass sich der Partner bzw. die Partnerin geehrt und wertgeschätzt fühlt. (Über die speziellen Auslegungsprobleme dieser Bibelstelle habe ich vor längerer Zeit etwas geschrieben.)

Onans Bestrafung stützt die Auffassung, dass Ehebruch im Kern eben nicht in sexuellen Handlungen mit Dritten besteht, sondern in der Demütigung und Erniedrigung des eigenen Partners bzw. der eigenen Partnerin. Das würde heißen, dass auch nicht sexuelle Handlungen als Ehebruch gelten könnten. Das würde auch heißen, dass sexuelle Handlungen, die im Einvernehmen der Ehepartner geschehen, und mit denen sich beide wohl fühlen, kein Ehebruch sein könnten.

Das zweite Thema des Textes ist für mich Sex als Mittel zum Zweck. Tamar hat sich ihr Recht erkämpft, indem sie mit Juda, ihrem Schwiegervater, geschlafen hat. Sie hätte das nicht tun müssen, sie hätte sich ebenso gut zurücknehmen und auf ihr Recht verzichten könnte. Juda tadelt sich selbst, dass Tamar zu solch einem Mittel greifen musste, aber er lobt Tamar, dass sie zu diesem Mittel gegriffen hat.

Kern des Problems ist natürlich ein Defizit bei der Rechtsdurchsetzung: Tamar hätte andere Mittel haben müssen, zu ihrem Recht zu kommen, als mit einem Mann zu schlafen, mit dem sie nicht verheiratet war, und an dem sie kein erotisches oder romantisches Interesse hatte. Wie die #MeToo-Debatte zeigt, ist dieses Problem nicht auf die Antike beschränkt: Noch immer erwarten Menschen mit Macht und Einfluss (meist Männer) sexuelle Zuwendung von anderen Menschen (meist Frauen) als Gegenleistung für lediglich gerechte Behandlung oder angemessene Förderung – von den viel schlimmeren Fällen der Ausnutzung von Abhängigkeiten und Notlagen mal abgesehen.

Juda verhielt sich zu keinem Zeitpunkt sexuell übergriffig. Dass Tamar sich ihr Recht dadurch verschaffen musste, dass sie mit Juda schlief, liegt an den Verhältnissen der Zeit und daran, dass es eben um ihr Recht auf Heirat und ihre Chance auf Kinder ging. Es liegt nicht daran, dass Juda so ein verhalten erwartet oder gar eingefordert hätte. Deshalb darf sein Urteil über sich selbst auch milde ausfallen. Diejenigen Täter, die bewusst und explizit sexuelle Handlungen einfordern, müssen mit aller Schärfe verurteilt werden. Diejenigen Opfer, die sich wehren und den Missbrauch öffentlich machen, müssen unterstützt und für ihren Mut geehrt werden. Das ist alles selbstverständlich.

Es gibt aber eine Konsequenz aus der Bibelstelle, die ich sehr wichtig finde: Diejenigen Opfer, die, wie Tamar, das perfide Spiel mitspielen, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, zu ihrem Recht zu kommen, weil es in ihrer Umgebung keinen anderen Weg für sie gibt zu einer verdienten Karriere oder einer gerechten Anerkennung ihrer Leistungen, diese Menschen haben sich nichts vorzuwerfen. Die Bibel hat kein Urteil für sie, ganz im Gegenteil: In solchen Situationen heiligt der Zweck die Mittel. Wenn es um sexuelle Belästigung oder Übergriffigkeit geht, handelt immer nur eine Seite verwerflich: Es ist immer der Täter, nie das Opfer.

Unter das Thema Sex als Mittel zum Zweck fällt natürlich auch die Prostitution. Ich wäre vorsichtig, aus dem Text Aussagen dazu ableiten zu wollen. Offensichtlich hat die Bibel weder ein Problem damit, dass Juda zu einer Prostituierten geht, noch dass sich Tamar unter den hier doch recht speziellen Umständen als solche anbietet. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es aufgrund der gesellschaftlichen Wertvorstellungen für Juda einfach keine andere Möglichkeit gab: Prostituierte waren damals die einzigen Frauen, denen es erlaubt war, Sex mit Männern zu haben, mit denen sie nicht verheiratet waren. Wie gut, dass wir von solchen Gesellschaftsstrukturen heute weit entfernt sind – zu weit entfernt für mich, um aus diesem Text Aussagen zu aktuellen Formen von Sexarbeit zu entnehmen.

Aber das bringt uns zum dritten Thema: Sex außerhalb der Ehe. Beide, Juda und Tamar, sind verwitwet, es gibt keinen Partner, den sie hintergehen oder demütigen könnten. Für die damalige Gesellschaft war die Situation klar: Juda darf, Tamar nicht. Bei Tamar spielen Gründe eine Rolle, die heutzutage nicht mehr relevant sind, und die ich ja schon im Teil 1 beschrieben habe. Wenn es hier irgend eine sexuelle Reinheit zu verteidigen gäbe, die jenseits antiker Gesellschaftsstrukturen heute noch Relevanz hat, müsste das auch für Juda gelten, nicht nur für Tamar. Und für Juda ist Sex außerhalb der Ehe normal und natürlich; so normal, dass Tamar damit rechnen konnte, dass er jede der seltenen Gelegenheiten, die sich ihm bieten, auch nutzt. Die Bibel sieht darin bei Juda nichts verwerfliches, wieso sollte es das aus heutiger Sicht für Tamar sein? Wieso sollte es das für irgend jemand sein?

Tamar hat außerehelichen Geschlechtsverkehr mit Juda, das ist nach den Wertvorstellungen der damaligen Zeit verwerflich, nach dem Urteil der Bibel nicht. Juda hat Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten, das ist weder für die Wertvorstellungen der damaligen Zeit noch für die Bibel verwerflich. Verwerflich ist, dass Juda Tamar ihr Recht und die Chance auf legitimen Nachwuchs vorenthält. Verwerflich ist, dass Onan mit Tamar keine Kinder zeugen will, aber nicht weil Verhütung verwerflich ist, sondern weil er damit Tamar ihr Recht und die Chance auf legitimen Nachwuchs vorenthält. Und auch das ist nur verwerflich, weil Kinder zu bekommen damals für Selbstwert und gesellschaftliche Anerkennung einer Frau so immens wichtig war.

