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Schlagwort-Archive: Angst

Magengrimmen

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In den letzten eineinhalb Wochen tourte die sogenannte Demo für alle mit einem Bus durch Deutschland, am Freitag wurde als letzter Stopp Berlin angefahren. Die Initiatoren kämpfen mit diesem Bus gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen, gegen trans*-Rechte und gegen vernünftige Schulaufklärung. Queer.de bezeichnet den Bus als Hass-Bus. Ich weiß nicht, ob diese Bezeichnung wirklich zutreffend ist. Ich glaube nicht, dass Hass die wesentliche Motivation der Demo für alle ist, ich kann mir sogar vorstellen, dass sie tatsächlich glauben, aus bester Absicht zu handeln. Aber sie verbreiten eine Botschaft der Ausgrenzung und Herabwürdigung gegen alle, die nicht ihrem heteronormativen Schema entsprechen. Und diese Botschaft wird, wo sie auf fruchtbaren Boden fällt, Hass verstärken und Hass legitimieren.

Zum Glück fällt sie nicht auf sonderlich fruchtbaren Boden. In jeder einzelnen Stadt war die Gruppe der Gegendemonstranten um ein Vielfaches größer als das kleine Häuflein an Mitarbeitern und Interessenten. Was mir persönlich Sorgen macht, ist nicht die Größe dieses fruchtbaren Bodens, sondern dessen Nähe zu mir. Die Demo for alle argumentiert mit angeblich biblischen Wahrheiten und angeblich christlichen Werten, und ich sehe, wie Christen in meinem Umfeld diesen Unsinn glauben, und manchmal leider auch die Lügen und Verleumdungen, die oft damit verbunden sind.

Davon, was das bei mir auslöst, habe ich vor ein paar Wochen schon geschrieben. Seither ist das Thema deutlich näher an mich herangekommen. Eine Hauskreisteilnehmerin hat eine zutiefst homophobe und verleumderische Petition zur Zeichnung empfohlen, die aus demselben Umfeld wie dieser Bus kommt. Und am vergangenen Sonntag wählte der Prediger die Ehe für alle als Beispiel für den allgemeinen Abfall vom Glauben in der Endzeit und als Vorzeichen für den heraufziehenden Antichristen. Ich schrieb Anfang Juli, dass ich Angst hätte vor LGBT-feindlichen Äußerungen im Gottesdienst. Seit letzten Sonntag weiß ich, dass die Angst berechtigt war.

Ich habe mir in diesem Moment ernsthaft überlegt, den Gottesdienst zu verlassen. Ich hab’s nicht getan. Bei der Entscheidung zu bleiben war sicher auch eine gute Portion Feigheit mit im Spiel. Aber entscheidend war der Gedanke, dass ich als geoutetes, schwules Mitglied meiner Gemeinde nicht vor derartigen Botschaften fliehen, mich nicht verstecken muss. Als schwuler Christ darf ich, ja soll ich erhobenen Hauptes dafür stehen, dass Gott mich absichtsvoll so geschaffen hat, und das er mich liebt, wie ich bin, egal wie andere darüber denken. Das Problem ist: Ich stehe diese Haltung nicht auf Dauer durch.

Ich denke, ich habe damit gerechnet, dass derart LGBT-feindliche Positionen in meiner Gemeinde ohne öffentlichen Widerspruch geäußert werden dürfen. Dass es dann tatsächlich so gekommen ist, hat mich trotzdem tief getroffen. Die Angst hat sich verstärkt und mir auf den Magen geschlagen. Aus dem metaphorischen Magengrimmen ist mittlerweile ein tatsächliches, physisches geworden, und ich muss mir allmählich überlegen, ob ich daraus nicht Konsequenzen ziehen muss.

Die übliche Empfehlung in so einer Frage wäre vermutlich, der Gemeinde den Rücken zuzukehren. Ich habe schon oft den Rat gehört, auf Abstand zu denen zu gehen, die einen nicht akzeptieren können, wie man ist, weil es genügend Leute gibt, die damit kein Problem haben. Dummerweise enthält die Gemeinde für mich beides: Ein paar meiner besten Freunde und Unterstützer sind Gemeindemitglieder, und gerade die Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben in der Gemeinde mit diesen Menschen bedeutet mir sehr viel.

Wir haben zusammen viel Zeit und Arbeit in unseren Dienst in der Gemeinde gesteckt und gemeinsam etwas aufgebaut, was der Gemeinde gut tut und wichtig für sie ist. Wenn ich nicht mehr in den Gottesdienst gehe, wird dadurch vermutlich ein erheblicher Teil davon zerstört. Aber wenn ich weiter in den Gottesdienst gehe, muss ich auch weiter mit dieser Angst leben und gefährde womöglich dadurch auf Dauer meine Gesundheit.

Ich wünschte, ich könnte das einfach so wegstecken, haters gonna hate, so ist das nun mal. Bis das passiert, muss ich irgendwie mit der Situation umgehen, aber wie ich das tun soll, da bin ich im Moment ziemlich ratlos.

