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Archiv der Kategorie: (Un-)Biblisches

Juda und Tamar, Teil 2

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Die folgenden Gedanken basieren auf meinem letzten Eintrag. Bitte den zuerst lesen. Danke.

Die Geschichte von Juda und Tamar in 1. Mose 38 lebt aus ethischen und philosophischen Vorstellungen, die wir heute für archaisch und menschenverachtend halten. Doch wenn man sich die Mühe macht, die Hülle dieser Vorstellungen abzustreifen, kommen ein paar interessante biblische Werte zum Vorschein, die über die Zeiten hinweg gültig sind.

Da wäre zuerst einmal Onan; er ist der einzige in der Geschichte, der für eine konkret benannte Tat von Gott bestraft wird: Er verweigert Tamar den Nachwuchs, weil der erste Sohn nicht als sein eigener, sondern als Sohn seines verstorbenen Bruders Ger gegolten hätte. Das ist ein recht eigensüchtiges Motiv, insbesondere wenn man bedenkt, was er Tamar damit antat. Ich erinnere daran, wie wichtig es für eine Frau damals war, Kinder zu bekommen, und wie sehr sowohl ihr Selbstwert als auch ihre gesellschaftliche Anerkennung davon abhingen. Onan erniedrigt seine Frau und gibt sie der Erniedrigung durch andere preis.

Auf Ehebruch stand damals in den meisten Fällen die Todesstrafe. Ist es zu weit hergeholt, die Tat Onans als Ehebruch zu definieren und seinen Tod als die von Gott vollstreckte Strafe dazu? Mann könnte sagen: Ehebruch vollzieht, wer seinen Partner oder seine Partnerin bewusst und aus selbstsüchtigen Motiven erniedrigt oder der Erniedrigung durch andere preisgibt. Es ist offensichtlich, dass das klassische Fremdgehen in dieser Definition enthalten ist. Onans Tat ist ganz gewiss kein klassisches Fremdgehen, aber in seiner Auswirkung auf Tamar nicht weniger schlimm und nicht weniger demütigend.

Schon in 1. Mose 2 heißt es, dass ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen wird, eine für die damaligen, patriarchalischen Familienverhältnisse sehr ungewöhnliche Formulierung, die zeigt, wie wichtig der Bibel von Anfang an die Zuwendung der Ehepartner zueinander ist. Und Paulus macht im Epheserbrief deutlich, dass diese Zuwendung zum Ziel haben muss, dass sich der Partner bzw. die Partnerin geehrt und wertgeschätzt fühlt. (Über die speziellen Auslegungsprobleme dieser Bibelstelle habe ich vor längerer Zeit etwas geschrieben.)

Onans Bestrafung stützt die Auffassung, dass Ehebruch im Kern eben nicht in sexuellen Handlungen mit Dritten besteht, sondern in der Demütigung und Erniedrigung des eigenen Partners bzw. der eigenen Partnerin. Das würde heißen, dass auch nicht sexuelle Handlungen als Ehebruch gelten könnten. Das würde auch heißen, dass sexuelle Handlungen, die im Einvernehmen der Ehepartner geschehen, und mit denen sich beide wohl fühlen, kein Ehebruch sein könnten.

Das zweite Thema des Textes ist für mich Sex als Mittel zum Zweck. Tamar hat sich ihr Recht erkämpft, indem sie mit Juda, ihrem Schwiegervater, geschlafen hat. Sie hätte das nicht tun müssen, sie hätte sich ebenso gut zurücknehmen und auf ihr Recht verzichten könnte. Juda tadelt sich selbst, dass Tamar zu solch einem Mittel greifen musste, aber er lobt Tamar, dass sie zu diesem Mittel gegriffen hat.

Kern des Problems ist natürlich ein Defizit bei der Rechtsdurchsetzung: Tamar hätte andere Mittel haben müssen, zu ihrem Recht zu kommen, als mit einem Mann zu schlafen, mit dem sie nicht verheiratet war, und an dem sie kein erotisches oder romantisches Interesse hatte. Wie die #MeToo-Debatte zeigt, ist dieses Problem nicht auf die Antike beschränkt: Noch immer erwarten Menschen mit Macht und Einfluss (meist Männer) sexuelle Zuwendung von anderen Menschen (meist Frauen) als Gegenleistung für lediglich gerechte Behandlung oder angemessene Förderung – von den viel schlimmeren Fällen der Ausnutzung von Abhängigkeiten und Notlagen mal abgesehen.

Juda verhielt sich zu keinem Zeitpunkt sexuell übergriffig. Dass Tamar sich ihr Recht dadurch verschaffen musste, dass sie mit Juda schlief, liegt an den Verhältnissen der Zeit und daran, dass es eben um ihr Recht auf Heirat und ihre Chance auf Kinder ging. Es liegt nicht daran, dass Juda so ein verhalten erwartet oder gar eingefordert hätte. Deshalb darf sein Urteil über sich selbst auch milde ausfallen. Diejenigen Täter, die bewusst und explizit sexuelle Handlungen einfordern, müssen mit aller Schärfe verurteilt werden. Diejenigen Opfer, die sich wehren und den Missbrauch öffentlich machen, müssen unterstützt und für ihren Mut geehrt werden. Das ist alles selbstverständlich.

Es gibt aber eine Konsequenz aus der Bibelstelle, die ich sehr wichtig finde: Diejenigen Opfer, die, wie Tamar, das perfide Spiel mitspielen, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, zu ihrem Recht zu kommen, weil es in ihrer Umgebung keinen anderen Weg für sie gibt zu einer verdienten Karriere oder einer gerechten Anerkennung ihrer Leistungen, diese Menschen haben sich nichts vorzuwerfen. Die Bibel hat kein Urteil für sie, ganz im Gegenteil: In solchen Situationen heiligt der Zweck die Mittel. Wenn es um sexuelle Belästigung oder Übergriffigkeit geht, handelt immer nur eine Seite verwerflich: Es ist immer der Täter, nie das Opfer.

