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Schlagwort-Archive: Christ

Beschenkt

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Vor zwei Wochen habe ich unter anderem den Zwischenraum erwähnt. Die letzten Tage war ich auf dem Zwischenraum-Jahrestreffen in Wiesbaden. Mein Plan war, hier nach meiner Rückkehr ein wenig von den Eindrücken zu schreiben, die ich von diesem Treffen mitgenommen habe. Dieser Plan ist gründlich schief gegangen: Es sind einfach viel zu viele.

Ich bin noch völlig überwältigt von der Gemeinschaft, von der gegenseitigen Liebe, die in dieser wunderbaren Gruppe von fast 150 schwulen, lesbischen, bisexuellen und trans*geschlechtlichen Christen erlebt habe. Ich bin überwältigt von der geistlichen Vielfalt, von der Tiefe der Gespräche und von dem kaum beschreibbaren Gefühl, dass ich mich in einer so großen Gruppe von Menschen, die ich wenig oder gar nicht kenne, einfach nur zu Hause gefühlt habe.

Und ich bin überwältigt von Gottes Reden. Er hat die letzten Tage genutzt, um meine drängendsten Fragen zu beantworten. Ich habe mich an Elia am Berg Horeb erinnert. Gott war damals weder im starken Sturm, noch im Erdbeben, noch im Feuer. Er war im sanften Säuseln. Gott hat die letzten Tage unentwegt zu mir gesäuselt, sanft, sehr liebevoll, aber sehr klar und deutlich zu verstehen. Manches davon wird vielleicht hier im Blog noch auftauchen, manches ist dafür zu persönlich und geht nur Gott und mich etwas an.

Aber heute ist ein Teil von mir noch in Wiesbaden bei diesen wunderbaren Menschen, denen ich viel verdanke, und die mich wieder viel näher zu Gott gebracht haben, zu meinem Gott, der es so gut mit mir meint und mich die letzten Tage sehr verwöhnt hat.

Updates

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Ab heute ist die Altersangabe in meinem ersten Eintrag nicht mehr aktuell. Außerdem findet an diesem Wochenende in Nürnberg das Bardentreffen statt, das für mich jedes Jahr ein musikalisches Highlight ist. Ich bin also dieses Wochenende ziemlich beschäftigt, deshalb gibt es heute nur ein paar neue und weniger neue Informationen.

Ich habe mir eine eigene Domain gegönnt. Ab sofort ist Herz im Wandschrank erreichbar unter:

herz-im-wandschrank.com

Tadaaaa! Die bisherige Adresse funktioniert natürlich weiterhin.

Dann möchte ich an dieser Stelle einmal auf den Verein Zwischenraum hinweisen, eine Gruppe homo- und bisexueller und trans*geschlechtlicher Christen mit vielen Regionalgruppen im deutschsprachigen Raum. Ich habe Zwischenraum vor etwa einem Jahr kennengelernt und dort viel Hilfe erfahren.

Leider sind die Regionalgruppen noch recht ungleich und keineswegs flächendeckend verteilt, so dass viele Zwischenraum-Mitglieder und -Freunde lange Wege für ein Treffen auf sich nehmen müssen. Einer dieser weißen Flecken auf der Karte ist der Norden Bayerns. Ich würde gerne im Großraum Nürnberg eine Gruppe gründen. Wer Interesse hat mitzumachen, findet hier die Kontaktinformationen.

Und dann gab es da noch ein Coming Out. Natürlich gab es da in meinem Leben viele davon, aber eines war für mich besonders wichtig und hat letztlich zu diesem Blog geführt. Letztes Jahr am 18. November im Buß- und Bettags-Gottesdienst habe ich mein Herz in die Hand genommen und bin damit vor versammelter Gemeinde aus dem Wandschrank geklettert. Die Tonaufnahme davon habe ich damals auf SoundCloud hochgeladen. Es wird höchste Zeit, dass ich sie hier auch teile:

Catch-22

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Vor ein paar Monaten habe ich schon mal einen Einblick in meine dunkelsten Zeiten gegeben. Gott verlangte anscheinend von mir, auf eine echte Beziehung zu einem Mann kategorisch und für alle Zeiten zu verzichten. Für mich ergab das (zurecht) nicht den geringsten Sinn, und ich sah mich außerstande, diesen Gehorsamsschritt zu tun. Ein Dilemma, das mich in tiefe Verzweiflung geführt hat.

