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Archiv der Kategorie: persönlich

Gott, der Herr

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Dies ist der letzte Eintrag meiner kleinen Serie über Gottesnamen, die ich vor vier Wochen mit „Gott, der ganz Andere“ begonnen habe.

Als Kind hat es mich immer gestört, wenn andere vom Herrn Jesus gesprochen haben. Den Namenszusatz Herr kannte ich natürlich schon, aber den verwendet man doch nur beim Nachnamen, wie bei Herr Müller oder Herr Schmidt, und Jesus war ja der Vorname. Später wurde „Herr“ (ohne Namen) meine persönliche Anrede für Gott im Gebet. In früheren Jahren habe ich Gott fast ausschließlich mit „Herr“ angesprochen, und auch heute dürfte es noch die am häufigsten verwendete Anrede sein.

Die Häufigkeit des Wortes Herr in der Bibel geht auf eine Idee Martin Luthers zurück. Im Judentum ist es üblich, bei der Schriftlesung den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen, weswegen zu Luthers Zeiten schon lange nicht mehr bekannt war, wie man ihn denn korrekt ausspricht. Er hat deshalb an den meisten Stellen – in Anlehnung an die jüdische Tradition – den Gottesnamen bei der Übersetzung mit dem Wort Herr ersetzt.

Ich mag diese Ersetzung. Sie erweist nicht nur der jüdischen Tradition den angemessenen Respekt, sie stellt auch klar, welche Rolle Gott in der Bibel (und nicht nur da) spielt: Er ist der Chef im Ring. Sein Wille und sein Handeln dominiert die Weltgeschichte, im Großen und im Kleinen, und er dominiert auch meine persönliche Geschichte. Sowohl meine Lebensumstände als auch meine Entscheidungen müssen sich an ihm ausrichten. Die äußeren Umstände machen das ohne mein Zutun, bei meinen Entscheidungen bin ich auch selber gefordert, diese Ausrichtung herzustellen.

Aber Luthers Entscheidung hat auch einen großen Nachteil. Als Gott gegenüber Mose seinen Namen nennt, verzichtet er ja bewusst darauf, sich selbst irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben. Gott ist der, der er von sich heraus ist. Punkt. Keine weiteren Erklärungen. Luther ersetzt den Namen für das Wesen Gottes durch eine, wenn auch wesentliche, Eigenschaft. Er beschreibt, und damit reduziert er auch. Die Souveränität, zu entscheiden wie er will, die im Wort Herr zum Ausdruck kommt, ist nur ein Teil der Souveränität Gottes, die darin besteht, eben der zu sein, der er ist.

Es ist diese Falle der Konkretheit, die oft dazu führt, dass uns gerade die Wahrheiten in die Irre leiten. Wir fassen zu eng, wir grenzen die Eigenschaften Gottes auf unsere menschlichen Vorstellungen ein und vergessen: Selbst das beste und größte, was wir uns vorstellen können, ist zu schlecht und zu klein, um Gott so zu beschreiben, wie er wirklich ist. Genau dies ist mir beim Wort Herr passiert, und es gehört zu den schwierigsten Lernprozessen meines Glaubenslebens, mich daraus zu befreien.

Meine Vorstellung von Gott, dem Herrn, ist die eines idealen Arbeitgebers, eines idealen Chefs. Ein Gott, der mir Aufgaben überträgt, die mich herausfordern, die ich aber auch bewältigen kann. Ein Gott, der mir Fehler nicht nachträgt, sondern sie als Ausgangspunkt für zukünftige Lernprozesse sieht. Ein Gott, der mir Erfolgserlebnisse gönnt und mir dabei hilft, möglichst viele davon zu erleben.

Ein toller Gott, wenn man ihn so sieht, und nichts davon ist falsch, aber das Bild ist unvollständig. Und leider fehlt gerade ein Teil, der für mich besonders wichtig ist. Ich wurde so erzogen, dass man für Intelligenz, für seine Talente oder auch für äußere Umstände nichts kann. Dafür ist man nicht verantwortlich, und wenn mir in diesen Bereichen etwas fehlt, darf mir das keiner vorwerfen. Die eigene Zutat ist der Fleiß, einen Mangel davon kann und muss man mir vorwerfen. Fleiß ist Pflicht.

Das ist kein falscher Maßstab, aber es ist leider der Maßstab, bei dem gerade ich mit meiner spezifischen Persönlichkeitsstruktur beständig schlecht wegkomme. Es ist ein Maßstab, der meine Erfolge herabwertet und meine Fehler betont. Es ist ein Maßstab, der meinem chronisch unterentwickeltem Selbstwertgefühl die Chance zum Wachsen nimmt. Und in Verbindung mit meiner Vorstellung von Gott, dem Herrn, verstellt mir dieser Maßstab den Blick darauf, wie sehr Gott mich liebt.

Gott hat für dieses Problem in seiner grenzenlosen Liebe und Souveränität längst seine ganz eigene Lösung gefunden und versucht beständig, sie mir beizubringen. Er will einfach auf eine andere Weise mein Herr sein. Er gibt mir keine Aufträge, sondern schenkt mir Gelegenheiten. Gott hat mir das gerade vor kurzem wieder aufgezeigt, und es ist im Rückblick wirklich verblüffend: Wenn ich in meinem Leben die Initiative ergriffen habe, wenn ich versucht habe, mich für die gute Sache einzusetzen, in einer Situation das Richtige und Nötige zu tun, war das Ergebnis jämmerlich. Was ich versucht habe, auf die Beine zu stellen, war meist den Versuch nicht wert. Die großen und dauerhaften Erfolge in meinem Leben beruhen auf Gelegenheiten, die ganz ohne mein Zutun entstanden sind. Ich habe immer nur dann erfolgreich gebrütet, wenn ich mich ins gemachte Nest gesetzt habe.