Ehe für alle

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Nun ging es doch überraschend schnell: Am vergangenen Freitag stimmten 393 Abgeordnete (und damit ca. 63 %) des Deutschen Bundestags dafür, dass auch zwei Menschen gleichen Geschlechts eine Ehe eingehen können. Die entsprechende Gesetzesänderung muss noch ein paar Hürden nehmen: Sie muss vom Bundesrat genehmigt und vom Bundespräsidenten ausgefertigt und verkündigt werden. Und bis die Änderung in Kraft tritt, werden sicher auch noch ein paar Wochen bis Monate ins Land gehen. Vermutlich müssen erst noch passende Verwaltungsvorschriften erlassen und Formulare gedruckt werden.

Und dann wäre da noch das Bundesverfassungsgericht. Nach dessen bisherigen Entscheidungen und Äußerungen ist es sehr wahrscheinlich, aber eben nicht sicher, dass es einer einfachgesetzlichen Eheöffnung zustimmt – wenn es denn zur Klage kommt. Da niemand durch diese Gesetzesänderung benachteiligt wird, käme nur eine Normenkontroll-Klage in Frage, die nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder mindestens einem Viertel der Bundestagsabgeordneten eingereicht werden kann. Die 225 Unions-Abgeordneten, die mit nein gestimmt haben, würden dafür reichen. Bei der Entscheidung, ob sie wirklich klagen, dürfte Wahlkampftaktik eine erhebliche Rolle spielen. Nach einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind 82,6 % der Deutschen für die Ehe für alle.

Trotz der verbleibenden Unsicherheit: Die Entscheidung des Deutschen Bundestags ist ein Grund zu großer Freude. Dabei geht es für mich gar nicht in erster Linie um die mit der Eheschließung verbundenen Rechte. Vor allem durch Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts sind die rechtlichen Unterschiede zwischen Ehe und eingetragener Partnerschaft nicht mehr allzu groß. Ich möchte auch keinesfalls die Änderungen im Adoptionsrecht klein reden, nur weil sie für meine Lebenssituation sehr wahrscheinlich keine Rolle mehr spielen. Trotzdem liegt in der Entscheidung eine Bedeutung, die für mich weit über konkrete Rechtsfragen hinausgeht.

Anthony Kennedy, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, hat das vor zwei Jahren sehr treffend ausgedrückt:

Keine Verbindung ist tiefgründiger als die Ehe, denn sie verkörpert in der Liebe, Treue, Hingabe, Opferbereitschaft und Familie die höchsten Ideale. Indem zwei Menschen eine eheliche Gemeinschaft bilden, werden sie zu etwas grösserem als sie es zuvor waren.

Es geht um die Teilhabe an, wie Kennedy es schrieb, einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Es geht darum, ob ich nach Ansicht des Staates ein Außenseiter, ein Sonderling bin, dessen rechtliche Position durch ein ganzes Bündel an Sondergesetzen festgelegt werden muss, oder ob ich ein normaler Mensch wie alle anderen bin, für den auch die ganz normalen Gesetze und Vorschriften gelten. Die Bedeutung der Ehe für unsere Gesellschaft, für alle menschlichen Gesellschaften, ist derart hoch, dass ich in dem Ausschluss von dieser Institution nichts anderes als eine Herabwürdigung meiner Person sehen kann.

Die Entscheidung vom Freitag markiert den Anfang vom Ende dieses Ausschlusses, dieser Herabwürdigung, zumindest aus staatlicher Sicht. Es gibt noch viel zu tun, aber dieser Schritt, das Erreichen dieses großartigen Meilensteins muss zunächst mal gefeiert werden.

Leider ist mir nur teilweise nach feiern zumute. Ein großer Wermutstropfen hat sich in die Freude gemischt, und zwar in Form der Reaktion vieler meiner Brüder und Schwestern im Glauben. Die evangelische Nachrichtenagentur idea versprüht, wie üblich bei diesem Thema, als Journalismus getarntes Gift, und nicht wenige meiner christlichen Freunde plappern nach, was die homophobe Seite des Christentums ihnen als angebliche biblische Wahrheit einflüstert. Ich muss zugeben, das Gift tut seine Wirkung.

Heute bin ich mit Angst in den Gottesdienst gegangen. Angst vor möglichen Äußerungen anderer Gemeindemitglieder, die (bewusst oder unbewusst) abwertend und verletzend sind, die (bewusst oder unbewusst) Unwahrheit und Beschimpfung anderer als christliche Überzeugung darstellen. Äußerungen, gegen die ich mich hätte wehren müssen, wenn ich morgens noch in den Spiegel schauen will. Glücklicherweise sind keine derartigen Äußerungen gefallen, und es war dann doch ein sehr schöner Gottesdienst. Trotzdem: Die Angst wird nicht einfach verschwinden.

Ein Musiker hat die letzten Tage genauso erlebt und hat diese Empfindungen in einem Lied ausgedrückt. Mit seiner freundlichen Genehmigung bette ich das hier ein: