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Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Beweislast

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Vor Gericht und auf hoher See, so sagt der Volksmund, ist man in Gottes Hand. Im ersten Fall gilt das besonders, wenn Aussage gegen Aussage steht. Da kann es für das Urteil entscheidend sein, welche der beiden Parteien die Beweislast trägt, d. h. welche Seite ihre Version beweisen muss, um zu einem günstigen Urteil zu kommen.

In den letzten drei Einträgen habe ich mich mit dem biblischen Ehebild beschäftigt. Um meine Ergebnisse kurz zusammenzufassen: Ja, es gibt in der Bibel ein unterschiedliches Rollenverständnis von Mann und Frau, und nein, dieses Rollenverständnis wird nicht als essenzieller Bestandteil der Ehe gelehrt, sondern ist vielmehr Spiegel der damaligen, gesellschaftlichen Verhältnisse. Ist das nun gut oder schlecht für die biblische Sicht gleichgeschlechtlicher Ehen? Das hängt nicht zuletzt von der Beweislast ab.

Die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe stellen ihre Position ja häufig als eine biblische Selbstverständlichkeit dar und tun so, als ob es Unmengen von Bibelstellen gäbe, die ihre Position stützen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich in diesem Blog mit angeblich heteronormativen Bibelstellen auseinandergesetzt habe. Bisher ist noch jede dieser angeblich so offensichtlichen Bibelauslegungen bei genauerem Hinsehen in sich zusammengebrochen, hat sich als exegetische Luftblase herausgestellt. Auf fehlerhaft ausgelegten Bibelstellen lässt sich niemals eine theologische Aussage gründen, und seien es auch noch so viele.

Trotzdem verfehlt die Anzahl nicht ihre Wirkung: Aus dutzenden halb verstandenen Bibelstellen erhebt sich die gefühlte theologische Wahrheit in all ihrem Glanz und ihrer Blendwirkung. Man kann, ja man muss nun gegen jede einzelne dieser Fehlauslegungen vorgehen, muss der oberflächlichen Auslegung exegetische Gründlichkeit entgegenhalten, muss Argumentationsfehler aufdecken und Voreingenommenheit entlarven. Ich möchte das in diesem Blog auch weiterhin tun. Trotzdem bleibt es eine Sisyphusarbeit.

Gegen eine gefühlte Wahrheit kommt man nicht mit Einzelargumenten an, denn selbst wenn man jedes einzelne Argument widerlegt, bleibt beim Gegner das Gefühl zurück, dass es da ja noch sooo viele andere Bibelstellen gibt. Wenn das Gefühl durch jahrzehntelanges Training fest verankert ist, haben Fakten wenig Chancen. Und zu guter Letzt kommen dann noch die drei wichtigsten christlichen Argumente: Das war schon immer so. Das war noch nie so. Da könnte ja jeder kommen. Meist noch gepaart mit der unter vielen Christen üblichen Zeitgeist-Phobie, dass alles Neue grundsätzlich schlecht und gefährlich ist.

Wieso eigentlich? Es gibt doch jede Menge Beispiele, wie Prinzipien, die in der Bibel ganz selbstverständlich sind, durch neue Erkenntnisse und Ideen als überholt gelten und durch etwas viel besseres ersetzt wurden. Aussatz beispielsweise bedeutete zu biblischen Zeiten eine massive Ausgrenzung aus der Gesellschaft, Heilung war die absolute Ausnahme. Heute können wir zwischen ansteckenden und nicht ansteckenden Krankheiten unterscheiden. Und selbst bei den ansteckenden Krankheiten wie Lepra gibt es Verfahren zum sicheren Umgang mit den Kranken und vielfach auch Heilungsmöglichkeiten. Wir verletzen das in der Bibel gelehrte Prinzip der Ausgrenzung Aussätziger und sehen das als Fortschritt.

Ein anderes Beispiel: Die biblische Antwort auf Überschuldung war die Schuldsklaverei. Im Alten Testament gibt es Vorschriften, die dieses Übel in ihren Auswirkungen mildern sollen, trotzdem wird das Prinzip der Schuldsklaverei auch in der Bibel gelehrt, mal ganz abgesehen davon, dass das im Alten Testament vorgeschriebene Erlassjahr wahrscheinlich nie wirklich umgesetzt wurde. Heute tatsächlich umgesetzte und gelebte Rechtspraxis ist die Privatinsolvenz, die nach Einhaltung der entsprechenden Auflagen eine Befreiung von der Restschuld und einen wirklichen Neuanfang ermöglicht. Hier wurde der biblische Grundgedanke vollständig von den damaligen Randbedingungen und Ausführungsbestimmungen gelöst und zu einer viel besseren, christlicheren Lösung weiterentwickelt.