Gott ist mein Herr, und ich glaube, das gilt mehr denn je. Aber Gott hat in seiner Liebe und Souveränität diesem Satz speziell für mich eine andere Bedeutung gegeben, als ich lange dachte. Er gibt mir keine Aufträge, die ich zu erfüllen habe. Er geht mir voran, und ich muss ihm so dicht wie möglich folgen. Ich möchte betonen, dass dies Gottes spezielle Lösung für mich ist, und dass es gerade Kennzeichen seiner Souveränität, seines sich-selbst-Seins ist, die Worte „Gott, der Herr“ bei jedem seiner Geschöpfe auf andere Weise mit Leben zu füllen.

Es ist dies eine Form von Nachfolge, mit der sich meine Seele immer noch schwer tut, weil es sich für mich, mit meiner Geschichte und Prägung, nach einem Leben in ständiger Pflichtverletzung anfühlt. Denn selbst wenn da Aufgaben sind, die getan werden müssen, selbst wenn meine Fähigkeiten gefragt wären, und ich glaube, die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können: Wenn ich meinen Herrn nicht voraus gehen sehe, muss auch ich die Füße still halten, und das fällt mir schwer. Aber wenn ich das wirklich ernst meine, dass Gott mein Herr ist, dann muss ich ihm auch die Entscheidung überlassen, wie er mein Herr sein will, wie er dieses Wort mit Leben füllen will. Und ich lerne dabei: Egal was meine Vorstellungen dazu sagen: Gottes Wege sind gut für mich.

Gott, die Zuflucht

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Ich habe in einem früheren Eintrag erzählt, dass es mir schwer fällt, Gottes Nähe zu suchen. Das liegt gerade einmal zweieinhalb Monate zurück, und ich stelle beim Schreiben dieser Zeilen fest, wie viel sich seither bei mir getan hat. Ich habe erlebt, wie ich in Gottes Nähe Ruhe, Ermutigung und Stärkung erfahren durfte, gerade in schwierigen Situationen. Und ich habe mich immer wieder in Gottes Nähe wohl und geborgen gefühlt. Die Gefühle, die mich von Gott fern halten wollen, sind noch da, aber sie sind in den letzten Monaten spürbar schwächer geworden.

Eines der ersten Bücher zum Thema Homosexualität, das ich gelesen habe, verwendet das Bild eines Baches. Wird sein Bachbett durch äußere Ereignisse, zum Beispiel einen Erdrutsch, blockiert, sucht sich der Bach einen neuen Weg und bildet sich ein neues Bett. Will man den Bach zurück in sein altes Bett bringen, muss man zunächst die Blockade entfernen. Danach bedarf es nur ein wenig Hilfe, damit der Bach sein altes Bett wiederfindet und fortan wieder hier fließt.

Der Autor meinte, dass bei jedem Menschen die Heterosexualität das natürliche Bachbett sei, und dass eine sexuelle Orientierung auf das gleiche Geschlecht nur entstehen könne, wenn die „natürliche“ Entwicklung durch äußere Umstände blockiert sei. Man müsse dann nur die Blockade entfernen und ein wenig „nachhelfen“ schon würde aus dem Schwulen und der Lesbe wieder ein „gesunder Hetero“.

Wer als schwuler oder lesbischer Mensch halbwegs mit sich selbst im Reinen ist, wird diesen Unsinn sofort durch ein wenig Selbstbeobachtung als solchen identifizieren können. Heteros tun sich da schwerer, insbesondere wenn sie keine gleichgeschlechtlichen Paare in ihrem Freundeskreis haben. Ihnen fehlt die Erfahrung aus erster Hand. Gefährlich wird diese Vorstellung für Menschen, die tatsächlich solche Blockaden in ihrem Leben haben. Denn das Bild ist ja nicht prinzipiell falsch: Die natürliche Entwicklung eines jungen Menschen kann ja durch vielerlei äußere Ereignisse blockiert und in falsche Bahnen gebracht werden.

Mich hat damals das Bild mit dem Bachbett sehr angesprochen, ich habe mich darin wiedergefunden. Mittlerweile konnte ich mit Gottes Hilfe viele dieser Blockaden entfernen, und vieles in meinem Leben, das früher blockiert war, fließt wieder in den richtigen Bahnen. Deshalb kann ich auch zweifelsfrei sagen, dass mein persönliches, natürliches Bachbett schwul ist, dass meine sexuelle Orientierung ein Teil dessen ist, wie Gott mich gedacht hat. Damals, als ich dieses Buch gelesen habe, war mir diese Erkenntnis verwehrt.

Ich habe mich seinerzeit in die Hände derer begeben, die dieses Verständnis von Homosexualität vertreten haben, weil ich zurecht der Überzeugung war, dass bei mir solche Blockaden vorlagen. Diese Menschen haben mir auch tatsächlich geholfen, einige dieser Blockaden zu entfernen. Aber leider haben sie sie durch neue ersetzt. Sie haben Kiesel weggeräumt und Felsbrocken herbeigeschafft. Sie haben entfernt, was mir eine erfüllte, lebenslange Beziehung erschwert hätte, aber sie haben mir gleichzeitig eine erfüllte, lebenslange Beziehung unmöglich gemacht. Sie wollten mir den Zugang zu anderen Menschen erleichtern und haben mir den Zugang zu Gott erschwert. Sie haben den Splitter aus meinem Auge entfernt und statt dessen einen Balken eingesetzt.

Von allen Blockaden, die sich in unser Leben eingeschlichen haben, sind die am schlimmsten, die zwischen uns und Gott liegen. Jesus sagt:

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

Es ist Gottes Wille, dass wir bei ihm Zuflucht finden, dass wir Ruhe finden für unsere Seelen. Das ist der Qualitätserweis des Jochs Jesu. Wie ich schon vor einigen Wochen geschrieben habe: So etwas braucht Zeit. Die menschliche Seele hält an dem fest, was sie kennt, und selbst an die Ruhe in Gottes Nähe muss sie sich erst langsam gewöhnen. Aber wenn diese Ruhe auf Dauer ausbleibt, dann tragen wir nicht das Joch Jesu, sondern ein Joch, das uns Menschen auferlegt haben.

