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Schlagwort-Archive: Christ

ProChrist 1997

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ProChrist in Nürnberg! Das war 1997, und ich, damals Student an der Uni Erlangen, war begeistert.

Man kann ja von ProChrist an sich und vom damaligen Hauptredner Ulrich Parzany durchaus geteilter Meinung sein. Dabei darf man aber aus heutiger Sicht nicht vergessen, wie wichtig es damals war, dem sehr eingestaubten Konzept Evangelisation etwas neuen Wind einzuhauchen. Die Professionalität der Veranstaltung und die Satelliten-Übertragung an hunderte Veranstaltungsorte waren damals wegweisend. Für mich war es endlich eine Veranstaltung, in die man seine nichtchristlichen Freunde einladen konnte, ohne sich fremdschämen zu müssen.

Wie habe ich mich gefreut, die Zentralveranstaltung direkt besuchen zu können! Dennoch war es für mich dann ein besonders trauriges, ein besonders bitteres Erlebnis. Ich erinnere mich noch: Ich saß weit oben auf der Tribüne. Unten im Saal gingen die Leute scharenweise nach vorne, um ein Leben mit Jesus zu beginnen. Und mein Leben mit Jesus? Viel davon war nicht mehr übrig. Hier tat Gott etwas großes, und es lief wie ein Film vor mir ab. Ich war nicht mehr ein Teil von alledem.

Wenige Jahre zuvor musste ich mich der Tatsache stellen, dass ich schwul bin. Eine Tatsache, die im Rückblick immer offensichtlich war, die ich aber erstaunlich lange aus meinen Gedanken fern halten konnte. Damit begann eine längere Recherche, eine längere Suche danach, was die Bibel, was andere Christen, letztlich was Gott zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen sagt. Es war damals nicht einfach, überhaupt an Informationen zu kommen, aber das Ergebnis, zu dem ich immer wieder zurück kam, war negativ.

Ich hatte die Wahl zwischen drei Unmöglichkeiten: Hetero zu werden, allein zu bleiben oder mich von Jesus zu trennen. Alles drei habe ich versucht. Mit der Trennung von Jesus habe ich angefangen, aber es hat nicht funktioniert. Nach allem, was ich schon mit ihm erlebt habe, konnte ich mir nicht einreden, dass er nicht existiert. Und wenn man Jesus einmal erkannt hat, dann ergibt ein Leben ohne ihn einfach nicht mehr den geringsten Sinn.

Und das war meine Situation, damals im Jahr 1997: Unlösbar gebunden an einen Gott, der aber nicht mehr der liebende, freundliche Gott war, den ich kannte. Er war für mich ein Gott der Willkür und der Grausamkeit geworden. Ich habe versucht, mich an meinen alten Erfahrungen festzuhalten, an der Unfehlbarkeit der Bibel und deren Aussagen, an der unumstößlichen Tatsache, dass Gott die Liebe ist. Ich habe versucht, zu glauben, zu lieben, weiterzumachen. Ich habe verloren.

Und an jenem Novembertag saß ich in der Halle in Nürnberg mit Begeisterung auf den Lippen, aber Tränen der Verzweiflung in den Augen. Ich saß da mit einem gebrochenen Herzen, für das es damals bei Jesus keine Heilung und keinerlei Trost gab.

Ulrich Parzany setzt sich heute mit seiner ganzen Autorität gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen ein. Er verkündigt damit allen Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen jenen Gott der Willkür und der Trostlosigkeit, den ich damals erlebt habe. Damals noch trotz und nicht wegen seiner Predigt.

ProChrist 1997 war für mich ein Tiefpunkt, nicht mal der einzige, aber es war nicht der Endpunkt. Letztlich habe ich doch nicht aufgehört, nach dem Gott der Liebe und des Trostes zu suchen. Und ich habe ihn – auf einem langen Weg und mit manchen Rückschlägen – wiedergefunden. Nein, er hat mich wiedergefunden. Gott hat mich nie losgelassen, und dafür bin ich sehr dankbar. Aber wenn ich an ProChrist 1997 denke, fühle ich immer noch die Verzweiflung und die Trostlosigkeit. Und es fühlt sich immer noch wie ein Stich ins Herz an.