Unter das Thema Sex als Mittel zum Zweck fällt natürlich auch die Prostitution. Ich wäre vorsichtig, aus dem Text Aussagen dazu ableiten zu wollen. Offensichtlich hat die Bibel weder ein Problem damit, dass Juda zu einer Prostituierten geht, noch dass sich Tamar unter den hier doch recht speziellen Umständen als solche anbietet. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es aufgrund der gesellschaftlichen Wertvorstellungen für Juda einfach keine andere Möglichkeit gab: Prostituierte waren damals die einzigen Frauen, denen es erlaubt war, Sex mit Männern zu haben, mit denen sie nicht verheiratet waren. Wie gut, dass wir von solchen Gesellschaftsstrukturen heute weit entfernt sind – zu weit entfernt für mich, um aus diesem Text Aussagen zu aktuellen Formen von Sexarbeit zu entnehmen.

Aber das bringt uns zum dritten Thema: Sex außerhalb der Ehe. Beide, Juda und Tamar, sind verwitwet, es gibt keinen Partner, den sie hintergehen oder demütigen könnten. Für die damalige Gesellschaft war die Situation klar: Juda darf, Tamar nicht. Bei Tamar spielen Gründe eine Rolle, die heutzutage nicht mehr relevant sind, und die ich ja schon im Teil 1 beschrieben habe. Wenn es hier irgend eine sexuelle Reinheit zu verteidigen gäbe, die jenseits antiker Gesellschaftsstrukturen heute noch Relevanz hat, müsste das auch für Juda gelten, nicht nur für Tamar. Und für Juda ist Sex außerhalb der Ehe normal und natürlich; so normal, dass Tamar damit rechnen konnte, dass er jede der seltenen Gelegenheiten, die sich ihm bieten, auch nutzt. Die Bibel sieht darin bei Juda nichts verwerfliches, wieso sollte es das aus heutiger Sicht für Tamar sein? Wieso sollte es das für irgend jemand sein?

Tamar hat außerehelichen Geschlechtsverkehr mit Juda, das ist nach den Wertvorstellungen der damaligen Zeit verwerflich, nach dem Urteil der Bibel nicht. Juda hat Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten, das ist weder für die Wertvorstellungen der damaligen Zeit noch für die Bibel verwerflich. Verwerflich ist, dass Juda Tamar ihr Recht und die Chance auf legitimen Nachwuchs vorenthält. Verwerflich ist, dass Onan mit Tamar keine Kinder zeugen will, aber nicht weil Verhütung verwerflich ist, sondern weil er damit Tamar ihr Recht und die Chance auf legitimen Nachwuchs vorenthält. Und auch das ist nur verwerflich, weil Kinder zu bekommen damals für Selbstwert und gesellschaftliche Anerkennung einer Frau so immens wichtig war.

Wie wichtig das für Tamar war, ist für uns heute kaum nachzuvollziehen, aber mit diesen Unterschieden müssen wir generell rechnen: Was dem Einen sehr wichtig ist, kann dem Anderen völlig unwichtig sein. Allgemeine Regeln können diesen Unterschieden nicht gerecht werden, und wer solche Regeln aus der Bibel ableiten will, wird gerade solchen Geschichten wie der von Juda und Tamar nicht gerecht. Die Bibel stellt immer wieder die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Wertungen. Eine biblische Sexualethik muss dasselbe tun. Die Geschichte von Juda und Tamar liefert dazu wichtige Anhaltspunkte, sie weist in eine Richtung, in die es sich lohnt, weiterzugehen.

Juda und Tamar, Teil 1

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Auch wenn die Bibel Homosexualität im heutigen Sinne gar nicht behandelt, ist sie doch voll von Aussagen über Sexualität und den Umgang damit. Aber diese Aussagen werden vor einem Hintergrund ethischer Werte und philosophischer Vorstellungen gemacht, den wir heute (völlig zurecht) nicht mehr teilen, der aber für eine Auslegung, die dem Text gerecht wird, berücksichtigt werden muss.

Das ist gerade im Neuen Testament besonders schwierig, weil dieser Hintergrund selten explizit genannt wird. In den Evangelien werden Begegnungen mit Jesus erzählt, meist als sehr kleiner Ausschnitt aus einer größeren Lebensgeschichte, von der wir höchstens bruchstückhaft erfahren. Die Briefe enthalten konkrete Anweisungen und Richtlinien für konkrete Situationen – Situationen, die nicht explizit genannt werden müssen, weil sie den Empfängern ja wohlbekannt sind. Das richtige Verständnis neutestamentlicher Sexualethik setzt also Wissen voraus, das aus dem Text selbst nicht gewonnen werden kann.

Das Alte Testament erzählt uns dagegen häufig eine vollständige Geschichte. Der ethisch-philosophische Hintergrund unterscheidet sich zwar noch stärker als im Neuen Testament von unseren Auffassungen heute, ist aber oft deutlicher im Bibeltext selbst zu erkennen und herauszulösen. Ich möchte das mal an der Geschichte von Juda und Tamar versuchen, die in 1. Mose 38 zu finden ist.

Kurz zum Inhalt: Tamar ist die Ehefrau von Judas ältestem Sohn Ger, der jedoch (wegen nicht näher genannten Verstößen gegen den Willen Gottes) vorzeitig und kinderlos stirbt. Nach damaligem Recht bekommt Tamar Gers nächst jüngeren Bruder Onan zum Mann. Dieser verhütet aber durch unterbrochenen Beischlaf, was Gott überhaupt nicht gefällt, weswegen auch er kinderlos stirbt. Als nächster wäre Judas jüngster Sohn Sela dran, aber der ist noch zu jung für die Ehe. Tamar muss erst mal warten.

