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Burka und Homo-Ehe

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Nein, ich möchte nicht die Vollverschleierung von Frauen mit gleichgeschlechtlichen Ehen vergleichen. Ich möchte vielmehr die Vollverschleierung von Frauen mit der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Ehen vergleichen. Ich möchte heute die Parallelen aufzeigen zwischen denen, die es ablehnen, dass Frauen in der Öffentlichkeit unverschleiert sind, und denen, die es ablehnen, dass zwei Männer bzw. zwei Frauen heiraten dürfen. Da gibt es nämlich eine Menge Gemeinsamkeiten.

Es geht schon damit los, dass beides hochmoralische Positionen sind, dass beide Parteien vom moralischen hohen Ross herunter argumentieren. Wer die Vollverschleierung von Frauen propagiert, sieht sich selbst als Verteidiger, meist als einzig wahre Verteidiger der Ehre der Frauen. Er sieht in der Vollverschleierung selbstverständlich keine Herabwürdigung, vielmehr beklagt er den moralischen Verfall aller anderen, die es zulassen, dass Frauen in der Öffentlichkeit zum Objekt männlicher Begierde gemacht und damit abgewertet werden.

Genauso sehen sich die Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen als einzig wahre Verteidiger der Institution Ehe, deren Gefährdung, Zerstörung, Abschaffung sie fürchten. Sie sehen gleichgeschlechtliche Beziehungen als vorrangiges Zeichen eines moralischen Verfalls, der längst Hand an die Grundfesten unserer Gesellschaft gelegt hat, und der zum Wohle aller unbedingt aufgehalten werden muss.

Beide bilden dabei nur eine Fraktion innerhalb ihres Glaubens, weder sind alle Muslime für Vollverschleierung noch alle Christen gegen gleichgeschlechtliche Ehen. Dabei gehören sie regelmäßig zum konservativen, mehr noch zur konservativ verbohrten Teil ihrer Religionsgemeinschaften. Sie stehen für ewige Werte und lehnen alle neuen Gedanken schon deshalb ab, weil alles Neue nicht ewig sein kann und deshalb falsch sein muss. Neue Ideen, neue Erkenntnisse sind für sie keine Möglichkeit, etwas Neues zu lernen und dabei den moralischen Kompass neu und eventuell besser auszurichten. Nein, diese Gruppen halten die Ausrichtung ihres moralischen Kompasses von Alters her für richtig und sehen diese durch Neues grundsätzlich bedroht.

In beiden Fällen sind die Betroffenen selbst oft, aber nicht immer Teil der Bewegung. Viele Frauen, die Burka oder Niqab tragen, tun dies durchaus freiwillig und aus innerer Überzeugung. Genauso verzichten viele Schwule und Lesben freiwillig und aus innerer Überzeugung auf einen Partner. Und in beiden Fällen ist freiwillig ein durchaus dehnbarer, fließender Begriff. Sowohl die Vollverschleierung als auch die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen werden als Akt der Menschenfreundlichkeit, als hilfreicher Schutz in einer moralisch gefallenen und verkehrten Welt propagiert. Und es ist nur natürlich, dass die Betroffenen selbst, die vielleicht mit einer solchen Argumentation aufgewachsen sind, sich diese zu eigen machen. Das macht diese Ideen noch lange nicht richtig. Die Zustimmung der Unterdrückten macht eine Unterdrückung nicht ungeschehen. Sie macht sie noch schlimmer.

Denn egal mit welchen Argumenten beide Gruppen für ihre Position werben: In beiden Fällen werden Menschen herabgewürdigt und in ihrer Würde verletzt. Sowohl bei der Ablehnung unverschleierter Frauen als auch bei der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehung ist der angebliche Schutz nur ein Vorwand, die Menschenfreundlichkeit nur Fassade. Beide sehen den eigenen moralischen Verfall nur im anderen. Die patriarchalische Gesellschaft der arabischen Welt wirft den Schleier nicht zum Schutz über die Frauen, sie versucht damit die Verkommenheit der Männer zu verschleiern. Und das christliche, heteronorme Abendland sieht in gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Pochen auf das „heilige Recht auf sexuelle Befriedigung“ und offenbart damit mehr über ihre eigenen, verdrängten Begierden als über die Realität gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Das moralische hohe Ross ist traditionell der Platz für alle, die mit ihrer eigenen inneren Zerrissenheit nicht zurecht kommen, und ihr Heil in der Verurteilung anderer sehen. Die unverschleierte Frau ist nur eine Bedrohung für den Mann, der seine sexuellen Begierden nicht unter Kontrolle hat. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist nur eine Bedrohung für den Menschen, der längst nicht mehr an die Kraft von Liebe und Treue glaubt und den eigenen moralischen Verfall durch ein Korsett aus Tradition aufhalten will. Die verschleierte Frau und der enthaltsame Homosexuelle sollen retten, was an ganz anderer Stelle zerstört wurde.

Es gibt natürlich für uns im christlichen Abendland auch einen wichtigen Unterschied: Die Ablehnung von Schwulen und Lesben ist Teil unserer Tradition, die Verschleierung von Frauen nicht. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wurde im Jahr 1895 wegen homosexueller Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Von den gesundheitlichen Folgen dieser Bestrafung hat er sich nicht mehr erholt und starb 1900 im Alter von nur 46 Jahren. In der Türkei wäre ihm das, zumindest damals, nicht passiert. Dort wurde die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen schon 1852 abgeschafft, in Deutschland hat man sich bis zur endgültigen Abschaffung des § 175 bis ins Jahr 1994 Zeit gelassen.

Der Kampf gegen die Vollverschleierung, wie er von konservativ-christlicher Seite geführt wird, ist kein Kampf gegen die Unterdrückung und für die Rechte von Menschen, er ist ein Kampf gegen das Neue und Fremde und für die Tradition. Der Seitenblick auf den von denselben Menschen geführten Kampf gegen die Ehe für alle macht das mehr als deutlich.

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