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Archiv der Kategorie: unter Christen

Politisch korrekt

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Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, sticht wie ein Schwert; aber die Zunge der Weisen bringt Heilung.

So steht es in Sprüche 12, Vers 18. Niemand wird daran zweifeln, dass Worte Wirkungen haben. Sie können verletzten und heilen, sie können diskriminieren und integrieren, sie können zerstören und aufbauen. Die Bibel ermahnt uns deshalb völlig zurecht und an verschiedenen Stellen, vorsichtig mit unseren Worten zu sein, wenige Worte zu machen und eher mal auf eine Aussage zu verzichten, wenn wir deren Wirkung nicht einschätzen können. Wo viele Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab“, heißt es an anderer Stelle im Buch der Sprüche.

Das weltliche Äquivalent zu dieser biblischen Erkenntnis heißt politische Korrektheit. Es geht um nichts anderes als den Willen, Worte zu vermeiden, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können. Etwas, zu dem sich jeder halbwegs anständige Mensch verpflichtet fühlen sollte. Trotzdem ist der Begriff für viele Menschen zum Feindbild geworden, zum Inbegriff für Sprach- und Denkverbote, für Zensur. Wie ist das möglich?

Ein besonders plakatives Beispiel, an dem diese Entwicklung verdeutlicht werden kann, ist das Zigeunerschnitzel. Auch wenn das, was man heute unter diesem Namen bekommt, wenig mit der traditionellen Zubereitung zu tun hat: Das Gericht hat seinen festen Platz auf der Speisekarte insbesondere von Schnellrestaurants und Kantinen. „Zigeuner-“ steht hier für eine bestimmte Zubereitungsart, für die es tatsächlich keinen vergleichbar prägnanten Begriff gibt.

Außerhalb der Küchensprache steht das Wort Zigeuner für die Abwertung, Marginalisierung und Diskriminierung einer ganzen Volksgruppe. Ich muss hier die Verfolgungs-Geschichte und -Gegenwart der europäischen Roma nicht weiter ausführen. Kein Sinto oder Rom würde sich selbst als Zigeuner bezeichnen, noch würde er eine solche Bezeichnung von anderen akzeptieren. Der Begriff hat eine eindeutig negative Konnotation, in der sich wohl für die allermeisten Angehörigen dieser Volksgruppen nicht nur geschichtliche, sondern auch selbst erlebte Herabwürdigung und Diskriminierung widerspiegeln.

Nun kann das Zigeunerschnitzel an sich kaum als Diskriminierung von Sinti und Roma angesehen werden. Darum geht es auch gar nicht. Aber eine Speisekarte wird typischerweise von hunderten oder tausenden Menschen gelesen, ist also immerhin ein veröffentlichtes Dokument mit nicht ganz unwesentlicher Verbreitung. Es braucht nur wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorzustellen, welche Wirkung die ständige Begegnung mit diesem Wort auf Menschen hat, für die das Wort Zigeuner Inbegriff ihrer eigenen, erlebten Diskriminierung ist.

Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, sticht wie ein Schwert. Auch wenn es sich im konkreten Fall vielleicht nur um Nadelstiche handelt, ändert das nichts am biblischen Gebot, die eigenen Worte mit Bedacht zu wählen. Zugegeben, der Verzicht auf die Bezeichnung Zigeunerschnitzel macht Umstände und stört eine (vielleicht lieb gewonnene, aber doch letztlich recht nebensächliche) Gewohnheit. Aber wer glaubt, der Bibel entnehmen zu können, dass die eigene Bequemlichkeit wichtiger ist, als die Bedürfnisse anderer, der hat eine andere Bibel als ich.

Noch schlimmer wird es, wenn der Verzicht auf potenziell verletzende Begriffe zum Verbot hochstilisiert wird, wenn die Gegner politischer Korrektheit von Zensur und Meinungsdiktatur schreien. Mal abgesehen davon, dass es meist ziemlich lächerlich wirkt, wenn Menschen sich lautstark in der Öffentlichkeit darüber beschweren, dass sie sich nicht öffentlich äußern dürfen: Wer versucht, freiwilligen Verzicht als Verbot, das Bemühen um sorgfältige Wortwahl als Zensur darzustellen, handelt niederträchtig, denn er argumentiert ad hominem, d. h. er versucht nicht, die Argumente des Gegners zu widerlegen, sondern die Person des Gegners zu diskreditieren.

Natürlich kann man es auch mit der politischen Korrektheit übertreiben. Vielleicht gehe ich auch schon mit meinem Beispiel zu weit, darüber kann man gern diskutieren. Und wenn tatsächlich jedes Wort auf die sprichwörtliche Goldwaage gelegt werden müsste, wäre eine vernünftige Kommunikation nicht mehr möglich. Darum ist es wichtig, sich auf die sowohl säkularen als auch biblischen Grundlagen politisch korrekter Sprache zu besinnen: Worte können andere Menschen verletzen, deshalb ist es wichtig, Worte sorgfältig zu wählen. Dabei ist es offensichtlich nicht entscheidend, wie meine Worte auf mich wirken, sondern wie sie beim Gegenüber ankommen, bzw. bei meinen potenziellen Lesern, sofern ich meine Worte veröffentliche.

