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Ehe für alle

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Nun ging es doch überraschend schnell: Am vergangenen Freitag stimmten 393 Abgeordnete (und damit ca. 63 %) des Deutschen Bundestags dafür, dass auch zwei Menschen gleichen Geschlechts eine Ehe eingehen können. Die entsprechende Gesetzesänderung muss noch ein paar Hürden nehmen: Sie muss vom Bundesrat genehmigt und vom Bundespräsidenten ausgefertigt und verkündigt werden. Und bis die Änderung in Kraft tritt, werden sicher auch noch ein paar Wochen bis Monate ins Land gehen. Vermutlich müssen erst noch passende Verwaltungsvorschriften erlassen und Formulare gedruckt werden.

Und dann wäre da noch das Bundesverfassungsgericht. Nach dessen bisherigen Entscheidungen und Äußerungen ist es sehr wahrscheinlich, aber eben nicht sicher, dass es einer einfachgesetzlichen Eheöffnung zustimmt – wenn es denn zur Klage kommt. Da niemand durch diese Gesetzesänderung benachteiligt wird, käme nur eine Normenkontroll-Klage in Frage, die nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder mindestens einem Viertel der Bundestagsabgeordneten eingereicht werden kann. Die 225 Unions-Abgeordneten, die mit nein gestimmt haben, würden dafür reichen. Bei der Entscheidung, ob sie wirklich klagen, dürfte Wahlkampftaktik eine erhebliche Rolle spielen. Nach einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind 82,6 % der Deutschen für die Ehe für alle.

Trotz der verbleibenden Unsicherheit: Die Entscheidung des Deutschen Bundestags ist ein Grund zu großer Freude. Dabei geht es für mich gar nicht in erster Linie um die mit der Eheschließung verbundenen Rechte. Vor allem durch Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts sind die rechtlichen Unterschiede zwischen Ehe und eingetragener Partnerschaft nicht mehr allzu groß. Ich möchte auch keinesfalls die Änderungen im Adoptionsrecht klein reden, nur weil sie für meine Lebenssituation sehr wahrscheinlich keine Rolle mehr spielen. Trotzdem liegt in der Entscheidung eine Bedeutung, die für mich weit über konkrete Rechtsfragen hinausgeht.

Anthony Kennedy, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, hat das vor zwei Jahren sehr treffend ausgedrückt:

Keine Verbindung ist tiefgründiger als die Ehe, denn sie verkörpert in der Liebe, Treue, Hingabe, Opferbereitschaft und Familie die höchsten Ideale. Indem zwei Menschen eine eheliche Gemeinschaft bilden, werden sie zu etwas grösserem als sie es zuvor waren.

Es geht um die Teilhabe an, wie Kennedy es schrieb, einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Es geht darum, ob ich nach Ansicht des Staates ein Außenseiter, ein Sonderling bin, dessen rechtliche Position durch ein ganzes Bündel an Sondergesetzen festgelegt werden muss, oder ob ich ein normaler Mensch wie alle anderen bin, für den auch die ganz normalen Gesetze und Vorschriften gelten. Die Bedeutung der Ehe für unsere Gesellschaft, für alle menschlichen Gesellschaften, ist derart hoch, dass ich in dem Ausschluss von dieser Institution nichts anderes als eine Herabwürdigung meiner Person sehen kann.

Die Entscheidung vom Freitag markiert den Anfang vom Ende dieses Ausschlusses, dieser Herabwürdigung, zumindest aus staatlicher Sicht. Es gibt noch viel zu tun, aber dieser Schritt, das Erreichen dieses großartigen Meilensteins muss zunächst mal gefeiert werden.

Leider ist mir nur teilweise nach feiern zumute. Ein großer Wermutstropfen hat sich in die Freude gemischt, und zwar in Form der Reaktion vieler meiner Brüder und Schwestern im Glauben. Die evangelische Nachrichtenagentur idea versprüht, wie üblich bei diesem Thema, als Journalismus getarntes Gift, und nicht wenige meiner christlichen Freunde plappern nach, was die homophobe Seite des Christentums ihnen als angebliche biblische Wahrheit einflüstert. Ich muss zugeben, das Gift tut seine Wirkung.

