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Archiv der Kategorie: (Un-)Biblisches

Moral und Regenbogen

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Vor einer Woche war ich zum ersten Mal auf einem Christopher Street Day, und zwar ausgerechnet auf dem in Berlin, einem der größten und buntesten der Republik. Überall Regenbogenfahnen, nicht nur bei den Teilnehmern, sondern auch an vielen Gebäuden in der ganzen Stadt.

Als Symbol der LGBTQ-Community ist diese Fahne knapp 40 Jahre alt. Der Künstler Gilbert Baker hat sie 1978 erschaffen, damals mit acht Farben, von denen jede eine symbolische Bedeutung haben sollte. Leider war ausgerechnet die Symbolfarbe für Sexualität (Pink) mit den damaligen Mitteln nicht industriell herstellbar, Türkis wurde aus Symmetriegründen entfernt, so dass die heutige Fahne mit sechs Farben entstand. Es gibt derzeit Bestrebungen, die Farben Schwarz und Braun zu ergänzen, um auf die Gleichstellung von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe hinzuwirken. Ich glaube aber nicht, dass sich das in Deutschland durchsetzen kann, denn Schwarz ist bei uns vermutlich zu sehr als Trauerfarbe geläufig und Braun, na ja, Braun halt.

Den Regenbogen als Symbol zu verwenden, ist natürlich keine Erfindung von Baker. Er taucht schon sehr früh in der Bibel auf, und zwar in 1. Mose 9 als Symbol des Bundes, den Gott nach der Sintflut mit den Menschen geschlossen hat. Die folgenden Worte sind zwar aus dem achten Kapitel, gehören aber schon dazu:

Und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. So lange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Manche Menschen sehen im Christopher Street Day ein Symbol für den Verfall von Sitte und Moral, für das böse Trachten des Menschen, das auch zur Sintflut geführt hat. Es gab Momente am vergangenen Wochenende, da konnte ich das ein wenig nachvollziehen. Man merkt dem CSD wirklich nicht an, dass die Symbolfarbe für Sexualität aus der Regenbogenflagge entfernt wurde, und manches, was ich gesehen habe, ist mit meiner Vorstellung eines christlichen Lebensstils nicht vereinbar. Aber erstens ist der CSD keine christliche Veranstaltung, und zweitens verkennt der Kritiker, dass Gott in der zitierten Bibelstelle ein Pauschalurteil über alle Menschen abgibt: Das Trachten jedes Menschen ist böse, das des freizügigen CSD-Teilnehmers genauso wie das des zugeknöpften Moralisten.

Die Katastrophe der Sintflut hat doch darin ihre Ursache, dass die Menschheit als Hüter von Moral und Ethik gründlich versagt hat. Glücklicherweise besitzt die Schöpfung ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Dynamik, und Gott hat zugesagt, diese zu bewahren. Ernte folgt der Saat, Sommer dem Winter. Die Vorstellung, Gottes Schöpfungsordnung müsse von Menschen bewahrt werden, ist absurd, die Schöpfung hat ihre eigene Ordnung gut im Griff. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“, schreibt Paulus gleich zwei mal im 1. Korintherbrief. Die Moral menschlichen Handelns erweist sich in ihren Wirkungen: Gutes bring Gutes hervor, Schlechtes erzeugt Schlechtes. Die Schöpfung ist da unerbittlich, sie gehorcht immer ihrer innewohnenden Ordnung und teilt jeder Ursache ihre Wirkung zu, und dass das so bleibt, das hat Gott versprochen.

Diese Ordnung, diese schöpfungsgemäße Moral muss immer neu entdeckt werden, denn sie wird immer neu von den Menschen verdorben, und zwar seit je her. Jede Zeit, jede Gesellschaft hat ihre eigenen Fehler. Wer Moral und Ethik nur in der Weisheit der Vorfahren sucht, ist auch dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen.

Die dunklen, grauen Wolken der Sintflut sind das Ergebnis dieser aufgestauten Fehler. Gott setzt dem doch nicht ohne Grund das bunteste aller Naturphänomene entgegen. Es ist nicht das blendend weiße Licht göttlicher Reinheit, dass die moralische Dunkelheit erhellt. Gott fächert es auf in die bunte, grenzenlose Vielfalt seiner Schöpfung. Diese Vielfalt selbst ist natürlich noch keine christliche Ethik, aber nur in dieser Vielfalt kann sie gedeihen, nur in dieser Vielfalt kann sie erkannt werden.

Wir hatten im vergangenen Jahrhundert in Deutschland zwei Staatsformen, die das öffentliche Leben auf eine Farbe reduzieren wollten. Beide waren Brutstätten von Gewalt und Unrecht. Ich möchte keinesfalls die braunen Gräuel und die roten Untaten gegeneinander aufrechnen, aber sie müssen uns beide eine Warnung sein, wohin Einfarbigkeit eine Gesellschaft führt. Das Bekenntnis zur bunten Schöpfungsvielfalt ist das rechte Mittel dagegen. Dabei spielt es gar keine so große Rolle mehr, ob wir uns unter der Regenbogenflagge von 1978 oder dem viel älteren Symbol des Alten Testamentes versammeln.

Man darf Vielfalt nicht mit Beliebigkeit verwechseln, weder als Wunschbild noch als Bedrohung. Der Disput um moralisch und ethisch richtiges Verhalten darf und muss weitergehen. Nicht alles ist automatisch richtig, nur weil es bunt ist. Aber das Bekenntnis zu schöpfungsgemäßer Vielfalt lässt uns diesen Disput mit gegenseitigem Respekt, Lernbereitschaft und Mut zur persönlichen Veränderung führen. Es erhebt uns über uns selbst und öffnet den Blick zum Anderen.