Dazu bedarf es der Tugenden Einfühlungsvermögen und Lernbereitschaft, welche meines Erachtens auch zutiefst christliche Tugenden sind. Und natürlich die Bereitschaft, den Anderen wichtiger als (oder zumindest genauso wichtig wie) sich selbst zu nehmen. Dabei kann es nicht schaden, sich bei Interessengruppen zu informieren oder die entsprechenden Menschen einfach mal persönlich zu fragen. Was Worte in Menschen auslösen können, wissen die betroffenen Menschen selbst immer noch am besten. Wer politisch korrekt sein will, möchte das auch wissen, denn er möchte seine Worte so wählen, dass sie andere Menschen nicht verletzen, sondern Heilung bringen.

Beweislast

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Vor Gericht und auf hoher See, so sagt der Volksmund, ist man in Gottes Hand. Im ersten Fall gilt das besonders, wenn Aussage gegen Aussage steht. Da kann es für das Urteil entscheidend sein, welche der beiden Parteien die Beweislast trägt, d. h. welche Seite ihre Version beweisen muss, um zu einem günstigen Urteil zu kommen.

In den letzten drei Einträgen habe ich mich mit dem biblischen Ehebild beschäftigt. Um meine Ergebnisse kurz zusammenzufassen: Ja, es gibt in der Bibel ein unterschiedliches Rollenverständnis von Mann und Frau, und nein, dieses Rollenverständnis wird nicht als essenzieller Bestandteil der Ehe gelehrt, sondern ist vielmehr Spiegel der damaligen, gesellschaftlichen Verhältnisse. Ist das nun gut oder schlecht für die biblische Sicht gleichgeschlechtlicher Ehen? Das hängt nicht zuletzt von der Beweislast ab.

Die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe stellen ihre Position ja häufig als eine biblische Selbstverständlichkeit dar und tun so, als ob es Unmengen von Bibelstellen gäbe, die ihre Position stützen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich in diesem Blog mit angeblich heteronormativen Bibelstellen auseinandergesetzt habe. Bisher ist noch jede dieser angeblich so offensichtlichen Bibelauslegungen bei genauerem Hinsehen in sich zusammengebrochen, hat sich als exegetische Luftblase herausgestellt. Auf fehlerhaft ausgelegten Bibelstellen lässt sich niemals eine theologische Aussage gründen, und seien es auch noch so viele.

Trotzdem verfehlt die Anzahl nicht ihre Wirkung: Aus dutzenden halb verstandenen Bibelstellen erhebt sich die gefühlte theologische Wahrheit in all ihrem Glanz und ihrer Blendwirkung. Man kann, ja man muss nun gegen jede einzelne dieser Fehlauslegungen vorgehen, muss der oberflächlichen Auslegung exegetische Gründlichkeit entgegenhalten, muss Argumentationsfehler aufdecken und Voreingenommenheit entlarven. Ich möchte das in diesem Blog auch weiterhin tun. Trotzdem bleibt es eine Sisyphusarbeit.

Gegen eine gefühlte Wahrheit kommt man nicht mit Einzelargumenten an, denn selbst wenn man jedes einzelne Argument widerlegt, bleibt beim Gegner das Gefühl zurück, dass es da ja noch sooo viele andere Bibelstellen gibt. Wenn das Gefühl durch jahrzehntelanges Training fest verankert ist, haben Fakten wenig Chancen. Und zu guter Letzt kommen dann noch die drei wichtigsten christlichen Argumente: Das war schon immer so. Das war noch nie so. Da könnte ja jeder kommen. Meist noch gepaart mit der unter vielen Christen üblichen Zeitgeist-Phobie, dass alles Neue grundsätzlich schlecht und gefährlich ist.

Wieso eigentlich? Es gibt doch jede Menge Beispiele, wie Prinzipien, die in der Bibel ganz selbstverständlich sind, durch neue Erkenntnisse und Ideen als überholt gelten und durch etwas viel besseres ersetzt wurden. Aussatz beispielsweise bedeutete zu biblischen Zeiten eine massive Ausgrenzung aus der Gesellschaft, Heilung war die absolute Ausnahme. Heute können wir zwischen ansteckenden und nicht ansteckenden Krankheiten unterscheiden. Und selbst bei den ansteckenden Krankheiten wie Lepra gibt es Verfahren zum sicheren Umgang mit den Kranken und vielfach auch Heilungsmöglichkeiten. Wir verletzen das in der Bibel gelehrte Prinzip der Ausgrenzung Aussätziger und sehen das als Fortschritt.