Nach ein paar Jahren Wartezeit wird klar, das Juda (entgegen geltenden Rechts) nie die Absicht hatte, Sela mit Tamar zu verheiraten. Tamar erfährt, dass Juda, mittlerweile selbst Witwer, zwecks Schafschur unterwegs ist. Sie verhüllt sich, verkleidet sich als Prostituierte und setzt sich an einen Ort, an dem auch Juda erwartet wird. Er schläft auch tatsächlich mit ihr, muss ihr aber unter anderem sein Siegel als Pfand da lassen, da er die versprochene Bezahlung (einen Ziegenbock) nicht zur Hand hat.

Tamar verhindert die Übergabe dieser Bezahlung und behält das Siegel. Als offensichtlich wird, dass sie schwanger ist, soll sie wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs hingerichtet werden, aber mit dem Siegel kann sie beweisen, das Juda der Vater ist. Juda erkennt an, dass Tamar richtig gehandelt hat, weil es Unrecht war, ihr seinen Sohn Sela zu verweigern.

Ich denke, als erstes stolpert der moderne Leser über das Institut der Schwagerehe. Dass eine kinderlose Witwe den nächst jüngeren Bruder ihres verstorbenen Mannes heiraten soll, ist aus heutiger Sicht völlig unverständlich, damals aber geltendes Recht, für das es drei aus damaliger Sicht durchaus nachvollziehbare Gründe gibt:

  • Als erstes geht es um das Erbrecht: Vererbt wird über den ältesten Sohn, und wenn dieser keine Nachkommen hat, ist die Situation unklar und kann zu Streit und Entzweiung in der Sippe führen. Das Ganze ist im Volk Israel von besonderer Wichtigkeit, da hier auch die Landzuteilung an die Stämme durcheinander geraten könnte, die ja geradezu Verfassungsrang hat. In der Schwagerehe ist diese Situation geklärt, weil der erste Sohn aus dieser Ehe als Sohn in erstgeborener Linie gilt.
  • Zweitens spielt der Schutz der Witwe eine große Rolle, denn nach dem Tod ihres Mannes ist sie weder reguläres Mitglied ihrer Herkunftsfamilie, noch der Familie ihres verstorbenen Mannes. In einer Kultur, in der nicht nur das soziale, sondern auch das materielle Überleben einer Frau von ihrer Zugehörigkeit zu einem Familienverband abhängig war, sorgte die Schwagerehe dafür, dass die Witwe weiterhin Teil der Familie ihres verstorbenen Mannes bleiben konnte.
  • Schließlich bestimmte sich Wert und Selbstwert einer Frau in der damaligen Kultur sehr stark anhand ihre Fähigkeit, Kinder zu gebären. Für eine Frau bedeutete eine kinderlose Ehe eine starke Abwertung. Die Schwagerehe gab ihr die Möglichkeit, diesen Makel auszugleichen.

Noch viel schlimmer als die Schwagerehe empfinde ich die ungleiche Behandlung von Juda und Tamar. Beide waren verwitwet, als sie außerehelichen Sex hatten. Für Juda schien das völlig normal zu sein. Tamar hätte ihren gewagten Plan nicht gefasst, wenn sie nicht davon ausgegangen wäre, dass Juda die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nehmen würde. Das war offensichtlich bekannt und gesellschaftlich anerkannt. Juda hätte auch nicht einen Freund mit der Bezahlung beauftragt, wenn er die Tatsache an sich hätte verheimlichen wollen. Er sorgte sich zwar um seinen Ruf, aber nicht weil er Sex mit einer Prostituierten hatte, sondern weil er sie nicht gerecht bezahlen konnte.

Ganz anders bei Tamar: Obwohl in der gleichen Lebenssituation wie Juda stand bei ihr auf außerehelichen Geschlechtsverkehr die Todesstrafe, und zwar weil sie eine Frau war. Diese Ungleichbehandlung ist für uns heute kaum erträglich, hat aber ihre Ursache in der antiken Sicht von Mann und Frau. In einem verbreiteten Vergleich wurde der Mann als Gärtner und die Frau als Garten angesehen. Der Vergleich war durchaus als Wertschätzung der Frau gedacht, weil sie als Trägerin und Bewahrerin ihres Gartens einen besonderen Wert besaß, den Männer nicht hatten. In der Praxis führte dieser Gedanke aber zu der erwähnten Ungleichbehandlung.

Wenn der Mann in einem fremden Garten gärtnert, fügt er nämlich dem eigenen Garten keinen Schaden zu. Und wenn der andere Garten noch einer Prostituierten gehört, ist nach damaliger Vorstellung auch da kein schützenswertes Gut geschädigt worden. Wenn eine Frau aber einen anderen Gärtner in ihren Garten lässt, wird dieser dadurch verunreinigt und entwertet. Für die Zerstörung dieses ihr anvertrauten, hohen Gutes war eine entsprechend harte Strafe vorgesehen. Besonders deutlich wird dies in den unsäglichen Vergewaltigungsgesetzen in 5. Mose 22: Grundsätzlich gibt es dort nur drei Kategorien von Frauen: verheiratete Frauen, verlobte Jungfrauen und nicht verlobte Jungfrauen. Eine Frau, die weder verheiratet noch Jungfrau war, galt offensichtlich nicht als schützenswert, ihr Garten war nach damaliger Ansicht ja sowieso schon quasi verwildert. Bei nicht verlobten Jungfrauen (also wenn kein anderer Mann „geschädigt“ wird) kann eine Vergewaltigung dadurch gesühnt werden, dass der Täter das Opfer heiratet. Das ist nur begreiflich, wenn man der Frau selbst keinen eigenen Wert zumisst, und sie nur noch als Trägerin und Bewahrerin ihres „Gartens“ begreift.

