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Gott, der ganz Andere

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Für das Zwischenraum-Treffen in Wiesbaden hat sich ein netter Mensch die Mühe gemacht, 80 Namen und Bezeichnungen für Gott aufzuschreiben. Wir sollten daraus die Begriffe aussortieren, die uns jeweils am wenigsten bedeuteten, bis für jeden nur noch fünf Gottesnamen übrig waren. Meine fünf Namen haben mir nicht nur gezeigt, wie viel Gott für mich bedeutet, sondern auch wie sich meine Beziehung zu ihm verändert hat. Deshalb schreibe ich heute und an den nächsten vier Sonntagen über diese Bezeichnungen für Gott, und was sie für mich bedeuten.

Wenn ich zurückblicke, dann gibt es ein Gefühl, das mich eigentlich immer in die Irre geführt hat, ein Gefühl, das der sichere Vorbote einer großen Enttäuschung war. Es ist das Gefühl, genau zu wissen, was Gott von mir erwartet. Das Ergebnis war meist, dass ich mit aller meiner Kraft versucht habe, Gott gehorsam zu sein. Mit aller meiner Kraft. Im Blick auf das Ziel, das Gott mir anscheinend vorgegeben hatte, habe ich sehr schnell Gott selbst aus den Augen verloren.

Die Abhängigkeit von Gott, wie sie nach meiner Meinung Ziel jedes Christen sein sollte, bringt immer ein gewisses Maß an Unsicherheit mit. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“, betet der Psalmist, und meint damit keinen Scheinwerfer, der den gesamten Weg vor ihm ausleuchtet, denn so etwas kannte er einfach nicht. Gott zeigt den nächsten Schritt, das muss reichen, und schon der übernächste kann eine Überraschung sein.

Eine meiner größten Überraschungen habe ich Anfang des vergangenen Jahres erlebt. Nach langen Zögern hatte ich mich entschlossen, mich einmal wieder der Verunsicherung und Verwirrung (und auch Wut) zu stellen, die mein ständiger Begleiter waren, so lange ich glaubte, dass Gott mir eine Beziehung mit einem Mann verbieten würde. Meine Hoffnung war, dass Gott mir endlich etwas zeigen würde, das mich mit einem zölibatären Lebensstil versöhnen könnte. Statt dessen bin ich auf das Buch Streitfall Liebe und die gleichnamige Website von Valeria Hinck gestoßen.

Valerias Ausführungen haben mir genau die Perspektive geöffnet, die ich für völlig ausgeschlossen gehalten hatte, nämlich die, dass ich auch als schwuler Christ Erfüllung und (noch viel wichtiger) Gottes Segen in einer festen Beziehung finden könne. Der Rest ist Geschichte, meine Geschichte, die mich in eine tiefere und vertrauensvollere Beziehung zu Gott und nebenbei auch zu diesem Blog geführt hat.

Gott ist der ganz Andere, der mit menschlichen Maßstäben und Vorstellungen nicht zu fassen ist. Das ist zu erwarten: Ein Gott, der mit dem menschlichen Verstand erfassbar, ja durchschaubar ist, ist kein Gott, sondern ganz offensichtlich eine menschliche Erfindung. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt es im Gebot, und gemeint ist die antike Vorstellung, dass Götterbildnisse Repräsentanten, ja Verkörperungen der Gottheit selbst sind. Die Gefahr, irgendwelche Gegenstände für Götter zu halten, ist in unserer Kultur geringer geworden. Aber jeder von uns steht in der Gefahr, seine Vorstellungen von Gott für letztgültige Wahrheit, ja für Gott selbst zu halten.

Laut Calvin ist das menschliche Herz eine Götzenfabrik. Unsere Götzen sind weniger materiell, weniger greifbar als die zur Zeit des Alten Testaments, und manchmal kommen sie sogar in christlichem Gewand daher. Sie sind deshalb aber nicht weniger gefährlich. Es tut uns gut, wenn Gott uns immer mal wieder daran erinnert, dass er sämtliche menschlichen Maßstäbe sprengt. Eigentlich sollten wir uns das wünschen, wir sollten es begrüßen, wenn Gott uns verunsichert, uns überrascht und gelegentlich sogar unsere Maßstäbe über den Haufen wirft. Wenn uns Gottes Handeln verblüfft, wenn er uns überrumpelt und verwirrt, sind wir der Erkenntnis des wahren, des ganz anderen Gottes vielleicht näher, als wenn wir glauben, sein Handeln zu verstehen.

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  1. Pingback: Gott, der Herr | Herz im Wandschrank

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