Ein anderes Beispiel: Die biblische Antwort auf Überschuldung war die Schuldsklaverei. Im Alten Testament gibt es Vorschriften, die dieses Übel in ihren Auswirkungen mildern sollen, trotzdem wird das Prinzip der Schuldsklaverei auch in der Bibel gelehrt, mal ganz abgesehen davon, dass das im Alten Testament vorgeschriebene Erlassjahr wahrscheinlich nie wirklich umgesetzt wurde. Heute tatsächlich umgesetzte und gelebte Rechtspraxis ist die Privatinsolvenz, die nach Einhaltung der entsprechenden Auflagen eine Befreiung von der Restschuld und einen wirklichen Neuanfang ermöglicht. Hier wurde der biblische Grundgedanke vollständig von den damaligen Randbedingungen und Ausführungsbestimmungen gelöst und zu einer viel besseren, christlicheren Lösung weiterentwickelt.

Die Situation sexueller Minderheiten im christlich geprägten Teil der Welt erfährt offensichtlich eine ähnliche Entwicklung. Eine Jahrtausende alte Tradition der Ablehnung und Ausgrenzung wird durch neue Ideen und Erkenntnisse überflüssig. Schwule und Lesben lernen, ihre Beziehungen nach den gesellschaftlichen, teilweise auch nach den biblischen Maßstäben der Ehe zu führen, und die Gesellschaft lernt, diese Beziehungen auch tatsächlich als Ehen anzuerkennen, zu schützen und zu fördern. Neue medizinische Möglichkeiten helfen transgeschlechtlichen Menschen, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, wohingegen Intersexuelle nicht mehr medizinisch oder rechtlich auf ein Geschlecht festgelegt werden, lange bevor sich geschlechtsspezifische Persönlichkeitseigenschaften zeigen könnten.

Es ist schwer zu begreifen, wieso ein Christ sich über diese wunderbare Entwicklung nicht von Herzen freuen sollte. Unzählige Menschen erzählen davon, wie sie durch Annahme ihrer sexuellen Identität freier und glücklicher geworden sind. Die Christen unter ihnen fügen hinzu, wie sich ihre Beziehung zu Gott vertieft hat. Der Segen dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist unübersehbar. Derweil erweisen sich die christlichen Heilsversprechen mehr und mehr als Täuschung und Lüge. Robert L. Spitzers viel fehlzitierte Studie von 2001 hat nie eine Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung in nennenswertem Umfang belegt und wurde längst vom Autor wegen methodischer Mängel zurückgezogen. Und Exodus International, die weltgrößte Organisation der Ex-Gay-Bewegung hat sich schon 2013 aufgelöst – wegen erwiesener Erfolglosigkeit und Schädlichkeit der propagierten Therapieansätze.

Es ist höchste Zeit für eine Umkehrung der Beweislast: Die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe müssen klar und überzeugend biblisch belegen, warum sie an einer Position festhalten, die viele betroffene Menschen erwiesenermaßen unglücklich und einsam werden lässt, nicht selten in seelische und körperliche Erkrankungen und gelegentlich sogar in den Selbstmord treibt. Die Faktenlage ist eindeutig. Eine theologische Position, die Menschen mit Gott und mit sich selbst versöhnt, die es diesen Menschen ermöglicht, in der Verantwortung vor Gott und im Dienst für ihn ein erfülltes Leben zu führen, braucht keine ausführliche biblische Begründung. Sie trägt ihre Begründung in sich selbst, in ihren Werken, in ihrer Wirkung. Wer theologische Positionen vertritt, die Menschen sehenden Auges in Unglück und Einsamkeit stürzen, dem darf, dem muss auch eine biblische Begründung auf höchstem fachlichen und exegetisch-handwerklichen Niveau für seine Thesen abgefordert werden. Nicht die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare muss biblisch begründet werden, sondern ihre Ablehnung.

Homosexualität ist …

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Vor ein paar Wochen schrieb mir ein sehr guter Freund: „Ich finde einfach mehr Argumente die nicht für eine Vereinbarkeit von Homosexualität und Bibel sprechen (…).“ Es sind Sätze wie diese, die einem schwulen Christen immer wieder begegnen: „Homosexualität ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ Oder in der schärferen Form: „Homosexualität ist Sünde.“ Ich möchte heute nicht auf die biblische Seite eingehen, die in diesen Sätzen mitschwingt. So weit komme ich gar nicht, denn wenn ich solche „Antworten“ sehe, kann ich nur mit Loriot bzw. Evelyn Hamann ausrufen: „Da regt mich ja die Frage schon auf!“

Homosexualität ist ein Oberbegriff für eine Gruppe sehr unterschiedlicher Phänomene. Ohne zu erklären, was hier genauer gemeint ist, entbehren solche Sätze erst mal völlig jeder Aussagekraft. Meint der Schreiber die sexuelle Orientierung, will er stattdessen etwas über sexuelle Handlungen aussagen oder über erotische oder romantische Gefühle? Redet er von der Beziehung zweier Menschen, und wenn ja, von welcher Art von Beziehung? Oder hat er homosexuelles Verhalten bei Tieren im Blick, dafür gibt es bekanntlich ja auch jede Menge Beispiele. Je nachdem, welche Teilbedeutung man einsetzt, kommt jeweils eine völlig andere Aussage heraus. Die wahre Bedeutung bleibt rätselhaft.