Die Situation sexueller Minderheiten im christlich geprägten Teil der Welt erfährt offensichtlich eine ähnliche Entwicklung. Eine Jahrtausende alte Tradition der Ablehnung und Ausgrenzung wird durch neue Ideen und Erkenntnisse überflüssig. Schwule und Lesben lernen, ihre Beziehungen nach den gesellschaftlichen, teilweise auch nach den biblischen Maßstäben der Ehe zu führen, und die Gesellschaft lernt, diese Beziehungen auch tatsächlich als Ehen anzuerkennen, zu schützen und zu fördern. Neue medizinische Möglichkeiten helfen transgeschlechtlichen Menschen, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, wohingegen Intersexuelle nicht mehr medizinisch oder rechtlich auf ein Geschlecht festgelegt werden, lange bevor sich geschlechtsspezifische Persönlichkeitseigenschaften zeigen könnten.

Es ist schwer zu begreifen, wieso ein Christ sich über diese wunderbare Entwicklung nicht von Herzen freuen sollte. Unzählige Menschen erzählen davon, wie sie durch Annahme ihrer sexuellen Identität freier und glücklicher geworden sind. Die Christen unter ihnen fügen hinzu, wie sich ihre Beziehung zu Gott vertieft hat. Der Segen dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist unübersehbar. Derweil erweisen sich die christlichen Heilsversprechen mehr und mehr als Täuschung und Lüge. Robert L. Spitzers viel fehlzitierte Studie von 2001 hat nie eine Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung in nennenswertem Umfang belegt und wurde längst vom Autor wegen methodischer Mängel zurückgezogen. Und Exodus International, die weltgrößte Organisation der Ex-Gay-Bewegung hat sich schon 2013 aufgelöst – wegen erwiesener Erfolglosigkeit und Schädlichkeit der propagierten Therapieansätze.

Es ist höchste Zeit für eine Umkehrung der Beweislast: Die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe müssen klar und überzeugend biblisch belegen, warum sie an einer Position festhalten, die viele betroffene Menschen erwiesenermaßen unglücklich und einsam werden lässt, nicht selten in seelische und körperliche Erkrankungen und gelegentlich sogar in den Selbstmord treibt. Die Faktenlage ist eindeutig. Eine theologische Position, die Menschen mit Gott und mit sich selbst versöhnt, die es diesen Menschen ermöglicht, in der Verantwortung vor Gott und im Dienst für ihn ein erfülltes Leben zu führen, braucht keine ausführliche biblische Begründung. Sie trägt ihre Begründung in sich selbst, in ihren Werken, in ihrer Wirkung. Wer theologische Positionen vertritt, die Menschen sehenden Auges in Unglück und Einsamkeit stürzen, dem darf, dem muss auch eine biblische Begründung auf höchstem fachlichen und exegetisch-handwerklichen Niveau für seine Thesen abgefordert werden. Nicht die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare muss biblisch begründet werden, sondern ihre Ablehnung.

Die biblische Ehe im Wandel der Zeit

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Die Bibel ist der richtige Ort für jeden, der nach ewigen Wahrheiten sucht. Sie ist voll davon. Aber dennoch ist bei weitem nicht alles, was in der Bibel steht, ewige Wahrheit. Manchmal kann es sogar im Grundsatz falsch sein, in der Bibel nach ewigen Wahrheiten zu suchen, nämlich genau dann, wenn es um Themen geht, die ihrer Natur nach nicht ewig sind, die keine ewige Gültigkeit haben. Eines der wichtigsten derartigen Themen ist die Ehe.

Nicht nur dass jede Ehe (spätestens) mit dem Tod eines Partners für alle Zeiten endet, auch die Institution Ehe an sich wird mit dieser Welt enden, wenn der Herr einmal alles neu machen wird. Die Sadduzäer weisen im Gespräch mit Jesus zurecht darauf hin, dass unsere Vorstellung von Ehe zu Widersprüchen führt, wenn es stimmt, dass die Menschen von den Toten auferstehen und ewig leben werden. Sie wollen damit die Vorstellung der Auferstehung ad absurdum führen, aber Jesus macht klar, dass es das Konzept der Ehe ist, das aufhören wird zu existieren, nicht der Mensch. Es mag ja romantisch sein, wenn sich Verliebte ewige Liebe schwören, biblisch gesehen ist das Unsinn.