In dieser Zeit besorgte mir ein Freund einen Termin bei einer erfahrenen Seelsorgerin. Ich tat mich damals noch schwerer als heute, über meine Gefühle, über meine Verzweiflung zu reden. Ich tat mein Bestes und erklärte Ihr meine Situation, dass Gott von mir einen Schritt verlangte, den zu gehen über meine Kräfte ging. Frau Erfahrene Seelsorgerin™ erklärte mir, dass sie mir nicht helfen könne, wenn ich nicht zu unbedingtem Gehorsam bereit wäre, und schickte mich weg.

Dieses Gespräch hat dazu beigetragen, zwei Überzeugungen bei mir zu festigen:

  • Trost und Hilfe gibt es bei Gott nur gegen Vorleistung.
  • An meiner trostlosen Situation bin ich selbst schuld.

Diese beiden Überzeugungen haben meine Beziehung zu Gott in den Jahren darauf nachhaltig beeinflusst, und zwar ziemlich zerstörerisch beeinflusst. In der Nähe Gottes erwarteten mich Schuldgefühle und psychischer Druck. Es ist schon ein kleines Wunder, dass ich in dieser Zeit überhaupt noch zuweilen die Nähe Gottes gesucht habe.

Erst Jahre später habe ich allmählich gelernt, auch zu klagen und mit Gott zu streiten, so wie es die Bibel ja an verschiedenen Stellen vorexerziert. Ich habe gelernt, meine Gefühle als das wahrzunehmen, was sie sind, nämlich meine wahren Gefühle. Ich habe gelernt, sehr langsam gelernt, dass Gott dem Menschen begegnen will, der ich tatsächlich bin, und nicht einer bereinigten, beschönigten Version von mir, und dass in einer solchen Begegnung viel Trost liegen kann.

Es war kein Trost, der aus schnellen Lösungen bestand. Es war ein Trost, der damit begann, die Verzweiflung aushalten zu können und aus Gottes Hand nehmen zu können, was mein Leben zerstört. Und der mir dann ganz langsam die Perspektive eröffnete, dass Not und Verzweiflung vielleicht doch nicht Gottes Plan für mein Leben seien – ein langer und schwieriger Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Aber entlang dieses Weges habe ich viel gelernt. Als Christ meint ja man immer, man müsse auf dem Weg des Glaubens schon viel weiter sein. Aber Trost und Hilfe gibt es nicht für Wunschdenken, nicht für die Wegkreuzung, an der ich gern wäre, sondern nur für die Wegkreuzung, an der ich mich tatsächlich befinde, ob es mir nun passt oder nicht.

Wenn wir das nicht beachten, landen wir allzu leicht in einer Situation, die nach einem Roman von Joseph Heller als Catch-22 bezeichnet wird. Hellers Protagonist möchte sich für geisteskrank erklären lassen. Im Roman kann aber nur jemand als geisteskrank erklärt werden, der darum bittet. Und wer das tut, beweist aber gleichzeitig so viel Urteilskraft bezüglich der eigenen geistigen Gesundheit, dass er unmöglich geisteskrank sein kann.

Die Seelsorgerin seinerzeit zeigte mir ein geistliches Catch-22: Um Gott gehorsam zu sein, brauchte ich damals ganz offensichtlich Hilfe. Die Voraussetzung dafür, diese Hilfe bekommen zu können, war aber, Gott gehorsam zu sein. Sie machte Gottes Hilfe von Voraussetzungen abhängig, die damals ganz offensichtlich jenseits meiner menschlichen Möglichkeiten lagen. Trost gibt es nur für die, die ihn gar nicht so dringend brauchen.