Viele Blockaden sind bei mir heute beseitigt, auch viele derer, die andere Christen in meinem Leben aufgetürmt haben. Darunter kommt ein Bachbett zum Vorschein, das nicht so aussieht, wie ich es mir vor 20 Jahren vorgestellt habe, und viele Christen können sich bis heute nicht vorstellen, dass ein natürliches Bachbett so aussehen könnte. Aber das spielt keine Rolle, denn ich spüre, dass das Wasser mehr und mehr wieder da fließt, wo es fließen soll. Und als Folge erlebe ich, dass ich Gott meine Zuflucht nennen kann, nicht nur aus theologischer Überzeugung, sondern aus persönlicher Erfahrung.

Gott, der Beschützer

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Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Interessanterweise ist dieser Spruch nicht christlichen, sondern heidnischen Ursprungs, er lässt sich laut Wikipedia auf antike griechische und römische Ursprünge zurückführen. Ob er stimmt oder nicht, ist eine sehr schwierige Frage, ich denke, die meisten Christen würden ihn als irgendwie teilweise richtig ansehen.

Der Spruch trifft bei mir einen Nerv, weil er eine unerfüllte Sehnsucht in mir ausdrückt. Ich wäre gern ein Mensch, der nach diesem Spruch leben könnte, ein souveräner, in sich selbst ruhender Mensch, der alle Probleme des Lebens mutig und entschlossen anpackt, der alles tut, was in seiner Macht steht, um dann den Rest, den ganzen, riesigen Rest, der nicht in seiner Macht steht, getrost Gott zu überlassen. Ich bin nicht so ein Mensch.

Ich schreibe heute von Gott als meinem Beschützer. Ich würde gerne von dem Gott schreiben, der mich in den vielen Unwägbarkeiten des Lebens schützt, der mich vor Naturgewalten bewahrt und vor der bösen Absicht anderer Menschen in Schutz nimmt. Ich könnte das tun, aber das wäre unehrlich. Denn ich erlebe Gott als Beschützer, der mich vor den Folgen meiner eigenen Schwäche, meiner eigenen Unfähigkeit, meines eigenen Versagens bewahrt.

Ich gehöre zu den Menschen, die nur mit Mühe durchs Leben stolpern, die Sachen nicht auf die Reihe kriegen, und zwar gerade die Sachen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, und die „normalen“ Menschen leicht fallen. Viele derartige Erfahrungen haben die Überzeugung in mein Herz gepflanzt, dass ich den Grundansprüchen, die man billigerweise an einen Menschen stellen kann, nicht genüge. Eine Überzeugung, deren Wurzeln ich wohl trotz all meiner Bemühungen nie ganz ausreißen können werde.

Deshalb ist der eingangs erwähnte Spruch Gift für mich, weil er Ansprüche an mich stellt, die ich nicht erfüllen kann, und weil er mir folglich die Hoffnung auf Gottes Hilfe raubt und mir selber noch die Schuld dafür gibt. Gott ist glücklicherweise nicht so. Und er ist mir gerade deshalb als Beschützer lieb und wert geworden, weil er mich gerade in meiner Schwachheit beschützt. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass ich oft versage, dass ich oft unfähig und hilflos bin. Ich glaube, es ist sogar seine bewusste Entscheidung, die erwähnte giftige Wurzel in meinem Herzen zu belassen.

Ich habe ihn oft gebeten, dieses Gift zu entfernen. Das hat mich oft taub gemacht für seine Botschaft, nämlich dass seine Liebe viel stärker ist als jedes Gift, und dass ich souveräner und selbstsicherer Mensch viel weniger Gelegenheit hätte, seinen Schutz zu erleben. Wenn ich die Andeutungen, die Paulus im 2. Korintherbrief, Kapitel 12 macht, richtig verstehe, dann bin ich wohl mit dieser Erfahrung nicht ganz allein.

Leider werden daraus keine Heldengeschichten gemacht. Ich kann nicht von den großen Gefahren erzählen, aus denen mich die Hand Gottes auf wundersame Weise errettet hat. Und ich tue mich nach wie vor sehr schwer damit, konkret davon zu erzählen, wie Gott immer wieder verhindert, dass der Mist, den ich beständig baue, auf mich zurückfällt. Mir fehlt leider immer noch die Fähigkeit, mich auch mal unbekümmert zu blamieren. Ich arbeite daran.

Aber ich beginne zu begreifen, dass Gottes Liebe sich viel stärker in mancher peinlicher Alltagsgeschichte zeigt als in den großen Heldenepen, die ich mir erträume, und dass sein Umgang mit mir gerade dann besonders liebevoll ist, wenn meine Kräfte mal wieder viel zu früh erschöpft sind. Und was viel wichtiger ist: Ich beginne, das zu spüren. Gottes Liebe dringt durch, ganz allmählich, bis zu den giftigen Wurzeln in mir.

Manchmal hilft die Musik, etwas begreiflich zu machen, was nur schwer in Worte zu fassen ist. Es gibt eine Szene aus der Oper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, die für mich den Schutz Gottes besser darstellt, als Worte es können. Humperdincks Hänsel und Gretel sind keine unschuldigen Kinder. Sie sind eher ganz normale Kinder, und bis zum Ende des zweiten Aktes waren sie nicht gerade brav. Aber nun sind sie allein nachts im gefährlichen Wald, finden nicht mehr nach Hause und müssen hier übernachten. Bevor sie schlafen, beten sie ein schlichtes, auswendig gelerntes Kindergebet von vierzehn Engeln, die sie beschützen sollen.

Hänsel und Gretel schlafen ein, die Musik wird für einen Moment sehr sanft, sehr zerbrechlich, und spiegelt die Schutzlosigkeit der Kinder wieder, bis sie sich plötzlich verändert. Aus dem aufsteigenden Nebel lösen sich, je zwei und zwei, vierzehn Engel mit Posaunen, und die Musik macht mehr und mehr klar: Mit diesen Geschöpfen ist nicht zu spaßen. Dann erklingt, diesmal gespielt von den Posaunen, erneut die Melodie des Abendgebetes, und erstrahlt in der Macht und dem Glanz dieser kleinen Heerschar Gottes, die sich zum Schutz der Kinder versammelt hat. Und schließlich wird die Musik wieder sanft, die Nachtruhe kehrt ein, aber dieses Mal nicht zerbrechlich, sondern friedlich und wohlbehütet.

Gesehen habe ich diese Szene zum ersten Mal im Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Die eher traditionelle, aber sehr gelungene Inszenierung damals hat gerade die Schönheit dieser Szene besonders zum Ausdruck gebracht. Eine ähnlich beeindruckende Inszenierung habe ich auf YouTube nicht gefunden, deshalb bette ich hier eine konzertante Version ein:

 

Gott, der ganz Andere

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Für das Zwischenraum-Treffen in Wiesbaden hat sich ein netter Mensch die Mühe gemacht, 80 Namen und Bezeichnungen für Gott aufzuschreiben. Wir sollten daraus die Begriffe aussortieren, die uns jeweils am wenigsten bedeuteten, bis für jeden nur noch fünf Gottesnamen übrig waren. Meine fünf Namen haben mir nicht nur gezeigt, wie viel Gott für mich bedeutet, sondern auch wie sich meine Beziehung zu ihm verändert hat. Deshalb schreibe ich heute und an den nächsten vier Sonntagen über diese Bezeichnungen für Gott, und was sie für mich bedeuten.

Wenn ich zurückblicke, dann gibt es ein Gefühl, das mich eigentlich immer in die Irre geführt hat, ein Gefühl, das der sichere Vorbote einer großen Enttäuschung war. Es ist das Gefühl, genau zu wissen, was Gott von mir erwartet. Das Ergebnis war meist, dass ich mit aller meiner Kraft versucht habe, Gott gehorsam zu sein. Mit aller meiner Kraft. Im Blick auf das Ziel, das Gott mir anscheinend vorgegeben hatte, habe ich sehr schnell Gott selbst aus den Augen verloren.

Die Abhängigkeit von Gott, wie sie nach meiner Meinung Ziel jedes Christen sein sollte, bringt immer ein gewisses Maß an Unsicherheit mit. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“, betet der Psalmist, und meint damit keinen Scheinwerfer, der den gesamten Weg vor ihm ausleuchtet, denn so etwas kannte er einfach nicht. Gott zeigt den nächsten Schritt, das muss reichen, und schon der übernächste kann eine Überraschung sein.

Eine meiner größten Überraschungen habe ich Anfang des vergangenen Jahres erlebt. Nach langen Zögern hatte ich mich entschlossen, mich einmal wieder der Verunsicherung und Verwirrung (und auch Wut) zu stellen, die mein ständiger Begleiter waren, so lange ich glaubte, dass Gott mir eine Beziehung mit einem Mann verbieten würde. Meine Hoffnung war, dass Gott mir endlich etwas zeigen würde, das mich mit einem zölibatären Lebensstil versöhnen könnte. Statt dessen bin ich auf das Buch Streitfall Liebe und die gleichnamige Website von Valeria Hinck gestoßen.

Valerias Ausführungen haben mir genau die Perspektive geöffnet, die ich für völlig ausgeschlossen gehalten hatte, nämlich die, dass ich auch als schwuler Christ Erfüllung und (noch viel wichtiger) Gottes Segen in einer festen Beziehung finden könne. Der Rest ist Geschichte, meine Geschichte, die mich in eine tiefere und vertrauensvollere Beziehung zu Gott und nebenbei auch zu diesem Blog geführt hat.

Gott ist der ganz Andere, der mit menschlichen Maßstäben und Vorstellungen nicht zu fassen ist. Das ist zu erwarten: Ein Gott, der mit dem menschlichen Verstand erfassbar, ja durchschaubar ist, ist kein Gott, sondern ganz offensichtlich eine menschliche Erfindung. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt es im Gebot, und gemeint ist die antike Vorstellung, dass Götterbildnisse Repräsentanten, ja Verkörperungen der Gottheit selbst sind. Die Gefahr, irgendwelche Gegenstände für Götter zu halten, ist in unserer Kultur geringer geworden. Aber jeder von uns steht in der Gefahr, seine Vorstellungen von Gott für letztgültige Wahrheit, ja für Gott selbst zu halten.

Laut Calvin ist das menschliche Herz eine Götzenfabrik. Unsere Götzen sind weniger materiell, weniger greifbar als die zur Zeit des Alten Testaments, und manchmal kommen sie sogar in christlichem Gewand daher. Sie sind deshalb aber nicht weniger gefährlich. Es tut uns gut, wenn Gott uns immer mal wieder daran erinnert, dass er sämtliche menschlichen Maßstäbe sprengt. Eigentlich sollten wir uns das wünschen, wir sollten es begrüßen, wenn Gott uns verunsichert, uns überrascht und gelegentlich sogar unsere Maßstäbe über den Haufen wirft. Wenn uns Gottes Handeln verblüfft, wenn er uns überrumpelt und verwirrt, sind wir der Erkenntnis des wahren, des ganz anderen Gottes vielleicht näher, als wenn wir glauben, sein Handeln zu verstehen.

Beschenkt

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Vor zwei Wochen habe ich unter anderem den Zwischenraum erwähnt. Die letzten Tage war ich auf dem Zwischenraum-Jahrestreffen in Wiesbaden. Mein Plan war, hier nach meiner Rückkehr ein wenig von den Eindrücken zu schreiben, die ich von diesem Treffen mitgenommen habe. Dieser Plan ist gründlich schief gegangen: Es sind einfach viel zu viele.

Ich bin noch völlig überwältigt von der Gemeinschaft, von der gegenseitigen Liebe, die in dieser wunderbaren Gruppe von fast 150 schwulen, lesbischen, bisexuellen und trans*geschlechtlichen Christen erlebt habe. Ich bin überwältigt von der geistlichen Vielfalt, von der Tiefe der Gespräche und von dem kaum beschreibbaren Gefühl, dass ich mich in einer so großen Gruppe von Menschen, die ich wenig oder gar nicht kenne, einfach nur zu Hause gefühlt habe.