Nicht alles, was ich auf dem Christopher Street Day gesehen habe, fand ich gut und richtig. Aber seit 1970 habe unzählige CSDs und Pride Parades dazu beigetragen, diese Welt zu einem bunteren, einem lebenswerteren, einem besseren Ort zu machen. Ich kann nichts Schlechtes daran finden, Teil dieser Bewegung zu sein. Nächstes Wochenende bin ich in Nürnberg dabei. Ich freue mich darauf.

Was ich noch hätte sagen sollen …

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Heute an Pfingsten feiern wir die die Ausgießung des Heiligen Geistes an alle Gläubigen. Zu Studentenzeiten sagten wir immer, Gott wolle den Heiligen Geist aus Gießen, denn in dieser Stadt lag die Deutschland-Zentrale unserer christlichen Studentenvereinigung. Andererseits habe ich in Erlangen studiert, und es heißt ja auch: Suchet das Himmelreich zu Erlangen.

Vom Heiligen Geist kann man eigentlich nicht genug haben, auch Paulus ermahnt uns, dass wir uns immer neu von ihm erfüllen lassen. Vielleicht haben wir manchmal aber schon genug und merken es gar nicht. Im Kapitel 10 des Matthäus-Evangeliums sendet Jesus seine Jünger zu einem Dienst auf Probe aus, heute würden wir vielleicht von einem Kurzzeit-Missionseinsatz sprechen. Man muss vorsichtig mit diesem Text umgehen: Manche Anweisungen sind der Besonderheit der Situation geschuldet und stellen keine allgemein gültigen Regeln für Missionare dar. Aber ich bin mir sicher, dass ein Abschnitt in seiner Bedeutung weit über die damalige Situation hinaus geht:

Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet reden, sondern der Geist des Vaters wird durch euch reden.

Ich bin glücklicherweise noch nie wegen meines Glaubens vor Gericht gestellt worden. Für meinen Glauben und meine Überzeugungen rechtfertigen musste ich mich schon oft. Durfte würde ich in manchen Fällen wohl sagen, denn nicht selten, gerade gegenüber Nichtchristen, waren das sehr angenehme Gespräche. In richtigen Rechtfertigungsdruck haben mich – gerade in den letzten Jahren – eher meine lieben Mitchristen gebracht, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Eine Erfahrung habe ich aber bisher in all diesen Gesprächen gemacht: Hinterher fällt mir ein, was ich noch alles Schlaues oder Wichtiges hätte sagen können, wie ich meine Argumente besser hätte untermauern können oder meinen Glauben überzeugender hätte rüberbringen müssen. Je nachdem, wie intensiv oder wie wichtig das Gespräch war, trage ich diese Gedanken noch Tage, manchmal sogar Wochen mit mir herum.

Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist, sich auf derartige Gespräche vorzubereiten. Petrus ermahnt die Empfänger seines ersten Briefes, sie sollen stets bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der sie nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt. Aber mangelnde Vorbereitung ist jetzt nicht wirklich mein Problem: Ich bilde mir ein, mir über viele Fragen schon gründlich Gedanken gemacht zu haben. Andererseits glaube ich ganz entschieden nicht, dass es gut ist, auf jede mögliche Frage eine auswendig gelernte Antwort zu haben.

Dazu kommt, dass gerade diese Grübelei hinterher, was ich hätte besser machen können, besonders unproduktiv und unsinnig ist. Das jeweilige Gespräch ist vorbei und kommt in dieser Form bestimmt nicht wieder. Aber ich glaube, das Problem geht noch tiefer. Diese Form der Selbstkritik ist (zumindest bei mir) auch ein Symptom für mangelndes Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes.

Heute wird in vielen Gemeinden über die Pfingstpredigt des Petrus geredet. Er nutzte damals die Aufmerksamkeit und die Situation. Er redete spontan, aber brillant, und 3.000 Menschen fanden zu Jesus. Wenn Jesus verheißt, dass der Geist des Vaters durch uns redet, stelle ich mir genau das vor. Leider habe ich dergleichen in meinem Leben höchst selten und auch dann nur in Ansätzen erlebt. Spricht sonst der Heilige Geist nicht durch mich?

Zunächst einmal war die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten ein welt- und heilsgeschichtlich einmaliges Ereignis. Dass Gott an so einem besonderen Tag besonders große Wunder tut, sollte nicht verwundern. Dass der Alltag weniger glanzvoll verläuft als der Festtag, ist kein Fehler des Alltags.

Die Verheißung Jesu in Matthäus 10 lautet auch nicht, dass der Geist des Vaters durch mich spricht, und sich alle bekehren werden. Sie lautet nur, dass der Geist des Vaters durch mich spricht. Da ist nicht die Rede von besonderen Wirkungen, dass meine Worte alle überzeugen. Es ist nicht verheißen, dass diese Worte, die der Geist durch mich spricht, irgend eine spezielle Auswirkung haben, ja nicht mal, dass sie überhaupt eine Auswirkung haben. Es ist auch nicht verheißen, dass ich mit dem, was der Heilige Geist durch mich spricht, zufrieden bin, oder dass ich mich dabei gut fühle. Aber in Jesaja, Kapitel 55 spricht Gott:

So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

Und an dieser Stelle muss ich mir einfach eingestehen, dass ich in den wenigsten Fällen auch nur ahne, was Gott mit einem Gespräch bewirken will, und wie das die Worte, die mutmaßlich der Heilige Geist durch mich redet, erreichen sollen. Wenn ich nun hinterher nach besseren Argumenten, nach besseren Worten suche, dann heißt das doch, dass den Worten nicht vertraue, die der Geist des Vaters durch mich bereits gesprochen hat, dass ich dem Vater selbst nicht vertraue, mit genau diesen Worten genau die Wirkung zu erzielen, die er sich für genau dieses Gespräch vorstellt.

