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Archiv der Kategorie: persönlich

Was ich noch hätte sagen sollen …

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Heute an Pfingsten feiern wir die die Ausgießung des Heiligen Geistes an alle Gläubigen. Zu Studentenzeiten sagten wir immer, Gott wolle den Heiligen Geist aus Gießen, denn in dieser Stadt lag die Deutschland-Zentrale unserer christlichen Studentenvereinigung. Andererseits habe ich in Erlangen studiert, und es heißt ja auch: Suchet das Himmelreich zu Erlangen.

Vom Heiligen Geist kann man eigentlich nicht genug haben, auch Paulus ermahnt uns, dass wir uns immer neu von ihm erfüllen lassen. Vielleicht haben wir manchmal aber schon genug und merken es gar nicht. Im Kapitel 10 des Matthäus-Evangeliums sendet Jesus seine Jünger zu einem Dienst auf Probe aus, heute würden wir vielleicht von einem Kurzzeit-Missionseinsatz sprechen. Man muss vorsichtig mit diesem Text umgehen: Manche Anweisungen sind der Besonderheit der Situation geschuldet und stellen keine allgemein gültigen Regeln für Missionare dar. Aber ich bin mir sicher, dass ein Abschnitt in seiner Bedeutung weit über die damalige Situation hinaus geht:

Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet reden, sondern der Geist des Vaters wird durch euch reden.

Ich bin glücklicherweise noch nie wegen meines Glaubens vor Gericht gestellt worden. Für meinen Glauben und meine Überzeugungen rechtfertigen musste ich mich schon oft. Durfte würde ich in manchen Fällen wohl sagen, denn nicht selten, gerade gegenüber Nichtchristen, waren das sehr angenehme Gespräche. In richtigen Rechtfertigungsdruck haben mich – gerade in den letzten Jahren – eher meine lieben Mitchristen gebracht, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Eine Erfahrung habe ich aber bisher in all diesen Gesprächen gemacht: Hinterher fällt mir ein, was ich noch alles Schlaues oder Wichtiges hätte sagen können, wie ich meine Argumente besser hätte untermauern können oder meinen Glauben überzeugender hätte rüberbringen müssen. Je nachdem, wie intensiv oder wie wichtig das Gespräch war, trage ich diese Gedanken noch Tage, manchmal sogar Wochen mit mir herum.

Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist, sich auf derartige Gespräche vorzubereiten. Petrus ermahnt die Empfänger seines ersten Briefes, sie sollen stets bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der sie nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt. Aber mangelnde Vorbereitung ist jetzt nicht wirklich mein Problem: Ich bilde mir ein, mir über viele Fragen schon gründlich Gedanken gemacht zu haben. Andererseits glaube ich ganz entschieden nicht, dass es gut ist, auf jede mögliche Frage eine auswendig gelernte Antwort zu haben.

Dazu kommt, dass gerade diese Grübelei hinterher, was ich hätte besser machen können, besonders unproduktiv und unsinnig ist. Das jeweilige Gespräch ist vorbei und kommt in dieser Form bestimmt nicht wieder. Aber ich glaube, das Problem geht noch tiefer. Diese Form der Selbstkritik ist (zumindest bei mir) auch ein Symptom für mangelndes Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes.

Heute wird in vielen Gemeinden über die Pfingstpredigt des Petrus geredet. Er nutzte damals die Aufmerksamkeit und die Situation. Er redete spontan, aber brillant, und 3.000 Menschen fanden zu Jesus. Wenn Jesus verheißt, dass der Geist des Vaters durch uns redet, stelle ich mir genau das vor. Leider habe ich dergleichen in meinem Leben höchst selten und auch dann nur in Ansätzen erlebt. Spricht sonst der Heilige Geist nicht durch mich?

Zunächst einmal war die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten ein welt- und heilsgeschichtlich einmaliges Ereignis. Dass Gott an so einem besonderen Tag besonders große Wunder tut, sollte nicht verwundern. Dass der Alltag weniger glanzvoll verläuft als der Festtag, ist kein Fehler des Alltags.

Die Verheißung Jesu in Matthäus 10 lautet auch nicht, dass der Geist des Vaters durch mich spricht, und sich alle bekehren werden. Sie lautet nur, dass der Geist des Vaters durch mich spricht. Da ist nicht die Rede von besonderen Wirkungen, dass meine Worte alle überzeugen. Es ist nicht verheißen, dass diese Worte, die der Geist durch mich spricht, irgend eine spezielle Auswirkung haben, ja nicht mal, dass sie überhaupt eine Auswirkung haben. Es ist auch nicht verheißen, dass ich mit dem, was der Heilige Geist durch mich spricht, zufrieden bin, oder dass ich mich dabei gut fühle. Aber in Jesaja, Kapitel 55 spricht Gott:

So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

Und an dieser Stelle muss ich mir einfach eingestehen, dass ich in den wenigsten Fällen auch nur ahne, was Gott mit einem Gespräch bewirken will, und wie das die Worte, die mutmaßlich der Heilige Geist durch mich redet, erreichen sollen. Wenn ich nun hinterher nach besseren Argumenten, nach besseren Worten suche, dann heißt das doch, dass den Worten nicht vertraue, die der Geist des Vaters durch mich bereits gesprochen hat, dass ich dem Vater selbst nicht vertraue, mit genau diesen Worten genau die Wirkung zu erzielen, die er sich für genau dieses Gespräch vorstellt.