Und ich bin überwältigt von Gottes Reden. Er hat die letzten Tage genutzt, um meine drängendsten Fragen zu beantworten. Ich habe mich an Elia am Berg Horeb erinnert. Gott war damals weder im starken Sturm, noch im Erdbeben, noch im Feuer. Er war im sanften Säuseln. Gott hat die letzten Tage unentwegt zu mir gesäuselt, sanft, sehr liebevoll, aber sehr klar und deutlich zu verstehen. Manches davon wird vielleicht hier im Blog noch auftauchen, manches ist dafür zu persönlich und geht nur Gott und mich etwas an.

Aber heute ist ein Teil von mir noch in Wiesbaden bei diesen wunderbaren Menschen, denen ich viel verdanke, und die mich wieder viel näher zu Gott gebracht haben, zu meinem Gott, der es so gut mit mir meint und mich die letzten Tage sehr verwöhnt hat.

Schlechte Angewohnheit

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Auch diese Woche soll es noch einmal um die Jahreslosung gehen, um den tröstenden Gott und meine Erfahrungen damit. In den letzten beiden Wochen ging es vor allem darum, wie und warum mir dieser Trost lange Zeit gefehlt hat, und wie ich ihn wiedergefunden habe. Ja, ich habe ihn wiedergefunden. Ich erlebe, wie ich in der Nähe Gottes Ruhe finden und auftanken kann. Aber ich erlebe das eigentlich noch zu selten, und daran ist eine schlechte Angewohnheit schuld.

Ich habe mit der Nähe Gottes schlechte Erfahrungen gemacht. Bei Gott habe ich abgewertet und abgelehnt gefühlt, seine Nähe hat meine Schuldgefühle verstärkt, und das Gespräch mit Gott endete nicht selten in Streit und Frust. Über einen erheblichen Teil meines Glaubensweges war die Nähe Gottes häufig Auslöser negativer, leidvoller Gefühle.

Ich will damit keineswegs sagen, dass Gott diese Gefühle in mir hervorgerufen hat. Und ich bin fest überzeugt, dass er unter dieser Situation noch viel mehr gelitten hat als ich. Jesus ist für mich ans Kreuz gegangen. Er hat die Trennung von seinem Vater erlitten, nicht zuletzt damit er nachfühlen kann, was mich von ihm trennt. Es war ihm nie zu schwer, mein Leid mit auszuhalten. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Dieser Gedanke war für mich der Anfang des Trostes. Es hat meine dunkelsten Zeiten nicht heller gemacht, aber es war tröstlich, in dieser Dunkelheit zumindest nicht allein zu sein. Aber es hat auch nichts daran geändert, dass auch diese Begegnungen mit Gott mit leidvollen Gefühlen verbunden war.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und das gilt um so mehr, wenn es um Gefühle geht. Und wir versuchen instinktiv die Situationen zu vermeiden, die in der Vergangenheit mit unangenehmen Gefühlen verbunden waren. Das ist erst mal ein guter und richtiger Schutzmechanismus, den ein liebender Schöpfer in uns hineingelegt hat, aber in manchen Fällen, wenn sich die Randbedingungen geändert haben, steht uns dieser Schutzmechanismus auch im Weg.

So geht es mir zurzeit mit der Nähe Gottes. Ich genieße es sehr, wenn ich sie finde, sie bereichert mein Leben und hilft mir sehr. Aber ich habe immer noch diese Scheu, sie zu suchen, diese Angst, wieder abgelehnt und verletzt zu werden, diesen Schutzreflex gegen negative Gefühle. Und so unberechtigt und grundfalsch diese Abwehrhaltung auch sein mag, im Grunde kann ich recht wenig aktiv dagegen tun. Ich kann nunmal nicht aus meiner Haut, und auch meine Erfahrungen in der Vergangenheit, die mich in diese Situation gebracht haben, kann ich nicht einfach auslöschen. Und ehrlich gesagt will ich das noch nicht mal.

Aber es gibt dafür eine biblische Antwort: Paulus schreibt an die Philipper, dass Gott beides schenkt, das Wollen und das Vollbringen, und der unbekannte Schreiber des Hebräerbrief ergänzt, dass das Herz eines Christen durch Gnade gestärkt wird. Natürlich werde ich das Meine dazu tun, Gottes Nähe zu suchen, und mit der Zeit werden die Schöpfungskräfte, die im Moment gegen mich arbeiten, ganz von selbst wieder für mich arbeiten. Und in der Zwischenzeit werde ich nicht den Fehler machen, wieder in christlichen Leistungsdruck zu verfallen, sondern ich vertraue auf das, was ich schon oft erlebt habe, nämlich dass Gott auf jeden Fall stark genug ist, um meine Schwachheit auszugleichen.

 

Catch-22

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Vor ein paar Monaten habe ich schon mal einen Einblick in meine dunkelsten Zeiten gegeben. Gott verlangte anscheinend von mir, auf eine echte Beziehung zu einem Mann kategorisch und für alle Zeiten zu verzichten. Für mich ergab das (zurecht) nicht den geringsten Sinn, und ich sah mich außerstande, diesen Gehorsamsschritt zu tun. Ein Dilemma, das mich in tiefe Verzweiflung geführt hat.

In dieser Zeit besorgte mir ein Freund einen Termin bei einer erfahrenen Seelsorgerin. Ich tat mich damals noch schwerer als heute, über meine Gefühle, über meine Verzweiflung zu reden. Ich tat mein Bestes und erklärte Ihr meine Situation, dass Gott von mir einen Schritt verlangte, den zu gehen über meine Kräfte ging. Frau Erfahrene Seelsorgerin™ erklärte mir, dass sie mir nicht helfen könne, wenn ich nicht zu unbedingtem Gehorsam bereit wäre, und schickte mich weg.

Dieses Gespräch hat dazu beigetragen, zwei Überzeugungen bei mir zu festigen:

  • Trost und Hilfe gibt es bei Gott nur gegen Vorleistung.
  • An meiner trostlosen Situation bin ich selbst schuld.

Diese beiden Überzeugungen haben meine Beziehung zu Gott in den Jahren darauf nachhaltig beeinflusst, und zwar ziemlich zerstörerisch beeinflusst. In der Nähe Gottes erwarteten mich Schuldgefühle und psychischer Druck. Es ist schon ein kleines Wunder, dass ich in dieser Zeit überhaupt noch zuweilen die Nähe Gottes gesucht habe.

