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Archiv der Kategorie: (Un-)Biblisches

Wir Braut

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Mit Bildern ist das so eine Sache: Jeder sieht etwas anderes.

Die Sprache der Bibel ist – zumindest aus heutiger Sicht – ausgesprochen bildhaft. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. An manchen Stellen versucht die Bibel zu beschreiben, was mit menschlichen Worten nicht beschreibbar ist, in der Offenbarung zum Beispiel. An anderen Stellen wird mit einer bildhaften Sprache eine emotionale Nähe geschaffen, die mit anderen Mitteln nicht erreichbar wäre. Die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn kann man kaum lesen, ohne persönlich berührt zu sein. Andererseits lehrt Jesus auch deshalb in Bildern und Gleichnissen, um Menschen den Zugang zu seiner Botschaft zu erschweren, vielleicht weil sie nicht willens sind, sich auch auf einer emotionalen Ebene auf seine Lehren einzulassen.

Bilder sind zwiespältig: Einerseits ermöglichen sie es uns, eine Sache besser zu verstehen, besser zu durchdringen, andererseits führen sie auch von der Sache weg, beschreiben nicht das Eigentliche, sondern nur eine Analogie. Dadurch haben sie Grenzen. Jedes Bild, jedes Gleichnis kann überstrapaziert werden. Treibt man die Auslegung zu weit, kommt zwangsläufig Unsinn heraus.

Das gilt selbst für die wichtigsten, edelsten Bilder in der Bibel. Wir reden von Gott, dem Vater, und von Gott, dem Sohn, und verwenden dabei ein menschliches Bild, um die Beziehung zwischen der ersten und der zweiten Person des dreieinigen Gottes zu beschreiben. Ich bin überzeugt, dass es kein besseres Bild für diese Beziehung gibt, aber wenn wir im Bezug auf Gott von Vater und Sohn reden, versuchen wir nur eine sehr grobe Annäherung an ein Phänomen, das sich menschlichem Denken und menschlicher Sprache entzieht. Eine grobe Annäherung, die grob falsch wird, wenn wir sie zu weit treiben. Der menschliche Vater ist immer vor dem Sohn da. Der göttliche Sohn ist genauso ewig wie der Vater. Es gab keine Vergangenheit, in der die Dreieinigkeit unvollständig war.

Eine weitere wichtige Beziehung ist die zwischen Jesus Christus und der von ihm berufenen und erlösten Gemeinde. Auch diese Beziehung ist letztlich nach menschlichen Maßstäben und mit menschlichen Worten nicht zu fassen. Das tiefste und beeindruckendste Bild dafür in der Bibel ist das von Jesus als Bräutigam und der Gemeinde als Braut. Auch hier greift die Bibel auf eine der wichtigsten menschlichen Beziehungen zurück, um eine der wichtigsten geistlichen Beziehungen zu beschreiben.

Besonders faszinierend an diesem Vergleich ist, dass er ein beide Richtungen funktioniert: Die Liebe zwischen Christus und der Gemeinde kann die Liebe zwischen Brautleuten (und Ehepartnern) inspirieren und vertiefen. Ebenso haben Verliebte und Verheiratete einen besonderen Schlüssel zum Verständnis der Liebe Christi und zur Vertiefung ihrer Liebe zu ihm. Paulus verwendet das Bild auch tatsächlich in beiden Richtungen.

Schwieriger wird es, wenn man versucht, auf dieser Analogie so etwas wie Moraltheologie zu bauen. Eine eins-zu-eins-Übertragung führt – wie bei jedem anderen Vergleich – zwangsläufig zu Unsinn. Andererseits kann man die einschlägigen Bibelstellen nicht einfach außen vor lassen, nur weil sie bildhaft sind. Wo zieht man als sorgfältiger Ausleger die Grenze?

Kommen wir also auf die Rangfolge zu sprechen. Denn eins ist klar: Christus ist das Haupt der Gemeinde. Er ist der Chef, und die Gemeinde ist ihm Gehorsam schuldig. Und schon haben wir fröhlich ein zweites Bild mit in die Diskussion gebracht, nämlich das von Christus als Haupt und der Gemeinde als Glieder eines Körpers. Lassen sich diese beiden Bilder vermischen? Kommt noch etwas vernünftiges dabei raus, wenn wir es tun?

Für die Leser der Paulusbriefe war eine klare Rangfolge zweifellos ein wesentlicher Bestandteil einer ehelichen Beziehung. Der Mann hat das Sagen, die Frau hat zu gehorchen. Die Gesellschaft war ausgesprochen patriarchalisch und dort, wo sie griechisch geprägt war, häufig extrem frauenfeindlich. Für die Christen des ersten Jahrhunderts war die Frage nicht, ob der Mann über seiner Frau stand, denn das war eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Es ging vielmehr um die Frage, auf welche Weise der Mann diese Rolle ausfüllt. Und hier hat gerade das Vorbild Christi als Haupt der Gemeinde den Ehemännern eine ganze Menge zu sagen.

Die Situation hat sich gewandelt, wir reden von Gleichberechtigung und verankern sie sogar in den Grundrechten, also in die einklagbare Basis des menschlichen Zusammenlebens. Gehen wir hier zu weit? Schreibt uns die Bibel mit dem Vergleich mit Christus und der Gemeine eine Rangfolge vor, die uns in der Gesellschaft verloren gegangen ist?

Eins ist schon mal klar: Wir bewegen uns mindestens am Rande biblischer Botschaft. Wir betrachten nur eine Richtung eines Vergleiches, der in zwei Richtungen gültig ist, wir konzentrieren uns auf einen Teilaspekt eines Vergleiches, der in seiner Bedeutung und Auslegung sehr vielfältig ist, und wir bewegen uns in einem Gebiet, in dem die biblische Botschaft schon stark mit gesellschaftlichen Randbedingungen durchmischt ist. Wer allein aus dem Vergleich mit Christus und der Gemeinde die Rangfolge von Mann und Frau als zwingende, biblische Lehre ansieht, hat den Bereich sorgfältiger und gründlicher Bibelauslegung längst verlassen.