Es geht nicht darum, dass ich möglichst brillant und möglichst überzeugend rede. Es geht darum, dass Gott durch mich redet, und dass er auch bestimmt, welche Wirkung dieses Reden haben soll. Ich möchte hier mehr Vertrauen lernen, und dazu gehört auch, dass ich diese „innere Manöverkritik“ nach jedem derartigen Gespräch bei mir abschaffe. Das wird mir nicht leicht fallen, weil sich eben alte Gewohnheiten nicht so einfach abstellen lassen. Aber ich glaube, dass es mein Vertrauen in den stärkt, der jedes Vertrauen verdient.

Sichere Seite

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Vor ein paar Wochen habe ich über Petrus geblogt, und wie Gott in einer Vision die ganzen jüdischen Reinheitsgebote für ungültig erklärt hat. Petrus hat richtig reagiert, er war der Vision gehorsam, nicht den Geboten, und der Segen, den Gott dafür schenkte, war mehr als offensichtlich. Aber Petrus war nicht ohne Fehler, und auch in dieser Sache nicht ohne Rückfall. Paulus beschreibt in seinem Brief an die Galater, wie Petrus und andere in Antiochia sich von bestimmten, konservativen judenchristlichen Kreisen verführen ließen und wieder in alte Verhaltensmuster zurückfielen: Speisevorschriften und Trennung von allen Nichtjuden.

Ich finde, das ist durchaus verständlich. Petrus tat nur, was ihm von klein auf als unumstößliches Gebot Gottes gelehrt wurde. Und die Judenchristen, die die Einhaltung der Gebote verlangten hatten hervorragende Argumente: Das Neue Testament war noch nicht geschrieben. Sie hatten die ganze, damalige Heilige Schrift auf ihrer Seite. Sie kämpften für die Autorität der Bibel als Wort Gottes gegen Zeitgeist und moderne Beliebigkeit.

Paulus hat alles andere als verständnisvoll reagiert, seine Reaktion war sehr heftig: Er wies Petrus, den von Jesus ernannten Felsen der Kirche, öffentlich zurecht. Und an die Christen in Galatien schrieb er in aller Deutlichkeit:

Schuldig mache ich mich dann, wenn ich wieder aufrichte, was ich abgerissen habe.

Der ganze Galaterbrief ist eine Streitschrift gegen die Gesetzlichkeit. Das gilt auch und gerade für die Frucht des Geistes nach Galater 5, Vers 22 und 23. Die Freiheit in Christus ist Kernstück eines jeden christlichen Glaubens, der sich zurecht so nennen darf. Sie ist keine Verhandlungsmasse im Diskurs mit konservativen Kräften.

Und wer diese Botschaft der Freiheit in Christus für Beliebigkeit hält, hat recht: Es ist Gottesbeliebigkeit. Es ist das unumstößliche Recht Gottes, der zu sein, der er ist und so zu entscheiden, wie er entscheidet. Er darf für rein erklären, was er zuvor für unrein erklärt hat. Er darf Gebote erlassen und Gebote abschaffen. Und wenn Gott selbst in unserem Leben Zäune niederreißt, dann darf niemand sie wieder aufrichten, auch nicht mit Blick auf die Gebote und die Heilige Schrift, auch nicht wir selbst.

Das Gesetz ist Teil der Offenbarung Gottes, und wir tun mit Sicherheit gut daran, es zu studieren und daraus zu lernen. Es ist aber nicht Teil der Heilsbotschaft in Jesus Christus, und wer versucht, es dazu zu machen, macht sich schuldig.

Mir wurde heute wieder mal geraten, mich nicht auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung einzulassen, weil das nach Gottes Ordnung und seinen Geboten ins Unglück führen müsse. Ich teile diese Auffassung nicht, aber ich könnte auf Nummer sicher gehen und freiwillig auf eine Beziehung verzichten, aber damit würde ich – mit Paulus‘ Worten – wieder aufrichten, was ich abgerissen habe. Ich würde die Freiheit, die Christus mir geschenkt hat, verleugnen. Ich würde mich schuldig machen.

Es gibt für einen wahren Christen keine sichere Seite. Es gibt nicht die Möglichkeit, lieber ein paar Gebote zu viel einzuhalten, damit man ja nichts falsch macht. Gebote einzuhalten, die Gott abgeschafft hat, ist nicht weniger ungehorsam, als Gebote zu übertreten, die er für gültig erklärt hat. Christsein besteht nicht aus dem Halten von Geboten, Christsein ist die Nachfolge Christi. Dazu hat er uns Christen mit dem Heiligen Geist ausgestattet.