Mann und Frau

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Im Eintrag von letzter Woche habe ich dargestellt, wie manche Bibelauslegung eher von Voreingenommenheit als von exegetischer Gründlichkeit geprägt ist. Auf diese Voreingenommenheit, besser gesagt, eine bestimmte Erscheinungsform davon, möchte ich heute etwas ausführlicher eingehen.

Anknüpfungspunkt ist 1. Mose 1, 27: So schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild, als Mann und Frau schuf er sie. Viele Ausleger glauben in diesen doch sehr schlichten und knappen Worten zu erkennen, dass es menschliches Leben nur in zwei scharf umgrenzten Erscheinungsformen gebe, nämlich als reine Männer oder als reine Frauen, bei denen alle biologischen und sonstigen Eigenschaften – einschließlich der sexuellen Orientierung – sich nach der angeblich eindeutigen genetischen Disposition richten. Nach dieser Vorstellung ist jede Abweichung von diesem Schema eine mehr oder minder krankhafte Verfälschung der Schöpfungsabsicht Gottes.

Der Fachausdruck für eine solche Position ist heteronormativ. Die meisten Menschen, die diese Position vertreten, wären vermutlich niemals in der Lage, die Begriffe „Mann“ und „Frau“ jenseits der biologischen Eigenschaften halbwegs brauchbar zu definieren, und selbst ihre biologische Definition würde sehr schnell an den verschiedenen Formen von Intersexualität scheitern. Um die Erforschung des Männlichen und Weiblichen beim Menschen hat sich ein ganzer Wissenschaftszweig gebildet, deren Disziplinen meist an der Vorsilbe „Gender“ zu erkennen sind – eine Vorsilbe, die zum Feindbild aller heteronormativ denkender Menschen geworden ist, also ironischerweise zum Feindbild genau der Menschen, die an einer wissenschaftlich klaren und überzeugenden Abgrenzung zwischen männlich und weiblich das größte Interesse haben sollten.

Die Bibel liefert tatsächlich zwei klare Kategorien: Mann und Frau. Ich persönlich lege auf diese Kategorien sehr großen Wert. Nicht nur weil ich ein Mann bin, der sich recht stark mit seinem Mann-sein identifiziert, sondern auch weil ich, wie mindestens 95 % der Menschheit, bei der Partnersuche auf ein Geschlecht festgelegt bin. Dass dieses Geschlecht zufällig mein eigenes ist, heißt ja offensichtlich nicht, dass mir die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen dabei weniger wichtig wäre.

Und selbst wenn es um die Varianten sexueller Identität geht, bei denen männliche und weibliche Anteile stark gemischt sind: Viele dieser Varianten würden ohne die grundlegenden Kategorien gar nicht existieren. Gerade transsexuelle Menschen wissen, wie stark die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht gerade jenseits der biologischen Eigenschaften sein kann, und wie wichtig die Identität als Mann oder als Frau für einen Menschen ist.

Die wissenschaftliche Forschung setzt sich, wie es sich für wissenschaftliche Forschung gehört, sehr ausführlich und sehr differenziert mit diesem Thema auseinander. Dabei ist schon angesichts der genannten Beispiele offensichtlich, dass eine differenzierte Betrachtung keinesfalls mit einer Aufhebung der Grundbegriffe, der zu Grunde liegenden Kategorien von männlich und weiblich einhergeht. Genau dieser Vorwurf wird aber den Wissenschaftlern (und allen differenziert denkenden Menschen) immer wieder gemacht.