Paulus schreibt an die Galater, dass es unter den Kindern Gottes keine Unterschiede mehr gibt, auch nicht zwischen Mann und Frau. Hier werfen wir einen flüchtigen Blick auf die wirklichen, theologischen Grundlagen. Die Realität im ersten Jahrhundert sieht anders aus. Eine wirkliche Gleichbehandlung von Mann und Frau ist unter den Bedingungen des ersten Jahrhunderts nicht lebbar. Dennoch gibt es unter den ersten Christen erstaunlich viele wichtige, einflussreiche Frauen. Kann es sein, dass Paulus hier einfach ein wenig auf die Bremse treten muss, weil die Botschaft Christi ernst genommen werden soll, und weil sich deshalb die Gemeinde nicht zu sehr von den gesellschaftlichen Realitäten um sie herum entfernen darf?

Fragen über Fragen. Ich werde hier bewusst keine eindeutige Antwort geben, weil ich der Überzeugung bin, dass das Neue Testament als Ganzes diese Antwort nicht liefert. Wir erinnern uns: Die Bibel redet nicht zuletzt deshalb in Bildern und Gleichnissen, um den Unwilligen die Augen zu verschließen. Wer mit Hilfe der Bibel sein überkommenes Eheverständnis zementieren will, wird blind für die biblische Wahrheit. Wer mit Hilfe der Bibel sein modernes und progressives Verständnis der Ehe als einzig richtig verkaufen will, wird ebenso blind für die biblische Wahrheit. Der Reichtum der Bibel erschließt sich für den offenen, lernbereiten Nachfolger, der in der Erfahrung von vor zweitausend Jahren nach der Hilfe für heute sucht. Daran möchte ich mich nächste Woche ein wenig versuchen.

Wir als weltweite, christliche Gemeinde sind die Braut Christi. Ein Bild voller Tiefe, voller Schönheit, voller Liebe. Ein Bild, das es wert ist, in alle Richtungen durchdacht, durchlebt, durchfühlt zu werden. Ein Bild, dessen Wert wir verlieren, wenn wir uns nur auf einen umstrittenen Randbereich konzentrieren.

Die biblische Ehe im Wandel der Zeit

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Die Bibel ist der richtige Ort für jeden, der nach ewigen Wahrheiten sucht. Sie ist voll davon. Aber dennoch ist bei weitem nicht alles, was in der Bibel steht, ewige Wahrheit. Manchmal kann es sogar im Grundsatz falsch sein, in der Bibel nach ewigen Wahrheiten zu suchen, nämlich genau dann, wenn es um Themen geht, die ihrer Natur nach nicht ewig sind, die keine ewige Gültigkeit haben. Eines der wichtigsten derartigen Themen ist die Ehe.

Nicht nur dass jede Ehe (spätestens) mit dem Tod eines Partners für alle Zeiten endet, auch die Institution Ehe an sich wird mit dieser Welt enden, wenn der Herr einmal alles neu machen wird. Die Sadduzäer weisen im Gespräch mit Jesus zurecht darauf hin, dass unsere Vorstellung von Ehe zu Widersprüchen führt, wenn es stimmt, dass die Menschen von den Toten auferstehen und ewig leben werden. Sie wollen damit die Vorstellung der Auferstehung ad absurdum führen, aber Jesus macht klar, dass es das Konzept der Ehe ist, das aufhören wird zu existieren, nicht der Mensch. Es mag ja romantisch sein, wenn sich Verliebte ewige Liebe schwören, biblisch gesehen ist das Unsinn.

Darüber hinaus ist unsere Vorstellung von der Ehe schon in dieser Welt immer wieder Veränderungen unterworfen. Das liegt auch und gerade an ihrer immensen Wichtigkeit: Gerade weil die Ehe von so großer Bedeutung für das Zusammenleben und den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist, kann sie keinesfalls unabhängig und losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen gelebt werden. Sie hat ihren unveränderlichen Kern, nämlich den Menschen als Schöpfungswerk Gottes. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Aber die praktische Ausgestaltung dieser göttlichen Ordnung muss sich nach den jeweiligen Möglichkeiten richten, muss sich den Rahmen menschlicher Ordnung geben. Die Ehe ist, wie Luther sagt, ein weltlich Ding. Die protestantische Christenheit versteht unter einer kirchlichen Trauung nicht, dass zwei Menschen in die göttliche Ordnung der Ehe eintreten, sondern dass sich Gott selbst zu der nach Menschenordnung geschlossenen Ehe bekennt und sie segnet.

Im Mittelpunkt steht der Mensch. Es geht nicht darum, abstrakten göttlichen Prinzipien zur Geltung zu verhelfen. Wie immer bei ethisch-moralischen Fragen geht es darum, die Lösung zu finden, mit der der Mensch als Geschöpf Gottes am besten zur Ehre Gottes leben kann. Dass dabei immer wieder Kompromisse gemacht werden müssen, ist in Ordnung, denn Gott selbst macht es so. Schon die Ehescheidung ist so ein Kompromiss, der immer wieder hinterfragt werden muss. Jesus verurteilt den Wildwuchs in dieser Frage, aber schon wenige Jahrzehnte später öffnet Paulus im ersten Korintherbrief wieder eine neue Möglichkeit für Menschen, deren Partner sich wegen ihres neuen Glaubens an Christus von ihnen getrennt haben. Er macht das nicht, weil er Jesu Worte nicht ernst nimmt, sondern weil neue gesellschaftliche Randbedingung eine Neujustage dieses Kompromisses notwendig gemacht haben.

Die Bibel versucht sich immer wieder an dieser Neujustage ehelicher Prinzipien, manchmal auch vergebens. „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen“, steht gleich zu Anfang, und wir überlesen aus unser heutigen Sicht allzu leicht, wie provozierend, ja revolutionär dieser harmlos aussehende Halbsatz in einer durch und durch patriarchalischen Gesellschaft geklungen haben muss. Einer der (aus heutiger Sicht) skurrilsten Kompromisse mit den Prinzipien der Ehe wird von Gott selbst geboten, nämlich die Schwagerehe: Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt, soll seine Witwe seinen nächst jüngeren, ledigen Bruder heiraten. Eine Regel, die nur unter den Bedingungen der damaligen Gesellschaft halbwegs verständlich ist, und auch nur in der damaligen Gesellschaft Sinn ergibt. Sie ist nach meiner Meinung der Inbegriff eines geringeren Übels, geboten von Gott unter bewusster Missachtung der Schöpfungsprinzipien der Ehe. Und sie wäre völlig unnötig, wenn das mit dem Mann, der Vater und Mutter für seine Frau verlässt, auch nur ansatzweise gesellschaftliche Realität gewesen wäre.