Dabei sagt Jesus etwas ganz anderes: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken, und Paulus ergänzt, dass Gott in uns beides bewirkt, das Wollen und das Vollbringen. Als Christen müssen wir den Weg der Heiligung beschreiten. Aber Gott erwartet uns nicht am Ende dieses Weges, sonder am Anfang, wirklich ganz am Anfang, weil er ihn mit uns gemeinsam gehen will, weil wir ohne seine Hilfe nicht einen Schritt tun können.

Wir sind immer noch bei der Jahreslosung aus Jesaja 66, Vers 13, und auch nächste Woche soll es noch mal um dieses Thema gehen. Aber bis dahin: Die Liebe einer Mutter ist bedingungslos, und Liebesentzug gehört nicht zu Gottes Erziehungsmethoden. Catch-22 existiert nur in der beschränkten Welt engherziger Christen, die meinen, Zugangsvoraussetzungen zur Gnade Gottes aufrichten zu müssen, und damit dem tröstenden Gott eigentlich ein ganz schlechtes Zeugnis ausstellen. Denn egal wie dunkel und voll von Not, Verzweiflung und Sünde unser Leben auch sein mag: Gottes Trost kann uns immer und überall erreichen.

Trostlos

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„Wie hältst du’s mit der Religion?“ fragt Gretchen. Faust antwortet ausweichend, und das, obwohl er viel mehr über die Realität der transzendenten Welt weiß als sie. Es geht Gretchen nicht um Wissen, es geht ihr um die persönliche Haltung gegenüber Gott. Und die ist bei Faust längst entschieden, immerhin hat er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ich bin ein großer Fan von Wissen, aber Gretchen hat recht: Unsere persönliche Haltung gegenüber Gott sagt mehr über unseren Glauben als unser Wissen.

Unsere Haltung bestimmt, wie wir Gott erleben, welchen Raum er in unserem Leben einnimmt, welche Bedeutung die Beziehung mit ihm für uns hat. Und vor allem: Ob diese Beziehung zwischen Gott und mir wirklich eine Liebesbeziehung ist. Die aktuelle Jahreslosung zeigt nicht nur die Größe der Liebe Gottes zu uns, sie liefert uns auch einen Gradmesser für diese Liebesbeziehung:

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Und die Gretchenfrage dazu lautet: Findest Du Trost bei Gott?

Über weite Strecken meines Glaubenslebens hätte ich auf diese Frage ebenfalls sehr ausweichend geantwortet, denn die wahre Antwort, die ich aber nicht bereit war zu geben, hätte „Nein“ gelautet. Und ich weiß aus vielen Gesprächen, dass es anderen Christen ähnlich geht. Trost ist kein theologisches Konzept. Trost ist nur real, wenn er als solcher erlebt wird. Und damit ist er ein guter Gradmesser dafür, wie sich die Liebe Gottes wirklich in meinem Leben auswirkt.

Unsere Haltung dazu ist vor allem eine Frage der Priorität. Wie wichtig ist es uns, diese Trost erleben zu können? Und das meine ich nicht im Gegensatz zu verschiedenen „weltlichen Verlockungen“, sonder im Bezug auf andere geistliche Werte, vor allem auf das, was gerne leichtfertig als biblische Wahrheit bezeichnet wird.

Diese biblische Wahrheit verlangte anscheinend von mir als schwulem Christen, auf eine Beziehung zu verzichten. Viele Menschen bleiben unfreiwillig alleinstehend, aber diese Situation ist eine andere: Es geht nicht um unerfüllte Hoffnung, es geht um verbotene Hoffnung. Es geht darum, dass die Hoffnung selbst zur Sünde erklärt wird. Diese Situation ist zutiefst trostlos, und sie hat mich auch tatsächlich von dem Trost Gottes, wie er in der diesjährigen Jahreslosung beschrieben wird, getrennt.