Damit ist klar: Es geht bei der (biblisch begründeten) Heteronormativität nicht um wissenschaftliche Exaktheit, nicht mal um Erkenntnisgewinn. Es geht um schwarz-weiß-Denken. Es geht um die Erhebung des schwarz-weiß-Denkens zum Auslegungsprinzip. Dabei bezieht sich schwarz-weiß nicht nur im konkreten Fall auf Mann und Frau. Die Art und Weise, wie die Bibel ausgelegt wird, ist ganz diesem Denken verhaftet.  Die einzigen Alternativen heißen „klare Lehre“ und „völlige Beliebigkeit“ Jede differenzierte Betrachtung wird als Verrat am Wort Gottes wahrgenommen.

Wie unsinnig eine solche Betrachtungsweise ist, zeigt die Autorin Melinda Selmys an einem anderen Beispiel aus der Schöpfungsgeschichte. Sie schreibt: „Ja, Gott schuf Mann und Frau. Aber Gott schuf auch Nacht und Tag, und das heißt nicht, dass Gott nicht die Morgen- und Abenddämmerung erschaffen hat. Und ironischerweise ist es typischerweise die Morgen- und die Abenddämmerung, die die Leute für die schönste Zeit des Tages halten.“ Und Matthew Vines ergänzt: „Niemand schaut einen Sonnenuntergang an und sagt: ‚Wie tragisch, dass die Grenze zwischen Nacht und Tag in unserer kaputten Welt verwischt wurde.‘ “

In der Schöpfung Gottes stecken viele einfache Grundprinzipien. Aber gerade in der Kombination und Variation dieser Grundprinzipien entwickelt sie erstaunliche Komplexität und erstaunlichen Reichtum. Die manchmal wunderbare, manchmal auch verstörende Komplexität der Welt um uns herum erfordert klares Denken. Ohne einfache Grundprinzipien (wie z. B. Mann und Frau) berauben wir uns der Fähigkeit dazu. Wer aber in diesen Grundprinzipien schon die vollständige Beschreibung der Schöpfung sieht, verschließt nicht nur die Augen vor der Realität, sondern leugnet auch den Reichtum und die Kreativität des Schöpfers, und hat damit weder Schöpfer noch Schöpfung verstanden.

Die Sehnsucht nach schwarz und weiß speist sich aus der Angst, dass ohne diese klaren Kategorien jeder Kontrast in kaum unterscheidbaren Grautönen verschwimmt. Aber es gibt eine viel schöpfungsgemäßere, viel lebendigere und zugleich viel kontrastreichere Alternative zu schwarz-weiß. Sie heißt: bunt.

Adam und Peter

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God made Adam and Eve, not Adam and Steve.

Dieser Slogan entstand in den siebziger Jahren in den USA und wendet sich offensichtlich gegen gleichgeschlechtliche, insbesondere gegen schwule Beziehungen. Die deutsche Entsprechung scheint Adam und Peter zu sein, ist mir aber in „freier Wildbahn“ noch nie begegnet, wohl weil er nicht halb so einprägsam klingt wie die englische Variante.

Natürlich geht es bei solchen Slogans mehr um Phonetik als um Theologie. Dennoch: Wer diesen Spruch verwendet, will aus der Schöpfungsgeschichte eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ableiten können. Da lohnt es sich, einmal näher hinzusehen, denn der Spruch an sich ist genauso wahr wie inhaltsleer. Dass das erste Paar der Bibel aus Mann und Frau bestand, wird von niemandem angezweifelt. Die entscheidende Frage nach dem Warum wird ja bestenfalls angedeutet.

Es gibt natürlich viele Gründe, warum Adam und Eva nur Mann und Frau sein konnten, und viele von diesen Gründen sprechen nicht im Geringsten gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen. Zum Beispiel die Notwendigkeit, dass sie sich vermehren, das heißt eigene, gemeinsame Kinder bekommen sollten – ein Segen, der gleichgeschlechtlichen Paaren offensichtlich vorenthalten ist. (Wieso das kein Grund gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen ist, dazu werde ich bei Gelegenheit ausführlicher schreiben.)