Erst Jahre später habe ich allmählich gelernt, auch zu klagen und mit Gott zu streiten, so wie es die Bibel ja an verschiedenen Stellen vorexerziert. Ich habe gelernt, meine Gefühle als das wahrzunehmen, was sie sind, nämlich meine wahren Gefühle. Ich habe gelernt, sehr langsam gelernt, dass Gott dem Menschen begegnen will, der ich tatsächlich bin, und nicht einer bereinigten, beschönigten Version von mir, und dass in einer solchen Begegnung viel Trost liegen kann.

Es war kein Trost, der aus schnellen Lösungen bestand. Es war ein Trost, der damit begann, die Verzweiflung aushalten zu können und aus Gottes Hand nehmen zu können, was mein Leben zerstört. Und der mir dann ganz langsam die Perspektive eröffnete, dass Not und Verzweiflung vielleicht doch nicht Gottes Plan für mein Leben seien – ein langer und schwieriger Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Aber entlang dieses Weges habe ich viel gelernt. Als Christ meint ja man immer, man müsse auf dem Weg des Glaubens schon viel weiter sein. Aber Trost und Hilfe gibt es nicht für Wunschdenken, nicht für die Wegkreuzung, an der ich gern wäre, sondern nur für die Wegkreuzung, an der ich mich tatsächlich befinde, ob es mir nun passt oder nicht.

Wenn wir das nicht beachten, landen wir allzu leicht in einer Situation, die nach einem Roman von Joseph Heller als Catch-22 bezeichnet wird. Hellers Protagonist möchte sich für geisteskrank erklären lassen. Im Roman kann aber nur jemand als geisteskrank erklärt werden, der darum bittet. Und wer das tut, beweist aber gleichzeitig so viel Urteilskraft bezüglich der eigenen geistigen Gesundheit, dass er unmöglich geisteskrank sein kann.

Die Seelsorgerin seinerzeit zeigte mir ein geistliches Catch-22: Um Gott gehorsam zu sein, brauchte ich damals ganz offensichtlich Hilfe. Die Voraussetzung dafür, diese Hilfe bekommen zu können, war aber, Gott gehorsam zu sein. Sie machte Gottes Hilfe von Voraussetzungen abhängig, die damals ganz offensichtlich jenseits meiner menschlichen Möglichkeiten lagen. Trost gibt es nur für die, die ihn gar nicht so dringend brauchen.

Dabei sagt Jesus etwas ganz anderes: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken, und Paulus ergänzt, dass Gott in uns beides bewirkt, das Wollen und das Vollbringen. Als Christen müssen wir den Weg der Heiligung beschreiten. Aber Gott erwartet uns nicht am Ende dieses Weges, sonder am Anfang, wirklich ganz am Anfang, weil er ihn mit uns gemeinsam gehen will, weil wir ohne seine Hilfe nicht einen Schritt tun können.

Wir sind immer noch bei der Jahreslosung aus Jesaja 66, Vers 13, und auch nächste Woche soll es noch mal um dieses Thema gehen. Aber bis dahin: Die Liebe einer Mutter ist bedingungslos, und Liebesentzug gehört nicht zu Gottes Erziehungsmethoden. Catch-22 existiert nur in der beschränkten Welt engherziger Christen, die meinen, Zugangsvoraussetzungen zur Gnade Gottes aufrichten zu müssen, und damit dem tröstenden Gott eigentlich ein ganz schlechtes Zeugnis ausstellen. Denn egal wie dunkel und voll von Not, Verzweiflung und Sünde unser Leben auch sein mag: Gottes Trost kann uns immer und überall erreichen.

Schuldbekenntnis

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Bei dem Massaker in Orlando im US-Bundesstaat Florida am 12. Juni 2016 wurden 49 Menschen getötet und 53 verletzt. Damit ist es das folgenschwerste Attentat in den Vereinigten Staaten seit den Anschlägen vom 11. September 2001, der gravierendste einzelne Gewaltakt gegen Homosexuelle und eines der verheerendsten Massaker in der Geschichte des Landes.

So steht es heute, eine Woche danach, in der Wikipedia. Streng genommen sind es 50 Tote, der Attentäter wurde von der Polizei getötet. Ich möchte hier nichts verharmlosen, angesichts der ungeheueren Schwere seiner Schuld kann ich ihn nicht zu den Opfern zählen. Aber es erscheint wahrscheinlich, dass der abgrundtiefe Hass gegen Schwule und Lesben, der ihn zu dieser beispiellosen Tat getrieben hat, im Kern Selbsthass war.

Ein Anschlag dieses Ausmaßes wäre zurzeit wohl ohne einen gewissen islamistischen Hintergrund nicht denkbar, und was Hass und Gewalt gegen Schwule und Lesben betrifft, nehmen die islamischen Staaten zweifellos eine sehr traurige Spitzenposition ein. Aber Homophobie ist kein Phänomen, das sich auf den Islam beschränkt. Der Kampf gegen Ausgrenzung und Diskriminierung Homosexueller ist eine Menschenrechtsfrage, und die katastrophale Lage sexueller Minderheiten in islamischen Staaten ist Teil einer allgemein katastrophalen Menschenrechtslage in diesen Ländern.

In der westlichen Welt wird der Kampf gegen diese Menschenrechte vor allem mit christlichem Hintergrund geführt. Seit der Gleichstellung der Ehe vor knapp einem Jahr sind in den USA über 200 Bundesstaatsgesetze erlassen worden, die die Diskriminierung sexueller Minderheiten erleichtern oder sogar zum Inhalt haben. Es würde mich sehr wundern, wenn auch nur eines davon von einer muslimischen Interessengruppe durchgebracht worden wäre.

In Deutschland hat die Bundeskanzlerin Tage gebraucht, um die Zielgruppe des Massakers auch nur zu benennen. Zuvor hat sie von einem Anschlag auf die offene Gesellschaft geredet, von einer offene Gesellschaft, die für Schwule und Lesben auch in Deutschland in dieser Form nicht existiert. Frau Merkel hat sich in ihrer Amtszeit aktiv gegen diese offene Gesellschaft eingesetzt und musste sich dabei mehrfach vom Bundesverfassungsgericht über die Konsequenzen unserer freiheitlicher Verfassung bezüglich der Rechte Schwuler und Lesben belehren lassen.