Dabei muss ich ehrlich zugeben: Diese Situation war nicht alternativlos. Ich hatte Kontakt zu Menschen, zu Christen, die sich anders entschieden haben, die bewusst diese angebliche biblische Wahrheit zur Seite geschoben haben, weil sie spürten, dass diese Position zerstörerisch für ihre Beziehung zu Gott ist. Meine Reaktion auf diese Menschen war, auf Abstand zu gehen, teils aus Angst, noch mehr verwirrt und verletzt zu werden, teils aus Neid, weil sie anscheinend das dürfen, was mir verboten war. Aber vor allem, weil ich mich entschieden habe, der Wahrheit zu folgen, egal wie sehr ich darunter leide, wie sehr meine Beziehung zu Gott darunter leidet. Im Rückblick muss ich sagen: Diese Entscheidung war falsch.

Natürlich kann es keine biblische Wahrheit geben, die einen Menschen von Gott weg treibt. Heute weiß ich die Schwächen und Unwahrheiten dieser angeblichen biblischen Wahrheit zu entlarven. Damals hatte ich diese Möglichkeit nicht. Mit den Mitteln, die ich damals zur Verfügung hatte, war dieser Widerspruch für mich unauflöslich. Das gilt für viele theologisch-praktische Fragen bis heute. Unser begrenztes Wissen, unsere begrenzte Erkenntnisfähigkeit führt uns nicht selten in einen scheinbaren, aber dennoch nicht auflösbaren Widerspruch zwischen Bibel und Menschenfreundlichkeit, zwischen göttlicher Wahrheit und göttlicher Liebe.

Wenn wir in solchen Situationen pauschal der Wahrheit den Vorzug geben, sind wir – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht mehr bei Trost. Für Faust hat die Suche nach Wahrheit, nach Erkenntnis oberste Priorität. In seiner verzweifelten Suche danach verkauft er jede Hoffnung auf Freude, auf Trost an den Teufel. Wir müssen unsere Prioritäten unbedingt anders setzen, und unsere oberste Priorität muss die möglichst ungestörte Verbindung, die möglichst ungestörte Liebesbeziehung zu Gott sein.

Das Jahr 2016 ist zur Hälfte vorbei. Ein guter Anlass, sich in den nächsten Wochen noch etwas mehr mit der Jahreslosung auseinanderzusetzen. Und mit der Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Religion? Wie hältst du’s mit der Beziehung zu Gott? Wie hältst du’s mit dem Trost?

#proudtobe

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Diese Woche erschien eine Zeit lang auf Youtube neben dem Logo ein Herz in Regenbogenfarben. Es war Teil und Zeichen einer Kampagne anlässlich des Pride Month in den USA, in der viele Youtuber in ihren Videos erklärten, stolz zu sein auf das, was sie sind.

Beim Wort Stolz klingeln bei vielen Christen die Alarmglocken. Nicht ganz zu unrecht, denn das, was hier mit Stolz gemeint ist, kann leicht mit Hochmut verwechselt werden, und das englische Wort pride lässt sich tatsächlich mit beiden deutschen Wörtern übersetzen. Dabei geht es um zwei grundverschiedene Haltungen.

Der Unterschied lässt sich am besten an einem weiteren Wort erklären: Selbstverwirklichung – ein Schlagwort, das unter Christen häufig mit deutlich negativer Konnotation verwendet wird, und das unter dem üblichen Problem leidet, wenn Worte zu Schlagworten werden: Niemand fragt mehr, was das Wort eigentlich bedeutet. Von welchem Selbst ist hier eigentlich die Rede? Es ist doch naiv anzunehmen, dass bei einem so komplexen Wesen wie dem Menschen der Begriff Selbst plötzlich eine einfache, klar umrissene Bedeutung haben könnte.

Dabei ist das erste Selbstbild des Menschen in der Bibel das des Ebenbildes Gottes, und David betet über den Mensch:

Du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel, mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn.

