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Spiegeltest

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Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.

So schreibt Paulus an die Korinther. Und so erlebe ich es auch.

Vor zwei Wochen habe ich darüber geschrieben, wie ich mich bei ProChrist im Jahr 1997 gefühlt habe. Es hat danach noch erschreckende 17 Jahre gedauert, bis ich endlich die Überzeugungen loswerden konnte, die mir Gott immer als einen Gott der Willkür und der Trostlosigkeit erscheinen ließen, erscheinen lassen mussten. Hinterher ist man immer schlauer, und es ist ebenso richtig wie nutzlos, dass ich auf Manches auch deutlich früher hätte kommen können. Aber wenn ich zurück denke, wird mir klar, dass es im Wesentlichen zwei Faktoren waren, die in Kombination den Weg zu neuen Erkenntnissen versperrt haben: Die Bibel und mein Glaube.

Ein fester Glaube ist natürlich eine tolle Sache. Aber Glaube ist eine Sekundärtugend: Er gewinnt seinen Wert nicht aus sich selbst, sondern aus dem Objekt des Glaubens, daraus, woran man glaubt. Der feste Glaube an eine Lüge ist schädlich, ist gefährlich. Und hier kommt Paulus ins Spiel: Woher wissen wir, dass das, an das wir glauben, es wert ist, dass wir daran glauben? Woher wissen wir, dass wir wirklich an biblische Wahrheiten und nicht an Zerrbilder eines minderwertigen Spiegels glauben?

Der Spiegeltest bezeichnet ein Experiment, bei dem Tieren ein Spiegel vorgehalten wird, um zu beobachten, ob sie sich selbst in ihrem Spiegelbild erkennen. Nur wenige Tierarten bestehen diesen Test.

Die Bibel verhält sich wie ein Spiegel. Wenn wir in sie hineinblicken, schauen auch immer unsere eigenen Überzeugungen, unsere eigenen Glaubensgrundsätze auf uns zurück. Dieses Spiegelbild zu erkennen, zu identifizieren und angemessen zu würdigen, gehört zu den schwierigsten (und wichtigsten) Aufgaben auf der Suche nach biblischen Wahrheiten. Der unvoreingenommene Blick auf das Wort Gottes fällt uns viel schwerer, als wir denken, viel schwerer, als wir uns eingestehen wollen.

Viele Bibelausleger bestehen diesen Spiegeltest nicht. Ich habe ihn auch oft nicht bestanden, im Bezug auf Homosexualität, aber auch im Bezug auf viele andere Fragen, die ich an die Bibel hatte. Und ich erkenne, dass ich ihn auch oft nicht bestehen wollte. Glaubensgrundsätze und feste Überzeugungen bieten Halt, bieten Schutz, gerade in Zeiten der Krise, ja der Verzweiflung. Und diesen Schutz infrage stellen, vielleicht aufgeben zu müssen, kann sehr beängstigend sein. Jedenfalls war es das für mich.

Aber was ist, wenn es gerade meine Überzeugungen sind, die mich in Krise und Verzweiflung gestürzt haben? Wenn ich mich daran gewöhnt habe, an etwas zu glauben, was nicht der Wahrheit entspricht? Und wenn ich in der Krise, in die mich diese Unwahrheit gebracht hat, mich nur noch fester, nur noch verzweifelter an meinem Glauben festhalte, weil mich Angst, weil mich Panik ergreift, auch noch den letzten Halt zu verlieren? Genau das ist mir passiert. Und ich habe mein Verhalten für eine Tugend gehalten.

Paulus beschreibt weiter vorne im 1. Korintherbrief eine bemerkenswerte Strategie:

Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten.

Und wir müssen uns mal wieder der Erkenntnis stellen, das alles, was an die Stelle Christi treten will, ein Götze ist. Und das schließt auch Glaubensgrundsätze (selbst richtige) und sogar die Bibel mit ein. Wir sehen nur das undeutliche Bild im trüben Spiegel. Aber Gott kennt uns durch und durch. Er ist der Einzige, der ein unverfälschtes Bild hat. Er muss das Objekt unseres Glaubens sein.

Leider ist Jesus Christus, der Gekreuzigte, so viel schwerer fassbar als Grundsätze und Überzeugungen, und deshalb fühlt sich der Glaube allein an ihn oft so viel weniger nach Halt und Sicherheit an, zumindest für mich. Dabei sollte ich es nach all dem, was ich erlebt habe, viel, sehr viel besser wissen. Und hier kommt doch noch die Tugend des Glaubens ins Spiel, hier ist ein Glaube, an dem mit aller Kraft festzuhalten sich wirklich lohnt.

Es irrt der Mensch, solang er strebt. Damit hat Goethe recht und Paulus liefert die Begründung dazu. Dennoch halte ich Glaubensgrundsätze und Überzeugungen nicht für unwichtig oder gar überflüssig. Sie haben zurecht ihren festen Platz in meinem Leben und in meinem Glauben. Wie ich versuche, mit diesem Widerspruch umzugehen, davon möchte ich nächste Woche schreiben.

Eine Antwort »

  1. somelionsomewitchsomewardrobe

    Die Bibel als Spiegel zu sehen und den Spiegeltest als Metapher heranzuziehen, ob wir uns selbst beim Blick in die Bibel erkennen …das lässt sich weiter übertragen auf unser Verhältnis zu Mitmenschen und Umwelt.

    Auch hier verhält es sich wie bei einem Spiegel: Was wir wahrnehmen, zeigt keine rein objektive Wahrheit, sondern was wir denken, fühlen, sind.
    Ganz egal, ob wir auf schwule Christen, auf Bäume, auf Straßenverkehr, auf Muslime, auf Katzenbabies oder Zahnbürsten schauen, ob wir politische oder religiöse Texte lesen.

    Ich gehe davon aus, dass wir Menschen (mich eingenommen) auch hier allzu oft beim Spiegeltest versagen.
    Das scheint mir menschlich und in den meisten Fällen auch gar kein Problem und eben doch kein Versagen (ebenso wie beim Blick in die Bibel).
    Die Kunst liegt eher darin, sich der Situation im entscheidenden Moment bewusst zu werden: „Ich bin Mensch. Ich kann den Spiegeltest bestehen. Ich weiß, was ich in der Bibel lese, was ich im anderen sehe, das ist teilweise auch mein Spiegelbild.“

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