Und natürlich die Tatsache, dass 90 bis 95 Prozent der Menschheit cis und hetero sind. Da Adam und Eva als erste Menschen sozusagen prototypisch für alle Menschen stehen, ist es nur logisch, ja geradezu zwingend, dass sie in ihrer sexuellen Identität dieser Mehrheit entsprechen. Diese zahlenmäßige Dominanz von cis-hetero halte ich übrigens tatsächlich für einen Teil des Schöpfungsplan. Und das ist auch gut so. Die Vorstellung, alle Welt müsse schwul bzw. lesbisch werden, zeugt für mich nicht gerade von klarem Verstand (vorsichtig gesagt), und zwar unabhängig davon, ob sie als Wunschvorstellung oder als Feindbild präsentiert wird.

Aus der bloßen Tatsache, dass Adam und Eva Mann und Frau waren, lässt sich sehr viel verschiedenes ableiten – und damit gar nichts. Wenn darin wirklich eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen liegen soll, muss der Bibeltext selbst dazu zusätzliche Hinweise liefern. Ich glaube, der entscheidende Abschnitt ist 1. Mose 2, 18 – 24. Und wenn man darin einen Hinweis sucht, dass Paare aus Mann und Frau bestehen müssen, findet man: nichts.

Ganz im Gegenteil: Es wird nur nicht im Geringsten auf irgendeinen Unterschied zwischen Mann und Frau Wert gelegt, es wird vielmehr die Gleichheit von Adam und Eva als Menschen betont. Evas Qualifikation als Adams Partnerin besteht darin, dass sie sich als Mensch von den Tieren unterscheidet, und auch Adam erkennt in Eva nicht eine von ihm unterschiedliche Frau, sondern einen ihm gleichen Menschen.

Dabei spielt es auch keine Rolle, ob in diesen Versen wirklich die eheliche Beziehung, oder, wie von manchen Auslegern vertreten, viel allgemeiner die Beziehung zweier Menschen beschrieben wird. Erstens geht es hier eindeutig um die Beziehung zwischen Adam und Eva, und die beiden waren nun mal ein Paar, und zweitens geht es ja um die Frage, ob die Schöpfungsgeschichte Hinweise gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen liefert, und das tut sie weder nach der einen Auslegung noch nach der anderen.

Gott schuf Adam und Eva zweifellos und absichtsvoll als Mann und Frau. Daraus eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ableiten zu wollen, ist von Voreingenommenheit getriebene Spekulation und hat biblisch keine Substanz. Wie sich diese Voreingenommenheit auswirkt, und was das mit 1. Mose 1, 27 zu tun hat, darüber geht es nächste Woche weiter.

Christliche Wandschränke

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Die englische Sprache bietet ein paar praktische Möglichkeiten. Das Wort gay lässt sich auf beide Geschlechter anwenden, es gibt ein umgangssprachliches Wort für heterosexuell und die Worte girlfriend und boyfriend, deren Eindeutigkeit ich im Deutschen oft vermisse.

Und es gibt den Begriff coming out. Nun, denn haben wir in der deutschen Sprache einfach direkt übernommen, aber dabei geht einiges von seiner Bedeutung verloren, weil die englische Metapher to come out of the closet, die so wunderbar treffend ist, sich mit dem für uns fremdsprachigen Fachausdruck nicht so einfach vermitteln lässt. Sich zu verstecken, sich (zumindest gefühlt) verstecken zu müssen im dunklen, engen Wandschrank, und schließlich hinauszutreten ins Licht und in die Freiheit, das kann jeder nachvollziehen, der ein Coming Out hinter sich bringen musste.

Für lange Zeit, für manche Gemeinden bis heute, bleibt der Wandschrank fest verschlossen. Coming Out ist etwas böses, etwas verderbtes und verwerfliches, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Homosexuelle sind nach dieser Auffassung Feinde, die die Gemeinde zerstören wollen. Wer sich als schwuler oder lesbischer Christ in einer solchen Gemeinde wiederfindet, dem bleibt nur, die Türen des Wandschranks fest geschlossen zu halten. Von innen. Oder sich, bitte, eine andere, bessere Gemeinde zu suchen.