Doch eine Aussage ist in solchen Sätzen tatsächlich immer vorhanden, nämlich die über die Fachkompetenz des Äußernden: Sie ist offensichtlich nicht in annähernd ausreichendem Maße vorhanden. Es ist doch selbstverständlich, dass bei jeder Form moralischer Wertung deutlich zwischen der Persönlichkeit, den Gefühlen und den Handlungen eines Menschen unterschieden werden muss. Wer den Begriff Homosexualität, der ja alle drei Bereiche umfasst, als Ganzes einer Wertung zu unterziehen, macht deutlich, dass ihm zu einem Werturteil in dieser Frage jegliche Grundlage fehlt.

Trotzdem hört und liest man diese Sätze immer wieder. Was macht man nun mit den Menschen, die so einen offensichtlichen Unsinn von sich geben? Ich glaube, ignorieren wäre die beste Lösung. In den meisten Fällen können diese Menschen einfach nicht erkennen, wie wenig sie wirklich über Homosexualität wissen. Wenn man noch bedenkt, wie viele Klischees, Gerüchten und leider auch Lügen auch von christlichen Führungspersönlichkeiten zu diesem Thema quasi als biblische Wahrheit verbreitet werden, entsteht hier leicht, gerade bei Heteros, ein Gefühl scheinbarer Kompetenz, das dann zu den eingangs erwähnten, sinnfreien Aussagen führt.

Zum Glück lassen eben diese Aussagen leicht erkennen, dass der Äußernde nicht wirklich weiß, wovon er spricht, so dass man getrost die Ohren auf Durchzug schalten kann. Aus dem Mund, der einen derartigen Unsinn äußert, ist zum gleichen Thema nicht mit Weisheit zu rechnen. Und mit den Ohren auf Durchzug bleibt der Raum dazwischen schön frei für die netten, liebevollen und oft sehr weisen Sachen, die diese Menschen vielleicht zu anderen Themen zu sagen haben.

Wenn es denn so einfach wäre. Mir fällt dieses Ignorieren regelmäßig sehr schwer, gerade wenn solche Aussagen von Menschen kommen, die ich ganz besonders schätze, denn im Grunde sind diese Aussagen zutiefst verletzend. Wenn der Begriff Homosexualität ohne Zusätze verwendet ist, ist heute normalerweise die sexuelle Orientierung gemeint, die Teil der sexuellen Identität und damit Teil der Persönlichkeit ist. Und deshalb: Wenn jemand „Homosexualität ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ sagt, höre ich zwangsläufig: „Deine Persönlichkeit ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ Oder kurz: „Du bist nicht mit der Bibel vereinbar.“

Solche Aussagen sind abwertend und entwürdigend, sie stellen meinen Wert als Person infrage, und ich bringe es einfach nicht fertig, sie zu ignorieren, gerade wenn sie von sehr guten Freunden kommen. Auch wenn ich weiß, dass diese Abwertung meiner Person nur fahrlässig aus Inkompetenz geschieht, werden da bei mir leider sehr unchristliche Gefühle geweckt. Ich bin regelmäßig nicht nur verletzt, sondern auch wütend und stinksauer. Um es recht drastisch auszudrücken: Meine geschundene Seele verlangt nach Vergeltung.

Wie gesagt, das sind sehr unchristliche Gefühle. Die richtige Antwort wäre Vergebung. Sie wäre nicht nur „Christenpflicht“, sie wäre auch der Situation angemessen und würde nicht zuletzt auch mir selbst gut tun. Sie hätte mir manche durch Wut und Ärger schlaflose Nacht erspart. Dass es mir trotzdem immer noch in solchen Situationen so schwer fällt zu vergeben, zeigt vor allem, wie viel ich hier noch zu lernen habe.