Gegen Ende des Galaterbriefs, nach langen Tiraden gegen die Gesetzlichkeit, schreibt Paulus von der Frucht des Geistes, von Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Alles, was aus der geistlichen Abhängigkeit von Jesus heraus getan wird, trägt diese Kennzeichen. Manche dieser Taten mag geschriebenen Geboten widersprechen, aber nichts davon widerspricht dem Willen Gottes. Gegen all das, so Paulus, steht kein Gesetz.

Ich denke, jeder Christ sollte das Gesetz, wie es in der Heiligen Schrift entfaltet wird, möglichst genau kennen und möglichst viel daraus lernen. Aber Mittelpunkt des Glaubens ist die Nachfolge Christi, wie sie der Heilige Geist führt. Und wer es lernt, sich vom Geist leiten zu lassen, wer die Frucht des Geistes erlebt, für den gibt es kein Gesetz. Petrus hat sich in Antiochia verführen lassen. Er hat die vermeintlich sichere Seite gewählt, die eher zu viel als zu wenig Gebote hält. Er hat das Gesetz über die Nachfolge gestellt. Die sichere Seite kann eine starke Versuchung sein. Vor dieser Versuchung sollten wir uns hüten.

Wenn Gott einfach handelt

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Hunger hat schon zu mancher Revolution geführt, aber nur selten, wenn lediglich eine Person hungrig war. Die Apostelgeschichte berichtet im zehnten Kapitel von einem hungrigen Petrus, der eine Vision vom Essen hat. Von Essen, das für ihn als gläubigen Juden tabu ist, weil es nicht den jüdischen Reinheitsvorschriften entspricht. Es ist aber nicht irgendwer, der Petrus diese verbotene Nahrung anbietet, es ist Gott selbst, der sagt: „Schlachte und iss!“

Gott widerspricht sich. Die ganzen Speisevorschriften, das ganze jüdische Gesetz kommt direkt von ihm. Aus heiterem Himmel und ohne Begründung erklärt er für rein, was er selbst vormals für unrein erklärt hat. Paulus entwirft später eine umfassende theologische Begründung, warum das ganze jüdische Gesetz und damit auch die Reinheits- und Speisegebote plötzlich nicht mehr gelten, aber zwischen der Vision des Petrus und den ersten Paulusbriefen liegen viele Jahre. Wir Menschen brauchen Begründungen, brauchen Logik und überzeugende Argumente, Gott hat das nicht nötig. Die Heiden sollen endlich das Evangelium erhalten, und Gott handelt einfach. Theologie kann warten.

Unter all seinen Jüngern hat Gott den impulsiven Petrus zum Felsen bestimmt, auf den er seine Kirche bauen will. Hier zeigt sich warum, denn Petrus schafft es, all seine Bedenken zur Seite zu schieben, seine Verwirrung und nicht zuletzt den Großteil seiner jüdischen Erziehung. Gott handelt, und Petrus will nicht nur zuschauen. Er will Teil von Gottes Handeln sein, eine aktive Rolle übernehmen, koste es, was es wolle. Das war in jener Nacht auf dem See Genezareth so, als Jesus den Jüngern übers Wasser entgegen kam. Das war bei der Ausgießung des Heiligen Geistes so, als Petrus das Wort ergriff und zu Tausenden von Menschen predigte. Das war auch in der Nacht vor der Kreuzigung so, als Petrus zuerst das Schwert gegen einen Menschen erhob und sich dann in den Hof des Hohen Rates drängte und Jesus verleugnete.

Nicht alles, was Petrus anfasst, wird zu Gold. Manchmal handelt er sich mit seiner Impulsivität und seinem Sich-in-den-Mittelpunkt-drängen auch richtig Ärger ein. Manchmal stürmt er voran, wenn Geduld gefragt ist, und Gott muss ihn wieder einfangen, mitunter sogar recht unsanft. Dennoch ist es nicht einer der Geduldigen unter den Jüngern, einer der gründlich nachdenkt und wohl überlegt handelt, die Gott als Fundament seiner Kirche auswählt. Es ist das Verlangen, mit von der Partie zu sein, wenn Gott handelt, das Petrus antreibt, und das ihn für seine Aufgabe qualifiziert.

Petrus geht mit den Boten mit, die der römische Hauptmann Kornelius entsandt hat. Er geht in dessen Haus und bleibt dort mehrere Tage als Gast. Hinterher muss er sich dafür rechtfertigen. Seine Theologie ist ganz einfach. Er erzählt die ganze, unglaubliche Geschichte und schließt mit dem wunderbaren Satz:

Wer bin ich, dass ich Gott in den Weg treten könnte?

Ich bin nun wahrlich kein Petrus. Ich bin weder so impulsiv, noch so mutig, und spontane Reaktionen erwartet man bei mir meist vergeblich. Ich gehöre eher zu den Menschen, die lieber drei mal gründlich überlegen, bevor sie entscheiden. Das ist ja nicht falsch. Unter den zwölf Jüngern gab es auch nur einen Petrus. Aber den Wunsch, mitten drin zu sein, wenn Gott handelt, den kenne ich sehr gut. Er hat mich schon oft in meinem Leben angetrieben und mir zu einigen meiner tiefsten und beeindruckendsten geistlichen Erlebnissen verholfen.

Leider hat dieser Wunsch bei mir über die Jahre deutlich nachgelassen. Häufig war und bin ich schon zufrieden, wenn Gott mich einfach in Ruhe lässt. Das ist nicht gut, und das soll auch nicht so bleiben. Ich wünsche mir, dass diese Sehnsucht wieder wächst, dass ich bereit bin, mich mitreißen zu lassen, wenn Gott handelt, und dass ich dabei weder Gott noch mir selbst im Weg stehe. Bei aller berechtigter Unterschiedlichkeit: Ich bräuchte mal wieder eine solide Portion Petrus in meinem Leben.