Es geht nicht darum, dass ich möglichst brillant und möglichst überzeugend rede. Es geht darum, dass Gott durch mich redet, und dass er auch bestimmt, welche Wirkung dieses Reden haben soll. Ich möchte hier mehr Vertrauen lernen, und dazu gehört auch, dass ich diese „innere Manöverkritik“ nach jedem derartigen Gespräch bei mir abschaffe. Das wird mir nicht leicht fallen, weil sich eben alte Gewohnheiten nicht so einfach abstellen lassen. Aber ich glaube, dass es mein Vertrauen in den stärkt, der jedes Vertrauen verdient.

Ermutigung

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Es ist vielleicht unvermeidlich, dass ich als schwuler Christ gelegentlich in eine Verteidigungshaltung gerate. In letzter Zeit habe ich mich jedoch viel zu oft in dieser Haltung wiedergefunden, häufig unnötigerweise, manchmal sogar ohne jeden Anlass. Gründe dafür gibt es viele, aber ich weiß längst: Es tut mir nicht gut.

Auch die Zeichen, die Gott mir schickt, weisen in eine andere Richtung. In den letzten Wochen bin ich gleich auf mehrere Mut machende und befreiende Bibelstellen gestoßen, die mich sehr berührt haben. „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, schreibt Paulus. Trotzdem halte ich oft an der Enge meiner Verteidigungshaltung fest, weil sie sich sicher anfühlt, weil sie mir das (sehr wahrscheinlich trügerische) Gefühl gibt, alles unter Kontrolle zu haben. Und meine Seele verwechselt die Weite, in die Gott mich führen will, mit Halt- und Schutzlosigkeit.

Ich möchte dem nicht nachgeben. Ich möchte nicht an etwas festhalten, was doch keinen Halt gibt und mir nur schadet, ich möchte vielmehr die Ermutigung festhalten, die Gott mir bereits gegeben hat. Deshalb gibt es hier in den nächsten Wochen eine kleine Serie über Bibelstellen, die mir den Weg in diese Freiheit zeigen und mir Mut machen.

An eine dieser Bibelstellen hat mich Gott erinnert, als ich vor kurzem eine schwierige E-Mail schreiben musste. Sie steht in Jesaja 43, Vers 18 und 19:

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.

Eine Bibelstelle, die für mich in besonders eindrücklicher Weise die Situation der schwulen, lesbischen, bisexuellen, transgeschlechtlichen und sonst irgendwie queeren Christen beschreibt. Nach vielen Jahrhunderten der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung erkennen mehr und mehr Christen, Gemeinden und Verbände, dass Gott neue Wege geht mit seinen nicht-cis-hetero-Nachfolgern, und gehen diese Wege mit. Sie erleben, dass Gott hier neues Leben aufwachsen lässt, und freuen sich mit uns.

Schade nur, dass ausgerechnet eine der lebensfeindlichsten Organisationen in diesem Bereich sich den Namen Wuestenstrom gegeben hat. Sie und viele andere erkennen noch nicht, welches Wachstum Gott hier wirklich schenkt, manche bekämpfen es sogar. Trotzdem gibt es mehr als genug Gründe, dankbar zu sein für das, was Gott schon getan hat, und gespannt zu sein auf das, was er noch tun wird.

Das Bibelwort hat auch eine persönliche Seite für mich. Die Vergangenheit liegt hinter mir und wird auch nicht zurück kommen. Es wird mir nicht helfen, über das, was war oder was hätte gewesen sein können, nachzugrübeln. Gott erinnert mich mit seinem Wort daran, dass es viel besser ist, nach dem zu suchen, dass er noch geben will, und nicht nach dem, das ich vielleicht verpasst habe. Die Veränderungen in meinem Leben sind von Gott geschenkt und brauchen nicht ängstlich von mir verteidigt zu werden. Statt dessen sollte ich nach dem Leben Ausschau halten, das Gott jetzt bei mir wachsen lässt, nach den Wegen, die er jetzt ebnet und nach dem Wasser, mit dem er jetzt meinen Durst löschen will.

Kreuz und Selbstwert

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Letzte Woche habe ich das Thema Vergebung angesprochen. Ich bin nicht sehr gut darin. Das heißt nicht, dass es mir nicht wichtig ist, anderen zu vergeben. Jesus betont es ja mehrfach und sogar im Vaterunser ist es enthalten: Wenn ich auf einen gnädigen Gott hoffen will, muss ich dieselbe Gnade auch anderen entgegenbringen. Das versuche ich täglich, aber ich erlebe auch täglich, dass es mir viel schwerer fällt, anderen zu vergeben, als es mir recht sein kann, und dass ich oft viel zu nachtragend bin.