So menschenverachtend das für uns heute auch klingen mag: Dieses Gedankengut ist offensichtlich für die damalige Zeit selbstverständlich gewesen und bildete die Grundlage ethischer Bewertung in der Bibel. Und dieses Gedankengut ist ebenso offensichtlich erst einmal herauszulösen und abzuschälen, wenn in der Bibel von Sexualität die Rede ist, und zwar nicht nur an dieser Stelle, sondern definitiv überall im Alten Testament und mit Einschränkungen auch im Neuen Testament. Ohne diese Betrachtung ist jede Exegese zu diesem Thema wertlos.

Was bleibt dann von so einem Text übrig, was für uns heute anwendbar wäre? Darüber schreibe ich beim nächsten Mal.

 

Die Heiligen Drei Könige

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Gestern war Dreikönigstag. Ursprünglich und eigentlich heißt der Tag Epiphanias, also Erscheinungsfest. Es geht dabei auch nicht darum, dass orientalische Würdenträger in Betlehem erschienen, sondern dass der Messias höchstselbst in der Welt erschienen ist. Viele christliche Kirchen feiern Weihnachten traditionell am 6. Januar.

Dazu passt, dass die drei Könige eine spätere Erfindung sind. Der Evangelist Matthäus schreibt weder von Königen, noch dass es drei gewesen sein sollen. Welcher König würde schon selbst aufbrechen, um in einem unbedeutenden, von den Römern besetzten Land einem neugeborenen König zu huldigen. Für so etwas schickt man seine Botschafter.

Der biblische Text legt so gar nahe, dass die Weisen, wie sie in den meisten deutschen Übersetzungen genannt werden, aus eigenem Antrieb gekommen sind. Es handelt sich um Magier, Sterndeuter, Astrologen. Dass der Stern vor ihnen hergegangen und ihnen so den Weg gezeigt haben sein soll, ist wohl dem jüdischen Schreiber zuzuordnen, der weder Astrologie noch von Astronomie viel Ahnung gehabt haben dürfte. Die Sterndeuter werden wohl eine Konstellation gesehen haben, die für sie eindeutig war, auch wenn wir heute nicht mehr genau nachvollziehen können, welche das gewesen sein soll.

Damit dürfte sich auch das Attribut heilig erledigt haben. Das Urteil der Bibel über Astrologen im Besonderen, Weissager im Allgemeinen, und erst recht über Magier ist eindeutig, eindeutig negativ. Kein Jude bei klarem Verstand hätte diese Gruppe heidnischer Magier als heilig bezeichnet. Da sie aus dem fernen Ausland angereist sind, gebietet die Gastfreundschaft (und die Diplomatie), die Fremden willkommen zu heißen. Hätten Juden derart Astrologie betrieben, wäre nach dem jüdischen Gesetz vermutlich Steinigung die richtige Antwort gewesen.

Ich möchte damit keinesfalls die Tat dieser Weisen klein reden. Sie sind auf eine lange, beschwerliche Reise aufgebrochen, um zu den ersten zu gehören, die den Messias anbeten. Das ist jeder Ehre wert, egal auf welche Weise sie von der Geburt Jesu erfahren und was sie davon wirklich verstanden haben.

In anderer Hinsicht ist es natürlich ein großer Unterschied, ob der neugeborene Jesus von einer Delegation ausländischer Könige oder von einer Gruppe heidnischer Astrologen besucht wird, denn die wahre Geschichte hat auch einen Aspekt, der in der Bibel häufiger vorkommt: Alle kapieren, was Gott großes tut, nur die Juden nicht. Das ganze Buch Jona handelt davon: Es ist voll von Heiden, die die Macht Gottes begreifen und ihr Handeln danach ausrichten, nur der Prophet Jona, der einzige Jude in der ganzen Geschichte, begreift bis zum Ende nicht, was Gottes Herz wirklich bewegt.

Und noch eine populäre Zutat von Weihnachtskrippen schlägt in die gleiche Kerbe: Ochs und Esel kommen in den Weihnachtsgeschichten des Neuen Testamentes nicht vor. Statt dessen basieren sie auf Jesaja 1, Vers 3:

Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.

Anbetung und Geschenke, das ist die Reaktion der Heiden auf den neugeborenen Jesus. Ganz ähnlich reagieren auch die Juden am unteren Rand der Gesellschaft; ich möchte die Hirten hier nicht unterschlagen. Die einzige Antwort des jüdischen Establishment? Der Kindermord des Herodes! Wobei ich jetzt nicht Herodes als typischen Juden hinstellen will. Seine Tat tauchte wohl deswegen kaum in der damaligen Geschichtsschreibung auf, weil rund ein Dutzend getöteter Säuglinge bei den sonstigen Untaten des Herodes nicht weiter ins Gewicht gefallen sind.

Ich schreibe das deshalb, weil die Menschheit, insbesondere der gläubige Teil davon, sich bis heute nicht geändert hat. Die Gewohnheit des Glaubens kann blind machen für das, was Gott wirklich wichtig ist. Manchmal haben gerade die außerhalb stehenden oder die an den Rand gedrängten einen klareren, unverstellteren Blick auf Gott. Wir tun gut daran, gerade auf die Gotteserkenntnis derjenigen zu hören, die unseren Glauben nicht teilen. Die Geisteshaltung eines Jona, der Pharisäer, ja selbst die des Herodes lauert auf uns und will sich unser bemächtigen. Der wertschätzende Blick über den christlichen Tellerrand bewahrt uns davor.