Noch etwas: Petrus hatte sich zum Gebet zurückgezogen, als Gott ihm die Vision schenkte. Dann klicke ich mal auf Publizieren und tue das gleiche …

Läuterung

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In den letzten Wochen habe ich mir öfters Händels Messias angehört. Einer meiner Lieblingssätze ist die Arie mit der Nummer sechs: But who may abide. Das mag auch daran liegen, dass ich ein großer Countertenor-Fan bin und es da hervorragende Einspielungen gibt, wie z. B. die mit Andreas Scholl. Noch mehr beeindruckt hat mich allerdings die zugleich freie und werkgetreue Soul-Gospel-Bearbeitung aus dem Album Handel’s Messiah: A Soulful Celebration mit Patti Austin als Sängerin.

Über die Musik bin ich zum Text gekommen. Händel vertont im Messias eine Sammlung von Bibelstellen, überwiegend aus dem Alten Testament, die ohne weiteren Kommentar ein großartiges und erstaunlich umfassendes Bild des Messias zeichnen. Die Arie bezieht ihr Libretto aus Maleachi 3, Vers 2, wobei der Librettist Charles Jennens den letzten Halbsatz weggelassen hat:

But who may abide the day of His coming, and who shall stand when He appeareth? For He is like a refiner’s fire.

Wer wird aber den Tag seines Kommens ertragen können und wer wird bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers (…)

Die deutsche Übersetzung habe ich der Lutherbibel von 1984 entnommen.

Maleachi verwendet ein Bild aus der Metallurgie seiner Zeit: Die Edelmetalle Gold und Silber werden in der Schmelze in speziellen Tiegeln geläutert, das heißt gereinigt. Verunreinigungen werden durch Zusätze gebunden und sammeln sich an der Oberfläche als Schlacke, dadurch können sie vom Edelmetall getrennt werden. Um wirklich reine Edelmetalle zu bekommen, musste der Vorgang mehrfach durchgeführt werden.

Angewendet auf den Menschen erscheint dieser Vergleich erst mal erschreckend. Im Feuer geläutert zu werden, kann keine angenehme Erfahrung sein, und die Frage, wer da am Tag des Herrn überhaupt noch bestehen kann, ist durchaus berechtigt. Was bleibt von mir noch übrig, wenn Gott eines Tages (oder in Ansätzen auch jetzt schon) alles an mir wegbrennt, was nicht seinem Willen entspricht? Das Bild hat aber für mich auch ein paar sehr ermutigende Aspekte:

Zunächst einmal: Läuterung ist Expertenarbeit. Dabei geht es nicht nur um die chemischen Vorgänge und die dazu nötigen Zusätze, die damals nur ein Fachmann mit viel Erfahrung richtig einschätzen konnte. Selbst die Erzeugung der benötigten Temperaturen war mit der Technologie von vor 2.500 Jahren eine Herausforderung. Reines Silber schmilzt bei 962 °C, Gold bei 1064 °C.

Im Text geht es um die Ankunft des Messias. Er allein ist der Schmelzer, der beim Menschen wirklich Edles von Unedlem zu scheiden vermag. Die Bibel betont immer wieder, wie wichtig es ist, diese Aufgabe ihm zu überlassen, sie verbietet uns über Menschen zu urteilen. Das gilt natürlich in erster Linie im Bezug auf andere Menschen, aber warum sollte das für uns selbst anders sein? Eigentlich dürfte ich das Urteil über mein Leben getrost Gott überlassen, aber tatsächlich ertappe ich mich ständig dabei, wie ich über mich selbst urteile. Häufig sind es sogar nur dumme Kleinigkeiten, schlechte Erinnerungen an eigentlich banales Fehlverhalten, die mich aus der Deckung meiner Gehirnwindungen angreifen und mir nachhaltig die Laune verderben können.

Dahinter steht natürlich die übertriebene Erwartungshaltung eines Perfektionisten, der glaubt, ein massives Gold-Nugget sein zu müssen, und doch wie jeder andere Mensch nur aus mutmaßlich goldhaltigem Erz besteht. Aber große Goldklumpen kommen in der Natur nur extrem selten vor, das meiste Edelmetall gewinnt man aus Erzen, denen man ihren Edelmetall-Anteil nicht so ohne weiteres ansieht. Der Läuterer weiß das natürlich, denn andernfalls bräuchte es seine Arbeit ja gar nicht.

Mehr Verunreinigungen bedeutet natürlich auch mehr Schlacke beim Schmelzen und damit mehr Arbeit. Aber ich glaube, Gott, der Herr, hat sich noch nie vor der Arbeit gedrückt. Die Schlacke wird weggeworfen und vergessen. Es zählt einzig und allein, wie viel reines Edelmetall am Ende zurückbleibt. Wer wird bestehen können, was in meinem Leben wird Bestand haben, wenn der Herr erscheint?

Mit meiner Selbstverurteilung gelingt es mir vielleicht, schon im Voraus ein wenig von dem unedlen Material abzukratzen, bevor der Herr mit seinem großen Schmelzofen kommt. Es wird mir damit nicht im Geringsten gelingen, das Gold zu mehren, ganz im Gegenteil. Selbstverurteilung führt zu Angst vor Fehlern, und die steht, das erlebe ich immer wieder, vielen guten Taten im Wege. Wie Alfred Krupp so schön sagte:

Wer arbeitet, macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht mehr Fehler. Nur wer die Hände in den Schoß legt, macht gar keine Fehler.