Das gilt gerade auch in Fällen, in denen jemand gar nicht weiß, dass er oder sie etwas Falsches getan hat. Ich denke, wer mich um Entschuldigung bittet, bekommt meist eine ehrlich freundliche Reaktion. Aber wenn jemand sein Unrecht nicht erkennt oder nicht einsieht, werde ich fuchsig. Das ist vor allem deshalb besonders schlecht, weil ich nicht nur nicht vergebe, sondern auch noch über andere urteile – und dabei mit meinem Urteil nicht selten auch noch falsch liege. Das mag eine sehr menschliche Reaktion auf gefühltes, erlittenes Unrecht sein, aber nach über 30 Jahren als Christ sollte ich vielleicht weiter sein. Sollte. Wie gut, dass Gottes Liebe nicht davon abhängig ist.

Jesus ist für mich gestorben, als ich noch Sünder war. Und Jesus ist auch für mein derzeitiges Ich gestorben, dem Vergebung immer noch zu schwer fällt. Ich bilde mir nicht ein, Jesu Tod am Kreuz und seine Auswirkungen auf mich vollständig zu verstehen. Manches daran wird lebenslang für mich geheimnisvoll bleiben, und das ist auch gut so. Aber ich habe in letzter Zeit einen Aspekt entdeckt, der mir gerade beim Thema Vergebung weiterhilft.

Aber zunächst habe ich erkannt, wieder einmal erkannt, dass nicht jede biblische Wahrheit in jeder Situation hilfreich ist. Mein Verständnis von Vergebung ist von jeher von zwei Wahrheiten geprägt. Als erstes ist die Schuld des Anderen meist viel kleiner, als ich es annehme. Sehr wenig von dem, was bei mir als böse ankommt, ist das Ergebnis böser Absicht. Manchmal ist Dummheit, Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit die wahre Ursache, manchmal auch einfach nur andere Werte oder kulturelle Unterschiede. Die wenigsten Treffer auf meiner Seele sind gezielt. Es ist daher sicher nicht verkehrt, erst einmal von der besten Absicht auszugehen und möglichst gut von anderen Menschen zu denken.

Die zweite Wahrheit ergibt sich schon fast daraus und wurde schon eingangs erwähnt: Ich bin keinesfalls besser. Wie kann ich bei der mutmaßlich geringen Schuld des anderen nachtragend sein, wenn ich das Maß meiner eigenen Schuld gegenüber anderen auch nur halbwegs erkannt habe?

Beide Wahrheiten sind nicht nur offensichtlich wahr, sondern auch ganz offensichtlich sehr wichtige Aspekte des Themas Schuld und Vergebung. Es sind wichtige Erkenntnisse im Umgang mit anderen Menschen und mit mir selbst, sie stutzen mich auf ein realistisches Maß zurück und wehren Rechthaberei und Hochmut ab. Sie haben aber auch ihre Grenzen: Sie ermöglichen mir Vergebung nur auf Kosten des eigenen Ichs. Wahrheit Nummer eins verharmlost die Schuld an mir und Wahrheit Nummer zwei macht mir zusätzlich ein schlechtes Gewissen.

Was Vergebung für mich in der Praxis oft so schwer macht, sind meine verletzten Gefühle. Und Vergebung auf Grundlage dieser beiden Wahrheiten hilft mir gerade in diesem Punkt überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Sie erklärt die Unterdrückung dieser schlechten Gefühle zu meiner eigenen Aufgabe, meiner Verpflichtung, die ich allein aus menschlicher Kraft zu bewältigen habe. Das geht natürlich nur so lange gut, wie meine menschliche Kraft dafür ausreicht, und das ist bei weitem nicht lange genug.

Und es geht am Kern der Vergebung vorbei. Gottes Strategie ist nicht Verharmlosung, nicht Relativierung und erst recht nicht, uns ein möglichst schlechtes Gewissen zu machen. Gottes Strategie ist es, das Thema ein für allemal zu erledigen. Dafür starb Jesus am Kreuz. Dafür musste Jesus am Kreuz sterben. Das ist das absolute Gegenteil von Verharmlosung.

Nie wurde die Schuld der Menschen so offensichtlich so ernst genommen wie vor knapp 2000 Jahren auf Golgatha. Nie wurde so deutlich, wie ernst Gott dieses Thema nimmt, wie wenig er zu das ist ja nicht so schlimm oder das war ja keine böse Absicht oder das kann ja jedem mal passieren neigt. Jede einzelne Schuld ist in Gottes Augen so schlimm, dass sie nur gesühnt werden konnte, indem ein Unschuldiger dafür stirbt. Wie schon erwähnt, ich verstehe das nicht vollständig, aber trotz allem ist es offensichtlich so.