Nur Rechthaber und Idioten bestehen auf dem Idealfall. Der gute Hirte achtet stets darauf, seinen Schafen nicht zu weit voraus zu sein. Was die Bibel zur Ehe schreibt, ist durchweg geprägt von dem Wunsch Gottes, die realen Verhältnisse der Ehe zu verbessern. Es ist damit zwangsläufig auch durchweg von den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit geprägt. Wer versucht, diese Unterweisungen eins zu eins auf heutige Verhältnisse anzuwenden, geht an ihrem Kern vorbei. Schlimmer noch: Er läuft Gefahr, ihren Sinn ins Gegenteil zu verkehren. Schwagerehen sind nicht mehr nötig. Was vor dreitausend Jahren ein großer Fortschritt war, kann heute ein massiver Rückschritt sein.

Der sorgfältige Ausleger sieht sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, die konkrete, biblische Unterweisung von ihren gesellschaftlichen Ursachen zu befreien und den verborgenen Kern, das Schöpfungsprinzip dahinter freizulegen. So und nur so kann aus dem biblischen Wortlaut wirklich eine segensreiche Hilfestellung für heutige Ehen gewonnen werden. Wir haben es nötig.

Dies ist wieder mal der Anfang einer kleinen Serie. Ich möchte mich in den nächsten Wochen ein wenig dieser Aufgabe zu widmen, auch wenn ich als Single und Laie vielleicht nicht der geeignetste Kandidat dafür bin. Aber das Verständnis gleichgeschlechtlicher Ehen steht und fällt mit dem richtigen Verständnis der Ehe an sich, und ich denke, ich kann da zumindest ein paar Missverständnisse ausräumen.

Gott, der Mensch gewordene

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Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten. Ein einfacher Satz, der so viel Geheimnisvolles in sich birgt, das wir unser ganzes Leben mit dem Versuch verbringen können, ihn wirklich zu verstehen. Wir können es auch bleiben lassen, denn um durch Jesus gerettet zu werden, muss man seine Rettungstat glücklicherweise nicht gänzlich verstehen. Ich bin sogar der Meinung, dass man Jesus noch nicht einmal kennen muss, zumindest nicht unter diesem Namen, um von ihm gerettet zu werden. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Dabei übersehen wir leicht, dass es auch von Gottes Seite ein gewisses Verständnisproblem gibt. Die Versuchung ist beständiger, ja fast schon definierender Teil des Menschseins. Wir besitzen die im Grunde sehr erstaunliche Fähigkeit, das Richtige zu erkennen, und trotzdem das Falsche zu tun. Moralisch richtiges Handeln setzt für uns eine aktive, häufig eine schwierige Entscheidung voraus. Die besten Denker der Menschheit haben viel Zeit damit zugebracht zu überlegen, wie diese Entscheidungen besser und einfacher zu treffen sein könnten.

Um dieses Dilemma geht es auch, wenn die Bibel von Versuchung spricht. Und dieses Dilemma ist etwas, das Gott tatsächlich nicht kennt, das seinem Wesen nicht entspricht. Wie könnte Gott versucht werden? Wie könnte Gott durch Kräfte außerhalb von ihm dazu verleitet werden, etwas Unrechtes zu tun? Der Schöpfer des Universums ist immer mit sich selbst eins und kennt keine inneren Konflikte.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten. Er ist aber auch Mensch geworden, um sich bewusst den Umständen auszusetzen, die für uns Menschen Teil unserer Existenz sind, für die bei Gott aber eigentlich kein Platz ist. Und dazu gehört auch, versucht zu werden. Im eingangs zitierten Vers aus dem Hebräerbrief ist mit dem Hohepriester natürlich Jesus gemeint. Er hat Versuchung erlebt, und zwar nicht einfach nur so, sondern „in allem“ und „wie wir“.

Es gab im Leben Jesu eine kurze Episode in der Wüste, die in den meisten Bibeln mit „Versuchung Jesu“ überschrieben wird. Es waren Versuchungen besonderer Art, die Jesus in dieser Situation erlebt hat, aber es waren nicht seine einzigen. Er wurde nicht nur einzelnen Versuchungen ausgesetzt, damit dem Prinzip genüge getan würde. Der Teufel hat ihm nicht nur diesen Musterkoffer mit einer Auswahl erlesenster Versuchungen präsentiert.

Dass Jesus in allem wie wir versucht wurde, ist bestimmt auch theologisch sehr interessant, aber für mich bedeutet diese Tatsache vor allem persönlich sehr viel. Er versteht. Ich muss ihm nichts erklären. Dass er es fertig gebracht hat, der Versuchung nicht nachzugeben, heißt nicht, dass sie bei ihm weniger stark war. Und es heißt vor allem und ganz entschieden nicht, dass es ihm leicht gefallen sei. Er kann mitfühlen mit meiner Schwachheit, weil er selbst schwach war, müde, abgekämpft, enttäuscht, mutlos. Da ist kein: „Jetzt stell Dich nicht so an!“. Da ist ein „Ich weiß.“ Und wenn es nötig ist und er es mir zutraut, ist da ein „Ich weiß, aber …“

Denn Gott will mich natürlich jeden Tag ein wenig zu einem besseren Menschen machen. Er will, dass ich lerne, Versuchungen zu widerstehen. Dabei kennt er den Weg, weil er ihn selbst schon gegangen ist. Meine Stolperschritte, mein Versagen, meine Rückschläge machen ihm nichts aus, weil er sehr genau ihre Ursachen kennt, sie selbst erlebt hat. Es ist ja schon nett, wenn der allmächtige Gott bereit ist, meine Schwachheit als Mensch zu akzeptieren. Jesus hat aber so viel mehr getan: Er hat sich freiwillig dazu entschieden, diese Schwachheit zu teilen.