Heute bin ich mit Angst in den Gottesdienst gegangen. Angst vor möglichen Äußerungen anderer Gemeindemitglieder, die (bewusst oder unbewusst) abwertend und verletzend sind, die (bewusst oder unbewusst) Unwahrheit und Beschimpfung anderer als christliche Überzeugung darstellen. Äußerungen, gegen die ich mich hätte wehren müssen, wenn ich morgens noch in den Spiegel schauen will. Glücklicherweise sind keine derartigen Äußerungen gefallen, und es war dann doch ein sehr schöner Gottesdienst. Trotzdem: Die Angst wird nicht einfach verschwinden.

Ein Musiker hat die letzten Tage genauso erlebt und hat diese Empfindungen in einem Lied ausgedrückt. Mit seiner freundlichen Genehmigung bette ich das hier ein:

Drei Hochzeiten und ein hoffnungsloser Fall

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Niemand kann mir vorwerfen, auf zu vielen Hochzeiten getanzt zu haben. Ich kann nämlich gar nicht tanzen. Für koordinierte Körperbewegungen hatte ich nie ein übermäßiges Talent, aber die Freude am Tanzen war auch bei den meisten meiner Altersgenossen damals im typischen Tanzkurs-Alter nicht die Hauptmotivation, einen Tanzkurs zu besuchen. Aber Mädchen haben mich noch weniger interessiert.

Es war die Zeit, als ich anfing, mein Außenseiterdasein nicht nur als Fluch sondern auch als Gabe zu verstehen, als ich anfing zu begreifen, dass anders auch besser heißen kann, und dass es legitim, manchmal sogar erstrebenswert ist, gegen den Strom zu schwimmen. Den Verzicht auf einen Tanzkurs verkündete ich mit Würde und einem guten Schuss Überheblichkeit. Das mangelnde Interesse am anderen Geschlecht ließ sich erfolgreich als moralische Standhaftigkeit verkaufen, was bestimmt vielfach belächelt, von meinen Freunden aber durchaus auch respektiert wurde. Die starken Gefühle für Jungs hatte ich tief in den Giftschrank meiner Seele gesperrt.

Dieses Gefängnis hielt lange dicht. Wenige Jahre später war ich heftig verliebt und konnte immer noch nicht begreifen, welche Gefühle es waren, die mich da überfielen, denn dass ich mich als Mann in einen Mann verliebe, kann ja nicht sein. Als dieser Mann später eine Frau heiratete, waren diese Gefühle schon wieder verflogen, aber die Schemas in meinem Kopf waren noch sehr verfestigt: Als Mann heiratet man eine Frau – alles andere ist unchristlich und unmoralisch. Die Hochzeit war sehr leger. Schon zum Kaffee trug niemand mehr eine Krawatte, die gemeinsamen Hochzeitsfotos entstanden an einem Badesee in unmittelbarer Nähe des FKK-Bereichs. Die „So etwas macht man nicht“-Stimme in mir erlitt eine bedeutende Niederlage.

Etwa zu dieser Zeit brach das Gefängnis in meiner Seele so langsam auf, und was ihr dadurch an verdrängten und verleugneten Gefühlen entstieg, brachte mich in große Bedrängnis: Wie sollte ich als schwuler Christ leben? Eine der Alternativen war damals, hetero zu werden. Es gab Hilfsangebote mit dieser Perspektive und Beispiele angeblich erfolgreicher „Heilungen“. Es gab aber auch das tief verwurzelte Bewusstsein in mir, dass so etwas nicht möglich ist. Irgendwann gab ich dem geistlichen Druck nach machte das Unmögliche zu meiner Perspektive: „Therapie“ und anschließend eine hoffentlich glückliche Ehe mit einer Frau.

Damals fühlte sich diese Perspektive wie eine Befreiung an. Ich hatte wieder Hoffnung, eine vergebliche Hoffnung zwar, aber immer noch viel besser als die Hoffnungslosigkeit, die mich davor gequält hatte. In diese Zeit fällt die Hochzeit eines Freundes, in den ich auch zuvor verliebt war. Was eine schlimme Erfahrung hätte werden können, wurde auch für mich zu einem wunderschönen Fest, weil meine Hoffnung auf „Heilung“ sie zu einem Vorgeschmack auf meine eigene Hochzeit machte.