Ich halte absolut nichts von Astrologie. Spätestens seit der Entdeckung des Planeten Uranus müsste eigentlich jedem klar sein, dass die Sterndeuterei menschengemachter Unsinn ist. Wie kann man den Planeten unveränderliche Deutungen zuweisen, wenn sich schon deren Zahl ändert? Trotzdem lässt Gott anlässlich der Geburt seines Sohnes die Astrologen wirkliche Wahrheit erkennen. Der Gott, der sich in der Heiligen Schrift von Anfang bis zum Ende immer wieder gegen Sterndeuterei und Wahrsagerei ausspricht, offenbart sich durch Sterndeuterei und Wahrsagerei.

Ich wohne in der Innenstadt. Sterne sind hier kaum zu sehen, dazu ist es zu hell. Der Blick geht nur selten nach oben zum Himmel, dafür gibt es um mich herum zu viel zu sehen und zu beachten. Sterndeuterei ist für mich keine Gefahr, geistliche Kurzsichtigkeit aber schon. Ich erkenne ein gut Teil Herodes in mir. Keine Angst, ich werde bestimmt keine kleinen Kinder töten, aber auf alles, was meine gewohnten Kreise stört, reagiere ich viel zu oft ängstlich und ungehalten. Ich bitte Gott, dass er meinem Blick die Weite gibt, die sein Wirken auch außerhalb meines begrenzten Horizonts sieht, die Weite, die seiner Größe würdig ist.

Moral und Regenbogen

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Vor einer Woche war ich zum ersten Mal auf einem Christopher Street Day, und zwar ausgerechnet auf dem in Berlin, einem der größten und buntesten der Republik. Überall Regenbogenfahnen, nicht nur bei den Teilnehmern, sondern auch an vielen Gebäuden in der ganzen Stadt.

Als Symbol der LGBTQ-Community ist diese Fahne knapp 40 Jahre alt. Der Künstler Gilbert Baker hat sie 1978 erschaffen, damals mit acht Farben, von denen jede eine symbolische Bedeutung haben sollte. Leider war ausgerechnet die Symbolfarbe für Sexualität (Pink) mit den damaligen Mitteln nicht industriell herstellbar, Türkis wurde aus Symmetriegründen entfernt, so dass die heutige Fahne mit sechs Farben entstand. Es gibt derzeit Bestrebungen, die Farben Schwarz und Braun zu ergänzen, um auf die Gleichstellung von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe hinzuwirken. Ich glaube aber nicht, dass sich das in Deutschland durchsetzen kann, denn Schwarz ist bei uns vermutlich zu sehr als Trauerfarbe geläufig und Braun, na ja, Braun halt.

Den Regenbogen als Symbol zu verwenden, ist natürlich keine Erfindung von Baker. Er taucht schon sehr früh in der Bibel auf, und zwar in 1. Mose 9 als Symbol des Bundes, den Gott nach der Sintflut mit den Menschen geschlossen hat. Die folgenden Worte sind zwar aus dem achten Kapitel, gehören aber schon dazu:

Und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. So lange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Manche Menschen sehen im Christopher Street Day ein Symbol für den Verfall von Sitte und Moral, für das böse Trachten des Menschen, das auch zur Sintflut geführt hat. Es gab Momente am vergangenen Wochenende, da konnte ich das ein wenig nachvollziehen. Man merkt dem CSD wirklich nicht an, dass die Symbolfarbe für Sexualität aus der Regenbogenflagge entfernt wurde, und manches, was ich gesehen habe, ist mit meiner Vorstellung eines christlichen Lebensstils nicht vereinbar. Aber erstens ist der CSD keine christliche Veranstaltung, und zweitens verkennt der Kritiker, dass Gott in der zitierten Bibelstelle ein Pauschalurteil über alle Menschen abgibt: Das Trachten jedes Menschen ist böse, das des freizügigen CSD-Teilnehmers genauso wie das des zugeknöpften Moralisten.

Die Katastrophe der Sintflut hat doch darin ihre Ursache, dass die Menschheit als Hüter von Moral und Ethik gründlich versagt hat. Glücklicherweise besitzt die Schöpfung ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Dynamik, und Gott hat zugesagt, diese zu bewahren. Ernte folgt der Saat, Sommer dem Winter. Die Vorstellung, Gottes Schöpfungsordnung müsse von Menschen bewahrt werden, ist absurd, die Schöpfung hat ihre eigene Ordnung gut im Griff. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“, schreibt Paulus gleich zwei mal im 1. Korintherbrief. Die Moral menschlichen Handelns erweist sich in ihren Wirkungen: Gutes bring Gutes hervor, Schlechtes erzeugt Schlechtes. Die Schöpfung ist da unerbittlich, sie gehorcht immer ihrer innewohnenden Ordnung und teilt jeder Ursache ihre Wirkung zu, und dass das so bleibt, das hat Gott versprochen.

Diese Ordnung, diese schöpfungsgemäße Moral muss immer neu entdeckt werden, denn sie wird immer neu von den Menschen verdorben, und zwar seit je her. Jede Zeit, jede Gesellschaft hat ihre eigenen Fehler. Wer Moral und Ethik nur in der Weisheit der Vorfahren sucht, ist auch dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen.

Die dunklen, grauen Wolken der Sintflut sind das Ergebnis dieser aufgestauten Fehler. Gott setzt dem doch nicht ohne Grund das bunteste aller Naturphänomene entgegen. Es ist nicht das blendend weiße Licht göttlicher Reinheit, dass die moralische Dunkelheit erhellt. Gott fächert es auf in die bunte, grenzenlose Vielfalt seiner Schöpfung. Diese Vielfalt selbst ist natürlich noch keine christliche Ethik, aber nur in dieser Vielfalt kann sie gedeihen, nur in dieser Vielfalt kann sie erkannt werden.