Das Selbst des Menschen ist also nach Absicht und Tat des Schöpfers der Abglanz der Herrlichkeit Gottes. Ein wirklich erhebender Gedanke, aber er wirft zwei neue Fragen auf: Warum um Gottes Willen soll es schlecht sein, dieses Selbst zu verwirklichen? Und wenn wir wirklich die Herrlichkeit Gottes widerspiegeln, was bleibt dann dabei noch übrig, das verwirklicht werden muss. Nun, es ist offensichtlich entlang des Weges eine Menge schief gegangen, und das nennt die Bibel Sünde. Leider ein Begriff, der mittlerweile so viele Bedeutungsänderungen erfahren hat, dass die ursprüngliche biblische Sicht erst mal aus diesen Zusatzbedeutungen archäologisch ausgegraben werden müsste. Es gibt aber einen vielleicht nicht ganz gleichwertigen, dafür wesentlich verständlicheren Begriff: Entfremdung

Wir kennen das Wort von Karl Marx, wo es natürlich keinerlei geistlichen Bezug hat, aber es ist viel älter und hat auch aus Marx‘ Feder sich nicht in seiner Kernbedeutung verändert. Wir sind von Gott entfremdet, Gott ist uns fremd geworden. Und damit sind wir auch unseren Mitmenschen, unserem gesamten Lebensumfeld und letztlich uns selbst entfremdet. Das göttliche Selbst, das Ebenbild Gottes in uns ist ein Fremdkörper geworden, zu dem wir den Kontakt verloren haben. Die Folgen sind bekanntermaßen verheerend. Gottfried Benn spricht zwar eher vom Verfall des Körpers, sein berühmter Satz trifft trotzdem: Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch.

Von welchem Selbst reden wir nun? Vom entfremdeten Selbst, das (im wahrsten Sinne des Wortes) ichsüchtig mit allen Mitteln zu ersetzen versucht, was es verloren hat? Oder vom Gott ebenbildlichen Selbst, das wir ja doch immer noch sind? Hier tut sich der feine und leicht übersehbare Abgrund auf zwischen Hochmut und Stolz. Hochmut, dem jedes Mittel recht ist, das eigene Ich in den Mittelpunkt zu stellen. Und Stolz, der die Herrlichkeit und Pracht Gottes im eigenen Ich erkennt und jedes Mittel ablehnt, das auch nur einen Schatten darauf werfen könnte. Zwei Haltungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, aber doch sind die Übergänge dazwischen in der Praxis fließend.

Eine besonders augenfällige Eigenschaft der Schöpfung ist ihre überbordende Vielfalt. Sie ist keine zufällige Schwankung, kein Mangel an Reproduzierbarkeit. Sie ist der absichtsvolle Ausdruck des Reichtums und der Kreativität des Schöpfers. Und so bringt es Gott auch fertig, Milliarden von Menschen zu schaffen, alle nach seinem Bild gestaltet, aber alle unterschiedlich. Und auch wenn es viele Gemeinsamkeiten gibt, vieles, was für alle Menschen gleichermaßen gilt: Die Schöpferkraft Gottes findet ihren Ausdruck auch und vor allem in unserer Unterschiedlichkeit.

Die Videos mit dem Hashtag #proudtobe feiern diese Unterschiedlichkeit als Reichtum. Nur wenige loben dabei ausdrücklich den Schöpfer als Quelle dieses Reichtums, aber ich glaube, dass Gott auch gerne ein Lob für seine Schöpfung annimmt, wenn es nicht direkt an ihn gerichtet ist. Und sie feiern diese Unterschiedlichkeit nicht als Besitz, den sie haben, sondern als Gabe, die es zu entdecken und zu gestalten gilt, und für deren Entfaltung es sich auch zu kämpfen lohnt. #proudtobe steht nicht für Hochmut, sondern für Stolz; für Selbstverwirklichung im besten, christlichsten Sinne, nämlich dafür, die von Gott in uns angelegten Schöpfungsgedanken zu entdecken, zu entfalten, Wirklichkeit werden zu lassen.