Die ganzen „Therapien“ sind natürlich, was die Veränderung der sexuellen Orientierung betrifft, völlig wirkungslos, die Heilungsversprechen beruhen auf Lüge und Selbstbetrug. Hat Gott mir damals eine Lüge erzählt, um mir Hoffnung zu geben? Vielleicht war ich einfach damals noch viel zu gefangen in Vorurteilen und zerstörerischer Theologie, um die Wahrheit anzunehmen. Vielleicht fand Gott es besser, dass ich mit einer Lüge weiterlebe, statt an der Wahrheit zu zerbrechen. Jedenfalls wusste Gott es zu verhindern, dass ich zu tief in dieses Lügengebilde einsteige, dass ich mich zu sehr auf diese zerstörerischen Therapieangebote einlasse. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Viele Jahre sind seither vergangen. Gestern durfte ich einer wunderschönen kirchlichen Trauung beiwohnen. Der Gottesdienst war sehr persönlich, fast intim gestaltet, was ihn aber nicht weniger festlich machte. Die Brautleute verlasen selbst geschriebene Treueversprechen, die von tiefer Liebe zueinander zeugten. Und natürlich bewegte mich die Frage: Stehe ich auch irgendwann mal da vorne, an der Seite eines Mannes, für den ich, und der für mich die gleichen Gefühle empfindet, wie sie das Brautpaar so wunderschön ausdrückten?

Das Brautpaar gestern war jung. Ich bin es nicht mehr. Stattdessen habe ich schon ein halbes Leben voller irregeleiteter und vergeblicher Hoffnungen hinter mir, gerade was das Thema Beziehungen und Hochzeit und Ehe betrifft. Eine fiese, kleine Stimme in mir erklärt mich zum hoffnungslosen Fall. Aber die Hoffnung, selbst einmal als glücklicher Bräutigam am Altar zu stehen, ist noch da, ist vielleicht lebendiger denn je. Ich werde nicht auf diese fiese, kleine Stimme in mir hören. Ich werde an dieser Hoffnung festhalten.

Was ich noch hätte sagen sollen …

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Heute an Pfingsten feiern wir die die Ausgießung des Heiligen Geistes an alle Gläubigen. Zu Studentenzeiten sagten wir immer, Gott wolle den Heiligen Geist aus Gießen, denn in dieser Stadt lag die Deutschland-Zentrale unserer christlichen Studentenvereinigung. Andererseits habe ich in Erlangen studiert, und es heißt ja auch: Suchet das Himmelreich zu Erlangen.

Vom Heiligen Geist kann man eigentlich nicht genug haben, auch Paulus ermahnt uns, dass wir uns immer neu von ihm erfüllen lassen. Vielleicht haben wir manchmal aber schon genug und merken es gar nicht. Im Kapitel 10 des Matthäus-Evangeliums sendet Jesus seine Jünger zu einem Dienst auf Probe aus, heute würden wir vielleicht von einem Kurzzeit-Missionseinsatz sprechen. Man muss vorsichtig mit diesem Text umgehen: Manche Anweisungen sind der Besonderheit der Situation geschuldet und stellen keine allgemein gültigen Regeln für Missionare dar. Aber ich bin mir sicher, dass ein Abschnitt in seiner Bedeutung weit über die damalige Situation hinaus geht:

Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet reden, sondern der Geist des Vaters wird durch euch reden.

Ich bin glücklicherweise noch nie wegen meines Glaubens vor Gericht gestellt worden. Für meinen Glauben und meine Überzeugungen rechtfertigen musste ich mich schon oft. Durfte würde ich in manchen Fällen wohl sagen, denn nicht selten, gerade gegenüber Nichtchristen, waren das sehr angenehme Gespräche. In richtigen Rechtfertigungsdruck haben mich – gerade in den letzten Jahren – eher meine lieben Mitchristen gebracht, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Eine Erfahrung habe ich aber bisher in all diesen Gesprächen gemacht: Hinterher fällt mir ein, was ich noch alles Schlaues oder Wichtiges hätte sagen können, wie ich meine Argumente besser hätte untermauern können oder meinen Glauben überzeugender hätte rüberbringen müssen. Je nachdem, wie intensiv oder wie wichtig das Gespräch war, trage ich diese Gedanken noch Tage, manchmal sogar Wochen mit mir herum.

Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist, sich auf derartige Gespräche vorzubereiten. Petrus ermahnt die Empfänger seines ersten Briefes, sie sollen stets bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der sie nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt. Aber mangelnde Vorbereitung ist jetzt nicht wirklich mein Problem: Ich bilde mir ein, mir über viele Fragen schon gründlich Gedanken gemacht zu haben. Andererseits glaube ich ganz entschieden nicht, dass es gut ist, auf jede mögliche Frage eine auswendig gelernte Antwort zu haben.

Dazu kommt, dass gerade diese Grübelei hinterher, was ich hätte besser machen können, besonders unproduktiv und unsinnig ist. Das jeweilige Gespräch ist vorbei und kommt in dieser Form bestimmt nicht wieder. Aber ich glaube, das Problem geht noch tiefer. Diese Form der Selbstkritik ist (zumindest bei mir) auch ein Symptom für mangelndes Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes.

Heute wird in vielen Gemeinden über die Pfingstpredigt des Petrus geredet. Er nutzte damals die Aufmerksamkeit und die Situation. Er redete spontan, aber brillant, und 3.000 Menschen fanden zu Jesus. Wenn Jesus verheißt, dass der Geist des Vaters durch uns redet, stelle ich mir genau das vor. Leider habe ich dergleichen in meinem Leben höchst selten und auch dann nur in Ansätzen erlebt. Spricht sonst der Heilige Geist nicht durch mich?

Zunächst einmal war die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten ein welt- und heilsgeschichtlich einmaliges Ereignis. Dass Gott an so einem besonderen Tag besonders große Wunder tut, sollte nicht verwundern. Dass der Alltag weniger glanzvoll verläuft als der Festtag, ist kein Fehler des Alltags.

Die Verheißung Jesu in Matthäus 10 lautet auch nicht, dass der Geist des Vaters durch mich spricht, und sich alle bekehren werden. Sie lautet nur, dass der Geist des Vaters durch mich spricht. Da ist nicht die Rede von besonderen Wirkungen, dass meine Worte alle überzeugen. Es ist nicht verheißen, dass diese Worte, die der Geist durch mich spricht, irgend eine spezielle Auswirkung haben, ja nicht mal, dass sie überhaupt eine Auswirkung haben. Es ist auch nicht verheißen, dass ich mit dem, was der Heilige Geist durch mich spricht, zufrieden bin, oder dass ich mich dabei gut fühle. Aber in Jesaja, Kapitel 55 spricht Gott:

So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

Und an dieser Stelle muss ich mir einfach eingestehen, dass ich in den wenigsten Fällen auch nur ahne, was Gott mit einem Gespräch bewirken will, und wie das die Worte, die mutmaßlich der Heilige Geist durch mich redet, erreichen sollen. Wenn ich nun hinterher nach besseren Argumenten, nach besseren Worten suche, dann heißt das doch, dass den Worten nicht vertraue, die der Geist des Vaters durch mich bereits gesprochen hat, dass ich dem Vater selbst nicht vertraue, mit genau diesen Worten genau die Wirkung zu erzielen, die er sich für genau dieses Gespräch vorstellt.

Es geht nicht darum, dass ich möglichst brillant und möglichst überzeugend rede. Es geht darum, dass Gott durch mich redet, und dass er auch bestimmt, welche Wirkung dieses Reden haben soll. Ich möchte hier mehr Vertrauen lernen, und dazu gehört auch, dass ich diese „innere Manöverkritik“ nach jedem derartigen Gespräch bei mir abschaffe. Das wird mir nicht leicht fallen, weil sich eben alte Gewohnheiten nicht so einfach abstellen lassen. Aber ich glaube, dass es mein Vertrauen in den stärkt, der jedes Vertrauen verdient.

Sichere Seite

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Vor ein paar Wochen habe ich über Petrus geblogt, und wie Gott in einer Vision die ganzen jüdischen Reinheitsgebote für ungültig erklärt hat. Petrus hat richtig reagiert, er war der Vision gehorsam, nicht den Geboten, und der Segen, den Gott dafür schenkte, war mehr als offensichtlich. Aber Petrus war nicht ohne Fehler, und auch in dieser Sache nicht ohne Rückfall. Paulus beschreibt in seinem Brief an die Galater, wie Petrus und andere in Antiochia sich von bestimmten, konservativen judenchristlichen Kreisen verführen ließen und wieder in alte Verhaltensmuster zurückfielen: Speisevorschriften und Trennung von allen Nichtjuden.