Es hat sich nämlich dann doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Versteckspiel keine christliche Tugend ist, und das eine Gemeinde ein Ort sein sollte, in dem man offen über alles reden kann, was einen bewegt. Die Türen des Wandschranks werden geöffnet. Was dann kommt, da sind sich die Gemeinden noch nicht so richtig einig.

Manche Gemeinden öffnen die Türen, damit das helle Licht Christi die Dunkelheit erleuchte. Das geht so lange gut, wie der Betroffene dankbar im Wandschrank sitzen bleibt. Man ist als Gast akzeptiert, aber wehe, man kommt auf den Gedanken, mehr als nur Gast sein zu wollen.

Wenn man dann doch den Wandschrank verlassen darf, dann geschieht das zumeist unter Auflagen, häufig in Form einer „freiwilligen“ Selbstverpflichtung zu einem zölibatären Leben, manchmal ergänzt durch verschiedene Vorsichtsmaßnahmen. Man darf durchaus zu seiner sexuellen Orientierung stehen, so lange man sie in ausreichendem Maße als böse und verderbt betrachtet.

Die größte Grausamkeit in diese Richtung läuft unter dem euphemistischen Begriff „reparative Therapie“, ein pseudo-therapeutischer Ansatz, der zum Ziel hat, die sexuelle Orientierung eines Menschen dauerhaft zu ändern. In den wenigen Fällen, in denen diese Versuche überhaupt etwas bewirken, besteht der Erfolg meist darin, die wahre sexuelle Orientierung unter einem solchen Berg an Vorurteilen, Ängsten und Verdrehungen zu begraben, dass sie für Jahre oder sogar Jahrzehnte unsichtbar bleibt – sogar für den so Therapierten selbst.

All diese Ansätze klingen natürlich in den Worten ihrer Befürworter sehr viel freundlicher. Sie haben aber alle gemeinsam, dass das Herz im Wandschrank bleiben muss, dass bei aller angeblicher Freiheit und Freundlichkeit der innerste Kern des Menschen in Dunkelheit und Enge zurückbleibt. Denn die sexuelle Orientierung, die sexuelle Identität ist Teil der menschlichen Identität. Und viele Christen wollen es sogar noch als Zeichen besonderer Freundlichkeit anerkannt sehen, wenn sie diese Identität in einen guten und bösen Teil zerreißen wollen, damit der gute Teil in der Gemeinde angenommen werden kann.

Der Wandschrank ist kein Lebensraum, für keinen Teil der eigenen Identität, der eigenen Persönlichkeit. Der Wandschrank ist Stauraum, ein Ort, in dem man Dinge aufbewahrt, die man nicht unbedingt ständig braucht. Dazu gehört die eigene Vergangenheit. Dazu gehören für mich die Erinnerungen an die Zeiten, die ich im Wandschrank verbracht habe oder versucht habe, Teile von mir im Wandschrank zurück zu lassen. Dazu gehören sehr schwierige, belastende Erinnerungen, die ich nur gelegentlich und vorsichtig und einzeln heraushole. Aber wenn ich in meinen persönlichen Wandschrank schaue, entdecke ich in jeder Ecke Gottes wunderbare Fähigkeit, selbst aus Dunkelheit und Enge immer wieder Gutes zu schaffen. Der Mensch, der ich heute bin, bin ich durch das, was ich erlebt habe, was ich mit Gott erlebt habe. Da finde ich vieles, was besser nie geschehen wäre, aber wofür ich dennoch dankbar sein kann.

Und so wichtig der Wandschrank für mich ist als Stauraum für meine Erinnerungsstücke – als Lebensraum hat er ausgedient, endgültig und zurecht. Und das sollte er auch für alle lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Christen haben. Jede Lösung, die den Wandschrank zum Lebensraum erklärt, und sei es auch nur für einen Teil eines zerrissenen Menschen, ist keine menschliche, ist keine christliche Lösung.