Ich habe schon lange begriffen, dass dies meine eigene Schuld betrifft, dass Jesus für mich sterben musste, dass es für mich sonst keine Vergebung, keine Rettung gegeben hätte. Erst allmählich begreife ich, was es heißt, dass Jesus auch für andere gestorben ist, dass er gerade auch für die gestorben ist, die an mir schuldig wurden. Er zeigt mir damit, wie bitter ernst er jede einzelne Schuld an mir, jede Verletzung, jeden Stich in meiner Seele nimmt. Er macht mir mehr als deutlich, dass es für ihn unter keinen Umständen akzeptabel ist, dass mir unrecht geschieht. Das Jesus für mich gestorben ist, zeigt seine unbegreiflich große Liebe für mich. Dass Jesus für die Menschen gestorben ist, die an mir schuldig geworden sind, zeigt diese Liebe nicht minder.

Das heißt auch, dass Jesus meine verletzten Gefühle sehr ernst nimmt, vielleicht ernster als ich selbst. Ich muss sie nicht relativieren oder unterdrücken. Ich kann sie in die Zuständigkeit dessen abgeben, für den sie mindestens ebenso wichtig sind wie für mich selbst. Für Gerechtigkeit ist letztlich allein Gott zuständig. Als Mensch bin ich höchstens sein Beauftragter in der Umsetzung, in den allermeisten Fällen nicht einmal das. Vergebung heißt nicht, dass ich Schuld leugne. Es heißt, dass ich die Zuständigkeit für die Sühne abgebe. Dazu brauche ich noch viel Übung, und ich werde lebenslang ein Lernender bleiben. Aber ich verlasse mich dabei nicht mehr auf meine begrenzte Kraft, Gefühle zu unterdrücken. Und dabei hilft mir, dass ich mich als Opfer ebenso von Gott ernst genommen fühle wie als Täter.

Gott, der Herr

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Dies ist der letzte Eintrag meiner kleinen Serie über Gottesnamen, die ich vor vier Wochen mit „Gott, der ganz Andere“ begonnen habe.

Als Kind hat es mich immer gestört, wenn andere vom Herrn Jesus gesprochen haben. Den Namenszusatz Herr kannte ich natürlich schon, aber den verwendet man doch nur beim Nachnamen, wie bei Herr Müller oder Herr Schmidt, und Jesus war ja der Vorname. Später wurde „Herr“ (ohne Namen) meine persönliche Anrede für Gott im Gebet. In früheren Jahren habe ich Gott fast ausschließlich mit „Herr“ angesprochen, und auch heute dürfte es noch die am häufigsten verwendete Anrede sein.

Die Häufigkeit des Wortes Herr in der Bibel geht auf eine Idee Martin Luthers zurück. Im Judentum ist es üblich, bei der Schriftlesung den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen, weswegen zu Luthers Zeiten schon lange nicht mehr bekannt war, wie man ihn denn korrekt ausspricht. Er hat deshalb an den meisten Stellen – in Anlehnung an die jüdische Tradition – den Gottesnamen bei der Übersetzung mit dem Wort Herr ersetzt.

Ich mag diese Ersetzung. Sie erweist nicht nur der jüdischen Tradition den angemessenen Respekt, sie stellt auch klar, welche Rolle Gott in der Bibel (und nicht nur da) spielt: Er ist der Chef im Ring. Sein Wille und sein Handeln dominiert die Weltgeschichte, im Großen und im Kleinen, und er dominiert auch meine persönliche Geschichte. Sowohl meine Lebensumstände als auch meine Entscheidungen müssen sich an ihm ausrichten. Die äußeren Umstände machen das ohne mein Zutun, bei meinen Entscheidungen bin ich auch selber gefordert, diese Ausrichtung herzustellen.

Aber Luthers Entscheidung hat auch einen großen Nachteil. Als Gott gegenüber Mose seinen Namen nennt, verzichtet er ja bewusst darauf, sich selbst irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben. Gott ist der, der er von sich heraus ist. Punkt. Keine weiteren Erklärungen. Luther ersetzt den Namen für das Wesen Gottes durch eine, wenn auch wesentliche, Eigenschaft. Er beschreibt, und damit reduziert er auch. Die Souveränität, zu entscheiden wie er will, die im Wort Herr zum Ausdruck kommt, ist nur ein Teil der Souveränität Gottes, die darin besteht, eben der zu sein, der er ist.

Es ist diese Falle der Konkretheit, die oft dazu führt, dass uns gerade die Wahrheiten in die Irre leiten. Wir fassen zu eng, wir grenzen die Eigenschaften Gottes auf unsere menschlichen Vorstellungen ein und vergessen: Selbst das beste und größte, was wir uns vorstellen können, ist zu schlecht und zu klein, um Gott so zu beschreiben, wie er wirklich ist. Genau dies ist mir beim Wort Herr passiert, und es gehört zu den schwierigsten Lernprozessen meines Glaubenslebens, mich daraus zu befreien.