Natürlich geht es bei der Youtube-Kampagne in erster Linie um die Vielfalt an sexuellen Identitäten. Das ist nur ein Teilaspekt des Reichtums in Gottes Schöpfung, aber eben ein wichtiger, zurecht viel diskutierter Teilaspekt. Natürlich geht es in erster Linie um die Sicht der Minderheiten, aber es sind ja gerade die Minderheiten, die diese Vielfalt ausmachen und den Reichtum des Schöpfers sichtbar werden lassen. Und damit bringe ich mich selbst ins Spiel. Als schwuler Cis-Mann gehöre ich unter den Minderheiten noch zu einer der größten Gruppen. Aber gerade meine homosexuelle Orientierung ist Teil des Reichtums und der Vielfalt in der Schöpfung. Sie ist Schöpfungsgedanke Gottes über mich, mir absichtsvoll und vertrauensvoll von einem liebenden Schöpfer mitgegeben, damit ich sie verantwortungsvoll zur Ehre Gottes entfalte. Ich versuche zumindest, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Und dazu gehört auf jeden Fall:

Ich bin stolz, schwul zu sein.

Schuldbekenntnis

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Bei dem Massaker in Orlando im US-Bundesstaat Florida am 12. Juni 2016 wurden 49 Menschen getötet und 53 verletzt. Damit ist es das folgenschwerste Attentat in den Vereinigten Staaten seit den Anschlägen vom 11. September 2001, der gravierendste einzelne Gewaltakt gegen Homosexuelle und eines der verheerendsten Massaker in der Geschichte des Landes.

So steht es heute, eine Woche danach, in der Wikipedia. Streng genommen sind es 50 Tote, der Attentäter wurde von der Polizei getötet. Ich möchte hier nichts verharmlosen, angesichts der ungeheueren Schwere seiner Schuld kann ich ihn nicht zu den Opfern zählen. Aber es erscheint wahrscheinlich, dass der abgrundtiefe Hass gegen Schwule und Lesben, der ihn zu dieser beispiellosen Tat getrieben hat, im Kern Selbsthass war.

Ein Anschlag dieses Ausmaßes wäre zurzeit wohl ohne einen gewissen islamistischen Hintergrund nicht denkbar, und was Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben betrifft, nehmen die islamischen Staaten zweifellos eine sehr traurige Spitzenposition ein. Aber Homophobie ist kein Phänomen, das sich auf den Islam beschränkt. Der Kampf gegen Ausgrenzung und Diskriminierung Homosexueller ist eine Menschenrechtsfrage, und die katastrophale Lage sexueller Minderheiten in islamischen Staaten ist Teil einer allgemein katastrophalen Menschenrechtslage in diesen Ländern.

In der westlichen Welt wird der Kampf gegen diese Menschenrechte vor allem mit christlichem Hintergrund geführt. Seit der Gleichstellung der Ehe vor knapp einem Jahr sind in den USA über 200 Bundesstaatsgesetze erlassen worden, die die Diskriminierung sexueller Minderheiten erleichtern oder sogar zum Inhalt haben. Es würde mich sehr wundern, wenn auch nur eines davon von einer muslimischen Interessengruppe durchgebracht worden wäre.

In Deutschland hat die Bundeskanzlerin Tage gebraucht, um die Zielgruppe des Massakers auch nur zu benennen. Zuvor hat sie von einem Anschlag auf die offene Gesellschaft geredet, von einer offene Gesellschaft, die für Schwule und Lesben auch in Deutschland in dieser Form nicht existiert. Frau Merkel hat sich in ihrer Amtszeit aktiv gegen diese offene Gesellschaft eingesetzt und musste sich dabei mehrfach vom Bundesverfassungsgericht über die Konsequenzen unserer freiheitlicher Verfassung bezüglich der Rechte Schwuler und Lesben belehren lassen.

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland und Präsident der Vereinigung evangelischer Freikirchen, empört sich nicht über den Anschlag an sich, sondern nur über zwei Kommentatoren, die einen solchen Anschlag auch aus dem evangelikalen Fundamentalismus heraus für möglich erachten. Angesichts 49 toter Schwulen und Lesben wendet er sich gegen die Diffamierung von Christen und fordert sie dazu auf, fröhlich ihren Glauben (an die Sündhaftigkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen) zu bekennen.

Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer Ablehnung sät, wird Hass ernten. Wer Diskriminierung sät, wird Gewalt ernten. Auch Hass und Gewalt brauchen moralische Rechtfertigung, und Attentäter halten ihre Taten regelmäßig für berechtigt und sogar für gut. Das Massaker in Orlando hebt sich in seiner abgrundtiefen Schlechtigkeit weit ab von der alltäglichen Anfeindung und Diskriminierung, die Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle erfahren. Aber es wäre ohne diese Alltagsdiskriminierung nicht denkbar. In einer Gesellschaft. in der gleichgeschlechtliche Beziehungen von allen Seiten als normal und alltäglich angesehen werden, findet der Hass der Attentäter keinen Nährboden.

Deshalb bereiten auch Angela Merkel und Ansgar Hörsting den Nährboden für Hass und Gewalt, auch für Gewalttaten wie die in Orlando. Damit sind sie nicht allein. Auch ich habe meinen Beitrag zur Alltags-Homophobie geleistet und bin damit, wenn auch hoffentlich nur zu einem sehr geringen Maß, mitverantwortlich für die Tat und die Opfer. Und es wird höchste Zeit für mein Schuldbekenntnis:

Für zwanzig Jahre meines Lebens habe ich Schwulen und Lesben aktiv den Platz in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens, vor allem des christlichen Lebens verweigert. Ich habe sie als krank bezeichnet und wirkungslose, gefährliche Therapien empfohlen. Ich habe ihre Beziehungsfähigkeit und moralische Integrität in Frage gestellt. Ich habe die Bibel verwendet, um gegen Menschenrechte, gegen Menschlichkeit, gegen Menschen vorzugehen. Ich habe Leiden verlängert, Verzweiflung hervorgerufen, Vertrauen auf Gott verhindert. Und bis heute mache ich mich der Sünde des Unterlassens schuldig. Ich setze mich zu wenig aktiv, zu wenig mutig gegen Diskreditierung und Diskriminierung der Randgruppe ein, der ich selbst angehöre.

Die meisten dieser Sünden richteten sich gegen mich. Es erleichtert mein Gewissen, dass ich selbst mein größtes Opfer war, es macht aber meine Worte und Taten nicht weniger schlimm, nicht weniger sündig. Und ich habe auch meine Meinungen und Überzeugungen verbreitet und Gleichgesinnte unterstützt. Auch wenn ich aus meiner Erinnerung kein konkretes Opfer meiner Taten benennen könnte: Das heißt nicht, dass ich nicht auch einzelnen Menschen konkret geschadet habe. Mit Sicherheit habe ich zur homophoben Stimmung in Gemeinde und Gesellschaft, zur Alltagshomophobie beigetragen. Und nicht zuletzt habe ich Gottes Güte zu wenig vertraut. Ich habe zu wenig vertraut, dass er Lösungen bieten kann, wo Menschen nur Gebote sehen, dass seine Größe, Kreativität und seine Liebe nicht durch meine Vorstellungskraft begrenzt wird. Ich habe, privat und öffentlich, Gott schlechtgemacht und seinen Ruhm geschmälert.

Ich bekenne meine Schuld, und ich bitte Gott und die LGBT-Community um Vergebung.

Zumutbarkeit

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Heute startet in meiner Gemeinde ein faszinierendes evangelistisches Projekt. Sechs Wochen lang soll sich alles darum drehen, wie wir unseren Freunden und Bekannten Jesus näher bringen. Es gibt dabei keine der üblichen evangelistischen Predigten, keine durchgeplanten Evgangelisationsveranstaltungen und erst recht nicht dieses Kühlschränke-an-Eskimos-verkaufen, das Kennzeichen so vieler Evangelisationsversuche ist. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man die frohe Botschaft so an Freunde weitergeben kann, dass es zu einem selber passt und zu den Freunden. Eine tolle Aktion. Trotzdem weiß ich nicht so recht, wie ich mich daran beteiligen soll.