Ich möchte solche Sätze wie „Homosexualität ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ nicht verharmlosen. Wer andere Menschen verletzt, weil er Werturteile zu Themen abgibt, von denen er offensichtlich keine Ahnung hat, der sündigt. Meine verletzten Gefühle allerdings haben ihre Ursache nicht in diesen Sünden, sondern in meinem Umgang damit. Wie Eleanor Roosevelt einst sagte: „Niemand kann dir, ohne deine Zustimmung, das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“

Jesus zuerst

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Mein Arbeitgeber hat vor einiger Zeit eine Kampagne gestartet, dass es bei allen Entscheidungen immer zuerst um das Wohl und den Erfolg der Firma gehen soll. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber natürlich nicht. Wie in allen großen Unternehmen wird die Firmenpolitik nicht zuletzt von internen Machtkämpfen bestimmt. Jeder versucht, sich selbst und seine eigene Abteilung gut dastehen zu lassen. Das ist menschlich und bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich, aber natürlich nicht besonders vorteilhaft für den wirtschaftlichen Erfolg.

Die erwähnte Kampagne thematisiert das Problem, liefert den richtigen Lösungsansatz, wird aber in der Praxis nur wenig Erfolg zeigen. Denn die meisten Konflikte drehen sich um die Frage, was denn genau für das Wohl der Firma als Ganzes das beste sei, entweder weil sich die Beteiligten tatsächlich darüber uneins sind, oder weil sie das Wohl der Firma vorschieben, obwohl sie in Wirklichkeit eigene Interessen verteidigen. Niemand wird gegenüber seinen Gegnern zugeben, dass er seinen persönlichen Erfolg über den Erfolg der Firma stellt.

Unter Christen gibt es ganz ähnliche Konflikte: Wir sind uns alle einig, dass Jesus immer an erster Stelle kommen sollte, streiten aber ständig darüber, was dies in der Praxis genau heißt. Dabei werden die Kämpfe oft noch viel verbitterter geführt als in mancher Firma, weil man nicht um Karriere und Geld kämpft, sondern um ewige Wahrheiten. Jeder Krieg hat die Tendenz, jedes Maß und jede Hemmschwelle zu verlieren, aber im Kampf um Glaube und Religion ist das noch viel stärker der Fall als im Kampf um Macht und Einfluss.

Zum Machtkampf in der Firma gibt es noch einen weiteren, viel wesentlicheren Unterschied. Selbst wenn sich Mitarbeiter manchmal für das personifizierte Wohl der Firma halten, bleibt das Ziel doch eine abstrakte Größe. Christen haben den Vorteil, dass sich Christus selbst zu Wort melden kann. Und das tut er auch.

Nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es dafür aber zwei Voraussetzungen. Zum einen muss das Thema für Jesus wichtig sein. Ich habe schon oft erlebt, dass Jesus zu einem Thema, das mir persönlich unter den Nägeln brannte, merkwürdig stumm blieb. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass meine Maßstäbe von wichtig und unwichtig sich häufig doch erheblich von den seinen unterschieden haben. Und dass ich eher auf das hätte hören sollen, was er mir zu den Themen sagen wollte, die ihm wichtig waren, statt mich einseitig auf meine Prioritäten zu konzentrieren.

Das bringt mich zur zweiten Voraussetzung: Ich muss bereit sein zu hören. Ich vertraue Jesus, dass er jederzeit dazu fähig ist, sich bei mir Gehör zu verschaffen, aber ich weiß einfach auch, dass er sich mein offenes Ohr dazu wünscht, und dass er oft geduldig darauf wartet, bis ich wirklich bereit und in der Lage bin, ihn zu hören. Diese Geduld ist manchmal lästig, weil sie mir erlaubt, mir selbst im Wege zu stehen, aber sie ist Zeichen und Ausdruck seiner Liebe.

Das alles macht die Diskussion unter Christen nicht einfacher. Wenn Jesus ganz persönlich zu mir redet, lässt sich daraus eben nicht eine allgemeine Verhaltensregel für alle erzeugen. Die persönliche, ja intime Natur der Beziehung zu Jesus macht die Suche nach einer gemeinsamen Basis zunächst schwieriger. Ich bin überzeugt, dass es allgemein gültige Regeln für das Leben als Christ gibt, aber die persönliche Beziehung zu Jesus macht diese Regeln flexibler, anpassbarer, diffuser als es uns manchmal lieb ist. Das ist Absicht. Klare, eindeutige Regeln bringen auch immer die Gefahr mit sich, das Hören auf Jesus zu verdrängen, ja überflüssig zu machen. Man weiß ja auch ohne ihn schon alles.

Jesus zuerst heißt eben, alles andere an die zweite Stelle zu setzen. Das gilt für Egoismus und den persönlichen Vorteil. Das gilt auch für die Bibel und die christliche Ethik. Natürlich wird uns Jesus nie etwas sagen, was dem Wesen und Willen Gottes widerspricht. Aber wenn wir ihn an erste Stelle setzen, müssen wir ihm auch erlauben, uns etwas zu sagen, was unserer Vorstellung vom Wesen und Willen Gottes widerspricht. Nur so können wir lernen.