Vielleicht zum Abschluss noch eine wichtige Bemerkung: Es gibt auch beim Menschen das, was die Bergleute Taubes Gestein nennen, also unbrauchbares Material ohne nennenswerten Gehalt verwertbarer Stoffe. Ich bin überzeugt: Wenn der Herr wiederkommt, werden Menschen feststellen müssen, dass sie die Läuterung nicht überstehen, dass nach der Abtrennung der Schlacke nichts mehr von ihnen übrig ist. Die einzige Versicherung gegen dieses Schicksal ist, Jesus in seinem Leben zu haben.

Ich habe diese Versicherung abgeschlossen und kann deshalb dem Tag der großen Läuterung halbwegs gelassen entgegengehen. Auf dem Weg dahin würde es mir sehr helfen, wenn ich mir diese stümperhaften Selbstläuterungs-Versuche abgewöhnen und diese Expertenarbeit dem wahren Experten überlassen könnte. Schön wär’s. Wobei: Bei Gott ist nichts unmöglich …

Unterordnung

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Letzte Woche habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob die Bibel eine feste Rangfolge von Mann und Frau in der Ehe vorsieht. Ich möchte das heute anhand einer konkreten Bibelstelle vertiefen. Es geht natürlich um den Epheserbrief, Kapitel 5, ab Vers 21, ein Abschnitt, der in alten Lutherbibeln die Überschrift Die christliche Haustafel trägt.

Das Schreiben ist an die Gemeinde an Ephesus gerichtet, eine bedeutende Hafenstadt in Kleinasien. Die meisten Theologen sehen in dem Brief eine Art Rundschreiben an die Gemeinden der Region. Bei der Auslegung spielt das hier nur eine geringe Rolle; bezüglich der verschiedenen Probleme in der Ehe dürfte es zwischen den angesprochenen Gemeinden nur wenige Unterschiede geben. Paulus gibt hier konkrete Hilfestellungen, wie das Zusammenleben in der Familie unter Christen funktionieren kann.

Er schreibt an Menschen, die noch recht neu im Glauben an Jesus Christus leben. Christen der zweiten oder dritten Generation gab es noch nicht. In der Offenbarung wird den Christen in Ephesus vorgeworfen, die erste Liebe zu Jesus verlassen zu haben. Man kann vermutlich davon ausgehen, dass diese erste Liebe zur Zeitpunkt der Abfassung des Epheserbriefes noch frisch war. Paulus empfiehlt den Ephesern, diese Liebe unmittelbar auf ihre wichtigsten zwischenmenschlichen Beziehungen zu übertragen. Liebe deinen Mann, wie Jesus dich liebt. Liebe deine Frau, wie du von Jesus geliebt wirst. Die Wirkung seiner Worte muss unter diesen Bedingungen unmittelbar und großartig gewesen sein.

Diese unmittelbare Wirkung ist für uns verloren gegangen, und zwar in erster Linie durch den Jahrhunderte langen Missbrauch dieser Bibelstelle zur Unterdrückung von Frauen. Männer in Machtpositionen haben immer wieder die hohen Anforderungen an das Verhalten der Männer ignoriert, die in Paulus‘ Worten enthalten sind, und die Anweisungen an die Frauen verwendet, um ihre Vormachtstellung zu zementieren. Generationen von Christen haben aus einer Motivation zur gegenseitigen Hingabe ein Dokument der Unterdrückung gemacht.

Das heißt nicht, dass diese Stelle uns heute nichts mehr zu sagen hätte, aber wir müssen uns schon deutlich mehr anstrengen, um diesen Schatz zu heben. Dankenswerterweise liefert Paulus den Schlüssel zur Auslegung seiner Worte gleich reichlich mit. Er beginnt seine Ausführungen mit den Worten:

Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.

Euch einander. Jeder unter jeden. Es sollte eigentlich seit der Fußwaschung klar sein, dass das Zusammenleben unter Christen nicht im Sinne Jesu funktioniert, wenn Unterordnung nicht von allen gelebt wird. Das gilt natürlich genauso für die Ehemänner gegenüber ihren Frauen. Dass diese Unterordnung für die Frauen deutlich anders dargestellt wird als für die Männer, ist zum Teil dem Eheverständnis der Zeit zuzurechnen. Dass Paulus in diesem Zusammenhang die herrschenden Verhältnisse als gegeben hinnimmt und nicht hinterfragt, wird mehr als deutlich, wenn man mal ins nächste Kapitel schaut. Dort gibt es nämlich Handlungsanweisungen für Sklaven und ihre Herren. Wer Epheser 5 als Begründung für die Vorherrschaft des Mannes ansieht, muss in Epheser 6 mit gleicher Logik auch die Rechtfertigung von Sklaverei sehen.

Die Unterschiede haben allerdings auch sachliche Gründe. Frauen und Männer sind nun einmal unterschiedlich. Frauen achten im Allgemeinen mehr auf ihr Äußeres als Männer und freuen sich häufig besonders über Wertschätzung in diesem Bereich, wohingegen Männer lieber für ihre Erfolge, für das, was sie erreicht haben, gelobt werden wollen. Und wenn es mal schlechter läuft in der Beziehung, neigen Männer eher dazu, ihre Frauen zu vernachlässigen. Frauen versuchen dagegen häufiger, ihre Männer entsprechend zu ändern. Wer sich die Mühe macht, genau hinzusehen, wird diese Unterschiede in Paulus‘ Worten wiederfinden.