Um hier keine Zweifel aufkommen zu lassen: Jesus ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Wenn ich mir bei allem, was ich mit ihm und wegen ihm durchgemacht habe, die Frage stelle, ob es das wert war, ist die Antwort ein klares und eindeutiges Ja. Aber ich habe viel mit ihm durchgemacht und kann das nicht einfach so ignorieren. Und wenn ich mich ehrlich frage, ob ich all das auch einem meiner Freunde zumuten möchte, muss ich mit Nein antworten.

Man sagt ja immer, Computer würden nur die Probleme lösen, die man ohne sie gar nicht hätte. Vieles von dem, was ich mit Jesus erlebt habe, fällt in eine ganz ähnliche Kategorie. Ohne die damals gängige Bibelauslegung und ohne meine Liebe zu Jesus hätte ich mit Mitte zwanzig begonnen, mich nach einem Lebenspartner umzusehen, und nicht erst mit Mitte vierzig. Zwanzig Jahre geistlich begründete Selbstablehnung wären mir vermutlich erspart geblieben, und viele der verzweifelten Kämpfe, in denen mein letzter Halt Jesus war, hätte ich ohne ihn gar nicht erst kämpfen müssen.

Mir ist sehr bewusst, dass die Suche nach dem „Schuldigen“ mich ebensowenig weiter bringt wie was-wäre-wenn-Phantastereien. Aber meine persönliche Glaubensgeschichte ist so, wie sie ist, und wenn es darum geht, Freunden von Jesus zu erzählen, kann man die eigene Geschichte nicht außen vor lassen. Nicht, dass ich nicht darüber reden möchte. Wie Petrus das in seinem ersten Brief fordert, bin ich gerne bereit, jedem, der es hören will, von mir und meinen Erlebnissen mit Jesus zu berichten. Mir macht das jedes Mal großen Spaß, und ich glaube, ich mache das auch gar nicht schlecht. Ich habe nur im Moment das deutliche Gefühl, das ich nichts zu erzählen habe, mit dem ich aktiv auf andere zugehen kann.

Ich bin schwul und auf der Suche nach einem Partner. Ich halte die Ehe für alle sowohl aus christlicher Überzeugung als auch aus Sicht der Menschenrechte ethisch und moralisch für unabdingbar. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind es bisher ausschließlich Christen, die mit dieser Position ein Problem haben. Und die Nichtchristen haben ein Problem damit, dass die Christen ein Problem damit haben. Keiner meiner nichtchristlichen Freunde versteht die ablehnende Haltung vieler Christen zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

Wie kann ich ihnen begreiflich machen, warum ich selbst über zwei Jahrzehnte hinweg in dieser ablehnenden Haltung fest hing, obwohl sie mich immer wieder zur Verzweiflung und zeitweise bis an den Rand des Selbstmords geführt hat. Wie kann ich für die Beziehung mit Jesus werben, wenn diese Beziehung mich überhaupt erst in diese Bredouille gebracht hat? Wie schön, das mir Jesus in diesen schwierigen Situationen immer wieder geholfen hat, aber wäre es nicht viel besser gewesen, wenn er mich gar nicht erst in diese im Rückblick ja völlig unnötigen Situationen gebracht hätte?

Bin ich heute wieder in derselben Situation wie zu ProChrist 1997? Ich denke, ich könnte kaum weiter davon entfernt sein. Ich will nicht leugnen, dass die Erlebnisse und die Gefühle von damals bis heute Auswirkungen auf mein Leben haben. Aber der Friede Gottes hat sich seinen Platz im Innersten meines Herzens zurückerobert und hat für mich einen Rückzugsort geschaffen, an dem ich mich sicher und geborgen fühle, und der mir damals völlig gefehlt hat.

Ich erzähle gerne jedem, der mich fragt, von diesem Frieden, und ich denke, für mich war es dieser Friede letztlich wert, die ganzen verschlungenen und leidvollen Wege zu gehen. Aber anderen diese Wege als zumutbaren Preis für die Nachfolge Jesu zu verkaufen? Auf gar keinen Fall!