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Queerer Buchstabensalat

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Ich bin schwul. Das ist ein schöner, kompakter, einfacher Satz, mit dem erst mal vieles gesagt ist – zumindest im Bezug auf das Thema dieser Seite. Aber ich habe auch weibliche Leser, die natürlich, wenn sie sich zu Menschen gleichen Geschlechts hingezogen fühlen, nicht schwul, sondern lesbisch sind. Und dann kommen noch die Menschen beiderlei Geschlechts dazu, die sich in Menschen beiderlei Geschlechts verlieben, also bisexuelle Menschen, und schon haben wir den dritten Begriff.

Damit hätte ich noch nicht mal die verschiedenen sexuellen Orientierungen abgedeckt. Aber wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, gibt es da Menschen, die sind trans, und die möchte ich auch nicht ausschließen, auch wenn es beim trans-Sein weniger um die sexuelle Orientierung als mehr um die eigene sexuelle Identität geht.

Ich könnte jetzt jedesmal lesbisch, schwul, bisexuell und trans schreiben, aber das wäre schon relativ umständlich. Glücklicherweise gibt es dafür eine Abkürzung: LGBT. Die kommt aus dem Englischen, deshalb steht da auch ein G für gay. Man kann auch die deutsche Abkürzung, LSBT, verwenden, aber die sieht man selbst im deutschen Sprachgebrauch relativ selten. Immerhin muss ich mir als Schreibender keine Gedanken machen, ob ich LGBT als el-ge-be-te oder als el-dschi-bi-ti ausspreche.

Das Kürzel LGBT hat viele Vorteile: Es ist kompakt, halbwegs aussprechbar und immerhin so weit verbreitet, dass man es nicht ständig erklären muss. Es hat nur einen großen Nachteil: Es ist unvollständig. Viele Menschen finden sich nicht darin wieder. Das geht schon damit los, dass L, G. B und T sich zunächst mit einem binären Geschlechter-Verständnis begnügen: Da gibt es Mann und Frau und erst mal nichts daneben oder dazwischen. Das gilt auch für viele trans-Menschen, und ich glaube, ich habe erst im Gespräch mit diesen begriffen, wie wichtig die Zugehörigkeit zu einem bestimmten, eindeutigen Geschlecht für einen Menschen sein kann.

LGBT kennt keine intersexuellen Menschen, keine mit nicht-binärem Geschlecht und auch nicht die, die auf sonst irgend eine Weise queer sind. Und um noch mal auf die sexuelle Orientierung zurückzukommen: Man kann ja diskutieren ob Pansexualität (die Orientierung auf Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht) noch von Bisexualität unterschieden werden muss. Keinesfalls ausschließen darf man allerdings asexuelle Menschen, weil gerade diese Leute es verdient haben, als eigenständige Gruppe der sexuellen Orientierung erkannt zu werden, und nicht nur als Menschen mit Mangel an Gelegenheit.

Und dann gibt es noch die vielen, lieben Menschen, die uns nach Kräften unterstützen, obwohl sie sich als cis-binär-heterosexuelle Menschen aus all dem heraushalten könnten, diese wichtigen Verbündeten, englisch Allies genannt.

Versucht man das alles in eine Abkürzung zu gießen, kommt so etwas wie LGBTTQQIAAP heraus. Das ist halbwegs vollständig, aber zugleich völlig unlesbar. Texte, in denen in jedem zweiten Satz ein solcher Buchstabensalat vorkommt, würden weder dem Schreiber noch dem Leser Spaß machen. Und es stellt sich die Frage: Muss das denn alles so kompliziert sein? Müssen wir diese ganzen Gruppen und Bezeichnungen und Buchstaben haben?

Darauf kann es nur eine Antwort geben: Aber ja, natürlich! Zurzeit leben knapp 7,5 Milliarden Menschen, und keine zwei sind gleich. Man könnte so weit gehen zu sagen, es gäbe knapp 7,5 Milliarden unterschiedliche sexuelle Orientierungen und sexuelle Identitäten. Die ganzen Kategorisierungen, wie sie in LGBTTQQIAAP und ähnlichen Abkürzungen ausgedrückt werden, sind notwendige, aber letztlich künstliche Einordnungen. Sie sind notwendig, weil sie uns die Mittel geben, über die Sache zu reden, und weil sie vielen Menschen erst ermöglichen, sich selbst zu finden und zu entdecken und dann das, was sie gefunden und entdeckt haben, anderen zu beschreiben.

Was bleibt, ist ein literarisches Problem. Texte, selbst in bester Absicht geschrieben, sind nutzlos, wenn sie niemand lesen mag oder wenn sie nur mit umfangreichen Erklärungen verstanden werden können. Ich habe mich entschieden, fürs erste bei IGBT oder je nach Textzusammenhang bei IGBTQ+ zu bleiben. Und wenn es möglich ist, will ich versuchen, diese Abkürzung ganz zu vermeiden und andere Beschreibungen zu finden. Ich weiß, dass damit Menschen unerwähnt bleiben, die eigentlich erwähnt werden sollten. Ich habe diese Menschen nicht vergessen, ich gehe hier bewusst einen Kompromiss ein, der mir das Schreiben und anderen das Lesen erleichtern, in vielen Fällen erst ermöglichen soll.

Ich bin schwul. Außerdem bin ich ein binärer cis-Mann. Ich bin dankbar für diese Begriffe, die es mir in wenigen Worten erlauben, meine eigene sexuelle Identität zu charakterisieren. Es gibt so viele solcher Begriffe, und nicht jeder kann in jedem meiner Blog-Einträge eine Rolle spielen. Aber ich habe viele Male erlebt: Immer wenn ich einen neuen dieser Begriffe kennen lerne, hilft er mir, einen Menschen besser zu verstehen.