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Natürlicher Verkehr

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Von den ganz wenigen Bibelstellen, die sich mit gleichgeschlechtlichem Sex beschäftigen, ist die im Römerbrief die ausführlichste. Wobei ausführlich hier ein relativer Begriff ist, denn es geht um zwei Verse. Dennoch gelten diese beiden Verse als die schärfste Waffe im Arsenal der Gegner gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Es ist also sicher nicht verkehrt, wenn ich mich in diesem Blog einmal mit dieser Bibelstelle auseinandersetze.

Die beiden Verse sind eingebettet in einen längeren Abschnitt (Römer 1, 18 – 32), der in der Lutherbibel mit „Die Gottlosigkeit der Heiden“ überschrieben ist. Die Aussage des Abschnitts ist, grob gesagt, dass Gottes Wesen in seiner Schöpfung erkennbar ist, dass alle, die sich nicht um ihn kümmern, keine Entschuldigung haben, weil sie es besser wissen könnten, und dass Verstöße gegen den in der Schöpfung offenbarten Willen Gottes zwangsläufig negative Folgen für uns habe, vor denen Gott uns nicht bewahrt.

Zur Illustration der letzten Aussage schreibt Paulus im Vers 26 über Sex zwischen Frauen und im Vers 27 über Sex zwischen Männern. Aus dem Textzusammenhang wird deutlich, dass es nicht Paulus‘ Absicht ist, seinen Lesern etwas über die moralischen Implikationen gleichgeschlechtlichen Verkehrs zu sagen. Vielmehr verwendet er einen offensichtlich zu diesem Thema vorhandenen Konsens dazu, um seine viel weiter reichende These mit einem Beispiel zu untermauern. Und deshalb muss man sich als sorgfältiger Ausleger der Bibel erst mal damit beschäftigen, worin dieser Konsens eigentlich besteht.

Das antike Verständnis von Homosexualität ist sehr stark tatorientiert. Männer haben Sex mit Männern, Frauen haben Sex mit Frauen. Es ist sehr stark getrieben von dem Motiv der Lustbefriedigung. Gerade in der römisch-hellenistischen Kultur gehen gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen regelmäßig mit Ehebruch und sexuellen Exzessen einher. Wenn einem das andere Geschlecht nicht reicht, treibt man es eben auch noch mit dem eigenen. Dort, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen moralisch gerechtfertigt werden, macht es das aus christlicher Sicht eher noch schlimmer. Gleichgeschlechtliche Beziehungen dienen zur Zementierung von Macht und Abhängigkeit und angesichts des jugendlichen Knaben als weitverbreitetem erotischen Schönheitsideal als pädagogisch verbrämte Rechtfertigung für sexuellen Missbrauch Minderjähriger.

Angesichts solcher Zustände trifft Paulus unter moralisch gesinnten Menschen auf eine breiten und entschiedenen Konsens der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und kann diese als Beispiel für seine Thesen verwenden. Unser Verständnis von Homosexualität unterscheidet sich jedoch entscheidend von dem der Antike. Es ist bestimmt vom Konzept der sexuellen Orientierung, also von der Idee, dass die Gruppe von Menschen, zu denen ein Individuum eine romantische und erotische Anziehung entwickeln kann, von Natur aus begrenzt ist, und dass es moralisch falsch ist, diese Begrenzung zu überschreiten. Unsere Vorstellung der Freiwilligkeit der Ehe, die basierend auf gegenseitiger Zuneigung geschlossen wird, und unsere strikte Ablehnung jeder Form von Zwangsehen beruht auf diesen Gedanken. Übrigens eine Vorstellung von Ehe, die in der Antike bekannt, aber in der Praxis nicht sehr weit verbreitet war.

Angesichts dieser Hintergründe ist es absurd, Paulus eine explizite Aussage zum Thema sexuelle Orientierung zu unterstellen. Ihm war weder die Unterscheidung zwischen sexuellem Exzess und sexueller Orientierung bekannt, noch konnte er sie innerhalb seiner Kultur überhaupt treffen. Sein Urteil bezieht sich rein auf die realen Verhältnisse in der Gesellschaft seiner Zeit und ist in diesem Rahmen auch völlig richtig.