Wie wichtig das für Tamar war, ist für uns heute kaum nachzuvollziehen, aber mit diesen Unterschieden müssen wir generell rechnen: Was dem Einen sehr wichtig ist, kann dem Anderen völlig unwichtig sein. Allgemeine Regeln können diesen Unterschieden nicht gerecht werden, und wer solche Regeln aus der Bibel ableiten will, wird gerade solchen Geschichten wie der von Juda und Tamar nicht gerecht. Die Bibel stellt immer wieder die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Wertungen. Eine biblische Sexualethik muss dasselbe tun. Die Geschichte von Juda und Tamar liefert dazu wichtige Anhaltspunkte, sie weist in eine Richtung, in die es sich lohnt, weiterzugehen.

Juda und Tamar, Teil 1

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Auch wenn die Bibel Homosexualität im heutigen Sinne gar nicht behandelt, ist sie doch voll von Aussagen über Sexualität und den Umgang damit. Aber diese Aussagen werden vor einem Hintergrund ethischer Werte und philosophischer Vorstellungen gemacht, den wir heute (völlig zurecht) nicht mehr teilen, der aber für eine Auslegung, die dem Text gerecht wird, berücksichtigt werden muss.

Das ist gerade im Neuen Testament besonders schwierig, weil dieser Hintergrund selten explizit genannt wird. In den Evangelien werden Begegnungen mit Jesus erzählt, meist als sehr kleiner Ausschnitt aus einer größeren Lebensgeschichte, von der wir höchstens bruchstückhaft erfahren. Die Briefe enthalten konkrete Anweisungen und Richtlinien für konkrete Situationen – Situationen, die nicht explizit genannt werden müssen, weil sie den Empfängern ja wohlbekannt sind. Das richtige Verständnis neutestamentlicher Sexualethik setzt also Wissen voraus, das aus dem Text selbst nicht gewonnen werden kann.

Das Alte Testament erzählt uns dagegen häufig eine vollständige Geschichte. Der ethisch-philosophische Hintergrund unterscheidet sich zwar noch stärker als im Neuen Testament von unseren Auffassungen heute, ist aber oft deutlicher im Bibeltext selbst zu erkennen und herauszulösen. Ich möchte das mal an der Geschichte von Juda und Tamar versuchen, die in 1. Mose 38 zu finden ist.

Kurz zum Inhalt: Tamar ist die Ehefrau von Judas ältestem Sohn Ger, der jedoch (wegen nicht näher genannten Verstößen gegen den Willen Gottes) vorzeitig und kinderlos stirbt. Nach damaligem Recht bekommt Tamar Gers nächst jüngeren Bruder Onan zum Mann. Dieser verhütet aber durch unterbrochenen Beischlaf, was Gott überhaupt nicht gefällt, weswegen auch er kinderlos stirbt. Als nächster wäre Judas jüngster Sohn Sela dran, aber der ist noch zu jung für die Ehe. Tamar muss erst mal warten.

Nach ein paar Jahren Wartezeit wird klar, das Juda (entgegen geltenden Rechts) nie die Absicht hatte, Sela mit Tamar zu verheiraten. Tamar erfährt, dass Juda, mittlerweile selbst Witwer, zwecks Schafschur unterwegs ist. Sie verhüllt sich, verkleidet sich als Prostituierte und setzt sich an einen Ort, an dem auch Juda erwartet wird. Er schläft auch tatsächlich mit ihr, muss ihr aber unter anderem sein Siegel als Pfand da lassen, da er die versprochene Bezahlung (einen Ziegenbock) nicht zur Hand hat.

Tamar verhindert die Übergabe dieser Bezahlung und behält das Siegel. Als offensichtlich wird, dass sie schwanger ist, soll sie wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs hingerichtet werden, aber mit dem Siegel kann sie beweisen, das Juda der Vater ist. Juda erkennt an, dass Tamar richtig gehandelt hat, weil es Unrecht war, ihr seinen Sohn Sela zu verweigern.

Ich denke, als erstes stolpert der moderne Leser über das Institut der Schwagerehe. Dass eine kinderlose Witwe den nächst jüngeren Bruder ihres verstorbenen Mannes heiraten soll, ist aus heutiger Sicht völlig unverständlich, damals aber geltendes Recht, für das es drei aus damaliger Sicht durchaus nachvollziehbare Gründe gibt:

  • Als erstes geht es um das Erbrecht: Vererbt wird über den ältesten Sohn, und wenn dieser keine Nachkommen hat, ist die Situation unklar und kann zu Streit und Entzweiung in der Sippe führen. Das Ganze ist im Volk Israel von besonderer Wichtigkeit, da hier auch die Landzuteilung an die Stämme durcheinander geraten könnte, die ja geradezu Verfassungsrang hat. In der Schwagerehe ist diese Situation geklärt, weil der erste Sohn aus dieser Ehe als Sohn in erstgeborener Linie gilt.
  • Zweitens spielt der Schutz der Witwe eine große Rolle, denn nach dem Tod ihres Mannes ist sie weder reguläres Mitglied ihrer Herkunftsfamilie, noch der Familie ihres verstorbenen Mannes. In einer Kultur, in der nicht nur das soziale, sondern auch das materielle Überleben einer Frau von ihrer Zugehörigkeit zu einem Familienverband abhängig war, sorgte die Schwagerehe dafür, dass die Witwe weiterhin Teil der Familie ihres verstorbenen Mannes bleiben konnte.
  • Schließlich bestimmte sich Wert und Selbstwert einer Frau in der damaligen Kultur sehr stark anhand ihre Fähigkeit, Kinder zu gebären. Für eine Frau bedeutete eine kinderlose Ehe eine starke Abwertung. Die Schwagerehe gab ihr die Möglichkeit, diesen Makel auszugleichen.