„Lass mir das Ziel vor Augen bleiben“, so heißt es in einem Lied. Eigentlich ein guter Ratschlag, aber ich stelle immer wieder fest, dass ich auf diese Weise gerade bei den großen, bei den schwierig zu erreichenden Zielen Jesus aus den Augen verliere. Denn der Mensch gewordene Jesus wartet nicht am Ziel auf mich. Er geht mit mir.

Ménage-à-trois

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Wenn man als Christ für gleichgeschlechtliche Ehen ist, wird einem oft das Dammbruch-Argument entgegengehalten: Eine Erweiterung des heteronormen Ehebegriffs würde die Ehe für alle möglichen Formen von Beziehungen geöffnet, sie würde völlig ihren Charakter verlieren, und es gäbe ethisch und moralisch gar keinen Halt mehr. Es ist natürlich richtig, dass sich die Vielfalt der gesellschaftlich akzeptierten Beziehungsmodelle in den letzten Jahren erheblich erweitert hat. Man kann darin einen Werteverfall erkennen. Ich persönlich sehe darin eher ein Werteverschiebung mit positiven und negativen Aspekten, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Ich bin nämlich über Facebook auf diesen Artikel zu einer schwulen Dreierbeziehung hingewiesen worden. Ich will mich einmal daran versuchen, inwieweit mir als theologischem Laien auf die Schnelle eine biblische Beurteilung eines solchen Beziehungsmodells gelingt.

Die Bibel kennt Dreiecksbeziehungen (wie alle Beziehungen) nur in der heterosexuellen Form, und auch da nur in der Kombination: ein Mann, mehrere Frauen. Gerade in der stark patriarchalischen Gesellschaft zur Zeit des Alten Testamentes waren solche Beziehungen nicht nur geduldet, sondern vielmehr durchaus üblich und erlaubt, auch im Volk Gottes. Insgesamt zeigt gerade der Blick ins Alte Testament auch, dass das biblische Modell der Ehe sich auch durch gesellschaftliche Realitäten formt, dass es neben dem unveränderlichen, in den Menschen hineingeschaffenen Kern (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.) eine erhebliche Variationsbreite dessen gibt, was in der jeweiligen Gesellschaft noch Teil des biblischen Ehemodells sein kann oder auch nicht.

Die im verlinkten Artikel vorgestellte Dreierbeziehung unterscheidet sich in zumindest einem wichtigen Punkt von der klassischen, heterosexuellen Vielehe. Letztere ist nämlich keine echte Dreiecksbeziehung, sondern stellt vielmehr ein V dar: Die Frauen führen die Beziehung nicht untereinander, sondern nur jede für sich mit ihrem Mann. Dagegen kann eine Dreierbeziehung mit bi- oder homosexuellen Beteiligten ein echtes Dreieck darstellen: Jeder liebt jeden. Man könnte argumentieren, dass diese Beziehung damit weiter von der Einehe entfernt ist, weil sie das eins-zu-eins-Prinzip stärker durchbricht. Man könnte aber auch sagen, dass sie näher am biblischen Ehemodell dran ist, weil sie die gegenseitige Liebe und Treue aller Partner untereinander ermöglicht. Ich tendiere persönlich zur zweiten Ansicht, möchte mich da aber nicht festlegen.

Angesichts der Vielzahl der Mehrehen im Alten Testament komme ich nur schwerlich zu einem strengen Verbot von Dreierbeziehungen. Es gibt aber zahlreiche Hinweise, dass sie einfach keine gute Idee ist, und dass man besser die Finger davon lassen sollte. Die Vielehen in der Bibel laufen allesamt nicht sehr gut und führen zu zahlreichen Problemen und Verwicklungen. Selten ist jemand glücklich mit so einer Konstellation, zumeist ist sie aus der Not geboren oder beruht von vornherein auf Fehlentscheidungen. Das heißt zumindest einmal, dass die Motive zum Eingehen einer Dreierbeziehungen genau hinterfragt werden sollten.

Im Neuen Testament ist die Ablehnung der Vielehe schon recht deutlich. Paulus hält sie unter anderem für nicht vereinbar mit der Vorbildfunktion eines Gemeindeleiters. In der Gesamtheit stellt sich die Ehe mit mehr als zwei Beteiligten für mich eher als Ausnahme zur Regel denn als Erweiterung der Regel dar. Sie ist ein vertretbarer Kompromiss, wenn es die gesellschaftlichen Verhältnisse erfordern, bringt aber meist mehr Schaden als Nutzen, mehr Fluch als Segen.

Hier liegt der wesentliche Unterschied zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Ich habe es bereits früher schon einmal geschrieben, für mich liegt auf der Ehe ein besonderer Segen Gottes, der allen zuteil wird, die die eheliche Beziehung nach Gottes Maßstäben leben und gestalten. Die gleichgeschlechtliche Ehe öffnet diesen Segen Gottes für Menschen, die ihn sonst nicht erleben könnten, sie vermehrt den Segen Gottes in der Welt. In einer Dreierbeziehung hingegen sehe ich keinen Segen Gottes, der auf anderem Wege nicht erreichbar wäre. Dafür gibt es aber jede Menge zusätzlicher Probleme.

Alle modernen Dreierbeziehungen, von denen ich bisher mitbekommen habe, werden gelebt nach dem Prinzip: „Wir schauen mal, ob es gut geht.“ Das ist für mich kein biblisches Ehemodell. Die eheliche Beziehung basiert auf gegenseitiger Liebe und Hingabe, aber die Ehe als Institution ist in ihrem Kern ein nüchternes Versprechen, ein rechtlich bindender Treueschwur. Beides ergänzt sich, gehört untrennbar zusammen, und sobald man eine dieser beiden Komponenten der biblischen Ehe weglässt, ist sie im Kern beschädigt. Die mir bekannten Beispiele von echten Dreierbeziehungen verstoßen also nicht unbedingt gegen biblische Ordnungen, weil sie aus drei Personen bestehen. Sie verstoßen aber in jedem Fall gegen biblische Ordnungen, weil sie den nötigen Willen einer lebenslangen Verbindlichkeit nicht erkennen lassen.