Beste Absichten

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Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Das Internet ist sich nicht ganz einig, ob dieses Zitat von Kurt Tucholsky, Bert Brecht oder doch von jemand ganz anderem stammt. Sei es, wie es sei: Da ist was Wahres dran.

Meine Erfahrung ist: Wirklich böse Menschen sind sehr selten, und wirklich böse Absichten sind nicht viel häufiger. Und wenn die Ergebnisse unserer Handlungen allein von unseren Absichten abhängen würden, wäre die Welt ein sehr viel angenehmerer Ort. Aber der Schöpfer des Himmels und der Erde hat uns sicher nicht deshalb mit einem Verstand ausgestattet, damit wir ihn beständig ignorieren. Aus der menschlichen Fähigkeit, die Konsequenzen des eigenen Handelns abzuschätzen, erwächst große Verantwortung. Und wenn die gute Absicht als Ausrede für Denkfaulheit verwendet wird, ist der Weg zur bösen Tat nicht mehr weit.

Vieles, was von gestandenen Christen öffentlich über Homosexualität gesagt wird, ist dumm, verletzend, manchmal verleumderisch und ab und zu auch ausgesprochen bösartig. Dahinter eine gute Absicht zu erkennen, fällt mir manchmal wirklich schwer. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass sie fast immer da ist, dass hinter all dem Mist, der da häufig verzapft wird, ein vielleicht irregeleitetes, aber liebendes Herz steckt.

Liebe erschöpft sich aber nicht in Gefühlen. Liebe muss sich in Worten und Taten zeigen, sonst ist sie nicht viel wert. Und dazu braucht es neben der guten Absicht auch Tugenden wie Einfühlungsvermögen, Wahrheitsliebe, Sorgfalt. Und die Vernachlässigung dieser Tugenden ist lieblos und führt fast zwangsläufig zu lieblosen Äußerungen und zu lieblosem Handeln.

Eine meiner wiederkehrenden Erfahrungen in der Diskussion mit Gegnern gleichgeschlechtlicher Beziehungen ist die schlechte Qualität ihrer Argumente. Da wird die Bibel oberflächlich ausgelegt und mit zweierlei Maß gemessen. Logische Fehlschlüsse paaren sich mit erstaunlicher Unkenntnis über psychologische und soziologische Zusammenhänge. Selbst offensichtliche, völlige Ahnungslosigkeit hindert manche Menschen nicht daran, sich über das Thema sexuelle Orientierung eine Meinung zu bilden und diese vehement zu verteidigen.

Kein Mensch muss sich mit jedem Thema auskennen. Aber wer seine Thesen im Brustton der Überzeugung öffentlich verbreitet, von dem darf, nein muss Fachkompetenz, Sorgfalt und die ständige Überprüfung der eigenen Überzeugung verlangt werden. Das gilt insbesondere, wenn die Bibelstellen ins Spiel kommen. Die Bibel ist das Wort Gottes. Wer sie zitiert, reklamiert damit für seine Aussage eine gewisses Maß an göttlicher Autorität, und zwar ob er will oder nicht, ob sie ihm zusteht oder nicht. Wer die Bibel leichtfertig zitiert, macht sich sehr schnell der Verfälschung des Wortes Gottes schuldig.

Im Neuen Testament wird von einer Gruppe von Menschen berichtet, die aus tiefster Überzeugung, mit den besten Absichten und mit großem Eifer alles dafür taten, das Wort Gottes zu bewahren und ihm Geltung zu verschaffen. Man kennt sie unter dem Betriff „Pharisäer“, und das Urteil Jesu über sie war vernichtend. Das Pharisäertum lauert immer da, wo Menschen es nicht mehr für nötig halten, ihre Überzeugungen zu hinterfragen. Wo die Sache, für die sie kämpfen, aus sich selbst heraus gut zu sein scheint, und nicht, weil sie sich durch fachkundige Prüfung und praktische Erfahrung als gut erwiesen hat. Wo Überzeugungen mehr zählen als Tatsachen.