Meine Vorstellung von Gott, dem Herrn, ist die eines idealen Arbeitgebers, eines idealen Chefs. Ein Gott, der mir Aufgaben überträgt, die mich herausfordern, die ich aber auch bewältigen kann. Ein Gott, der mir Fehler nicht nachträgt, sondern sie als Ausgangspunkt für zukünftige Lernprozesse sieht. Ein Gott, der mir Erfolgserlebnisse gönnt und mir dabei hilft, möglichst viele davon zu erleben.

Ein toller Gott, wenn man ihn so sieht, und nichts davon ist falsch, aber das Bild ist unvollständig. Und leider fehlt gerade ein Teil, der für mich besonders wichtig ist. Ich wurde so erzogen, dass man für Intelligenz, für seine Talente oder auch für äußere Umstände nichts kann. Dafür ist man nicht verantwortlich, und wenn mir in diesen Bereichen etwas fehlt, darf mir das keiner vorwerfen. Die eigene Zutat ist der Fleiß, einen Mangel davon kann und muss man mir vorwerfen. Fleiß ist Pflicht.

Das ist kein falscher Maßstab, aber es ist leider der Maßstab, bei dem gerade ich mit meiner spezifischen Persönlichkeitsstruktur beständig schlecht wegkomme. Es ist ein Maßstab, der meine Erfolge herabwertet und meine Fehler betont. Es ist ein Maßstab, der meinem chronisch unterentwickeltem Selbstwertgefühl die Chance zum Wachsen nimmt. Und in Verbindung mit meiner Vorstellung von Gott, dem Herrn, verstellt mir dieser Maßstab den Blick darauf, wie sehr Gott mich liebt.

Gott hat für dieses Problem in seiner grenzenlosen Liebe und Souveränität längst seine ganz eigene Lösung gefunden und versucht beständig, sie mir beizubringen. Er will einfach auf eine andere Weise mein Herr sein. Er gibt mir keine Aufträge, sondern schenkt mir Gelegenheiten. Gott hat mir das gerade vor kurzem wieder aufgezeigt, und es ist im Rückblick wirklich verblüffend: Wenn ich in meinem Leben die Initiative ergriffen habe, wenn ich versucht habe, mich für die gute Sache einzusetzen, in einer Situation das Richtige und Nötige zu tun, war das Ergebnis jämmerlich. Was ich versucht habe, auf die Beine zu stellen, war meist den Versuch nicht wert. Die großen und dauerhaften Erfolge in meinem Leben beruhen auf Gelegenheiten, die ganz ohne mein Zutun entstanden sind. Ich habe immer nur dann erfolgreich gebrütet, wenn ich mich ins gemachte Nest gesetzt habe.

Gott ist mein Herr, und ich glaube, das gilt mehr denn je. Aber Gott hat in seiner Liebe und Souveränität diesem Satz speziell für mich eine andere Bedeutung gegeben, als ich lange dachte. Er gibt mir keine Aufträge, die ich zu erfüllen habe. Er geht mir voran, und ich muss ihm so dicht wie möglich folgen. Ich möchte betonen, dass dies Gottes spezielle Lösung für mich ist, und dass es gerade Kennzeichen seiner Souveränität, seines sich-selbst-Seins ist, die Worte „Gott, der Herr“ bei jedem seiner Geschöpfe auf andere Weise mit Leben zu füllen.

Es ist dies eine Form von Nachfolge, mit der sich meine Seele immer noch schwer tut, weil es sich für mich, mit meiner Geschichte und Prägung, nach einem Leben in ständiger Pflichtverletzung anfühlt. Denn selbst wenn da Aufgaben sind, die getan werden müssen, selbst wenn meine Fähigkeiten gefragt wären, und ich glaube, die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können: Wenn ich meinen Herrn nicht voraus gehen sehe, muss auch ich die Füße still halten, und das fällt mir schwer. Aber wenn ich das wirklich ernst meine, dass Gott mein Herr ist, dann muss ich ihm auch die Entscheidung überlassen, wie er mein Herr sein will, wie er dieses Wort mit Leben füllen will. Und ich lerne dabei: Egal was meine Vorstellungen dazu sagen: Gottes Wege sind gut für mich.

Gott, die Zuflucht

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Ich habe in einem früheren Eintrag erzählt, dass es mir schwer fällt, Gottes Nähe zu suchen. Das liegt gerade einmal zweieinhalb Monate zurück, und ich stelle beim Schreiben dieser Zeilen fest, wie viel sich seither bei mir getan hat. Ich habe erlebt, wie ich in Gottes Nähe Ruhe, Ermutigung und Stärkung erfahren durfte, gerade in schwierigen Situationen. Und ich habe mich immer wieder in Gottes Nähe wohl und geborgen gefühlt. Die Gefühle, die mich von Gott fern halten wollen, sind noch da, aber sie sind in den letzten Monaten spürbar schwächer geworden.

Eines der ersten Bücher zum Thema Homosexualität, das ich gelesen habe, verwendet das Bild eines Baches. Wird sein Bachbett durch äußere Ereignisse, zum Beispiel einen Erdrutsch, blockiert, sucht sich der Bach einen neuen Weg und bildet sich ein neues Bett. Will man den Bach zurück in sein altes Bett bringen, muss man zunächst die Blockade entfernen. Danach bedarf es nur ein wenig Hilfe, damit der Bach sein altes Bett wiederfindet und fortan wieder hier fließt.