Noch viel schlimmer als die Schwagerehe empfinde ich die ungleiche Behandlung von Juda und Tamar. Beide waren verwitwet, als sie außerehelichen Sex hatten. Für Juda schien das völlig normal zu sein. Tamar hätte ihren gewagten Plan nicht gefasst, wenn sie nicht davon ausgegangen wäre, dass Juda die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nehmen würde. Das war offensichtlich bekannt und gesellschaftlich anerkannt. Juda hätte auch nicht einen Freund mit der Bezahlung beauftragt, wenn er die Tatsache an sich hätte verheimlichen wollen. Er sorgte sich zwar um seinen Ruf, aber nicht weil er Sex mit einer Prostituierten hatte, sondern weil er sie nicht gerecht bezahlen konnte.

Ganz anders bei Tamar: Obwohl in der gleichen Lebenssituation wie Juda stand bei ihr auf außerehelichen Geschlechtsverkehr die Todesstrafe, und zwar weil sie eine Frau war. Diese Ungleichbehandlung ist für uns heute kaum erträglich, hat aber ihre Ursache in der antiken Sicht von Mann und Frau. In einem verbreiteten Vergleich wurde der Mann als Gärtner und die Frau als Garten angesehen. Der Vergleich war durchaus als Wertschätzung der Frau gedacht, weil sie als Trägerin und Bewahrerin ihres Gartens einen besonderen Wert besaß, den Männer nicht hatten. In der Praxis führte dieser Gedanke aber zu der erwähnten Ungleichbehandlung.

Wenn der Mann in einem fremden Garten gärtnert, fügt er nämlich dem eigenen Garten keinen Schaden zu. Und wenn der andere Garten noch einer Prostituierten gehört, ist nach damaliger Vorstellung auch da kein schützenswertes Gut geschädigt worden. Wenn eine Frau aber einen anderen Gärtner in ihren Garten lässt, wird dieser dadurch verunreinigt und entwertet. Für die Zerstörung dieses ihr anvertrauten, hohen Gutes war eine entsprechend harte Strafe vorgesehen. Besonders deutlich wird dies in den unsäglichen Vergewaltigungsgesetzen in 5. Mose 22: Grundsätzlich gibt es dort nur drei Kategorien von Frauen: verheiratete Frauen, verlobte Jungfrauen und nicht verlobte Jungfrauen. Eine Frau, die weder verheiratet noch Jungfrau war, galt offensichtlich nicht als schützenswert, ihr Garten war nach damaliger Ansicht ja sowieso schon quasi verwildert. Bei nicht verlobten Jungfrauen (also wenn kein anderer Mann „geschädigt“ wird) kann eine Vergewaltigung dadurch gesühnt werden, dass der Täter das Opfer heiratet. Das ist nur begreiflich, wenn man der Frau selbst keinen eigenen Wert zumisst, und sie nur noch als Trägerin und Bewahrerin ihres „Gartens“ begreift.

So menschenverachtend das für uns heute auch klingen mag: Dieses Gedankengut ist offensichtlich für die damalige Zeit selbstverständlich gewesen und bildete die Grundlage ethischer Bewertung in der Bibel. Und dieses Gedankengut ist ebenso offensichtlich erst einmal herauszulösen und abzuschälen, wenn in der Bibel von Sexualität die Rede ist, und zwar nicht nur an dieser Stelle, sondern definitiv überall im Alten Testament und mit Einschränkungen auch im Neuen Testament. Ohne diese Betrachtung ist jede Exegese zu diesem Thema wertlos.

Was bleibt dann von so einem Text übrig, was für uns heute anwendbar wäre? Darüber schreibe ich beim nächsten Mal.

 

Bibel-Positivismus

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Eine der philosophischen Grundlagen des modernen Rechtsstaats ist der Rechtspositivismus. Er besagt, kurz gesagt, dass Recht ist, was im Gesetz steht, und nur was im Gesetz steht, und zielt damit in erster Linie auf Rechtssicherheit: Jeder kann (im Prinzip) selbst nachlesen, was erlaubt ist, und was ihn erwartet, wenn er sich nicht daran hält. Der Rechtspositivismus schützt vor Willkür und fördert, dass alle Menschen dem Recht nach gleich behandelt werden. Er hat aber auch Grenzen. Das hat man am Ende des zweiten Weltkriegs festgestellt, denn die unfassbaren Verbrechen der Nazis waren häufig durch die Gesetze gedeckt.

Der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch formulierte deshalb im Jahr 1946, dass auch entgegen geltender Gesetze entschieden werden müsse, wenn ihre Anwendung unerträglich ungerecht wäre oder wenn sie selbst die Grundzüge des Rechts verleugnen würden. Diese Radbruch’sche Formel klingt ziemlich unbestimmt, sie stellt, auf Fälle schlimmsten Unrechts begrenzt, zwar die alte Unsicherheit und die Gefahr der Willkür wieder her, ist aber eine offensichtlich notwendige Einschränkung des Rechtspositivismus und damit bis heute Bestandteil der Rechtssprechung der obersten Gerichte.

Warum ich das so ausführlich schildere? Weil viele Christen die Bibel genauso behandeln wie der Rechtspositivismus das Gesetz: Christliche Lehre ist, was in der Bibel steht, und nur, was in der Bibel steht. So wie der Jurist die Antworten zu allen Rechtsfragen im Gesetz suchen muss, suchen diese Christen die Antworten zu allen Glaubens- und Lebensfragen in der Bibel. Analog zum Rechtspositivismus kann man diese Haltung als Bibel-Positivismus bezeichnen, und Google sagt mir, dass ich nicht der erste bin, der diesen Begriff in diesem Sinne gebraucht.

Das Problem am Bibel-Positivismus: Er funktioniert nicht. Die Bibel ist kein Gesetzestext. Das merkt man, wenn man sich moderne Gesetzestexte anschaut: Sie sind bewusst mit der notwendigen Eindeutigkeit und der dazu leider auch oft notwendigen Fachsprachlichkeit formuliert. Gesetzestexte sind selten schön zu lesen, weil sie nicht schön zu lesen sein sollen, sondern weil sie im Sinne des Rechtspositivismus einen genau bestimmten Zweck erfüllen wollen und dazu in erster Linie eindeutig und bestimmt sein müssen.