„Blinde Blindenführer“ nennt Jesus die Pharisäer. Dabei sind sie nicht blind aus Schicksal. In diesem Fall würde Jesus sie wohl einfach heilen. Sie sind blind aus eigener Entscheidung, weil sie bewusst die Augen vor der Realität verschließen, vor einer Realität, die vielleicht ihr schönes, lieb gewonnenes Weltbild kaputt machen könnte.

Wer nicht bei guten Absichten stehen bleiben, sondern wirklich gutes tun will, muss beständig die Axt an das eigene Weltbild legen, muss beständig offen für neue, auch revolutionär neue Erkenntnisse sein. Neugier, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, den eigenen Irrtum zu sehen und sich einzugestehen, sind unabdingbare Eigenschaften jedes Menschen, der wahrhaft gut sein will. Der Gott, an den wir Christen glauben, ist ewig und unwandelbar, aber so unfassbar groß, dass noch jede Menge völlig unerwartete, wahrhaft Augen öffnende Erkenntnisse auf uns warten.

Lieblose, verletzende, ja auch bösartige Worte und Taten dürfen und müssen als solche benannt und kritisiert werden. Dem Gegner böse Absicht zu unterstellen, zeugt nicht nur von schlechtem Stil und Mangel an echten Argumenten, es hilft auch in der Diskussion nicht weiter und ist in den meisten Fällen schlicht falsch. Ich habe mir fest vorgenommen, im Zweifel immer davon auszugehen, dass mein Gegenüber aus bester Absicht redet und handelt. Ich hoffe, dass mir das auch hier in diesem Blog gelingt.

Steckbrief

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Herzlich willkommen bei „Herz im Wandschrank“. Zum Start dieses neuen Blogs gibt es erst ein mal ein paar persönliche Daten:

  • Name: Markus
  • Alter: 44 Jahre
  • Geschlecht: männlich
  • Sexuelle Orientierung: schwul
  • Religion: Christ
  • Gesucht: feste Beziehung

Nein, das ist keine Kontaktanzeige, und ich verwechsle auch nicht WordPress mit Tinder. Mit diesem kurzen Steckbrief ist aber schon mal umrissen, worum es in diesem Blog gehen soll, denn schwul und Christ und dann noch offen für eine Beziehung – das ist eine Kombination, die für viele Diskussionen und nicht selten auch noch für richtigen Ärger sorgen kann.

Von diesen Diskussionen will ich hier schreiben und von ihren Ergebnissen für mich. Von meinen Überzeugungen, meinem Verständnis der Bibel und meinen persönlichen Erfahrungen. Vielleicht wird wenig davon originell oder neu sein, aber alles ist „ich“, alles ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge. Und wenn hier viel von schwulen Männern, aber viel weniger von lesbischen Frauen, von Bisexuellen beiderlei Geschlechts, von Trans- und Intersexuellen und anderen sexuellen Minderheiten die Rede sein wird, dann nicht, weil mir diese Personen weniger wichtig sind, sondern weil ich mangels Sachkompetenz und eigener Erfahrung eben wenig darüber zu schreiben weiß.

Wenn ich mich dabei als Christ bezeichne, dann rede ich nicht von der Zustimmung zu einer Lehre oder einer speziellen Lebensweise. Ich rede vom Christus selbst, von der Person Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott, für mich gestorben und auferstanden, lebendig, erlebbar, erfahrbar. Er ist der Mittelpunkt meines Glaubens und seit über dreißig Jahren der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens.

Neue Einträge gibt’s hier fürs Erste jeden Sonntag, weitere Neuigkeiten auf Twitter unter @herzwandschrank. Und von mir schon mal vielen Dank fürs Lesen, fürs Kommentieren und fürs Teilen.