Für eine solche Verbindlichkeit fehlen auch alle Grundlagen. Der ethische und rechtliche Rahmen einer Ehe bedarf natürlich ständiger Weiterentwicklung, kann sich aber auf jahrtausendealte Erfahrungen stützen. Für Dreierbeziehungen müsste hier erst noch Pionierarbeit geleistet werden: Eigentumsrecht, Erbrecht, Scheidungsrecht, Konfliktlösungs-Strategien, Betreuungsformen im Krankheitsfall und nicht zuletzt das Adoptions- und Elternrecht: Die ungeklärten Fragen für eine tatsächlich nach biblischen Maßstäben gelebte Dreier-Ehe sind überwältigend, und ich möchte bezweifeln, dass sie jemals befriedigend geklärt werden können.

Der Dammbruch findet nicht statt. Selbst wenn man völlig ergebnisoffen an die Bibel herangeht, kommt man bei der Beurteilung neuer Beziehungsmodelle zu durchaus konkreten Ergebnissen. Sie sind vielleicht nicht so eindeutig, wie manche Christen sich das wünschen würden. Aber sie halten nebenbei die Tür offen für das Gespräch in gegenseitiger Achtung, für Gespräche, bei denen nicht die Moral, sondern die Bibel im Mittelpunkt steht. Das Wort Gottes, wenn man es denn wirklich zu Wort kommen lässt, besitzt große Kraft. Wer moralische Dämme für nötig hält, unterschätzt diese Kraft.

Natürlicher Verkehr

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Von den ganz wenigen Bibelstellen, die sich mit gleichgeschlechtlichem Sex beschäftigen, ist die im Römerbrief die ausführlichste. Wobei ausführlich hier ein relativer Begriff ist, denn es geht um zwei Verse. Dennoch gelten diese beiden Verse als die schärfste Waffe im Arsenal der Gegner gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Es ist also sicher nicht verkehrt, wenn ich mich in diesem Blog einmal mit dieser Bibelstelle auseinandersetze.

Die beiden Verse sind eingebettet in einen längeren Abschnitt (Römer 1, 18 – 32), der in der Lutherbibel mit „Die Gottlosigkeit der Heiden“ überschrieben ist. Die Aussage des Abschnitts ist, grob gesagt, dass Gottes Wesen in seiner Schöpfung erkennbar ist, dass alle, die sich nicht um ihn kümmern, keine Entschuldigung haben, weil sie es besser wissen könnten, und dass Verstöße gegen den in der Schöpfung offenbarten Willen Gottes zwangsläufig negative Folgen für uns habe, vor denen Gott uns nicht bewahrt.

Zur Illustration der letzten Aussage schreibt Paulus im Vers 26 über Sex zwischen Frauen und im Vers 27 über Sex zwischen Männern. Aus dem Textzusammenhang wird deutlich, dass es nicht Paulus‘ Absicht ist, seinen Lesern etwas über die moralischen Implikationen gleichgeschlechtlichen Verkehrs zu sagen. Vielmehr verwendet er einen offensichtlich zu diesem Thema vorhandenen Konsens dazu, um seine viel weiter reichende These mit einem Beispiel zu untermauern. Und deshalb muss man sich als sorgfältiger Ausleger der Bibel erst mal damit beschäftigen, worin dieser Konsens eigentlich besteht.

Das antike Verständnis von Homosexualität ist sehr stark tatorientiert. Männer haben Sex mit Männern, Frauen haben Sex mit Frauen. Es ist sehr stark getrieben von dem Motiv der Lustbefriedigung. Gerade in der römisch-hellenistischen Kultur gehen gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen regelmäßig mit Ehebruch und sexuellen Exzessen einher. Wenn einem das andere Geschlecht nicht reicht, treibt man es eben auch noch mit dem eigenen. Dort, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen moralisch gerechtfertigt werden, macht es das aus christlicher Sicht eher noch schlimmer. Gleichgeschlechtliche Beziehungen dienen zur Zementierung von Macht und Abhängigkeit und angesichts des jugendlichen Knaben als weitverbreitetem erotischen Schönheitsideal als pädagogisch verbrämte Rechtfertigung für sexuellen Missbrauch Minderjähriger.

Angesichts solcher Zustände trifft Paulus unter moralisch gesinnten Menschen auf eine breiten und entschiedenen Konsens der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und kann diese als Beispiel für seine Thesen verwenden. Unser Verständnis von Homosexualität unterscheidet sich jedoch entscheidend von dem der Antike. Es ist bestimmt vom Konzept der sexuellen Orientierung, also von der Idee, dass die Gruppe von Menschen, zu denen ein Individuum eine romantische und erotische Anziehung entwickeln kann, von Natur aus begrenzt ist, und dass es moralisch falsch ist, diese Begrenzung zu überschreiten. Unsere Vorstellung der Freiwilligkeit der Ehe, die basierend auf gegenseitiger Zuneigung geschlossen wird, und unsere strikte Ablehnung jeder Form von Zwangsehen beruht auf diesen Gedanken. Übrigens eine Vorstellung von Ehe, die in der Antike bekannt, aber in der Praxis nicht sehr weit verbreitet war.

Angesichts dieser Hintergründe ist es absurd, Paulus eine explizite Aussage zum Thema sexuelle Orientierung zu unterstellen. Ihm war weder die Unterscheidung zwischen sexuellem Exzess und sexueller Orientierung bekannt, noch konnte er sie innerhalb seiner Kultur überhaupt treffen. Sein Urteil bezieht sich rein auf die realen Verhältnisse in der Gesellschaft seiner Zeit und ist in diesem Rahmen auch völlig richtig.

