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Fürchte dich nicht

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Am vergangenen Montag griff ein vermutlich Minderjähriger in der Nähe von Würzburg Mitreisende in einem Regionalzug und später eine Passantin an und verletzte fünf Personen, vier davon schwer. Der Angreifer wurde von der Polizei in Notwehr erschossen. Nur vier Tage später, am Freitag, eröffnete ein 18-jähriger in einem Münchner Einkaufszentrum das Feuer, traf dreizehn Menschen, neun davon tödlich, und erschoss sich schließlich selbst.

Ich schreibe heute nicht für die mittelbar oder unmittelbar Betroffenen dieser Taten, nicht für die Opfer und deren Angehörige, nicht für die Augenzeugen oder Helfer. Ich bin weder selbst betroffen, noch kenne ich mich in Notfallseelsorge aus, und ich maße mir nicht an, auch nur annähernd beurteilen zu können, was in den Betroffenen selbst vorgeht. Ich will auch nicht über mögliche Motive und sich daraus ergebende Präventionsmaßnahmen spekulieren. Ich schreibe für den Rest von uns.

Zu oft habe ich in den letzten Wochen die Tagesschau-Eilmeldung zu einem ähnlichen Angriff auf meinem Handy gesehen und dann auf weitere Informationen gewartet. Und je näher die Tatorte waren (von Orlando einmal abgesehen), desto mehr schockieren mich die Taten. Vielleicht sollte es nicht so sein. Ein Menschenleben ist in München nicht mehr wert als in Nizza oder in Ankara oder in Bagdad. Aber räumliche Nähe bedeutet nun mal auch emotionale Nähe, so sind wir Menschen nun mal gestrickt, und mit der räumlichen Nähe kommt auch die Furcht. Ich war noch nie in Nizza oder Ankara oder Bagdad, aber im Zug in der nähe von Würzburg war ich schon oft unterwegs, und auch München habe ich schon häufig besucht. Es hätte zumindest theoretisch auch mich treffen können.

Furcht braucht keine rationale Grundlage. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut polizeilicher Kriminalstatistik 589 Menschen Opfer von Mord oder Totschlag. Im gleichen Zeitraum starben 3.475 Menschen im Straßenverkehr und vermutlich über 50.000 Menschen an einem Herzinfarkt. Ich denke, ich könnte mein Risiko, bei einem Anschlag oder Amoklauf ums Leben zu kommen, schon mit ein wenig mehr Bewegung und besserer Ernährung mehr als kompensieren. Und die Autofahrt nach München ist mit Sicherheit gefährlicher als der Aufenthalt in einem Einkaufszentrum dort oder die gleiche Strecke im Zug.

Furcht ist auch ein schlechter Ratgeber. Sie verdrängt rationale Erwägungen und führt allzu leicht in Panik. Sie ist Nährboden für Extremismus, Hass und Gewalt und macht damit viel mehr Menschen zu Opfern als die Taten, vor denen wir uns fürchten. Die Gefahr, in Deutschland einem Anschlag zum Opfer zu fallen, mag real sein, sie ist aber sehr gering. Sie kann uns blind machen für viele andere, viel größere Gefahren und damit großen Schaden anrichten. Sie kann uns aber auch die Augen dafür öffnen, dass Leben immer bedroht ist.

Ich lebe glücklicherweise in einem Land, in dem die meisten Menschen ein hohes Alter erreichen. Das ist sehr schön, das kann uns aber auch in einer trügerische Sicherheit wiegen. Ein dummer Zufall kann dazu führen, dass ein Mensch dieses hohe Alter nicht erreicht. Einmal zum falschen Zeit am falschen Ort zu sein, genügt schon. Mose betet im Psalm 90:

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Ich habe vielleicht Angst vor dem Sterben, aber eigentlich keine Angst vor dem Tod. Aber von der Klugheit, die aus dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit erwächst, könnte ich durchaus noch etwas mehr gebrauchen. Die Amokläufe dieser Woche hätten jeden treffen können. Sie sind aber nur ein ganz kleines Beispiel für die Gefahren, die menschliches Leben bedrohen. Sie können uns auf diese Gefahren hinweisen, sie können Anlass sein, sich einmal wieder der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden.

Die Antwort darauf lautet nicht Furcht, die Antwort darauf lautet Klugheit, und zwar die Klugheit, die uns hilft, unser Leben richtig auszurichten, unsere Prioritäten richtig zu setzen. Wenn wir das Glück haben, von solchen Taten nur in den Nachrichten zu hören, sind sie eine gute Gelegenheit zu überlegen, was im Leben wirklich zählt. Und wenn wir uns gegen die Furcht entscheiden, können sie uns sogar den Mut geben, entsprechende Entscheidungen zu treffen, um in unserem Leben wirklich etwas zum Besseren zu verändern.

Was wir dabei aber keinesfalls vergessen dürfen, sind die Opfer dieser Verbrechen. Die Selbstreflexion darf uns keinesfalls davon abhalten zu helfen, wo Hilfe bitter nötig ist. Und wenn wir keine Gelegenheit zur praktischen Hilfe haben: Beten kann jeder.

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