Darüber hinaus ist unsere Vorstellung von der Ehe schon in dieser Welt immer wieder Veränderungen unterworfen. Das liegt auch und gerade an ihrer immensen Wichtigkeit: Gerade weil die Ehe von so großer Bedeutung für das Zusammenleben und den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist, kann sie keinesfalls unabhängig und losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen gelebt werden. Sie hat ihren unveränderlichen Kern, nämlich den Menschen als Schöpfungswerk Gottes. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Aber die praktische Ausgestaltung dieser göttlichen Ordnung muss sich nach den jeweiligen Möglichkeiten richten, muss sich den Rahmen menschlicher Ordnung geben. Die Ehe ist, wie Luther sagt, ein weltlich Ding. Die protestantische Christenheit versteht unter einer kirchlichen Trauung nicht, dass zwei Menschen in die göttliche Ordnung der Ehe eintreten, sondern dass sich Gott selbst zu der nach Menschenordnung geschlossenen Ehe bekennt und sie segnet.

Im Mittelpunkt steht der Mensch. Es geht nicht darum, abstrakten göttlichen Prinzipien zur Geltung zu verhelfen. Wie immer bei ethisch-moralischen Fragen geht es darum, die Lösung zu finden, mit der der Mensch als Geschöpf Gottes am besten zur Ehre Gottes leben kann. Dass dabei immer wieder Kompromisse gemacht werden müssen, ist in Ordnung, denn Gott selbst macht es so. Schon die Ehescheidung ist so ein Kompromiss, der immer wieder hinterfragt werden muss. Jesus verurteilt den Wildwuchs in dieser Frage, aber schon wenige Jahrzehnte später öffnet Paulus im ersten Korintherbrief wieder eine neue Möglichkeit für Menschen, deren Partner sich wegen ihres neuen Glaubens an Christus von ihnen getrennt haben. Er macht das nicht, weil er Jesu Worte nicht ernst nimmt, sondern weil neue gesellschaftliche Randbedingung eine Neujustage dieses Kompromisses notwendig gemacht haben.

Die Bibel versucht sich immer wieder an dieser Neujustage ehelicher Prinzipien, manchmal auch vergebens. „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen“, steht gleich zu Anfang, und wir überlesen aus unser heutigen Sicht allzu leicht, wie provozierend, ja revolutionär dieser harmlos aussehende Halbsatz in einer durch und durch patriarchalischen Gesellschaft geklungen haben muss. Einer der (aus heutiger Sicht) skurrilsten Kompromisse mit den Prinzipien der Ehe wird von Gott selbst geboten, nämlich die Schwagerehe: Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt, soll seine Witwe seinen nächst jüngeren, ledigen Bruder heiraten. Eine Regel, die nur unter den Bedingungen der damaligen Gesellschaft halbwegs verständlich ist, und auch nur in der damaligen Gesellschaft Sinn ergibt. Sie ist nach meiner Meinung der Inbegriff eines geringeren Übels, geboten von Gott unter bewusster Missachtung der Schöpfungsprinzipien der Ehe. Und sie wäre völlig unnötig, wenn das mit dem Mann, der Vater und Mutter für seine Frau verlässt, auch nur ansatzweise gesellschaftliche Realität gewesen wäre.

Nur Rechthaber und Idioten bestehen auf dem Idealfall. Der gute Hirte achtet stets darauf, seinen Schafen nicht zu weit voraus zu sein. Was die Bibel zur Ehe schreibt, ist durchweg geprägt von dem Wunsch Gottes, die realen Verhältnisse der Ehe zu verbessern. Es ist damit zwangsläufig auch durchweg von den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit geprägt. Wer versucht, diese Unterweisungen eins zu eins auf heutige Verhältnisse anzuwenden, geht an ihrem Kern vorbei. Schlimmer noch: Er läuft Gefahr, ihren Sinn ins Gegenteil zu verkehren. Schwagerehen sind nicht mehr nötig. Was vor dreitausend Jahren ein großer Fortschritt war, kann heute ein massiver Rückschritt sein.

Der sorgfältige Ausleger sieht sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, die konkrete, biblische Unterweisung von ihren gesellschaftlichen Ursachen zu befreien und den verborgenen Kern, das Schöpfungsprinzip dahinter freizulegen. So und nur so kann aus dem biblischen Wortlaut wirklich eine segensreiche Hilfestellung für heutige Ehen gewonnen werden. Wir haben es nötig.

Dies ist wieder mal der Anfang einer kleinen Serie. Ich möchte mich in den nächsten Wochen ein wenig dieser Aufgabe zu widmen, auch wenn ich als Single und Laie vielleicht nicht der geeignetste Kandidat dafür bin. Aber das Verständnis gleichgeschlechtlicher Ehen steht und fällt mit dem richtigen Verständnis der Ehe an sich, und ich denke, ich kann da zumindest ein paar Missverständnisse ausräumen.