Jesus in unserem Leben konsequent an erste Stelle zu setzen, ist gefährlich, weil durchaus fehleranfällig, kann uns unserer Sicherheiten berauben und uns manchmal sogar ratlos zurücklassen. Aber es ist – man verzeihe mir das viel missbrauchte Wort – alternativlos. „Jesus zuerst“ sei unser Motto. Es wird unser Leben zuweilen auf den Kopf stellen. Gott sei Dank!

Burka und Homo-Ehe

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Nein, ich möchte nicht die Vollverschleierung von Frauen mit gleichgeschlechtlichen Ehen vergleichen. Ich möchte vielmehr die Vollverschleierung von Frauen mit der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Ehen vergleichen. Ich möchte heute die Parallelen aufzeigen zwischen denen, die es ablehnen, dass Frauen in der Öffentlichkeit unverschleiert sind, und denen, die es ablehnen, dass zwei Männer bzw. zwei Frauen heiraten dürfen. Da gibt es nämlich eine Menge Gemeinsamkeiten.

Es geht schon damit los, dass beides hochmoralische Positionen sind, dass beide Parteien vom moralischen hohen Ross herunter argumentieren. Wer die Vollverschleierung von Frauen propagiert, sieht sich selbst als Verteidiger, meist als einzig wahre Verteidiger der Ehre der Frauen. Er sieht in der Vollverschleierung selbstverständlich keine Herabwürdigung, vielmehr beklagt er den moralischen Verfall aller anderen, die es zulassen, dass Frauen in der Öffentlichkeit zum Objekt männlicher Begierde gemacht und damit abgewertet werden.

Genauso sehen sich die Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen als einzig wahre Verteidiger der Institution Ehe, deren Gefährdung, Zerstörung, Abschaffung sie fürchten. Sie sehen gleichgeschlechtliche Beziehungen als vorrangiges Zeichen eines moralischen Verfalls, der längst Hand an die Grundfesten unserer Gesellschaft gelegt hat, und der zum Wohle aller unbedingt aufgehalten werden muss.

Beide bilden dabei nur eine Fraktion innerhalb ihres Glaubens, weder sind alle Muslime für Vollverschleierung noch alle Christen gegen gleichgeschlechtliche Ehen. Dabei gehören sie regelmäßig zum konservativen, mehr noch zur konservativ verbohrten Teil ihrer Religionsgemeinschaften. Sie stehen für ewige Werte und lehnen alle neuen Gedanken schon deshalb ab, weil alles Neue nicht ewig sein kann und deshalb falsch sein muss. Neue Ideen, neue Erkenntnisse sind für sie keine Möglichkeit, etwas Neues zu lernen und dabei den moralischen Kompass neu und eventuell besser auszurichten. Nein, diese Gruppen halten die Ausrichtung ihres moralischen Kompasses von Alters her für richtig und sehen diese durch Neues grundsätzlich bedroht.

In beiden Fällen sind die Betroffenen selbst oft, aber nicht immer Teil der Bewegung. Viele Frauen, die Burka oder Niqab tragen, tun dies durchaus freiwillig und aus innerer Überzeugung. Genauso verzichten viele Schwule und Lesben freiwillig und aus innerer Überzeugung auf einen Partner. Und in beiden Fällen ist freiwillig ein durchaus dehnbarer, fließender Begriff. Sowohl die Vollverschleierung als auch die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen werden als Akt der Menschenfreundlichkeit, als hilfreicher Schutz in einer moralisch gefallenen und verkehrten Welt propagiert. Und es ist nur natürlich, dass die Betroffenen selbst, die vielleicht mit einer solchen Argumentation aufgewachsen sind, sich diese zu eigen machen. Das macht diese Ideen noch lange nicht richtig. Die Zustimmung der Unterdrückten macht eine Unterdrückung nicht ungeschehen. Sie macht sie noch schlimmer.

Denn egal mit welchen Argumenten beide Gruppen für ihre Position werben: In beiden Fällen werden Menschen herabgewürdigt und in ihrer Würde verletzt. Sowohl bei der Ablehnung unverschleierter Frauen als auch bei der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehung ist der angebliche Schutz nur ein Vorwand, die Menschenfreundlichkeit nur Fassade. Beide sehen den eigenen moralischen Verfall nur im anderen. Die patriarchalische Gesellschaft der arabischen Welt wirft den Schleier nicht zum Schutz über die Frauen, sie versucht damit die Verkommenheit der Männer zu verschleiern. Und das christliche, heteronorme Abendland sieht in gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Pochen auf das „heilige Recht auf sexuelle Befriedigung“ und offenbart damit mehr über ihre eigenen, verdrängten Begierden als über die Realität gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Das moralische hohe Ross ist traditionell der Platz für alle, die mit ihrer eigenen inneren Zerrissenheit nicht zurecht kommen, und ihr Heil in der Verurteilung anderer sehen. Die unverschleierte Frau ist nur eine Bedrohung für den Mann, der seine sexuellen Begierden nicht unter Kontrolle hat. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist nur eine Bedrohung für den Menschen, der längst nicht mehr an die Kraft von Liebe und Treue glaubt und den eigenen moralischen Verfall durch ein Korsett aus Tradition aufhalten will. Die verschleierte Frau und der enthaltsame Homosexuelle sollen retten, was an ganz anderer Stelle zerstört wurde.