Ich finde, das ist durchaus verständlich. Petrus tat nur, was ihm von klein auf als unumstößliches Gebot Gottes gelehrt wurde. Und die Judenchristen, die die Einhaltung der Gebote verlangten hatten hervorragende Argumente: Das Neue Testament war noch nicht geschrieben. Sie hatten die ganze, damalige Heilige Schrift auf ihrer Seite. Sie kämpften für die Autorität der Bibel als Wort Gottes gegen Zeitgeist und moderne Beliebigkeit.

Paulus hat alles andere als verständnisvoll reagiert, seine Reaktion war sehr heftig: Er wies Petrus, den von Jesus ernannten Felsen der Kirche, öffentlich zurecht. Und an die Christen in Galatien schrieb er in aller Deutlichkeit:

Schuldig mache ich mich dann, wenn ich wieder aufrichte, was ich abgerissen habe.

Der ganze Galaterbrief ist eine Streitschrift gegen die Gesetzlichkeit. Das gilt auch und gerade für die Frucht des Geistes nach Galater 5, Vers 22 und 23. Die Freiheit in Christus ist Kernstück eines jeden christlichen Glaubens, der sich zurecht so nennen darf. Sie ist keine Verhandlungsmasse im Diskurs mit konservativen Kräften.

Und wer diese Botschaft der Freiheit in Christus für Beliebigkeit hält, hat recht: Es ist Gottesbeliebigkeit. Es ist das unumstößliche Recht Gottes, der zu sein, der er ist und so zu entscheiden, wie er entscheidet. Er darf für rein erklären, was er zuvor für unrein erklärt hat. Er darf Gebote erlassen und Gebote abschaffen. Und wenn Gott selbst in unserem Leben Zäune niederreißt, dann darf niemand sie wieder aufrichten, auch nicht mit Blick auf die Gebote und die Heilige Schrift, auch nicht wir selbst.

Das Gesetz ist Teil der Offenbarung Gottes, und wir tun mit Sicherheit gut daran, es zu studieren und daraus zu lernen. Es ist aber nicht Teil der Heilsbotschaft in Jesus Christus, und wer versucht, es dazu zu machen, macht sich schuldig.

Mir wurde heute wieder mal geraten, mich nicht auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung einzulassen, weil das nach Gottes Ordnung und seinen Geboten ins Unglück führen müsse. Ich teile diese Auffassung nicht, aber ich könnte auf Nummer sicher gehen und freiwillig auf eine Beziehung verzichten, aber damit würde ich – mit Paulus‘ Worten – wieder aufrichten, was ich abgerissen habe. Ich würde die Freiheit, die Christus mir geschenkt hat, verleugnen. Ich würde mich schuldig machen.

Es gibt für einen wahren Christen keine sichere Seite. Es gibt nicht die Möglichkeit, lieber ein paar Gebote zu viel einzuhalten, damit man ja nichts falsch macht. Gebote einzuhalten, die Gott abgeschafft hat, ist nicht weniger ungehorsam, als Gebote zu übertreten, die er für gültig erklärt hat. Christsein besteht nicht aus dem Halten von Geboten, Christsein ist die Nachfolge Christi. Dazu hat er uns Christen mit dem Heiligen Geist ausgestattet.

Gegen Ende des Galaterbriefs, nach langen Tiraden gegen die Gesetzlichkeit, schreibt Paulus von der Frucht des Geistes, von Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Alles, was aus der geistlichen Abhängigkeit von Jesus heraus getan wird, trägt diese Kennzeichen. Manche dieser Taten mag geschriebenen Geboten widersprechen, aber nichts davon widerspricht dem Willen Gottes. Gegen all das, so Paulus, steht kein Gesetz.