Die direkte Umsetzung geht natürlich nur dann gut, wenn der jeweilige Mann und die jeweilige Frau sich in dieser Beschreibung wiederfindet. Das war damals für fast alle Paare der Fall und trifft auch heute noch auf viele zu. Die Anwendung des Textes jenseits der Geschlechterklischees bereitet aber keine große Mühe: Erfülle die wahren (nicht die vermuteten) Bedürfnisse des Partners und kämpfe aktiv gegen die eigenen Schwächen an. Das gilt für alle Paare unabhängig von ihrer jeweiligen Rollenfindung in der Ehe und natürlich auch unabhängig von geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung. Gleichgeschlechtliche Paare haben den Nachteil, weniger auf vorgegebene Rollenmodelle zurückgreifen zu können. Dafür haben gleichgeschlechtliche Paare den Vorteil, weniger auf vorgegebene Rollenmodelle hereinfallen zu können.

Paulus bildet sich übrigens nicht ein, die Ehe vollständig verstanden zu haben. Wie er in Vers 32 klar macht, bleibt sie ein tiefes Geheimnis. Seine Auslegung ist nur eine, eben seine Annäherung an das Thema. Sie ist sehr hilfreich, wenn man sie in diesem Sinne als Annäherung, als eine mögliche Beschreibung sieht. Sie wird schädlich, ja erdrückend, wenn man sie als die eine, wahre, vollständige Beschreibung der Ehe sieht.

Ich denke, Paulus war sich der Problematik bewusst, als Unverheirateter über die Ehe zu schreiben. Die Welt ist voller Ratschläge von nicht Betroffenen. Unverheiratete, die besser als Eheleute wissen wollen, wie Ehe geht. Heteros, die Schwule und Lesben über das Wesen der Homosexualität belehren. Kinderlose, die Eltern erklären, wie sie ihre Kinder richtig erziehen. Manchmal hat man als Außenstehender einen klareren Blick als die Betroffenen. Deshalb ist es sicher nicht verkehrt, auch auf den Rat dieser Außenstehenden zu hören. Was man von außen aber nie hat, ist das vollständige Bild. Besserwisserei ist von vornherein unangebracht und nie hilfreich. Paulus schreibt als Unverheirateter über die Ehe und verzichtet dabei auf Besserwisserei. Wir sollten darauf verzichten, sie hineinzuinterpretieren. Die Weisheit seiner Worte ist leider durch Jahrhunderte währenden Missbrauch verschüttet worden. Man muss ein wenig graben, um sie zu finden, aber es lohnt sich.

Wir Braut

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Mit Bildern ist das so eine Sache: Jeder sieht etwas anderes.

Die Sprache der Bibel ist – zumindest aus heutiger Sicht – ausgesprochen bildhaft. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. An manchen Stellen versucht die Bibel zu beschreiben, was mit menschlichen Worten nicht beschreibbar ist, in der Offenbarung zum Beispiel. An anderen Stellen wird mit einer bildhaften Sprache eine emotionale Nähe geschaffen, die mit anderen Mitteln nicht erreichbar wäre. Die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn kann man kaum lesen, ohne persönlich berührt zu sein. Andererseits lehrt Jesus auch deshalb in Bildern und Gleichnissen, um Menschen den Zugang zu seiner Botschaft zu erschweren, vielleicht weil sie nicht willens sind, sich auch auf einer emotionalen Ebene auf seine Lehren einzulassen.

Bilder sind zwiespältig: Einerseits ermöglichen sie es uns, eine Sache besser zu verstehen, besser zu durchdringen, andererseits führen sie auch von der Sache weg, beschreiben nicht das Eigentliche, sondern nur eine Analogie. Dadurch haben sie Grenzen. Jedes Bild, jedes Gleichnis kann überstrapaziert werden. Treibt man die Auslegung zu weit, kommt zwangsläufig Unsinn heraus.

Das gilt selbst für die wichtigsten, edelsten Bilder in der Bibel. Wir reden von Gott, dem Vater, und von Gott, dem Sohn, und verwenden dabei ein menschliches Bild, um die Beziehung zwischen der ersten und der zweiten Person des dreieinigen Gottes zu beschreiben. Ich bin überzeugt, dass es kein besseres Bild für diese Beziehung gibt, aber wenn wir im Bezug auf Gott von Vater und Sohn reden, versuchen wir nur eine sehr grobe Annäherung an ein Phänomen, das sich menschlichem Denken und menschlicher Sprache entzieht. Eine grobe Annäherung, die grob falsch wird, wenn wir sie zu weit treiben. Der menschliche Vater ist immer vor dem Sohn da. Der göttliche Sohn ist genauso ewig wie der Vater. Es gab keine Vergangenheit, in der die Dreieinigkeit unvollständig war.

Eine weitere wichtige Beziehung ist die zwischen Jesus Christus und der von ihm berufenen und erlösten Gemeinde. Auch diese Beziehung ist letztlich nach menschlichen Maßstäben und mit menschlichen Worten nicht zu fassen. Das tiefste und beeindruckendste Bild dafür in der Bibel ist das von Jesus als Bräutigam und der Gemeinde als Braut. Auch hier greift die Bibel auf eine der wichtigsten menschlichen Beziehungen zurück, um eine der wichtigsten geistlichen Beziehungen zu beschreiben.