Wir hatten im vergangenen Jahrhundert in Deutschland zwei Staatsformen, die das öffentliche Leben auf eine Farbe reduzieren wollten. Beide waren Brutstätten von Gewalt und Unrecht. Ich möchte keinesfalls die braunen Gräuel und die roten Untaten gegeneinander aufrechnen, aber sie müssen uns beide eine Warnung sein, wohin Einfarbigkeit eine Gesellschaft führt. Das Bekenntnis zur bunten Schöpfungsvielfalt ist das rechte Mittel dagegen. Dabei spielt es gar keine so große Rolle mehr, ob wir uns unter der Regenbogenflagge von 1978 oder dem viel älteren Symbol des Alten Testamentes versammeln.

Man darf Vielfalt nicht mit Beliebigkeit verwechseln, weder als Wunschbild noch als Bedrohung. Der Disput um moralisch und ethisch richtiges Verhalten darf und muss weitergehen. Nicht alles ist automatisch richtig, nur weil es bunt ist. Aber das Bekenntnis zu schöpfungsgemäßer Vielfalt lässt uns diesen Disput mit gegenseitigem Respekt, Lernbereitschaft und Mut zur persönlichen Veränderung führen. Es erhebt uns über uns selbst und öffnet den Blick zum Anderen.

Nicht alles, was ich auf dem Christopher Street Day gesehen habe, fand ich gut und richtig. Aber seit 1970 habe unzählige CSDs und Pride Parades dazu beigetragen, diese Welt zu einem bunteren, einem lebenswerteren, einem besseren Ort zu machen. Ich kann nichts Schlechtes daran finden, Teil dieser Bewegung zu sein. Nächstes Wochenende bin ich in Nürnberg dabei. Ich freue mich darauf.

Was ich noch hätte sagen sollen …

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Heute an Pfingsten feiern wir die die Ausgießung des Heiligen Geistes an alle Gläubigen. Zu Studentenzeiten sagten wir immer, Gott wolle den Heiligen Geist aus Gießen, denn in dieser Stadt lag die Deutschland-Zentrale unserer christlichen Studentenvereinigung. Andererseits habe ich in Erlangen studiert, und es heißt ja auch: Suchet das Himmelreich zu Erlangen.

Vom Heiligen Geist kann man eigentlich nicht genug haben, auch Paulus ermahnt uns, dass wir uns immer neu von ihm erfüllen lassen. Vielleicht haben wir manchmal aber schon genug und merken es gar nicht. Im Kapitel 10 des Matthäus-Evangeliums sendet Jesus seine Jünger zu einem Dienst auf Probe aus, heute würden wir vielleicht von einem Kurzzeit-Missionseinsatz sprechen. Man muss vorsichtig mit diesem Text umgehen: Manche Anweisungen sind der Besonderheit der Situation geschuldet und stellen keine allgemein gültigen Regeln für Missionare dar. Aber ich bin mir sicher, dass ein Abschnitt in seiner Bedeutung weit über die damalige Situation hinaus geht:

Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet reden, sondern der Geist des Vaters wird durch euch reden.

Ich bin glücklicherweise noch nie wegen meines Glaubens vor Gericht gestellt worden. Für meinen Glauben und meine Überzeugungen rechtfertigen musste ich mich schon oft. Durfte würde ich in manchen Fällen wohl sagen, denn nicht selten, gerade gegenüber Nichtchristen, waren das sehr angenehme Gespräche. In richtigen Rechtfertigungsdruck haben mich – gerade in den letzten Jahren – eher meine lieben Mitchristen gebracht, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Eine Erfahrung habe ich aber bisher in all diesen Gesprächen gemacht: Hinterher fällt mir ein, was ich noch alles Schlaues oder Wichtiges hätte sagen können, wie ich meine Argumente besser hätte untermauern können oder meinen Glauben überzeugender hätte rüberbringen müssen. Je nachdem, wie intensiv oder wie wichtig das Gespräch war, trage ich diese Gedanken noch Tage, manchmal sogar Wochen mit mir herum.

Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist, sich auf derartige Gespräche vorzubereiten. Petrus ermahnt die Empfänger seines ersten Briefes, sie sollen stets bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der sie nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt. Aber mangelnde Vorbereitung ist jetzt nicht wirklich mein Problem: Ich bilde mir ein, mir über viele Fragen schon gründlich Gedanken gemacht zu haben. Andererseits glaube ich ganz entschieden nicht, dass es gut ist, auf jede mögliche Frage eine auswendig gelernte Antwort zu haben.

Dazu kommt, dass gerade diese Grübelei hinterher, was ich hätte besser machen können, besonders unproduktiv und unsinnig ist. Das jeweilige Gespräch ist vorbei und kommt in dieser Form bestimmt nicht wieder. Aber ich glaube, das Problem geht noch tiefer. Diese Form der Selbstkritik ist (zumindest bei mir) auch ein Symptom für mangelndes Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes.

Heute wird in vielen Gemeinden über die Pfingstpredigt des Petrus geredet. Er nutzte damals die Aufmerksamkeit und die Situation. Er redete spontan, aber brillant, und 3.000 Menschen fanden zu Jesus. Wenn Jesus verheißt, dass der Geist des Vaters durch uns redet, stelle ich mir genau das vor. Leider habe ich dergleichen in meinem Leben höchst selten und auch dann nur in Ansätzen erlebt. Spricht sonst der Heilige Geist nicht durch mich?

Zunächst einmal war die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten ein welt- und heilsgeschichtlich einmaliges Ereignis. Dass Gott an so einem besonderen Tag besonders große Wunder tut, sollte nicht verwundern. Dass der Alltag weniger glanzvoll verläuft als der Festtag, ist kein Fehler des Alltags.