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland und Präsident der Vereinigung evangelischer Freikirchen, empört sich nicht über den Anschlag an sich, sondern nur über zwei Kommentatoren, die einen solchen Anschlag auch aus dem evangelikalen Fundamentalismus heraus für möglich erachten. Angesichts 49 toter Schwulen und Lesben wendet er sich gegen die Diffamierung von Christen und fordert sie dazu auf, fröhlich ihren Glauben (an die Sündhaftigkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen) zu bekennen.

Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer Ablehnung sät, wird Hass ernten. Wer Diskriminierung sät, wird Gewalt ernten. Auch Hass und Gewalt brauchen moralische Rechtfertigung, und Attentäter halten ihre Taten regelmäßig für berechtigt und sogar für gut. Das Massaker in Orlando hebt sich in seiner abgrundtiefen Schlechtigkeit weit ab von der alltäglichen Anfeindung und Diskriminierung, die Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle erfahren. Aber es wäre ohne diese Alltagsdiskriminierung nicht denkbar. In einer Gesellschaft. in der gleichgeschlechtliche Beziehungen von allen Seiten als normal und alltäglich angesehen werden, findet der Hass der Attentäter keinen Nährboden.

Deshalb bereiten auch Angela Merkel und Ansgar Hörsting den Nährboden für Hass und Gewalt, auch für Gewalttaten wie die in Orlando. Damit sind sie nicht allein. Auch ich habe meinen Beitrag zur Alltags-Homophobie geleistet und bin damit, wenn auch hoffentlich nur zu einem sehr geringen Maß, mitverantwortlich für die Tat und die Opfer. Und es wird höchste Zeit für mein Schuldbekenntnis:

Für zwanzig Jahre meines Lebens habe ich Schwulen und Lesben aktiv den Platz in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens, vor allem des christlichen Lebens verweigert. Ich habe sie als krank bezeichnet und wirkungslose, gefährliche Therapien empfohlen. Ich habe ihre Beziehungsfähigkeit und moralische Integrität in Frage gestellt. Ich habe die Bibel verwendet, um gegen Menschenrechte, gegen Menschlichkeit, gegen Menschen vorzugehen. Ich habe Leiden verlängert, Verzweiflung hervorgerufen, Vertrauen auf Gott verhindert. Und bis heute mache ich mich der Sünde des Unterlassens schuldig. Ich setze mich zu wenig aktiv, zu wenig mutig gegen Diskreditierung und Diskriminierung der Randgruppe ein, der ich selbst angehöre.

Die meisten dieser Sünden richteten sich gegen mich. Es erleichtert mein Gewissen, dass ich selbst mein größtes Opfer war, es macht aber meine Worte und Taten nicht weniger schlimm, nicht weniger sündig. Und ich habe auch meine Meinungen und Überzeugungen verbreitet und Gleichgesinnte unterstützt. Auch wenn ich aus meiner Erinnerung kein konkretes Opfer meiner Taten benennen könnte: Das heißt nicht, dass ich nicht auch einzelnen Menschen konkret geschadet habe. Mit Sicherheit habe ich zur homophoben Stimmung in Gemeinde und Gesellschaft, zur Alltagshomophobie beigetragen. Und nicht zuletzt habe ich Gottes Güte zu wenig vertraut. Ich habe zu wenig vertraut, dass er Lösungen bieten kann, wo Menschen nur Gebote sehen, dass seine Größe, Kreativität und seine Liebe nicht durch meine Vorstellungskraft begrenzt wird. Ich habe, privat und öffentlich, Gott schlechtgemacht und seinen Ruhm geschmälert.

Ich bekenne meine Schuld, und ich bitte Gott und die LGBT-Community um Vergebung.

Zumutbarkeit

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Heute startet in meiner Gemeinde ein faszinierendes evangelistisches Projekt. Sechs Wochen lang soll sich alles darum drehen, wie wir unseren Freunden und Bekannten Jesus näher bringen. Es gibt dabei keine der üblichen evangelistischen Predigten, keine durchgeplanten Evgangelisationsveranstaltungen und erst recht nicht dieses Kühlschränke-an-Eskimos-verkaufen, das Kennzeichen so vieler Evangelisationsversuche ist. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man die frohe Botschaft so an Freunde weitergeben kann, dass es zu einem selber passt und zu den Freunden. Eine tolle Aktion. Trotzdem weiß ich nicht so recht, wie ich mich daran beteiligen soll.

Um hier keine Zweifel aufkommen zu lassen: Jesus ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Wenn ich mir bei allem, was ich mit ihm und wegen ihm durchgemacht habe, die Frage stelle, ob es das wert war, ist die Antwort ein klares und eindeutiges Ja. Aber ich habe viel mit ihm durchgemacht und kann das nicht einfach so ignorieren. Und wenn ich mich ehrlich frage, ob ich all das auch einem meiner Freunde zumuten möchte, muss ich mit Nein antworten.

Man sagt ja immer, Computer würden nur die Probleme lösen, die man ohne sie gar nicht hätte. Vieles von dem, was ich mit Jesus erlebt habe, fällt in eine ganz ähnliche Kategorie. Ohne die damals gängige Bibelauslegung und ohne meine Liebe zu Jesus hätte ich mit Mitte zwanzig begonnen, mich nach einem Lebenspartner umzusehen, und nicht erst mit Mitte vierzig. Zwanzig Jahre geistlich begründete Selbstablehnung wären mir vermutlich erspart geblieben, und viele der verzweifelten Kämpfe, in denen mein letzter Halt Jesus war, hätte ich ohne ihn gar nicht erst kämpfen müssen.