Bibeltexte genügen diesen Ansprüchen grundsätzlich nicht. Die Bibel besteht in großen Teilen aus Erzählungen und aus Geschichtsschreibung, zwei Literaturgattungen, die wir heute streng unterscheiden, die aber in der Antike wesentlich näher beieinander lagen, und die beide für eine positivistische Auslegung ungeeignet sind. Andere Texte liefern konkrete Handlungsanweisungen, beziehen sich aber meist auf ebenso konkrete Situationen oder spezifische Probleme, so dass ihnen die nötige Allgemeingültigkeit fehlt, die für eine positivistische Auslegung erforderlich ist. Und für die Stellen im Alten Testament, die tatsächlich Gesetzesrang für sich beanspruchen, macht das Neue Testament sehr deutlich, dass sie mit diesem Anspruch für uns heute nicht mehr gültig sind.

Der Bibel-Positivismus legt die Bibel in einer Weise aus, für die sie weder gedacht noch geeignet ist. Er führt zuweilen durchaus zu richtigen Ergebnissen, aber ebenso oft in die Irre und nicht selten zu schlimmen Konsequenzen. Und die werden oft noch viel schlimmer, weil die Bibel-Positivisten kein theologisches Äquivalent zur Radbruch’schen Formel gelten lassen. Statt im unerträglichen Unrecht die Grenzen ihrer Bibelauslegung zu erkennen, wird das Unrecht zum Recht erklärt, weil es sich ja angeblich aus der Bibel ergibt. Beispiele, wie mit der Bibel in der Hand schlimmstes Unrecht begangen wurde, gibt es zu Genüge. Gerade geistlicher Missbrauch geschieht nicht selten mit biblischer Begründung.

Viele Bibel-positivistisch eingestellte Christen erinnern mich auch in ihrem Verhalten nicht an moderne, sorgfältig abwägende Juristen, sondern eher an klassische Westernhelden; der Typus, der schneller zieht als sein Schatten, nur halt nicht den Revolver sondern die Bibel, und der Bibelstellen statt Bleikugeln locker aus der Hüfte feuert. Übrigens trägt der klassische Westernheld auch immer einen weißen Hut, damit man ihn auch noch in der letzten Kino-Reihe leicht vom Bösewicht mit dem schwarzen Hut unterscheiden kann. Womit wir beim Kernproblem des Bibel-Positivismus angelangt sind: Es geht nicht um Recht und Unrecht, sondern um Gut und Böse. Und mit der Bibel In der Hand darf sich der Bibel-Positivist auf der Seite des Guten wähnen und es gegen das Böse verteidigen.

Wir leben aber nicht im Wilden Westen, Gott sei Dank. Denn der klassische Western ist ein guter Ort für Geschichten, aber war ein fürchterlicher Ort zum Leben. Dass Meinungsverschiedenheiten nicht mehr von Revolverhelden, sondern von Juristen und Gerichten geklärt werden, ist außerhalb von Literatur und Film ein gewaltiger Fortschritt. Der Bibel-Positivist wünscht sich in eine Zeit, in der Gut und Böse klar getrennt und einfach unterscheidbar sind, und übersieht, dass es eine solche Zeit außerhalb von Karl-May-Büchern nie gegeben hat.

Unsere Gesellschaft verändert sich rapide. Erklärung und Anerkennung der Menschenrechte, Ächtung des Krieges als Mittel der Politik und auch die Abschaffung der Todesstrafe in vielen Ländern sind vergleichsweise junge Entwicklungen, und selbst die Abschaffung und Ächtung der Sklaverei liegt zeitlich viel näher zu uns als selbst zu den jüngsten biblischen Texten. Das macht die Auslegung und Anwendung der Bibel für uns bedeutend schwieriger als für frühere Generationen. Andererseits ist heute ein Bildungsniveau selbstverständlich geworden, das früher nur gesellschaftlichen Eliten zugänglich war. Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Leider hat der Bibel-Positivismus es geschafft, sich das Etikett bibeltreu anzuheften; eine Zuschreibung, die zwar gelegentlich abwertend verwendet, aber meist nicht in Zweifel gezogen wird. Ich halte das für falsch. Treue zur Bibel zeigt sich in der intensiven, auch kritischen Auseinandersetzung mit der Bibel, mit ihren zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Randbedingungen, mit Reichweite und Selbstverständnis biblischer Texte, mit Textzusammenhang und heilsgeschichtlichen Linien. Wer Christ ist, muss – im Rahmen seiner Möglichkeiten – immer auch ein kleiner Theologe sein.

Dem gegenüber steht der positivistische Gebrauch der Bibel, der die Bibel zitiert statt auslegt, der Antworten findet auf Fragen, die in der Bibel gar nicht behandelt werden, der die Bibel nicht als Offenbarung erforscht, sondern als Werkzeug gebraucht, der allzu häufig in der Beschäftigung mit Randfragen die Mitte der Schrift verliert. Der Bibel-Positivismus ist ein Missbrauch der Schrift, der die Gefahr des geistlichen Missbrauch von Menschen wesensmäßig in sich trägt. Eine solche Haltung ist nicht bibeltreu und sollte auch nicht so genannt werden.

Stufen

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Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse1

Vor ein paar Wochen habe ich mich aus der Gemeinde verabschiedet, die für die letzten zwanzig Jahre meine geistliche Heimat war. Dieser Schritt war überfällig, und der Abschied ist mir erstaunlich leicht gefallen – leichter jedenfalls, als den meisten übrigen Gemeindemitgliedern. Ich will nicht ausschließen, dass es in der Gemeinde auch Menschen gibt, die froh sind, dass ich endlich weg bin, aber mir gegenüber hat keiner sich auch nur ansatzweise in diese Richtung geäußert. Überhaupt bin ich von Gemeinde und Gemeindeleitung in den Jahren nach meinem Coming Out immer nur freundlich und mit großem Respekt behandelt worden. Und es wäre auch alles in Ordnung, wenn da nicht gewisse theologische Überzeugungen wären im Bezug auf LGBTQ+, die nichts anderes sind als pures Gift.

Wie bei anderen Giften die Biologen und Chemiker sind es hier Exegeten und Theologen, die ausführlich und kenntnisreich über die genaue Wirkung und die Schädlichkeit toxischer Theologie diskutieren können. Aber wer an der Giftwirkung einer Substanz zweifelt, dem steht es frei, mit einer (hoffentlich wohlabgemessenen) Dosis die Wirkung am eigenen Leib zu erfahren. Die schädliche Wirkung giftiger Theologie habe ich mehr als ausreichend erfahren, und das geht ja nicht nur mir so, nachzulesende Beispiele gibt es mittlerweile genug. Timo Platte hat in seinem Buch Nicht mehr schweigen 25 Lebensberichte zusammengetragen und veröffentlicht. Das Buch löst keine theologischen Detailfragen, aber es klärt die Frage, in welche Richtung die Theologie gehen muss, wenn sie Menschen nicht schaden, sondern helfen will.