Ich denke, jeder Christ sollte das Gesetz, wie es in der Heiligen Schrift entfaltet wird, möglichst genau kennen und möglichst viel daraus lernen. Aber Mittelpunkt des Glaubens ist die Nachfolge Christi, wie sie der Heilige Geist führt. Und wer es lernt, sich vom Geist leiten zu lassen, wer die Frucht des Geistes erlebt, für den gibt es kein Gesetz. Petrus hat sich in Antiochia verführen lassen. Er hat die vermeintlich sichere Seite gewählt, die eher zu viel als zu wenig Gebote hält. Er hat das Gesetz über die Nachfolge gestellt. Die sichere Seite kann eine starke Versuchung sein. Vor dieser Versuchung sollten wir uns hüten.

Dieser ist Gottes Sohn gewesen

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Paulus schrieb an die Korinther, dass die Predigt vom Kreuz den Heiden eine Torheit ist. Kein Wunder: Welche Religion sonst hat ein Gerät zur Vollstreckung der Todesstrafe als Symbol? Es wurde schon der Vorschlag gemacht, die Kreuze in den Kirchen durch Galgen zu ersetzen, um sich dieser Tatsache wieder mehr bewusst zu werden.

Trotzdem hielt es Paulus für richtig, gegenüber den Korinthern nichts zu wissen als Jesus, den Gekreuzigten. Die Torheit ist für ihn zugleich zentrale Botschaft. Ohne Jesu Tod am Kreuz ergibt für ihn (und für mich) der christliche Glaube nicht den geringsten Sinn. Einer der ersten, die diesen Sinn zumindest teilweise erkannten, war ein Heide, ein Römer, nämlich der Hauptmann des Hinrichtungskommandos. Ihn und seine Mannschaft erfasst ein tiefer Schrecken angesichts der Ereignisse, die Jesu Tod begleiten. Der Evangelist Matthäus beschreibt diese Ereignisse so:

Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Hat der Hauptmann in diesem Moment wirklich begriffen, wer dieser Mensch am Kreuz war, und was das für ihn bedeutete? Vermutlich nicht. Für ihn als Römer war schon der Titel „Gottes Sohn“ weit weniger exklusiv als für einen Juden. Als Teil der römischen Besatzungsmacht war ihm der Glaube an den kommenden Messias vermutlich nicht völlig fremd, aber doch in weiten Teilen unverständlich. Aber trotzdem begriff er, dass da nicht nur einer der üblichen Verbrecher am Kreuz gestorben war. Er war der erste, der den Gekreuzigten als Gottes Sohn bezeichnete.

Ich bin mit Sicherheit kein Gegner gründlichen Bibelstudiums und solider Theologie. Aber machmal ist das einfach unnötig, vielleicht sogar hinderlich. Wir dürfen uns nicht einbilden, Gott verstehen oder ergründen zu können. Das Kreuz wird für uns immer ein Rätsel bleiben, eine Torheit, wenn selbst Gott es uns nicht offenbart. Dem römischen Hauptmann offenbart sich Gott. Das ist weniger dramatisch als der zerrissene Vorhang mit seiner tiefgreifenden Symbolik, weniger spektakulär als das Erdbeben und weniger mystisch als die Toten, die vielen erscheinen. Es ist deshalb nicht weniger übernatürlich.

Bach hat dies in seine Matthäuspassion verpackt, und der Dirigent Karl Richter hat es wie kein zweiter herausgearbeitet. Man hört quasi den Vorhang reißen und die Erde beben, alles sehr dramatisch, aber alles auch sehr irdisch. Die materielle Welt reagiert auf den Tod des Erlösers. Aber dann kommen die Stimmen des Hauptmanns und seiner Mannschaft. (Weil es nach biblischem Wortlaut mehrere sind, die sprechen, besetzt Bach den Chor.) Diese Stimmen sind alles andere als irdisch, sie kommen musikalisch aus einer anderen Sphäre, aus einer anderen Welt, genau so wie die Erkenntnis des Hauptmanns nicht von dieser Welt ist.

Die Aufnahme stammt aus meinem Geburtsjahr. Es gibt modernere Aufnahmen, die wahrscheinlich eher den ursprünglichen Gedanken und Vorstellungen Johann Sebastian Bachs entsprechen, aber gerade diese Stelle gelingt keinem so einfühlsam, so tiefgründig wie dem längst verstorbenen Karl Richter:

Man kann versuchen, das Kreuz zu verstehen. Man kann es sich auch von Gott offenbaren lassen. Paulus wollte nichts wissen als nur Jesus Christus, den Gekreuzigten. Das klingt nach wenig, aber wenn dieses Wissen wirklich von Gott kommt, ist es mehr als genug.