Die Verheißung Jesu in Matthäus 10 lautet auch nicht, dass der Geist des Vaters durch mich spricht, und sich alle bekehren werden. Sie lautet nur, dass der Geist des Vaters durch mich spricht. Da ist nicht die Rede von besonderen Wirkungen, dass meine Worte alle überzeugen. Es ist nicht verheißen, dass diese Worte, die der Geist durch mich spricht, irgend eine spezielle Auswirkung haben, ja nicht mal, dass sie überhaupt eine Auswirkung haben. Es ist auch nicht verheißen, dass ich mit dem, was der Heilige Geist durch mich spricht, zufrieden bin, oder dass ich mich dabei gut fühle. Aber in Jesaja, Kapitel 55 spricht Gott:

So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

Und an dieser Stelle muss ich mir einfach eingestehen, dass ich in den wenigsten Fällen auch nur ahne, was Gott mit einem Gespräch bewirken will, und wie das die Worte, die mutmaßlich der Heilige Geist durch mich redet, erreichen sollen. Wenn ich nun hinterher nach besseren Argumenten, nach besseren Worten suche, dann heißt das doch, dass den Worten nicht vertraue, die der Geist des Vaters durch mich bereits gesprochen hat, dass ich dem Vater selbst nicht vertraue, mit genau diesen Worten genau die Wirkung zu erzielen, die er sich für genau dieses Gespräch vorstellt.

Es geht nicht darum, dass ich möglichst brillant und möglichst überzeugend rede. Es geht darum, dass Gott durch mich redet, und dass er auch bestimmt, welche Wirkung dieses Reden haben soll. Ich möchte hier mehr Vertrauen lernen, und dazu gehört auch, dass ich diese „innere Manöverkritik“ nach jedem derartigen Gespräch bei mir abschaffe. Das wird mir nicht leicht fallen, weil sich eben alte Gewohnheiten nicht so einfach abstellen lassen. Aber ich glaube, dass es mein Vertrauen in den stärkt, der jedes Vertrauen verdient.

Sichere Seite

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Vor ein paar Wochen habe ich über Petrus geblogt, und wie Gott in einer Vision die ganzen jüdischen Reinheitsgebote für ungültig erklärt hat. Petrus hat richtig reagiert, er war der Vision gehorsam, nicht den Geboten, und der Segen, den Gott dafür schenkte, war mehr als offensichtlich. Aber Petrus war nicht ohne Fehler, und auch in dieser Sache nicht ohne Rückfall. Paulus beschreibt in seinem Brief an die Galater, wie Petrus und andere in Antiochia sich von bestimmten, konservativen judenchristlichen Kreisen verführen ließen und wieder in alte Verhaltensmuster zurückfielen: Speisevorschriften und Trennung von allen Nichtjuden.

Ich finde, das ist durchaus verständlich. Petrus tat nur, was ihm von klein auf als unumstößliches Gebot Gottes gelehrt wurde. Und die Judenchristen, die die Einhaltung der Gebote verlangten hatten hervorragende Argumente: Das Neue Testament war noch nicht geschrieben. Sie hatten die ganze, damalige Heilige Schrift auf ihrer Seite. Sie kämpften für die Autorität der Bibel als Wort Gottes gegen Zeitgeist und moderne Beliebigkeit.

Paulus hat alles andere als verständnisvoll reagiert, seine Reaktion war sehr heftig: Er wies Petrus, den von Jesus ernannten Felsen der Kirche, öffentlich zurecht. Und an die Christen in Galatien schrieb er in aller Deutlichkeit:

Schuldig mache ich mich dann, wenn ich wieder aufrichte, was ich abgerissen habe.

Der ganze Galaterbrief ist eine Streitschrift gegen die Gesetzlichkeit. Das gilt auch und gerade für die Frucht des Geistes nach Galater 5, Vers 22 und 23. Die Freiheit in Christus ist Kernstück eines jeden christlichen Glaubens, der sich zurecht so nennen darf. Sie ist keine Verhandlungsmasse im Diskurs mit konservativen Kräften.

Und wer diese Botschaft der Freiheit in Christus für Beliebigkeit hält, hat recht: Es ist Gottesbeliebigkeit. Es ist das unumstößliche Recht Gottes, der zu sein, der er ist und so zu entscheiden, wie er entscheidet. Er darf für rein erklären, was er zuvor für unrein erklärt hat. Er darf Gebote erlassen und Gebote abschaffen. Und wenn Gott selbst in unserem Leben Zäune niederreißt, dann darf niemand sie wieder aufrichten, auch nicht mit Blick auf die Gebote und die Heilige Schrift, auch nicht wir selbst.

Das Gesetz ist Teil der Offenbarung Gottes, und wir tun mit Sicherheit gut daran, es zu studieren und daraus zu lernen. Es ist aber nicht Teil der Heilsbotschaft in Jesus Christus, und wer versucht, es dazu zu machen, macht sich schuldig.

Mir wurde heute wieder mal geraten, mich nicht auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung einzulassen, weil das nach Gottes Ordnung und seinen Geboten ins Unglück führen müsse. Ich teile diese Auffassung nicht, aber ich könnte auf Nummer sicher gehen und freiwillig auf eine Beziehung verzichten, aber damit würde ich – mit Paulus‘ Worten – wieder aufrichten, was ich abgerissen habe. Ich würde die Freiheit, die Christus mir geschenkt hat, verleugnen. Ich würde mich schuldig machen.

Es gibt für einen wahren Christen keine sichere Seite. Es gibt nicht die Möglichkeit, lieber ein paar Gebote zu viel einzuhalten, damit man ja nichts falsch macht. Gebote einzuhalten, die Gott abgeschafft hat, ist nicht weniger ungehorsam, als Gebote zu übertreten, die er für gültig erklärt hat. Christsein besteht nicht aus dem Halten von Geboten, Christsein ist die Nachfolge Christi. Dazu hat er uns Christen mit dem Heiligen Geist ausgestattet.

Gegen Ende des Galaterbriefs, nach langen Tiraden gegen die Gesetzlichkeit, schreibt Paulus von der Frucht des Geistes, von Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Alles, was aus der geistlichen Abhängigkeit von Jesus heraus getan wird, trägt diese Kennzeichen. Manche dieser Taten mag geschriebenen Geboten widersprechen, aber nichts davon widerspricht dem Willen Gottes. Gegen all das, so Paulus, steht kein Gesetz.