In den letzten Monaten habe ich gespürt, dass ich die schädlichen Wirkungen toxischer Theologie nicht einfach durch Wechsel meiner Überzeugungen los werde, dass ich nicht einfach eine Auslegung des biblischen Textes durch eine andere ersetzen kann, und schon wird alles gut. Die Veränderung, so sie denn wirklich heilsam sein soll, muss tiefer gehen. Der Abschied aus meiner bisherigen Gemeinde ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Die Veränderung meiner theologischen Denkweise und damit auch meiner Beziehung zu Gott (beides hängt ja immer zusammen) ist ein längerer Prozess, dessen Auswirkungen ich allmählich spüre.

Meine bisherige theologische Praxis war vor allem apologetisch geprägt. Die Bibel diente mir zur Bestätigung und Verteidigung von Glaubensüberzeugungen, an deren grundsätzlicher Richtigkeit ich nie ernsthafte Zweifel hatte. Nicht selten habe ich dabei versucht zu verteidigen, was mit vernünftigen Mitteln nicht zu verteidigen ist. Der apologetische Ansatz soll zu einem festen, unerschütterlichen Glauben verhelfen, aber er führt allzu leicht zu einer erstarrten, toten Theologie, die zwar dem Namen nach noch Lehre von Gott ist, aber einem lebendigen Gott nicht mehr gerecht werden kann.

In den Gesprächen über den Glauben vor allem mit LGBTQ+-Christen, aber auch mit manchen alten Freunden, spüre ich allmählich, wie sich ein neues Element, eine neue Motivation zur theologischen Betrachtung Raum in meinem Denken verschafft: Es ist die Bereitschaft und der Wunsch, über all dem Neuen, dass es über Gott zu lernen gibt, meine alten, gewohnten Überzeugungen in Frage zu stellen, aufs Spiel zu setzen, preiszugeben. Es ist, zumindest in Ansätzen, aufkeimend, die reine, unverstellte Neugier. Und das ist gut so und darf gerne mehr werden.

In dieser Phase meines Lebens bin ich auf das eingangs zitierte Gedicht von Hermann Hesse gestoßen, das mich sehr berührt hat, und in dem ich mich wiederfinde. Meist wird ja das Ende der ersten Strophe zitiert, der Zauber des Anfangs, aber gerade davon spüre ich derzeit noch recht wenig. Der Abschied aus der Gemeinde ist noch im Wesentlichen Trennung und noch nicht wirklich Aufbruch, und noch geht es für mich eher um die Dekonstruktion toxischer Theologie, um meine geistliche Entgiftung als um den Aufbau neuer Glaubensinhalte. Aber Hesses Worte machen mir Mut zu beidem.

In der letzten Strophe des Gedichts geht es zwar um die Todesstunde, aber ich glaube, die allerletzte Zeile des Gedichts bezieht sich nicht nur auf die letzte Strophe, sondern auf das ganze Gedicht, nicht nur auf den Tod, sondern auf das Ende jeder Lebensphase. Das gilt für mich umso mehr, weil ich weiß, dass das ewige Leben nicht nur ein Versprechen für die Zukunft nach meinem leiblichen Tod, sondern durch den Heiligen Geist schon eine jetzt erfahrbare Wirklichkeit ist. Für Hesse ist es der Weltgeist, der uns Stuf’ um Stufe heben, weiten will, für mich ist die Lebendigkeit des Auferstandenen, die mich aus toxischem Umfeld heraushebt und meinen Blick weitet, auch den theologischen.

Ich denke, auch mit viel Dankbarkeit, an eine Gemeinde die zwanzig Jahre geistliche und theologische Heimat für mich war. Und dann denke ich: Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


 

Schlechte Witze

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Die fünfte Jahreszeit ist vorüber, ebenso die üblichen politischen Aschermittwoche, und so langsam ebben auch die Diskussionen ab über das Zitat aus Annegret Kramp-Karrenbauers Rede beim Stockacher Narrengericht. Ich möchte es hier trotzdem noch einmal aufwärmen. Es lautet in voller – äh – Schönheit:

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin, da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.

Um erst mal das Offensichtliche aus dem Weg zu räumen: Natürlich darf man Witze über Minderheiten machen. Die meisten Witze drehen sich um Menschen oder um Gruppen, die auf die eine oder andere Weise eine Minderheit darstellen. Und natürlich darf man Witze machen, von denen sich Menschen angegriffen oder herabgesetzt fühlen. Zu fast jeden guten Witz wird sich jemand finden, der so empfindet. Und wenn es in Richtung Satire geht, besteht ja der Sinn des Witz gerade darin, Menschen anzugreifen, die es mutmaßlich verdient haben. Ralph Ruthe bringt das Problem in einem seiner Videos sehr gut auf den Punkt:

Trotzdem gibt es Unterschiede, gibt es gute und schlechte, angemessene und unangemessene Witze. Und auch wenn das eine subjektive Einschätzung ist: Kramp-Karrenbauers Witz ist für mich eindeutig unangemessen, und zwar gleich aus drei Gründen.

Zunächst macht es einen großen Unterschied, ob die Minderheit, über die man Witze macht, verfolgt oder gesellschaftlich anerkannt ist. Meine Mutter hat noch die letzten Kriegsjahre erlebt. Ihr Vater hatte während des Dritten Reichs eine junge Familie zu ernähren und musste sich dazu mit Menschen gut stellen, die er bestimmt viel lieber hochkant rausgeworfen hätte. Als Konsequenz aus diesen Erlebnissen wurde ich (Jahrzehnte später) so erzogen, dass Witze über Juden, egal in welcher Form, Tabu sind.