Wenn Gott einfach handelt

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Hunger hat schon zu mancher Revolution geführt, aber nur selten, wenn lediglich eine Person hungrig war. Die Apostelgeschichte berichtet im zehnten Kapitel von einem hungrigen Petrus, der eine Vision vom Essen hat. Von Essen, das für ihn als gläubigen Juden tabu ist, weil es nicht den jüdischen Reinheitsvorschriften entspricht. Es ist aber nicht irgendwer, der Petrus diese verbotene Nahrung anbietet, es ist Gott selbst, der sagt: „Schlachte und iss!“

Gott widerspricht sich. Die ganzen Speisevorschriften, das ganze jüdische Gesetz kommt direkt von ihm. Aus heiterem Himmel und ohne Begründung erklärt er für rein, was er selbst vormals für unrein erklärt hat. Paulus entwirft später eine umfassende theologische Begründung, warum das ganze jüdische Gesetz und damit auch die Reinheits- und Speisegebote plötzlich nicht mehr gelten, aber zwischen der Vision des Petrus und den ersten Paulusbriefen liegen viele Jahre. Wir Menschen brauchen Begründungen, brauchen Logik und überzeugende Argumente, Gott hat das nicht nötig. Die Heiden sollen endlich das Evangelium erhalten, und Gott handelt einfach. Theologie kann warten.

Unter all seinen Jüngern hat Gott den impulsiven Petrus zum Felsen bestimmt, auf den er seine Kirche bauen will. Hier zeigt sich warum, denn Petrus schafft es, all seine Bedenken zur Seite zu schieben, seine Verwirrung und nicht zuletzt den Großteil seiner jüdischen Erziehung. Gott handelt, und Petrus will nicht nur zuschauen. Er will Teil von Gottes Handeln sein, eine aktive Rolle übernehmen, koste es, was es wolle. Das war in jener Nacht auf dem See Genezareth so, als Jesus den Jüngern übers Wasser entgegen kam. Das war bei der Ausgießung des Heiligen Geistes so, als Petrus das Wort ergriff und zu Tausenden von Menschen predigte. Das war auch in der Nacht vor der Kreuzigung so, als Petrus zuerst das Schwert gegen einen Menschen erhob und sich dann in den Hof des Hohen Rates drängte und Jesus verleugnete.

Nicht alles, was Petrus anfasst, wird zu Gold. Manchmal handelt er sich mit seiner Impulsivität und seinem Sich-in-den-Mittelpunkt-drängen auch richtig Ärger ein. Manchmal stürmt er voran, wenn Geduld gefragt ist, und Gott muss ihn wieder einfangen, mitunter sogar recht unsanft. Dennoch ist es nicht einer der Geduldigen unter den Jüngern, einer der gründlich nachdenkt und wohl überlegt handelt, die Gott als Fundament seiner Kirche auswählt. Es ist das Verlangen, mit von der Partie zu sein, wenn Gott handelt, das Petrus antreibt, und das ihn für seine Aufgabe qualifiziert.

Petrus geht mit den Boten mit, die der römische Hauptmann Kornelius entsandt hat. Er geht in dessen Haus und bleibt dort mehrere Tage als Gast. Hinterher muss er sich dafür rechtfertigen. Seine Theologie ist ganz einfach. Er erzählt die ganze, unglaubliche Geschichte und schließt mit dem wunderbaren Satz:

Wer bin ich, dass ich Gott in den Weg treten könnte?

Ich bin nun wahrlich kein Petrus. Ich bin weder so impulsiv, noch so mutig, und spontane Reaktionen erwartet man bei mir meist vergeblich. Ich gehöre eher zu den Menschen, die lieber drei mal gründlich überlegen, bevor sie entscheiden. Das ist ja nicht falsch. Unter den zwölf Jüngern gab es auch nur einen Petrus. Aber den Wunsch, mitten drin zu sein, wenn Gott handelt, den kenne ich sehr gut. Er hat mich schon oft in meinem Leben angetrieben und mir zu einigen meiner tiefsten und beeindruckendsten geistlichen Erlebnissen verholfen.