In diesem Zusammenhang spricht Paulus auch vom natürlichen Verkehr zwischen Mann und Frau. Er ist eingebettet in eine verantwortliche, auf Treue und (im Idealfall) gegenseitiger Wertschätzung beruhenden, exklusiven eins-zu-eins-Beziehung. In der Antike war eine solche Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen kaum denkbar und vor allem in der Praxis nicht lebbar. Paulus unterscheidet also zwischen der natürlichen, ehelichen Beziehung und einer bestimmten Form außerehelicher Beziehung, die in vielerlei Hinsicht wenig mit der ehelichen Gemeinschaft zu tun hatte. Eheliche Beziehungen waren nur zwischen Mann und Frau möglich, und gleichgeschlechtliche Beziehungen waren durch die gesellschaftlichen Verhältnisse immer dem Wesen nach ehefremd.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der diese Unterscheidung aufgehoben ist. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden nach den gleichen ethischen und moralischen Maßstäben wie gemischtgeschlechtliche Beziehungen geführt. Der Automatismus gleichgeschlechtlich gleich ehefremd funktioniert nicht mehr. Natürlicher Geschlechtsverkehr im Sinne von Paulus ist zweifellos eingebettet in eine verantwortliche, auf gegenseitiger Zuneigung basierende Beziehung. So und nur so ist er schöpfungsgemäß.

Geschlechtsverkehr eines schwulen Mannes mit einer Frau oder einer lesbischen Frau mit einem Mann ist dem Wesen nach zutiefst unnatürlich, weil sie der schöpfungsmäßigen Einordnung der Sexualität in eine viel umfassendere Beziehung völlig widerspricht. Die Unterscheidung zwischen natürlich und unnatürlich nach Paulus ist aus heutiger Sicht also entweder eine Unterscheidung nach Art der Beziehung oder nach Geschlecht des Partners. Wer hier den Unterschied zwischen natürlich und unnatürlich auf hetero und homo bezieht, leugnet damit die ethische Relevanz von Zuneigung und gegenseitiger Anziehung und widerspricht unserem heutigen Eheverständnis.

Und wie sieht es mit der Gesamtaussage des Abschnittes aus? Wer sich umsieht in unserer Gesellschaft, trifft auf gleichgeschlechtliche Paare, die die gleichen Probleme haben wie alle andere Paare, die aber auch die gleiche Ergänzung und Erfüllung, das gleiche Glück und den gleichen Segen erleben. Wenn sich Paulus‘ Worte auf verantwortlich gelebte gleichgeschlechtliche Beziehungen anwenden lassen, dann muss das auch für die von ihm beschriebenen Konsequenzen gelten, dann müssen gleichgeschlechtliche Beziehungen grundsätzlich negative Folgen haben, schlecht ausgehen, den Partnern Schaden zufügen. Ein Blick auf die realen Verhältnisse gleichgeschlechtlicher Paare und ein Vergleich mit den Verhältnissen anderer Paare zeigt dieses Bild eindeutig nicht. Wir kommen immer noch aus einer Historie der Verfolgung und Unterdrückung Homosexueller. Gleiche Randbedingungen waren für gleichgeschlechtliche Paare lange unmöglich und sind immer noch bei weitem nicht vollständig erreicht. Aber dort, wo gleiche Voraussetzungen vorhanden sind, zeigen sich auch die gleichen Ergebnisse. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind nicht weniger stabil, nicht weniger erfüllend, nicht weniger glücklich als alle anderen.

Wer in Römer 1, 26 – 27 die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen nach heutigem Verständnis sieht, ignoriert sowohl den Textzusammenhang als auch die zeitgeschichtliche Einordnung und die seither eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen, er leugnet die schöpfungsgemäße Einordnung von Geschlechtsverkehr in eine ganzheitliche Beziehung und verkehrt die Gesamtaussage des Textes ins Gegenteil. Sorgfältige, verantwortungsbewusste Bibelauslegung sieht anders aus.

Spiegeltest

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Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.

So schreibt Paulus an die Korinther. Und so erlebe ich es auch.

Vor zwei Wochen habe ich darüber geschrieben, wie ich mich bei ProChrist im Jahr 1997 gefühlt habe. Es hat danach noch erschreckende 17 Jahre gedauert, bis ich endlich die Überzeugungen loswerden konnte, die mir Gott immer als einen Gott der Willkür und der Trostlosigkeit erscheinen ließen, erscheinen lassen mussten. Hinterher ist man immer schlauer, und es ist ebenso richtig wie nutzlos, dass ich auf Manches auch deutlich früher hätte kommen können. Aber wenn ich zurück denke, wird mir klar, dass es im Wesentlichen zwei Faktoren waren, die in Kombination den Weg zu neuen Erkenntnissen versperrt haben: Die Bibel und mein Glaube.

Ein fester Glaube ist natürlich eine tolle Sache. Aber Glaube ist eine Sekundärtugend: Er gewinnt seinen Wert nicht aus sich selbst, sondern aus dem Objekt des Glaubens, daraus, woran man glaubt. Der feste Glaube an eine Lüge ist schädlich, ist gefährlich. Und hier kommt Paulus ins Spiel: Woher wissen wir, dass das, an das wir glauben, es wert ist, dass wir daran glauben? Woher wissen wir, dass wir wirklich an biblische Wahrheiten und nicht an Zerrbilder eines minderwertigen Spiegels glauben?

Der Spiegeltest bezeichnet ein Experiment, bei dem Tieren ein Spiegel vorgehalten wird, um zu beobachten, ob sie sich selbst in ihrem Spiegelbild erkennen. Nur wenige Tierarten bestehen diesen Test.

Die Bibel verhält sich wie ein Spiegel. Wenn wir in sie hineinblicken, schauen auch immer unsere eigenen Überzeugungen, unsere eigenen Glaubensgrundsätze auf uns zurück. Dieses Spiegelbild zu erkennen, zu identifizieren und angemessen zu würdigen, gehört zu den schwierigsten (und wichtigsten) Aufgaben auf der Suche nach biblischen Wahrheiten. Der unvoreingenommene Blick auf das Wort Gottes fällt uns viel schwerer, als wir denken, viel schwerer, als wir uns eingestehen wollen.

Viele Bibelausleger bestehen diesen Spiegeltest nicht. Ich habe ihn auch oft nicht bestanden, im Bezug auf Homosexualität, aber auch im Bezug auf viele andere Fragen, die ich an die Bibel hatte. Und ich erkenne, dass ich ihn auch oft nicht bestehen wollte. Glaubensgrundsätze und feste Überzeugungen bieten Halt, bieten Schutz, gerade in Zeiten der Krise, ja der Verzweiflung. Und diesen Schutz infrage stellen, vielleicht aufgeben zu müssen, kann sehr beängstigend sein. Jedenfalls war es das für mich.