Natürlich ist die Situation Intergeschlechtlicher Menschen nicht vergleichbar mit der der Juden im Dritten Reich; sie werden nicht systematisch umgebracht, und sie leben in einem Rechtsstaat, in dem sie die Chance haben, ihre Rechte auch gegen eine inter-feindliche Politik durchzusetzen. Trotzdem ist die Lage nach wie vor erschreckend: So genannte kosmetische Genitaloperationen an Kindern, an denen die Betroffenen oft lebenslang leiden, sind immer noch üblich. Wir reden von einer Minderheit, deren Anderssein regelmäßig im Kindesalter wegoperiert wird – ohne jede Rücksicht auf die tatsächliche geschlechtliche Identität dieser Kinder, die ja im entsprechenden Alter meist noch nicht erkennbar ist. Dass bei Witzen über diese Menschen zumindest Vorsicht angebracht ist, sollte sich von selbst verstehen.

Denn es spielt auch eine sehr große Rolle, wie man Witze über eine Minderheit macht. Klischees können einem zuweilen ziemlich auf die Nerven gehen, sie können aber auch sehr amüsant sein. Als schwuler Mann finde ich viele Witze, die mit Schwulen-Klischees spielen, sehr lustig, das ist für mich in den meisten Fällen völlig ok. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn meine Identität oder gar mein Existenzrecht infrage gestellt oder geleugnet wird. Genau das tut zum Beispiel für die angehörigen indigener Völker das „Indianer“-Kostüm zu Fasching. Das ist für uns in Deutschland schwer zu begreifen, weil sowohl die reichhaltigen und unterschiedlichen Kulturen der indigenen Völker Amerikas als auch deren Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte für uns weit weg sind, aber das „Indianer“-Kostüm zieht tatsächlich deren ganze Kultur und Identität ins Lächerliche, wie das auch viele andere Kostüme tun, die fremde Völker zum Thema haben.

Genau in so eine Richtung geht aber der Witz Kramp-Karrenbauers: Sie macht sich nicht über die (tatsächlichen oder eingebildeten) Marotten oder Verhaltensweisen intergeschlechtlicher Menschen lustig, sie stellt Intergeschlechtlichkeit an sich als eine Marotte verunsicherter Männer dar. Sie leugnet damit die Existenz Intergeschlechtlicher Menschen als eigenständiger Gruppe, als eigenständige Kategorie geschlechtlicher, ja menschlicher Identität. Für die Betroffenen, die mitten im Kampf um rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung stehen, kann sich das nicht anders als wie ein unfairer Tiefschlag angefühlt haben.

Das führt mich zu meinem dritten Punkt, nämlich das es auch wichtig ist, wer einen Witz über eine Minderheit macht. Kramp-Karrenbauers Äußerung wurden häufig in Bezug zu Bernd Stelter gebracht, der sich zuvor in einer Faschings-Veranstaltung über Doppelnamen lustig gemacht hat und in diesem Zusammenhang auch über den Namen Kramp-Karrenbauers herzog. Bernd Stelter ist Komiker. Er verdient seinen Lebensunterhalt damit, Witze zu machen. Nicht, dass das irgendwie falsch oder unbedeutend wäre, aber darüber hinaus hat er keine gesellschaftliche Bedeutung, keinen Einfluss.

Kramp-Karrenbauer ist Vorsitzende einer der größten politischen Parteien in Deutschland und wird in dieser Funktion als mögliche nächste Bundeskanzlerin gehandelt. Sie gehört zum Kreis der mächtigsten Politikern dieses Landes. Als Spitzenpolitikerin in einem demokratischen Rechtsstaats ist sie dem in der Verfassung festgeschriebenen Schutz von Minderheiten verpflichtet, zu denen laut Bundesverfassungsgericht auch intergeschlechtliche Menschen gehören. Sich in dieser Position einen Witz zu erlauben, der die Identität und das Existenzrecht intergeschlechtlicher Menschen in Frage stellt, hat ein ganz andere Qualität, als wenn Bernd Stelter das täte – und soweit ich weiß, tut er das nicht.

Es ist übrigens überhaupt nicht nötig, jetzt jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Jeder Mensch hat einen moralischen Kompass, und damit ein instinktives Gefühl, welche Witze angemessen sind und in welcher Situation. Dieser moralische Kompass ist aber nicht angeboren, sondern wird im Lauf des Lebens geformt, zuerst durch die Erziehung, später zunehmend durch eigenes Nachdenken und eigene Entscheidungen. Wem Minderheitenschutz ein wichtiges Anliegen ist, und wer sich auch gerne über die Anliegen von Minderheiten informiert, ist ganz von selbst wenig geneigt, herabsetzende Witze über Minderheiten zu machen, und muss dazu nicht mal groß nachdenken. Und wenn eine solche Person doch mal einen solchen Witz macht, wird sie, wenn sie darauf hingewiesen wird, ganz selbstverständlich den Witz aus ihrem Repertoire streichen und sich freuen, etwas Neues gelernt zu haben.

Kramp-Karrenbauer hat nicht deshalb einen unangemessen und herabsetzenden Witz über intergeschlechtliche Menschen gemacht, weil sie zu wenig aufgepasst hat, weil sie ihre Worte nicht auf die sprichwörtliche Goldwaage gelegt hat. Sie hat einen unangemessenen und herabsetzenden Witz gemacht, weil es ihr längst zur Gewohnheit geworden ist, sich herabsetzend über LGBTIQ+ zu äußern. Sie hat damit ihren moralischen Kompass schon so weit verbogen, dass ihr die Unangemessenheit ihres Witzes gar nicht mehr auffallen konnte. In diesem Sinne: Lasst unsere Politiker nur Witze machen: Sie verraten dabei vielleicht mehr über sich, als ihnen lieb sein kann.

Allgemeine Lage

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Wie die Zeit vergeht: Über ein Jahr ist mein letzter Eintrag auf dieser Seite alt. Höchste Zeit, mal wieder etwas „Content“ zu produzieren, zumal sich bei mir ein paar Themen angesammelt haben, über die ich gerne schreiben würde. Zum Wiedereinstieg gibt’s ein paar Worte zur Lage der Nation, will sagen, zur aktuellen Nachrichtenlage der queeren Christenheit.