Der Autor meinte, dass bei jedem Menschen die Heterosexualität das natürliche Bachbett sei, und dass eine sexuelle Orientierung auf das gleiche Geschlecht nur entstehen könne, wenn die „natürliche“ Entwicklung durch äußere Umstände blockiert sei. Man müsse dann nur die Blockade entfernen und ein wenig „nachhelfen“ schon würde aus dem Schwulen und der Lesbe wieder ein „gesunder Hetero“.

Wer als schwuler oder lesbischer Mensch halbwegs mit sich selbst im Reinen ist, wird diesen Unsinn sofort durch ein wenig Selbstbeobachtung als solchen identifizieren können. Heteros tun sich da schwerer, insbesondere wenn sie keine gleichgeschlechtlichen Paare in ihrem Freundeskreis haben. Ihnen fehlt die Erfahrung aus erster Hand. Gefährlich wird diese Vorstellung für Menschen, die tatsächlich solche Blockaden in ihrem Leben haben. Denn das Bild ist ja nicht prinzipiell falsch: Die natürliche Entwicklung eines jungen Menschen kann ja durch vielerlei äußere Ereignisse blockiert und in falsche Bahnen gebracht werden.

Mich hat damals das Bild mit dem Bachbett sehr angesprochen, ich habe mich darin wiedergefunden. Mittlerweile konnte ich mit Gottes Hilfe viele dieser Blockaden entfernen, und vieles in meinem Leben, das früher blockiert war, fließt wieder in den richtigen Bahnen. Deshalb kann ich auch zweifelsfrei sagen, dass mein persönliches, natürliches Bachbett schwul ist, dass meine sexuelle Orientierung ein Teil dessen ist, wie Gott mich gedacht hat. Damals, als ich dieses Buch gelesen habe, war mir diese Erkenntnis verwehrt.

Ich habe mich seinerzeit in die Hände derer begeben, die dieses Verständnis von Homosexualität vertreten haben, weil ich zurecht der Überzeugung war, dass bei mir solche Blockaden vorlagen. Diese Menschen haben mir auch tatsächlich geholfen, einige dieser Blockaden zu entfernen. Aber leider haben sie sie durch neue ersetzt. Sie haben Kiesel weggeräumt und Felsbrocken herbeigeschafft. Sie haben entfernt, was mir eine erfüllte, lebenslange Beziehung erschwert hätte, aber sie haben mir gleichzeitig eine erfüllte, lebenslange Beziehung unmöglich gemacht. Sie wollten mir den Zugang zu anderen Menschen erleichtern und haben mir den Zugang zu Gott erschwert. Sie haben den Splitter aus meinem Auge entfernt und statt dessen einen Balken eingesetzt.

Von allen Blockaden, die sich in unser Leben eingeschlichen haben, sind die am schlimmsten, die zwischen uns und Gott liegen. Jesus sagt:

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

Es ist Gottes Wille, dass wir bei ihm Zuflucht finden, dass wir Ruhe finden für unsere Seelen. Das ist der Qualitätserweis des Jochs Jesu. Wie ich schon vor einigen Wochen geschrieben habe: So etwas braucht Zeit. Die menschliche Seele hält an dem fest, was sie kennt, und selbst an die Ruhe in Gottes Nähe muss sie sich erst langsam gewöhnen. Aber wenn diese Ruhe auf Dauer ausbleibt, dann tragen wir nicht das Joch Jesu, sondern ein Joch, das uns Menschen auferlegt haben.

Viele Blockaden sind bei mir heute beseitigt, auch viele derer, die andere Christen in meinem Leben aufgetürmt haben. Darunter kommt ein Bachbett zum Vorschein, das nicht so aussieht, wie ich es mir vor 20 Jahren vorgestellt habe, und viele Christen können sich bis heute nicht vorstellen, dass ein natürliches Bachbett so aussehen könnte. Aber das spielt keine Rolle, denn ich spüre, dass das Wasser mehr und mehr wieder da fließt, wo es fließen soll. Und als Folge erlebe ich, dass ich Gott meine Zuflucht nennen kann, nicht nur aus theologischer Überzeugung, sondern aus persönlicher Erfahrung.

Gott, der Beschützer

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Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Interessanterweise ist dieser Spruch nicht christlichen, sondern heidnischen Ursprungs, er lässt sich laut Wikipedia auf antike griechische und römische Ursprünge zurückführen. Ob er stimmt oder nicht, ist eine sehr schwierige Frage, ich denke, die meisten Christen würden ihn als irgendwie teilweise richtig ansehen.

