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Gott, der Herr

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Dies ist der letzte Eintrag meiner kleinen Serie über Gottesnamen, die ich vor vier Wochen mit „Gott, der ganz Andere“ begonnen habe.

Als Kind hat es mich immer gestört, wenn andere vom Herrn Jesus gesprochen haben. Den Namenszusatz Herr kannte ich natürlich schon, aber den verwendet man doch nur beim Nachnamen, wie bei Herr Müller oder Herr Schmidt, und Jesus war ja der Vorname. Später wurde „Herr“ (ohne Namen) meine persönliche Anrede für Gott im Gebet. In früheren Jahren habe ich Gott fast ausschließlich mit „Herr“ angesprochen, und auch heute dürfte es noch die am häufigsten verwendete Anrede sein.

Die Häufigkeit des Wortes Herr in der Bibel geht auf eine Idee Martin Luthers zurück. Im Judentum ist es üblich, bei der Schriftlesung den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen, weswegen zu Luthers Zeiten schon lange nicht mehr bekannt war, wie man ihn denn korrekt ausspricht. Er hat deshalb an den meisten Stellen – in Anlehnung an die jüdische Tradition – den Gottesnamen bei der Übersetzung mit dem Wort Herr ersetzt.

Ich mag diese Ersetzung. Sie erweist nicht nur der jüdischen Tradition den angemessenen Respekt, sie stellt auch klar, welche Rolle Gott in der Bibel (und nicht nur da) spielt: Er ist der Chef im Ring. Sein Wille und sein Handeln dominiert die Weltgeschichte, im Großen und im Kleinen, und er dominiert auch meine persönliche Geschichte. Sowohl meine Lebensumstände als auch meine Entscheidungen müssen sich an ihm ausrichten. Die äußeren Umstände machen das ohne mein Zutun, bei meinen Entscheidungen bin ich auch selber gefordert, diese Ausrichtung herzustellen.

Aber Luthers Entscheidung hat auch einen großen Nachteil. Als Gott gegenüber Mose seinen Namen nennt, verzichtet er ja bewusst darauf, sich selbst irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben. Gott ist der, der er von sich heraus ist. Punkt. Keine weiteren Erklärungen. Luther ersetzt den Namen für das Wesen Gottes durch eine, wenn auch wesentliche, Eigenschaft. Er beschreibt, und damit reduziert er auch. Die Souveränität, zu entscheiden wie er will, die im Wort Herr zum Ausdruck kommt, ist nur ein Teil der Souveränität Gottes, die darin besteht, eben der zu sein, der er ist.

Es ist diese Falle der Konkretheit, die oft dazu führt, dass uns gerade die Wahrheiten in die Irre leiten. Wir fassen zu eng, wir grenzen die Eigenschaften Gottes auf unsere menschlichen Vorstellungen ein und vergessen: Selbst das beste und größte, was wir uns vorstellen können, ist zu schlecht und zu klein, um Gott so zu beschreiben, wie er wirklich ist. Genau dies ist mir beim Wort Herr passiert, und es gehört zu den schwierigsten Lernprozessen meines Glaubenslebens, mich daraus zu befreien.

Meine Vorstellung von Gott, dem Herrn, ist die eines idealen Arbeitgebers, eines idealen Chefs. Ein Gott, der mir Aufgaben überträgt, die mich herausfordern, die ich aber auch bewältigen kann. Ein Gott, der mir Fehler nicht nachträgt, sondern sie als Ausgangspunkt für zukünftige Lernprozesse sieht. Ein Gott, der mir Erfolgserlebnisse gönnt und mir dabei hilft, möglichst viele davon zu erleben.

Ein toller Gott, wenn man ihn so sieht, und nichts davon ist falsch, aber das Bild ist unvollständig. Und leider fehlt gerade ein Teil, der für mich besonders wichtig ist. Ich wurde so erzogen, dass man für Intelligenz, für seine Talente oder auch für äußere Umstände nichts kann. Dafür ist man nicht verantwortlich, und wenn mir in diesen Bereichen etwas fehlt, darf mir das keiner vorwerfen. Die eigene Zutat ist der Fleiß, einen Mangel davon kann und muss man mir vorwerfen. Fleiß ist Pflicht.

Das ist kein falscher Maßstab, aber es ist leider der Maßstab, bei dem gerade ich mit meiner spezifischen Persönlichkeitsstruktur beständig schlecht wegkomme. Es ist ein Maßstab, der meine Erfolge herabwertet und meine Fehler betont. Es ist ein Maßstab, der meinem chronisch unterentwickeltem Selbstwertgefühl die Chance zum Wachsen nimmt. Und in Verbindung mit meiner Vorstellung von Gott, dem Herrn, verstellt mir dieser Maßstab den Blick darauf, wie sehr Gott mich liebt.

Gott hat für dieses Problem in seiner grenzenlosen Liebe und Souveränität längst seine ganz eigene Lösung gefunden und versucht beständig, sie mir beizubringen. Er will einfach auf eine andere Weise mein Herr sein. Er gibt mir keine Aufträge, sondern schenkt mir Gelegenheiten. Gott hat mir das gerade vor kurzem wieder aufgezeigt, und es ist im Rückblick wirklich verblüffend: Wenn ich in meinem Leben die Initiative ergriffen habe, wenn ich versucht habe, mich für die gute Sache einzusetzen, in einer Situation das Richtige und Nötige zu tun, war das Ergebnis jämmerlich. Was ich versucht habe, auf die Beine zu stellen, war meist den Versuch nicht wert. Die großen und dauerhaften Erfolge in meinem Leben beruhen auf Gelegenheiten, die ganz ohne mein Zutun entstanden sind. Ich habe immer nur dann erfolgreich gebrütet, wenn ich mich ins gemachte Nest gesetzt habe.

Gott ist mein Herr, und ich glaube, das gilt mehr denn je. Aber Gott hat in seiner Liebe und Souveränität diesem Satz speziell für mich eine andere Bedeutung gegeben, als ich lange dachte. Er gibt mir keine Aufträge, die ich zu erfüllen habe. Er geht mir voran, und ich muss ihm so dicht wie möglich folgen. Ich möchte betonen, dass dies Gottes spezielle Lösung für mich ist, und dass es gerade Kennzeichen seiner Souveränität, seines sich-selbst-Seins ist, die Worte „Gott, der Herr“ bei jedem seiner Geschöpfe auf andere Weise mit Leben zu füllen.

Es ist dies eine Form von Nachfolge, mit der sich meine Seele immer noch schwer tut, weil es sich für mich, mit meiner Geschichte und Prägung, nach einem Leben in ständiger Pflichtverletzung anfühlt. Denn selbst wenn da Aufgaben sind, die getan werden müssen, selbst wenn meine Fähigkeiten gefragt wären, und ich glaube, die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können: Wenn ich meinen Herrn nicht voraus gehen sehe, muss auch ich die Füße still halten, und das fällt mir schwer. Aber wenn ich das wirklich ernst meine, dass Gott mein Herr ist, dann muss ich ihm auch die Entscheidung überlassen, wie er mein Herr sein will, wie er dieses Wort mit Leben füllen will. Und ich lerne dabei: Egal was meine Vorstellungen dazu sagen: Gottes Wege sind gut für mich.

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