Es gibt natürlich für uns im christlichen Abendland auch einen wichtigen Unterschied: Die Ablehnung von Schwulen und Lesben ist Teil unserer Tradition, die Verschleierung von Frauen nicht. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wurde im Jahr 1895 wegen homosexueller Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Von den gesundheitlichen Folgen dieser Bestrafung hat er sich nicht mehr erholt und starb 1900 im Alter von nur 46 Jahren. In der Türkei wäre ihm das, zumindest damals, nicht passiert. Dort wurde die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen schon 1852 abgeschafft, in Deutschland hat man sich bis zur endgültigen Abschaffung des § 175 bis ins Jahr 1994 Zeit gelassen.

Der Kampf gegen die Vollverschleierung, wie er von konservativ-christlicher Seite geführt wird, ist kein Kampf gegen die Unterdrückung und für die Rechte von Menschen, er ist ein Kampf gegen das Neue und Fremde und für die Tradition. Der Seitenblick auf den von denselben Menschen geführten Kampf gegen die Ehe für alle macht das mehr als deutlich.

Trostlos

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„Wie hältst du’s mit der Religion?“ fragt Gretchen. Faust antwortet ausweichend, und das, obwohl er viel mehr über die Realität der transzendenten Welt weiß als sie. Es geht Gretchen nicht um Wissen, es geht ihr um die persönliche Haltung gegenüber Gott. Und die ist bei Faust längst entschieden, immerhin hat er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ich bin ein großer Fan von Wissen, aber Gretchen hat recht: Unsere persönliche Haltung gegenüber Gott sagt mehr über unseren Glauben als unser Wissen.

Unsere Haltung bestimmt, wie wir Gott erleben, welchen Raum er in unserem Leben einnimmt, welche Bedeutung die Beziehung mit ihm für uns hat. Und vor allem: Ob diese Beziehung zwischen Gott und mir wirklich eine Liebesbeziehung ist. Die aktuelle Jahreslosung zeigt nicht nur die Größe der Liebe Gottes zu uns, sie liefert uns auch einen Gradmesser für diese Liebesbeziehung:

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Und die Gretchenfrage dazu lautet: Findest Du Trost bei Gott?

Über weite Strecken meines Glaubenslebens hätte ich auf diese Frage ebenfalls sehr ausweichend geantwortet, denn die wahre Antwort, die ich aber nicht bereit war zu geben, hätte „Nein“ gelautet. Und ich weiß aus vielen Gesprächen, dass es anderen Christen ähnlich geht. Trost ist kein theologisches Konzept. Trost ist nur real, wenn er als solcher erlebt wird. Und damit ist er ein guter Gradmesser dafür, wie sich die Liebe Gottes wirklich in meinem Leben auswirkt.

Unsere Haltung dazu ist vor allem eine Frage der Priorität. Wie wichtig ist es uns, diese Trost erleben zu können? Und das meine ich nicht im Gegensatz zu verschiedenen „weltlichen Verlockungen“, sonder im Bezug auf andere geistliche Werte, vor allem auf das, was gerne leichtfertig als biblische Wahrheit bezeichnet wird.

Diese biblische Wahrheit verlangte anscheinend von mir als schwulem Christen, auf eine Beziehung zu verzichten. Viele Menschen bleiben unfreiwillig alleinstehend, aber diese Situation ist eine andere: Es geht nicht um unerfüllte Hoffnung, es geht um verbotene Hoffnung. Es geht darum, dass die Hoffnung selbst zur Sünde erklärt wird. Diese Situation ist zutiefst trostlos, und sie hat mich auch tatsächlich von dem Trost Gottes, wie er in der diesjährigen Jahreslosung beschrieben wird, getrennt.

Dabei muss ich ehrlich zugeben: Diese Situation war nicht alternativlos. Ich hatte Kontakt zu Menschen, zu Christen, die sich anders entschieden haben, die bewusst diese angebliche biblische Wahrheit zur Seite geschoben haben, weil sie spürten, dass diese Position zerstörerisch für ihre Beziehung zu Gott ist. Meine Reaktion auf diese Menschen war, auf Abstand zu gehen, teils aus Angst, noch mehr verwirrt und verletzt zu werden, teils aus Neid, weil sie anscheinend das dürfen, was mir verboten war. Aber vor allem, weil ich mich entschieden habe, der Wahrheit zu folgen, egal wie sehr ich darunter leide, wie sehr meine Beziehung zu Gott darunter leidet. Im Rückblick muss ich sagen: Diese Entscheidung war falsch.