Der Spruch trifft bei mir einen Nerv, weil er eine unerfüllte Sehnsucht in mir ausdrückt. Ich wäre gern ein Mensch, der nach diesem Spruch leben könnte, ein souveräner, in sich selbst ruhender Mensch, der alle Probleme des Lebens mutig und entschlossen anpackt, der alles tut, was in seiner Macht steht, um dann den Rest, den ganzen, riesigen Rest, der nicht in seiner Macht steht, getrost Gott zu überlassen. Ich bin nicht so ein Mensch.

Ich schreibe heute von Gott als meinem Beschützer. Ich würde gerne von dem Gott schreiben, der mich in den vielen Unwägbarkeiten des Lebens schützt, der mich vor Naturgewalten bewahrt und vor der bösen Absicht anderer Menschen in Schutz nimmt. Ich könnte das tun, aber das wäre unehrlich. Denn ich erlebe Gott als Beschützer, der mich vor den Folgen meiner eigenen Schwäche, meiner eigenen Unfähigkeit, meines eigenen Versagens bewahrt.

Ich gehöre zu den Menschen, die nur mit Mühe durchs Leben stolpern, die Sachen nicht auf die Reihe kriegen, und zwar gerade die Sachen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, und die „normalen“ Menschen leicht fallen. Viele derartige Erfahrungen haben die Überzeugung in mein Herz gepflanzt, dass ich den Grundansprüchen, die man billigerweise an einen Menschen stellen kann, nicht genüge. Eine Überzeugung, deren Wurzeln ich wohl trotz all meiner Bemühungen nie ganz ausreißen können werde.

Deshalb ist der eingangs erwähnte Spruch Gift für mich, weil er Ansprüche an mich stellt, die ich nicht erfüllen kann, und weil er mir folglich die Hoffnung auf Gottes Hilfe raubt und mir selber noch die Schuld dafür gibt. Gott ist glücklicherweise nicht so. Und er ist mir gerade deshalb als Beschützer lieb und wert geworden, weil er mich gerade in meiner Schwachheit beschützt. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass ich oft versage, dass ich oft unfähig und hilflos bin. Ich glaube, es ist sogar seine bewusste Entscheidung, die erwähnte giftige Wurzel in meinem Herzen zu belassen.

Ich habe ihn oft gebeten, dieses Gift zu entfernen. Das hat mich oft taub gemacht für seine Botschaft, nämlich dass seine Liebe viel stärker ist als jedes Gift, und dass ich souveräner und selbstsicherer Mensch viel weniger Gelegenheit hätte, seinen Schutz zu erleben. Wenn ich die Andeutungen, die Paulus im 2. Korintherbrief, Kapitel 12 macht, richtig verstehe, dann bin ich wohl mit dieser Erfahrung nicht ganz allein.

Leider werden daraus keine Heldengeschichten gemacht. Ich kann nicht von den großen Gefahren erzählen, aus denen mich die Hand Gottes auf wundersame Weise errettet hat. Und ich tue mich nach wie vor sehr schwer damit, konkret davon zu erzählen, wie Gott immer wieder verhindert, dass der Mist, den ich beständig baue, auf mich zurückfällt. Mir fehlt leider immer noch die Fähigkeit, mich auch mal unbekümmert zu blamieren. Ich arbeite daran.

Aber ich beginne zu begreifen, dass Gottes Liebe sich viel stärker in mancher peinlicher Alltagsgeschichte zeigt als in den großen Heldenepen, die ich mir erträume, und dass sein Umgang mit mir gerade dann besonders liebevoll ist, wenn meine Kräfte mal wieder viel zu früh erschöpft sind. Und was viel wichtiger ist: Ich beginne, das zu spüren. Gottes Liebe dringt durch, ganz allmählich, bis zu den giftigen Wurzeln in mir.

Manchmal hilft die Musik, etwas begreiflich zu machen, was nur schwer in Worte zu fassen ist. Es gibt eine Szene aus der Oper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, die für mich den Schutz Gottes besser darstellt, als Worte es können. Humperdincks Hänsel und Gretel sind keine unschuldigen Kinder. Sie sind eher ganz normale Kinder, und bis zum Ende des zweiten Aktes waren sie nicht gerade brav. Aber nun sind sie allein nachts im gefährlichen Wald, finden nicht mehr nach Hause und müssen hier übernachten. Bevor sie schlafen, beten sie ein schlichtes, auswendig gelerntes Kindergebet von vierzehn Engeln, die sie beschützen sollen.

Hänsel und Gretel schlafen ein, die Musik wird für einen Moment sehr sanft, sehr zerbrechlich, und spiegelt die Schutzlosigkeit der Kinder wieder, bis sie sich plötzlich verändert. Aus dem aufsteigenden Nebel lösen sich, je zwei und zwei, vierzehn Engel mit Posaunen, und die Musik macht mehr und mehr klar: Mit diesen Geschöpfen ist nicht zu spaßen. Dann erklingt, diesmal gespielt von den Posaunen, erneut die Melodie des Abendgebetes, und erstrahlt in der Macht und dem Glanz dieser kleinen Heerschar Gottes, die sich zum Schutz der Kinder versammelt hat. Und schließlich wird die Musik wieder sanft, die Nachtruhe kehrt ein, aber dieses Mal nicht zerbrechlich, sondern friedlich und wohlbehütet.