Leider hat dieser Wunsch bei mir über die Jahre deutlich nachgelassen. Häufig war und bin ich schon zufrieden, wenn Gott mich einfach in Ruhe lässt. Das ist nicht gut, und das soll auch nicht so bleiben. Ich wünsche mir, dass diese Sehnsucht wieder wächst, dass ich bereit bin, mich mitreißen zu lassen, wenn Gott handelt, und dass ich dabei weder Gott noch mir selbst im Weg stehe. Bei aller berechtigter Unterschiedlichkeit: Ich bräuchte mal wieder eine solide Portion Petrus in meinem Leben.

Noch etwas: Petrus hatte sich zum Gebet zurückgezogen, als Gott ihm die Vision schenkte. Dann klicke ich mal auf Publizieren und tue das gleiche …

Ermutigung

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Es ist vielleicht unvermeidlich, dass ich als schwuler Christ gelegentlich in eine Verteidigungshaltung gerate. In letzter Zeit habe ich mich jedoch viel zu oft in dieser Haltung wiedergefunden, häufig unnötigerweise, manchmal sogar ohne jeden Anlass. Gründe dafür gibt es viele, aber ich weiß längst: Es tut mir nicht gut.

Auch die Zeichen, die Gott mir schickt, weisen in eine andere Richtung. In den letzten Wochen bin ich gleich auf mehrere Mut machende und befreiende Bibelstellen gestoßen, die mich sehr berührt haben. „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, schreibt Paulus. Trotzdem halte ich oft an der Enge meiner Verteidigungshaltung fest, weil sie sich sicher anfühlt, weil sie mir das (sehr wahrscheinlich trügerische) Gefühl gibt, alles unter Kontrolle zu haben. Und meine Seele verwechselt die Weite, in die Gott mich führen will, mit Halt- und Schutzlosigkeit.

Ich möchte dem nicht nachgeben. Ich möchte nicht an etwas festhalten, was doch keinen Halt gibt und mir nur schadet, ich möchte vielmehr die Ermutigung festhalten, die Gott mir bereits gegeben hat. Deshalb gibt es hier in den nächsten Wochen eine kleine Serie über Bibelstellen, die mir den Weg in diese Freiheit zeigen und mir Mut machen.

An eine dieser Bibelstellen hat mich Gott erinnert, als ich vor kurzem eine schwierige E-Mail schreiben musste. Sie steht in Jesaja 43, Vers 18 und 19:

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.

Eine Bibelstelle, die für mich in besonders eindrücklicher Weise die Situation der schwulen, lesbischen, bisexuellen, transgeschlechtlichen und sonst irgendwie queeren Christen beschreibt. Nach vielen Jahrhunderten der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung erkennen mehr und mehr Christen, Gemeinden und Verbände, dass Gott neue Wege geht mit seinen nicht-cis-hetero-Nachfolgern, und gehen diese Wege mit. Sie erleben, dass Gott hier neues Leben aufwachsen lässt, und freuen sich mit uns.

Schade nur, dass ausgerechnet eine der lebensfeindlichsten Organisationen in diesem Bereich sich den Namen Wuestenstrom gegeben hat. Sie und viele andere erkennen noch nicht, welches Wachstum Gott hier wirklich schenkt, manche bekämpfen es sogar. Trotzdem gibt es mehr als genug Gründe, dankbar zu sein für das, was Gott schon getan hat, und gespannt zu sein auf das, was er noch tun wird.

Das Bibelwort hat auch eine persönliche Seite für mich. Die Vergangenheit liegt hinter mir und wird auch nicht zurück kommen. Es wird mir nicht helfen, über das, was war oder was hätte gewesen sein können, nachzugrübeln. Gott erinnert mich mit seinem Wort daran, dass es viel besser ist, nach dem zu suchen, dass er noch geben will, und nicht nach dem, das ich vielleicht verpasst habe. Die Veränderungen in meinem Leben sind von Gott geschenkt und brauchen nicht ängstlich von mir verteidigt zu werden. Statt dessen sollte ich nach dem Leben Ausschau halten, das Gott jetzt bei mir wachsen lässt, nach den Wegen, die er jetzt ebnet und nach dem Wasser, mit dem er jetzt meinen Durst löschen will.