Ich denke, jeder Christ sollte das Gesetz, wie es in der Heiligen Schrift entfaltet wird, möglichst genau kennen und möglichst viel daraus lernen. Aber Mittelpunkt des Glaubens ist die Nachfolge Christi, wie sie der Heilige Geist führt. Und wer es lernt, sich vom Geist leiten zu lassen, wer die Frucht des Geistes erlebt, für den gibt es kein Gesetz. Petrus hat sich in Antiochia verführen lassen. Er hat die vermeintlich sichere Seite gewählt, die eher zu viel als zu wenig Gebote hält. Er hat das Gesetz über die Nachfolge gestellt. Die sichere Seite kann eine starke Versuchung sein. Vor dieser Versuchung sollten wir uns hüten.

Wenn Gott einfach handelt

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Hunger hat schon zu mancher Revolution geführt, aber nur selten, wenn lediglich eine Person hungrig war. Die Apostelgeschichte berichtet im zehnten Kapitel von einem hungrigen Petrus, der eine Vision vom Essen hat. Von Essen, das für ihn als gläubigen Juden tabu ist, weil es nicht den jüdischen Reinheitsvorschriften entspricht. Es ist aber nicht irgendwer, der Petrus diese verbotene Nahrung anbietet, es ist Gott selbst, der sagt: „Schlachte und iss!“

Gott widerspricht sich. Die ganzen Speisevorschriften, das ganze jüdische Gesetz kommt direkt von ihm. Aus heiterem Himmel und ohne Begründung erklärt er für rein, was er selbst vormals für unrein erklärt hat. Paulus entwirft später eine umfassende theologische Begründung, warum das ganze jüdische Gesetz und damit auch die Reinheits- und Speisegebote plötzlich nicht mehr gelten, aber zwischen der Vision des Petrus und den ersten Paulusbriefen liegen viele Jahre. Wir Menschen brauchen Begründungen, brauchen Logik und überzeugende Argumente, Gott hat das nicht nötig. Die Heiden sollen endlich das Evangelium erhalten, und Gott handelt einfach. Theologie kann warten.

Unter all seinen Jüngern hat Gott den impulsiven Petrus zum Felsen bestimmt, auf den er seine Kirche bauen will. Hier zeigt sich warum, denn Petrus schafft es, all seine Bedenken zur Seite zu schieben, seine Verwirrung und nicht zuletzt den Großteil seiner jüdischen Erziehung. Gott handelt, und Petrus will nicht nur zuschauen. Er will Teil von Gottes Handeln sein, eine aktive Rolle übernehmen, koste es, was es wolle. Das war in jener Nacht auf dem See Genezareth so, als Jesus den Jüngern übers Wasser entgegen kam. Das war bei der Ausgießung des Heiligen Geistes so, als Petrus das Wort ergriff und zu Tausenden von Menschen predigte. Das war auch in der Nacht vor der Kreuzigung so, als Petrus zuerst das Schwert gegen einen Menschen erhob und sich dann in den Hof des Hohen Rates drängte und Jesus verleugnete.

Nicht alles, was Petrus anfasst, wird zu Gold. Manchmal handelt er sich mit seiner Impulsivität und seinem Sich-in-den-Mittelpunkt-drängen auch richtig Ärger ein. Manchmal stürmt er voran, wenn Geduld gefragt ist, und Gott muss ihn wieder einfangen, mitunter sogar recht unsanft. Dennoch ist es nicht einer der Geduldigen unter den Jüngern, einer der gründlich nachdenkt und wohl überlegt handelt, die Gott als Fundament seiner Kirche auswählt. Es ist das Verlangen, mit von der Partie zu sein, wenn Gott handelt, das Petrus antreibt, und das ihn für seine Aufgabe qualifiziert.

Petrus geht mit den Boten mit, die der römische Hauptmann Kornelius entsandt hat. Er geht in dessen Haus und bleibt dort mehrere Tage als Gast. Hinterher muss er sich dafür rechtfertigen. Seine Theologie ist ganz einfach. Er erzählt die ganze, unglaubliche Geschichte und schließt mit dem wunderbaren Satz:

Wer bin ich, dass ich Gott in den Weg treten könnte?

Ich bin nun wahrlich kein Petrus. Ich bin weder so impulsiv, noch so mutig, und spontane Reaktionen erwartet man bei mir meist vergeblich. Ich gehöre eher zu den Menschen, die lieber drei mal gründlich überlegen, bevor sie entscheiden. Das ist ja nicht falsch. Unter den zwölf Jüngern gab es auch nur einen Petrus. Aber den Wunsch, mitten drin zu sein, wenn Gott handelt, den kenne ich sehr gut. Er hat mich schon oft in meinem Leben angetrieben und mir zu einigen meiner tiefsten und beeindruckendsten geistlichen Erlebnissen verholfen.

Leider hat dieser Wunsch bei mir über die Jahre deutlich nachgelassen. Häufig war und bin ich schon zufrieden, wenn Gott mich einfach in Ruhe lässt. Das ist nicht gut, und das soll auch nicht so bleiben. Ich wünsche mir, dass diese Sehnsucht wieder wächst, dass ich bereit bin, mich mitreißen zu lassen, wenn Gott handelt, und dass ich dabei weder Gott noch mir selbst im Weg stehe. Bei aller berechtigter Unterschiedlichkeit: Ich bräuchte mal wieder eine solide Portion Petrus in meinem Leben.

Noch etwas: Petrus hatte sich zum Gebet zurückgezogen, als Gott ihm die Vision schenkte. Dann klicke ich mal auf Publizieren und tue das gleiche …