Gesehen habe ich diese Szene zum ersten Mal im Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Die eher traditionelle, aber sehr gelungene Inszenierung damals hat gerade die Schönheit dieser Szene besonders zum Ausdruck gebracht. Eine ähnlich beeindruckende Inszenierung habe ich auf YouTube nicht gefunden, deshalb bette ich hier eine konzertante Version ein:

 

Gott, der ganz Andere

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Für das Zwischenraum-Treffen in Wiesbaden hat sich ein netter Mensch die Mühe gemacht, 80 Namen und Bezeichnungen für Gott aufzuschreiben. Wir sollten daraus die Begriffe aussortieren, die uns jeweils am wenigsten bedeuteten, bis für jeden nur noch fünf Gottesnamen übrig waren. Meine fünf Namen haben mir nicht nur gezeigt, wie viel Gott für mich bedeutet, sondern auch wie sich meine Beziehung zu ihm verändert hat. Deshalb schreibe ich heute und an den nächsten vier Sonntagen über diese Bezeichnungen für Gott, und was sie für mich bedeuten.

Wenn ich zurückblicke, dann gibt es ein Gefühl, das mich eigentlich immer in die Irre geführt hat, ein Gefühl, das der sichere Vorbote einer großen Enttäuschung war. Es ist das Gefühl, genau zu wissen, was Gott von mir erwartet. Das Ergebnis war meist, dass ich mit aller meiner Kraft versucht habe, Gott gehorsam zu sein. Mit aller meiner Kraft. Im Blick auf das Ziel, das Gott mir anscheinend vorgegeben hatte, habe ich sehr schnell Gott selbst aus den Augen verloren.

Die Abhängigkeit von Gott, wie sie nach meiner Meinung Ziel jedes Christen sein sollte, bringt immer ein gewisses Maß an Unsicherheit mit. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“, betet der Psalmist, und meint damit keinen Scheinwerfer, der den gesamten Weg vor ihm ausleuchtet, denn so etwas kannte er einfach nicht. Gott zeigt den nächsten Schritt, das muss reichen, und schon der übernächste kann eine Überraschung sein.

Eine meiner größten Überraschungen habe ich Anfang des vergangenen Jahres erlebt. Nach langen Zögern hatte ich mich entschlossen, mich einmal wieder der Verunsicherung und Verwirrung (und auch Wut) zu stellen, die mein ständiger Begleiter waren, so lange ich glaubte, dass Gott mir eine Beziehung mit einem Mann verbieten würde. Meine Hoffnung war, dass Gott mir endlich etwas zeigen würde, das mich mit einem zölibatären Lebensstil versöhnen könnte. Statt dessen bin ich auf das Buch Streitfall Liebe und die gleichnamige Website von Valeria Hinck gestoßen.

Valerias Ausführungen haben mir genau die Perspektive geöffnet, die ich für völlig ausgeschlossen gehalten hatte, nämlich die, dass ich auch als schwuler Christ Erfüllung und (noch viel wichtiger) Gottes Segen in einer festen Beziehung finden könne. Der Rest ist Geschichte, meine Geschichte, die mich in eine tiefere und vertrauensvollere Beziehung zu Gott und nebenbei auch zu diesem Blog geführt hat.

Gott ist der ganz Andere, der mit menschlichen Maßstäben und Vorstellungen nicht zu fassen ist. Das ist zu erwarten: Ein Gott, der mit dem menschlichen Verstand erfassbar, ja durchschaubar ist, ist kein Gott, sondern ganz offensichtlich eine menschliche Erfindung. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt es im Gebot, und gemeint ist die antike Vorstellung, dass Götterbildnisse Repräsentanten, ja Verkörperungen der Gottheit selbst sind. Die Gefahr, irgendwelche Gegenstände für Götter zu halten, ist in unserer Kultur geringer geworden. Aber jeder von uns steht in der Gefahr, seine Vorstellungen von Gott für letztgültige Wahrheit, ja für Gott selbst zu halten.

Laut Calvin ist das menschliche Herz eine Götzenfabrik. Unsere Götzen sind weniger materiell, weniger greifbar als die zur Zeit des Alten Testaments, und manchmal kommen sie sogar in christlichem Gewand daher. Sie sind deshalb aber nicht weniger gefährlich. Es tut uns gut, wenn Gott uns immer mal wieder daran erinnert, dass er sämtliche menschlichen Maßstäbe sprengt. Eigentlich sollten wir uns das wünschen, wir sollten es begrüßen, wenn Gott uns verunsichert, uns überrascht und gelegentlich sogar unsere Maßstäbe über den Haufen wirft. Wenn uns Gottes Handeln verblüfft, wenn er uns überrumpelt und verwirrt, sind wir der Erkenntnis des wahren, des ganz anderen Gottes vielleicht näher, als wenn wir glauben, sein Handeln zu verstehen.