In diesem Zusammenhang spricht Paulus auch vom natürlichen Verkehr zwischen Mann und Frau. Er ist eingebettet in eine verantwortliche, auf Treue und (im Idealfall) gegenseitiger Wertschätzung beruhenden, exklusiven eins-zu-eins-Beziehung. In der Antike war eine solche Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen kaum denkbar und vor allem in der Praxis nicht lebbar. Paulus unterscheidet also zwischen der natürlichen, ehelichen Beziehung und einer bestimmten Form außerehelicher Beziehung, die in vielerlei Hinsicht wenig mit der ehelichen Gemeinschaft zu tun hatte. Eheliche Beziehungen waren nur zwischen Mann und Frau möglich, und gleichgeschlechtliche Beziehungen waren durch die gesellschaftlichen Verhältnisse immer dem Wesen nach ehefremd.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der diese Unterscheidung aufgehoben ist. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden nach den gleichen ethischen und moralischen Maßstäben wie gemischtgeschlechtliche Beziehungen geführt. Der Automatismus gleichgeschlechtlich gleich ehefremd funktioniert nicht mehr. Natürlicher Geschlechtsverkehr im Sinne von Paulus ist zweifellos eingebettet in eine verantwortliche, auf gegenseitiger Zuneigung basierende Beziehung. So und nur so ist er schöpfungsgemäß.

Geschlechtsverkehr eines schwulen Mannes mit einer Frau oder einer lesbischen Frau mit einem Mann ist dem Wesen nach zutiefst unnatürlich, weil sie der schöpfungsmäßigen Einordnung der Sexualität in eine viel umfassendere Beziehung völlig widerspricht. Die Unterscheidung zwischen natürlich und unnatürlich nach Paulus ist aus heutiger Sicht also entweder eine Unterscheidung nach Art der Beziehung oder nach Geschlecht des Partners. Wer hier den Unterschied zwischen natürlich und unnatürlich auf hetero und homo bezieht, leugnet damit die ethische Relevanz von Zuneigung und gegenseitiger Anziehung und widerspricht unserem heutigen Eheverständnis.

Und wie sieht es mit der Gesamtaussage des Abschnittes aus? Wer sich umsieht in unserer Gesellschaft, trifft auf gleichgeschlechtliche Paare, die die gleichen Probleme haben wie alle andere Paare, die aber auch die gleiche Ergänzung und Erfüllung, das gleiche Glück und den gleichen Segen erleben. Wenn sich Paulus‘ Worte auf verantwortlich gelebte gleichgeschlechtliche Beziehungen anwenden lassen, dann muss das auch für die von ihm beschriebenen Konsequenzen gelten, dann müssen gleichgeschlechtliche Beziehungen grundsätzlich negative Folgen haben, schlecht ausgehen, den Partnern Schaden zufügen. Ein Blick auf die realen Verhältnisse gleichgeschlechtlicher Paare und ein Vergleich mit den Verhältnissen anderer Paare zeigt dieses Bild eindeutig nicht. Wir kommen immer noch aus einer Historie der Verfolgung und Unterdrückung Homosexueller. Gleiche Randbedingungen waren für gleichgeschlechtliche Paare lange unmöglich und sind immer noch bei weitem nicht vollständig erreicht. Aber dort, wo gleiche Voraussetzungen vorhanden sind, zeigen sich auch die gleichen Ergebnisse. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind nicht weniger stabil, nicht weniger erfüllend, nicht weniger glücklich als alle anderen.

Wer in Römer 1, 26 – 27 die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen nach heutigem Verständnis sieht, ignoriert sowohl den Textzusammenhang als auch die zeitgeschichtliche Einordnung und die seither eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen, er leugnet die schöpfungsgemäße Einordnung von Geschlechtsverkehr in eine ganzheitliche Beziehung und verkehrt die Gesamtaussage des Textes ins Gegenteil. Sorgfältige, verantwortungsbewusste Bibelauslegung sieht anders aus.

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