Das Nachrichtenportal queer.de listet in der Rubrik „Glaube“ für dieses Jahr bereits 20 Artikel auf. Die meisten davon beschäftigen sich mit der Katholischen Kirche und ihren mehr oder weniger würdigen Würdenträgern. Das ist nicht weiter verwunderlich: Die schlimmsten homophoben Wortmeldungen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit kommen häufig von römisch-katholischen Bischöfen, aber auch der Meinungskampf zum Thema Homosexualität wird in kaum einer Organisation so offen und so öffentlich geführt wie unter den Katholiken. Der Weg zu einer Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erscheint mir noch sehr weit, aber er wird mittlerweile von katholischen Bischöfen und Theologen aktiv beschritten. Und der Versuch, den katholischen Theologen Ansgar Wucherpfennig wegen eben dieser Haltung aus dem Amt zu entfernen, ist bekanntlich gescheitert.

Als durchaus überzeugter nicht-Katholik beobachte ich die Lage als Außenstehender. Viel näher trifft mich die Situation in der evangelisch-freikirchlichen Welt, zu der queer.de in den letzten zwei Monaten auch bereits vier verschiedene Meldungen herausgebracht hat. Am Anfang dieser Woche entschied sich die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche mit knapper Mehrheit, die bisherige, ablehnende Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen beizubehalten und zusätzlich anders denkenden Pastoren und Gemeinden mit Sanktionen bis hin zum Ausschluss zu drohen. Das Entsetzen gerade unter den europäischen Methodisten scheint groß zu sein. Von einem ungewissen Weg in die Zukunft, ja von Spaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche ist die Rede.

Auch vom Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland gibt es eine neue „Orientierungshilfe“ zum Thema Homosexualität, die Ende letzten Jahres erschienen ist und im Februar in vielen Medien diskutiert wurde. Der evangelische Pfarrer und Theologe Dr. Wolfgang Schürger sieht bei Kreuz & queer einen Schritt in die richtige Richtung und zieht ein überwiegend positives Fazit. Das mit dem Schritt in die richtige Richtung kann ich nachvollziehen, das positive Fazit nicht. Das alte Papier des FeG-Bundes von 2004 enthält ein paar recht offensichtliche Lügen, die sich für mich teilweise am Rand der Verleumdung bewegten. Das neue Dokument ist wesentlich sorgfältiger formuliert, aber deshalb nicht weniger gefährlich. Die neuen Formulierungen ändern nichts daran, dass die vertretenen Thesen krank machend sind und Menschen schweren Schaden zufügen können. Gerade weil allzu offensichtliche Lügen durch plausibel klingende Un- und Halbwahrheiten ersetzt wurden, ist das Dokument schwerer angreifbar und widerlegbar. Ich fürchte, deshalb werden die Inhalte auch von wohlmeinenden Christen eher geglaubt und können damit in der Praxis auch mehr Schaden anrichten.

Mein Eindruck ist allerdings, dass sich das Dokument aber gar nicht so sehr an LGBTQ+-Christen, sondern an anders denkende Pastoren und Gemeindeleitungen richtet. Im Gegensatz zu den Methodisten kann der Bund Freier evangelischer Gemeinden nicht so einfach seine Position nach unten durchregieren, weil die Strukturen andere sind. Dass die Bundesleitung glaubt, ihre Position so wortreich vertreten zu müssen, zeigt schon, dass sie längst nicht mehr von allen Freien evangelischen Gemeinden geteilt wird.

Ich denke da an eine Predigt von Pastor Lars Linder aus der FeG Essen Mitte vom November 2017, die mir sehr nahe gegangen ist. Ich möchte einen Gedanken aus dieser Predigt aufgreifen:

Kirche hat fasziniert, weil sie mit Menschen – die verachtet, stigmatisiert, an den Rand geschoben waren – umgegangen ist in einer Art und Weise, die einzigartig war. (…) Deshalb war Kirche in den ersten Jahrhunderten missionarisch, einladend. Eine Haltung, die Gemeinde Jesu immer wieder neu erkämpfen und erleben lernen muss.

Es geht heute nicht mehr nur darum, ob eine Randgruppe auch ihren Platz am Tisch des Herrn haben darf – auch wenn das allein schon wichtig genug ist. Es geht mittlerweile um deutlich mehr. Es geht um die gesellschaftliche Relevanz, um die ethische Glaubwürdigkeit, um die missionarische Wirksamkeit der christlichen Verkündigung. Wer Schwule und Lesben ins Abseits stellt, stellt sich damit – völlig zurecht – ins gesellschaftliche Abseits und disqualifiziert sich als ethisch-moralische Instanz. Als Beleg seien zwei Zitate aus den Kommentaren bei queer.de angeführt. Zu der Entscheidung bei den Methodisten kommentiert Ralph:

Diese Banden sagen, schwul sein ist unvereinbar mit dem Christentum. Ich aber sage: Das Christentum ist unvereinbar mit Anstand und Vernunft, mit Menschenwürde und Grundrechten, mit Freiheit und Vielfalt.

Und zur „Orientierungshilfe des FeG-Bundes“ schreibt NeverEnding:

Es gibt immer wieder Leute, die meinen, es besser wissen zu wollen. Die keine Fakten kennen und nur ihre eigene Lebenswelt wettschätzen. Die übrigens keine Nächstenliebe umsetzen können.

Die Leser von queer.de sind kein repräsentativer Schnitt durch die Gesellschaft, aber die in diesen Kommentaren vertretene Ansicht ist auch jenseits der queeren Weilt weit verbreitet.

Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther:

Niemandem geben wir auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht verhöhnt werden kann.

Zu viele Christen sehen es leider immer noch als Gütesiegel ihres Glaubens, wenn sie in der Zivilgesellschaft Anstoß erregen. Und zu viele andere Christen spielen dieses Spiel mit, nehmen um des lieben Friedens willen in Kauf, sich in weiten Teilen der Gesellschaft als moralische Instanz zu disqualifizieren. Lieber ein schlechtes Beispiel in Frieden als ein gutes Beispiel im Streit. Ich kann das absolut nachfühlen, aber das macht es nicht besser.