Aber was ist, wenn es gerade meine Überzeugungen sind, die mich in Krise und Verzweiflung gestürzt haben? Wenn ich mich daran gewöhnt habe, an etwas zu glauben, was nicht der Wahrheit entspricht? Und wenn ich in der Krise, in die mich diese Unwahrheit gebracht hat, mich nur noch fester, nur noch verzweifelter an meinem Glauben festhalte, weil mich Angst, weil mich Panik ergreift, auch noch den letzten Halt zu verlieren? Genau das ist mir passiert. Und ich habe mein Verhalten für eine Tugend gehalten.

Paulus beschreibt weiter vorne im 1. Korintherbrief eine bemerkenswerte Strategie:

Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten.

Und wir müssen uns mal wieder der Erkenntnis stellen, das alles, was an die Stelle Christi treten will, ein Götze ist. Und das schließt auch Glaubensgrundsätze (selbst richtige) und sogar die Bibel mit ein. Wir sehen nur das undeutliche Bild im trüben Spiegel. Aber Gott kennt uns durch und durch. Er ist der Einzige, der ein unverfälschtes Bild hat. Er muss das Objekt unseres Glaubens sein.

Leider ist Jesus Christus, der Gekreuzigte, so viel schwerer fassbar als Grundsätze und Überzeugungen, und deshalb fühlt sich der Glaube allein an ihn oft so viel weniger nach Halt und Sicherheit an, zumindest für mich. Dabei sollte ich es nach all dem, was ich erlebt habe, viel, sehr viel besser wissen. Und hier kommt doch noch die Tugend des Glaubens ins Spiel, hier ist ein Glaube, an dem mit aller Kraft festzuhalten sich wirklich lohnt.

Es irrt der Mensch, solang er strebt. Damit hat Goethe recht und Paulus liefert die Begründung dazu. Dennoch halte ich Glaubensgrundsätze und Überzeugungen nicht für unwichtig oder gar überflüssig. Sie haben zurecht ihren festen Platz in meinem Leben und in meinem Glauben. Wie ich versuche, mit diesem Widerspruch umzugehen, davon möchte ich nächste Woche schreiben.

Mann und Frau

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Im Eintrag von letzter Woche habe ich dargestellt, wie manche Bibelauslegung eher von Voreingenommenheit als von exegetischer Gründlichkeit geprägt ist. Auf diese Voreingenommenheit, besser gesagt, eine bestimmte Erscheinungsform davon, möchte ich heute etwas ausführlicher eingehen.

Anknüpfungspunkt ist 1. Mose 1, 27: So schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild, als Mann und Frau schuf er sie. Viele Ausleger glauben in diesen doch sehr schlichten und knappen Worten zu erkennen, dass es menschliches Leben nur in zwei scharf umgrenzten Erscheinungsformen gebe, nämlich als reine Männer oder als reine Frauen, bei denen alle biologischen und sonstigen Eigenschaften – einschließlich der sexuellen Orientierung – sich nach der angeblich eindeutigen genetischen Disposition richten. Nach dieser Vorstellung ist jede Abweichung von diesem Schema eine mehr oder minder krankhafte Verfälschung der Schöpfungsabsicht Gottes.

Der Fachausdruck für eine solche Position ist heteronormativ. Die meisten Menschen, die diese Position vertreten, wären vermutlich niemals in der Lage, die Begriffe „Mann“ und „Frau“ jenseits der biologischen Eigenschaften halbwegs brauchbar zu definieren, und selbst ihre biologische Definition würde sehr schnell an den verschiedenen Formen von Intersexualität scheitern. Um die Erforschung des Männlichen und Weiblichen beim Menschen hat sich ein ganzer Wissenschaftszweig gebildet, deren Disziplinen meist an der Vorsilbe „Gender“ zu erkennen sind – eine Vorsilbe, die zum Feindbild aller heteronormativ denkender Menschen geworden ist, also ironischerweise zum Feindbild genau der Menschen, die an einer wissenschaftlich klaren und überzeugenden Abgrenzung zwischen männlich und weiblich das größte Interesse haben sollten.

Die Bibel liefert tatsächlich zwei klare Kategorien: Mann und Frau. Ich persönlich lege auf diese Kategorien sehr großen Wert. Nicht nur weil ich ein Mann bin, der sich recht stark mit seinem Mann-sein identifiziert, sondern auch weil ich, wie mindestens 95 % der Menschheit, bei der Partnersuche auf ein Geschlecht festgelegt bin. Dass dieses Geschlecht zufällig mein eigenes ist, heißt ja offensichtlich nicht, dass mir die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen dabei weniger wichtig wäre.

Und selbst wenn es um die Varianten sexueller Identität geht, bei denen männliche und weibliche Anteile stark gemischt sind: Viele dieser Varianten würden ohne die grundlegenden Kategorien gar nicht existieren. Gerade transsexuelle Menschen wissen, wie stark die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht gerade jenseits der biologischen Eigenschaften sein kann, und wie wichtig die Identität als Mann oder als Frau für einen Menschen ist.

Die wissenschaftliche Forschung setzt sich, wie es sich für wissenschaftliche Forschung gehört, sehr ausführlich und sehr differenziert mit diesem Thema auseinander. Dabei ist schon angesichts der genannten Beispiele offensichtlich, dass eine differenzierte Betrachtung keinesfalls mit einer Aufhebung der Grundbegriffe, der zu Grunde liegenden Kategorien von männlich und weiblich einhergeht. Genau dieser Vorwurf wird aber den Wissenschaftlern (und allen differenziert denkenden Menschen) immer wieder gemacht.

Damit ist klar: Es geht bei der (biblisch begründeten) Heteronormativität nicht um wissenschaftliche Exaktheit, nicht mal um Erkenntnisgewinn. Es geht um schwarz-weiß-Denken. Es geht um die Erhebung des schwarz-weiß-Denkens zum Auslegungsprinzip. Dabei bezieht sich schwarz-weiß nicht nur im konkreten Fall auf Mann und Frau. Die Art und Weise, wie die Bibel ausgelegt wird, ist ganz diesem Denken verhaftet.  Die einzigen Alternativen heißen „klare Lehre“ und „völlige Beliebigkeit“ Jede differenzierte Betrachtung wird als Verrat am Wort Gottes wahrgenommen.