Besonders faszinierend an diesem Vergleich ist, dass er ein beide Richtungen funktioniert: Die Liebe zwischen Christus und der Gemeinde kann die Liebe zwischen Brautleuten (und Ehepartnern) inspirieren und vertiefen. Ebenso haben Verliebte und Verheiratete einen besonderen Schlüssel zum Verständnis der Liebe Christi und zur Vertiefung ihrer Liebe zu ihm. Paulus verwendet das Bild auch tatsächlich in beiden Richtungen.

Schwieriger wird es, wenn man versucht, auf dieser Analogie so etwas wie Moraltheologie zu bauen. Eine eins-zu-eins-Übertragung führt – wie bei jedem anderen Vergleich – zwangsläufig zu Unsinn. Andererseits kann man die einschlägigen Bibelstellen nicht einfach außen vor lassen, nur weil sie bildhaft sind. Wo zieht man als sorgfältiger Ausleger die Grenze?

Kommen wir also auf die Rangfolge zu sprechen. Denn eins ist klar: Christus ist das Haupt der Gemeinde. Er ist der Chef, und die Gemeinde ist ihm Gehorsam schuldig. Und schon haben wir fröhlich ein zweites Bild mit in die Diskussion gebracht, nämlich das von Christus als Haupt und der Gemeinde als Glieder eines Körpers. Lassen sich diese beiden Bilder vermischen? Kommt noch etwas vernünftiges dabei raus, wenn wir es tun?

Für die Leser der Paulusbriefe war eine klare Rangfolge zweifellos ein wesentlicher Bestandteil einer ehelichen Beziehung. Der Mann hat das Sagen, die Frau hat zu gehorchen. Die Gesellschaft war ausgesprochen patriarchalisch und dort, wo sie griechisch geprägt war, häufig extrem frauenfeindlich. Für die Christen des ersten Jahrhunderts war die Frage nicht, ob der Mann über seiner Frau stand, denn das war eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Es ging vielmehr um die Frage, auf welche Weise der Mann diese Rolle ausfüllt. Und hier hat gerade das Vorbild Christi als Haupt der Gemeinde den Ehemännern eine ganze Menge zu sagen.

Die Situation hat sich gewandelt, wir reden von Gleichberechtigung und verankern sie sogar in den Grundrechten, also in die einklagbare Basis des menschlichen Zusammenlebens. Gehen wir hier zu weit? Schreibt uns die Bibel mit dem Vergleich mit Christus und der Gemeine eine Rangfolge vor, die uns in der Gesellschaft verloren gegangen ist?

Eins ist schon mal klar: Wir bewegen uns mindestens am Rande biblischer Botschaft. Wir betrachten nur eine Richtung eines Vergleiches, der in zwei Richtungen gültig ist, wir konzentrieren uns auf einen Teilaspekt eines Vergleiches, der in seiner Bedeutung und Auslegung sehr vielfältig ist, und wir bewegen uns in einem Gebiet, in dem die biblische Botschaft schon stark mit gesellschaftlichen Randbedingungen durchmischt ist. Wer allein aus dem Vergleich mit Christus und der Gemeinde die Rangfolge von Mann und Frau als zwingende, biblische Lehre ansieht, hat den Bereich sorgfältiger und gründlicher Bibelauslegung längst verlassen.

Paulus schreibt an die Galater, dass es unter den Kindern Gottes keine Unterschiede mehr gibt, auch nicht zwischen Mann und Frau. Hier werfen wir einen flüchtigen Blick auf die wirklichen, theologischen Grundlagen. Die Realität im ersten Jahrhundert sieht anders aus. Eine wirkliche Gleichbehandlung von Mann und Frau ist unter den Bedingungen des ersten Jahrhunderts nicht lebbar. Dennoch gibt es unter den ersten Christen erstaunlich viele wichtige, einflussreiche Frauen. Kann es sein, dass Paulus hier einfach ein wenig auf die Bremse treten muss, weil die Botschaft Christi ernst genommen werden soll, und weil sich deshalb die Gemeinde nicht zu sehr von den gesellschaftlichen Realitäten um sie herum entfernen darf?

Fragen über Fragen. Ich werde hier bewusst keine eindeutige Antwort geben, weil ich der Überzeugung bin, dass das Neue Testament als Ganzes diese Antwort nicht liefert. Wir erinnern uns: Die Bibel redet nicht zuletzt deshalb in Bildern und Gleichnissen, um den Unwilligen die Augen zu verschließen. Wer mit Hilfe der Bibel sein überkommenes Eheverständnis zementieren will, wird blind für die biblische Wahrheit. Wer mit Hilfe der Bibel sein modernes und progressives Verständnis der Ehe als einzig richtig verkaufen will, wird ebenso blind für die biblische Wahrheit. Der Reichtum der Bibel erschließt sich für den offenen, lernbereiten Nachfolger, der in der Erfahrung von vor zweitausend Jahren nach der Hilfe für heute sucht. Daran möchte ich mich nächste Woche ein wenig versuchen.

Wir als weltweite, christliche Gemeinde sind die Braut Christi. Ein Bild voller Tiefe, voller Schönheit, voller Liebe. Ein Bild, das es wert ist, in alle Richtungen durchdacht, durchlebt, durchfühlt zu werden. Ein Bild, dessen Wert wir verlieren, wenn wir uns nur auf einen umstrittenen Randbereich konzentrieren.