Mir ist sehr bewusst, dass die Suche nach dem „Schuldigen“ mich ebensowenig weiter bringt wie was-wäre-wenn-Phantastereien. Aber meine persönliche Glaubensgeschichte ist so, wie sie ist, und wenn es darum geht, Freunden von Jesus zu erzählen, kann man die eigene Geschichte nicht außen vor lassen. Nicht, dass ich nicht darüber reden möchte. Wie Petrus das in seinem ersten Brief fordert, bin ich gerne bereit, jedem, der es hören will, von mir und meinen Erlebnissen mit Jesus zu berichten. Mir macht das jedes Mal großen Spaß, und ich glaube, ich mache das auch gar nicht schlecht. Ich habe nur im Moment das deutliche Gefühl, das ich nichts zu erzählen habe, mit dem ich aktiv auf andere zugehen kann.

Ich bin schwul und auf der Suche nach einem Partner. Ich halte die Ehe für alle sowohl aus christlicher Überzeugung als auch aus Sicht der Menschenrechte ethisch und moralisch für unabdingbar. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind es bisher ausschließlich Christen, die mit dieser Position ein Problem haben. Und die Nichtchristen haben ein Problem damit, dass die Christen ein Problem damit haben. Keiner meiner nichtchristlichen Freunde versteht die ablehnende Haltung vieler Christen zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

Wie kann ich ihnen begreiflich machen, warum ich selbst über zwei Jahrzehnte hinweg in dieser ablehnenden Haltung fest hing, obwohl sie mich immer wieder zur Verzweiflung und zeitweise bis an den Rand des Selbstmords geführt hat. Wie kann ich für die Beziehung mit Jesus werben, wenn diese Beziehung mich überhaupt erst in diese Bredouille gebracht hat? Wie schön, das mir Jesus in diesen schwierigen Situationen immer wieder geholfen hat, aber wäre es nicht viel besser gewesen, wenn er mich gar nicht erst in diese im Rückblick ja völlig unnötigen Situationen gebracht hätte?

Bin ich heute wieder in derselben Situation wie zu ProChrist 1997? Ich denke, ich könnte kaum weiter davon entfernt sein. Ich will nicht leugnen, dass die Erlebnisse und die Gefühle von damals bis heute Auswirkungen auf mein Leben haben. Aber der Friede Gottes hat sich seinen Platz im Innersten meines Herzens zurückerobert und hat für mich einen Rückzugsort geschaffen, an dem ich mich sicher und geborgen fühle, und der mir damals völlig gefehlt hat.

Ich erzähle gerne jedem, der mich fragt, von diesem Frieden, und ich denke, für mich war es dieser Friede letztlich wert, die ganzen verschlungenen und leidvollen Wege zu gehen. Aber anderen diese Wege als zumutbaren Preis für die Nachfolge Jesu zu verkaufen? Auf gar keinen Fall!

Ein Appell

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Heute ist der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie. Ich glaube, Homophobie im engeren Wortsinne ist mir bisher noch nicht begegnet, zumindest nicht unter Christen. Aber Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Angst und Hass. Deshalb möchte ich mich heute direkt an alle Christen wenden, die gleichgeschlechtliche Beziehungen ablehnen, weil sie überzeugt sind, dass sie nicht mit der Bibel vereinbar sind.

Ihr wollt nicht homophob genannt werden. Zurecht, denn es geht euch nicht um Angst und Hass, ihr seid entschieden gegen Gewalt und wollt auch nicht den § 175 wieder einführen. Ihr seid tolerant und gesteht anderen Menschen zu, selbst zu entscheiden, wie sie ihr leben führen wollen, auch in der Öffentlichkeit.

Es ist euer selbstverständliches Recht, eure Meinung, eure Überzeugung zu äußern, zu eurer Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen zu stehen, privat, in der Gemeinde und in der Öffentlichkeit. Aber gleichzeitig hat eure Überzeugung Konsequenzen, eure Worte und Taten haben Folgen, vor denen ihr die Augen nicht verschließen dürft.

Eure Überzeugung liefert das Brennmaterial für die Brandstifter in unserer Gesellschaft. Sie dient Homophoben als Rechtfertigung, sie ist der moralische Nährboden, den auch die Saat des Hasses und der Gewalt zum Wachsen braucht.

Eure Überzeugung würdigt Menschen herab. Die sexuelle Identität ist kein Anhängsel, das sich abschneiden lässt, keine Mode, die geändert werden kann. Sie ist integraler Teil der Persönlichkeit. Ihr lehnt keine Beziehungsmodelle oder Lebensstile ab, ihr lehnt Menschen ab.

Eure Überzeugung verlästert den Dienst der Christen. Ihr lasst Gott als engherzig und lieblos erscheinen, als einen Gott, der an Einhaltung von Regeln mehr interessiert ist als am Wohl und am Heil der Menschen. Ihr schreckt Menschen von Jesus ab und verschließt ihnen den Himmel.

Eure Überzeugung stürzt Menschen in Leid und Verzweiflung. Sie führt zu einem unauflöslichen Dilemma, das nicht selten ernsthafte psychische oder körperliche Probleme zur Folge hat, und im Extremfall treibt sie Menschen dazu, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Als Christen steht ihr in der Verantwortung, die Folgen eurer Worte und eurer Taten zu bedenken. Auch die Nachfolge Jesu und die Treue zur Bibel entbindet euch nicht von dieser Verantwortung. Ich bitte euch deshalb: Informiert euch aus verschiedenen, unabhängigen Quellen. Hinterfragt eure Überzeugungen und lasst euch von anderen hinterfragen. Rechnet bei der Auslegung der Bibel mit eurer Fehlbarkeit und mit der Fehlbarkeit eurer geistlichen Vorbilder. Und ganz besonders: Nehmt das Leid der Menschen wahr und ernst. Sucht nicht nach Rechtfertigungen für dieses Leid, sondern sucht nach Wegen und Möglichkeiten, dieses Leid zu lindern oder zu beenden.

Ich weiß, eure Absichten sind nicht böse. Aber eure Überzeugungen haben böse Konsequenzen, eure Worte und Taten haben Böses zur Folge. Wendet euch ab von diesem Weg des Bösen und sucht von ganzem Herzen und mit all eurer Kraft nach neuen Wegen, nach Wegen der Nächstenliebe und des Heils, auch für Schwule und Lesben, für Bi- und Transsexuelle. Gott wird euch diese Wege finden lassen.

Danke.