Wie unsinnig eine solche Betrachtungsweise ist, zeigt die Autorin Melinda Selmys an einem anderen Beispiel aus der Schöpfungsgeschichte. Sie schreibt: „Ja, Gott schuf Mann und Frau. Aber Gott schuf auch Nacht und Tag, und das heißt nicht, dass Gott nicht die Morgen- und Abenddämmerung erschaffen hat. Und ironischerweise ist es typischerweise die Morgen- und die Abenddämmerung, die die Leute für die schönste Zeit des Tages halten.“ Und Matthew Vines ergänzt: „Niemand schaut einen Sonnenuntergang an und sagt: ‚Wie tragisch, dass die Grenze zwischen Nacht und Tag in unserer kaputten Welt verwischt wurde.‘ “

In der Schöpfung Gottes stecken viele einfache Grundprinzipien. Aber gerade in der Kombination und Variation dieser Grundprinzipien entwickelt sie erstaunliche Komplexität und erstaunlichen Reichtum. Die manchmal wunderbare, manchmal auch verstörende Komplexität der Welt um uns herum erfordert klares Denken. Ohne einfache Grundprinzipien (wie z. B. Mann und Frau) berauben wir uns der Fähigkeit dazu. Wer aber in diesen Grundprinzipien schon die vollständige Beschreibung der Schöpfung sieht, verschließt nicht nur die Augen vor der Realität, sondern leugnet auch den Reichtum und die Kreativität des Schöpfers, und hat damit weder Schöpfer noch Schöpfung verstanden.

Die Sehnsucht nach schwarz und weiß speist sich aus der Angst, dass ohne diese klaren Kategorien jeder Kontrast in kaum unterscheidbaren Grautönen verschwimmt. Aber es gibt eine viel schöpfungsgemäßere, viel lebendigere und zugleich viel kontrastreichere Alternative zu schwarz-weiß. Sie heißt: bunt.

Adam und Peter

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God made Adam and Eve, not Adam and Steve.

Dieser Slogan entstand in den siebziger Jahren in den USA und wendet sich offensichtlich gegen gleichgeschlechtliche, insbesondere gegen schwule Beziehungen. Die deutsche Entsprechung scheint Adam und Peter zu sein, ist mir aber in „freier Wildbahn“ noch nie begegnet, wohl weil er nicht halb so einprägsam klingt wie die englische Variante.

Natürlich geht es bei solchen Slogans mehr um Phonetik als um Theologie. Dennoch: Wer diesen Spruch verwendet, will aus der Schöpfungsgeschichte eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ableiten können. Da lohnt es sich, einmal näher hinzusehen, denn der Spruch an sich ist genauso wahr wie inhaltsleer. Dass das erste Paar der Bibel aus Mann und Frau bestand, wird von niemandem angezweifelt. Die entscheidende Frage nach dem Warum wird ja bestenfalls angedeutet.

Es gibt natürlich viele Gründe, warum Adam und Eva nur Mann und Frau sein konnten, und viele von diesen Gründen sprechen nicht im Geringsten gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen. Zum Beispiel die Notwendigkeit, dass sie sich vermehren, das heißt eigene, gemeinsame Kinder bekommen sollten – ein Segen, der gleichgeschlechtlichen Paaren offensichtlich vorenthalten ist. (Wieso das kein Grund gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen ist, dazu werde ich bei Gelegenheit ausführlicher schreiben.)

Und natürlich die Tatsache, dass 90 bis 95 Prozent der Menschheit cis und hetero sind. Da Adam und Eva als erste Menschen sozusagen prototypisch für alle Menschen stehen, ist es nur logisch, ja geradezu zwingend, dass sie in ihrer sexuellen Identität dieser Mehrheit entsprechen. Diese zahlenmäßige Dominanz von cis-hetero halte ich übrigens tatsächlich für einen Teil des Schöpfungsplan. Und das ist auch gut so. Die Vorstellung, alle Welt müsse schwul bzw. lesbisch werden, zeugt für mich nicht gerade von klarem Verstand (vorsichtig gesagt), und zwar unabhängig davon, ob sie als Wunschvorstellung oder als Feindbild präsentiert wird.

Aus der bloßen Tatsache, dass Adam und Eva Mann und Frau waren, lässt sich sehr viel verschiedenes ableiten – und damit gar nichts. Wenn darin wirklich eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen liegen soll, muss der Bibeltext selbst dazu zusätzliche Hinweise liefern. Ich glaube, der entscheidende Abschnitt ist 1. Mose 2, 18 – 24. Und wenn man darin einen Hinweis sucht, dass Paare aus Mann und Frau bestehen müssen, findet man: nichts.

Ganz im Gegenteil: Es wird nur nicht im Geringsten auf irgendeinen Unterschied zwischen Mann und Frau Wert gelegt, es wird vielmehr die Gleichheit von Adam und Eva als Menschen betont. Evas Qualifikation als Adams Partnerin besteht darin, dass sie sich als Mensch von den Tieren unterscheidet, und auch Adam erkennt in Eva nicht eine von ihm unterschiedliche Frau, sondern einen ihm gleichen Menschen.

Dabei spielt es auch keine Rolle, ob in diesen Versen wirklich die eheliche Beziehung, oder, wie von manchen Auslegern vertreten, viel allgemeiner die Beziehung zweier Menschen beschrieben wird. Erstens geht es hier eindeutig um die Beziehung zwischen Adam und Eva, und die beiden waren nun mal ein Paar, und zweitens geht es ja um die Frage, ob die Schöpfungsgeschichte Hinweise gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen liefert, und das tut sie weder nach der einen Auslegung noch nach der anderen.

Gott schuf Adam und Eva zweifellos und absichtsvoll als Mann und Frau. Daraus eine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ableiten zu wollen, ist von Voreingenommenheit getriebene Spekulation und hat biblisch keine Substanz. Wie sich diese Voreingenommenheit auswirkt, und was das mit 1. Mose 1, 27 zu tun hat, darüber geht es nächste Woche weiter.