Ich habe den allergrößten Respekt vor den Pionieren der queeren Christenheit, vor einem Günter Baum, einer Valeria Hinck und den vielen anderen, die unter schwierigsten Bedingungen für Toleranz gekämpft haben, als Akzeptanz noch in unerreichbarer Ferne schien. Die Zeiten haben sich – Gott sei Dank – geändert, und ich glaube, es ist an der Zeit, dass die „Verbündeten“, die cis-hetero-Christen sichtbar und laut in diesen Kampf mit einsteigen, ihn vielleicht sogar übernehmen. Denn wenn die Situation der LGBTQ+-Christen so endet, wie in der Zeichnung des nakedpastor David Hayward, ist das nicht nur zum Schaden dieser Menschen, es ist zum Schaden des ganzen Leibes Christi.

Queerer Buchstabensalat

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Ich bin schwul. Das ist ein schöner, kompakter, einfacher Satz, mit dem erst mal vieles gesagt ist – zumindest im Bezug auf das Thema dieser Seite. Aber ich habe auch weibliche Leser, die natürlich, wenn sie sich zu Menschen gleichen Geschlechts hingezogen fühlen, nicht schwul, sondern lesbisch sind. Und dann kommen noch die Menschen beiderlei Geschlechts dazu, die sich in Menschen beiderlei Geschlechts verlieben, also bisexuelle Menschen, und schon haben wir den dritten Begriff.

Damit hätte ich noch nicht mal die verschiedenen sexuellen Orientierungen abgedeckt. Aber wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, gibt es da Menschen, die sind trans, und die möchte ich auch nicht ausschließen, auch wenn es beim trans-Sein weniger um die sexuelle Orientierung als mehr um die eigene sexuelle Identität geht.

Ich könnte jetzt jedesmal lesbisch, schwul, bisexuell und trans schreiben, aber das wäre schon relativ umständlich. Glücklicherweise gibt es dafür eine Abkürzung: LGBT. Die kommt aus dem Englischen, deshalb steht da auch ein G für gay. Man kann auch die deutsche Abkürzung, LSBT, verwenden, aber die sieht man selbst im deutschen Sprachgebrauch relativ selten. Immerhin muss ich mir als Schreibender keine Gedanken machen, ob ich LGBT als el-ge-be-te oder als el-dschi-bi-ti ausspreche.

Das Kürzel LGBT hat viele Vorteile: Es ist kompakt, halbwegs aussprechbar und immerhin so weit verbreitet, dass man es nicht ständig erklären muss. Es hat nur einen großen Nachteil: Es ist unvollständig. Viele Menschen finden sich nicht darin wieder. Das geht schon damit los, dass L, G. B und T sich zunächst mit einem binären Geschlechter-Verständnis begnügen: Da gibt es Mann und Frau und erst mal nichts daneben oder dazwischen. Das gilt auch für viele trans-Menschen, und ich glaube, ich habe erst im Gespräch mit diesen begriffen, wie wichtig die Zugehörigkeit zu einem bestimmten, eindeutigen Geschlecht für einen Menschen sein kann.

LGBT kennt keine intersexuellen Menschen, keine mit nicht-binärem Geschlecht und auch nicht die, die auf sonst irgend eine Weise queer sind. Und um noch mal auf die sexuelle Orientierung zurückzukommen: Man kann ja diskutieren ob Pansexualität (die Orientierung auf Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht) noch von Bisexualität unterschieden werden muss. Keinesfalls ausschließen darf man allerdings asexuelle Menschen, weil gerade diese Leute es verdient haben, als eigenständige Gruppe der sexuellen Orientierung erkannt zu werden, und nicht nur als Menschen mit Mangel an Gelegenheit.

Und dann gibt es noch die vielen, lieben Menschen, die uns nach Kräften unterstützen, obwohl sie sich als cis-binär-heterosexuelle Menschen aus all dem heraushalten könnten, diese wichtigen Verbündeten, englisch Allies genannt.

Versucht man das alles in eine Abkürzung zu gießen, kommt so etwas wie LGBTTQQIAAP heraus. Das ist halbwegs vollständig, aber zugleich völlig unlesbar. Texte, in denen in jedem zweiten Satz ein solcher Buchstabensalat vorkommt, würden weder dem Schreiber noch dem Leser Spaß machen. Und es stellt sich die Frage: Muss das denn alles so kompliziert sein? Müssen wir diese ganzen Gruppen und Bezeichnungen und Buchstaben haben?

Darauf kann es nur eine Antwort geben: Aber ja, natürlich! Zurzeit leben knapp 7,5 Milliarden Menschen, und keine zwei sind gleich. Man könnte so weit gehen zu sagen, es gäbe knapp 7,5 Milliarden unterschiedliche sexuelle Orientierungen und sexuelle Identitäten. Die ganzen Kategorisierungen, wie sie in LGBTTQQIAAP und ähnlichen Abkürzungen ausgedrückt werden, sind notwendige, aber letztlich künstliche Einordnungen. Sie sind notwendig, weil sie uns die Mittel geben, über die Sache zu reden, und weil sie vielen Menschen erst ermöglichen, sich selbst zu finden und zu entdecken und dann das, was sie gefunden und entdeckt haben, anderen zu beschreiben.

Was bleibt, ist ein literarisches Problem. Texte, selbst in bester Absicht geschrieben, sind nutzlos, wenn sie niemand lesen mag oder wenn sie nur mit umfangreichen Erklärungen verstanden werden können. Ich habe mich entschieden, fürs erste bei IGBT oder je nach Textzusammenhang bei IGBTQ+ zu bleiben. Und wenn es möglich ist, will ich versuchen, diese Abkürzung ganz zu vermeiden und andere Beschreibungen zu finden. Ich weiß, dass damit Menschen unerwähnt bleiben, die eigentlich erwähnt werden sollten. Ich habe diese Menschen nicht vergessen, ich gehe hier bewusst einen Kompromiss ein, der mir das Schreiben und anderen das Lesen erleichtern, in vielen Fällen erst ermöglichen soll.

Ich bin schwul. Außerdem bin ich ein binärer cis-Mann. Ich bin dankbar für diese Begriffe, die es mir in wenigen Worten erlauben, meine eigene sexuelle Identität zu charakterisieren. Es gibt so viele solcher Begriffe, und nicht jeder kann in jedem meiner Blog-Einträge eine Rolle spielen. Aber ich habe viele Male erlebt: Immer wenn ich einen neuen dieser Begriffe kennen lerne, hilft er mir, einen Menschen besser zu verstehen.