Natürlich kann es keine biblische Wahrheit geben, die einen Menschen von Gott weg treibt. Heute weiß ich die Schwächen und Unwahrheiten dieser angeblichen biblischen Wahrheit zu entlarven. Damals hatte ich diese Möglichkeit nicht. Mit den Mitteln, die ich damals zur Verfügung hatte, war dieser Widerspruch für mich unauflöslich. Das gilt für viele theologisch-praktische Fragen bis heute. Unser begrenztes Wissen, unsere begrenzte Erkenntnisfähigkeit führt uns nicht selten in einen scheinbaren, aber dennoch nicht auflösbaren Widerspruch zwischen Bibel und Menschenfreundlichkeit, zwischen göttlicher Wahrheit und göttlicher Liebe.

Wenn wir in solchen Situationen pauschal der Wahrheit den Vorzug geben, sind wir – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht mehr bei Trost. Für Faust hat die Suche nach Wahrheit, nach Erkenntnis oberste Priorität. In seiner verzweifelten Suche danach verkauft er jede Hoffnung auf Freude, auf Trost an den Teufel. Wir müssen unsere Prioritäten unbedingt anders setzen, und unsere oberste Priorität muss die möglichst ungestörte Verbindung, die möglichst ungestörte Liebesbeziehung zu Gott sein.

Das Jahr 2016 ist zur Hälfte vorbei. Ein guter Anlass, sich in den nächsten Wochen noch etwas mehr mit der Jahreslosung auseinanderzusetzen. Und mit der Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Religion? Wie hältst du’s mit der Beziehung zu Gott? Wie hältst du’s mit dem Trost?

Frömmigkeit

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Der Sabbat wurde für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat.

Das sagte Jesus zu den Pharisäern und zeigt damit eine wichtige Eigenschaft christlicher Ethik, die weit über das Sabbat-Gebot hinaus gilt. Über die Einhaltung des Feiertags wird ja heute relativ wenig diskutiert, die Streitpunkte liegen woanders.

Letzte Woche ging es hier unter anderem darum, dass Gottes Willen aus der Schöpfung erkennbar ist. Das hat zumindest da Auswirkungen, wo sich christliche Ethik und Morallehre mit eher weltlichen Themen beschäftig. Christen haben also kein durch die Bibel vermitteltes Exklusivwissen, dass der restlichen Welt fehlt. Christen haben höchstens ein tieferes, im Detail genaueres Verständnis einer Morallehre, die sie grundsätzlich mit allen moralisch hoch stehenden Menschen und Kulturen teilen. Die Vergeistigung und Verabsolutierung moralischer Vorstellungen, wie sie sich in den pharisäischen Sabbatvorschriften zur Zeit Jesu zeigt, ist also unbiblisch und unchristlich.

Was ich damit meine, lässt sich schön an der gewandelten Bedeutung des alten Wortes fromm erkennen. Es bedeutete früher nützlich und tüchtig, im erweiterten Sinne auch rechtschaffen. Im 16. Jahrhundert war es unter anderem als Lobeswort für brave und brauchbare Haustiere durchaus gebräuchlich.

Nun ist auch der rechte Christ in diesem Sinne fromm, weil er tüchtig und rechtschaffen das Werk des Herrn tut und damit für Gott und die Menschen nützlich ist. Ab hier hat sich die Bedeutung allerdings verselbständigt: Fromm ist nicht mehr, wer gut und rechtschaffen handelt, sondern wer sich allein auf Gott als Quelle der Rechtschaffenheit konzentriert. Aus einer Hinwendung zu Gott und den Menschen, die Nutzen zu schaffen versucht, wurde zunächst eine reine Hinwendung zu Gott, der der Nutzen egal ist, und schließlich eine Gottbezogenheit, die mit einer Abkapselung von der Welt und einer durchaus beabsichtigten Nutzlosigkeit für diese einher geht. Wer heute fromm sein will, schottet sich von der Welt ab, wird also gewissermaßen weltfremd, und das mit voller Absicht – das ist so ziemlich das Gegenteil der ursprünglichen Wortbedeutung.

Wenn wir nicht aufpassen, geht es uns mit christlicher Ethik genauso. Aus einer Vorschrift, die das Wohl des Menschen zum Ziel hatte, wird ein göttliches Prinzip, das unabhängig vom Menschen gilt, und schließlich ein starres Schema, in das der Mensch gepresst werden muss, um ihn zu formen, um aus ihm etwas zu machen, das er nicht ist. Die Ethik dient nicht mehr dem Menschen, der Mensch dient der Ethik.

Nirgends zeigt sich das zurzeit deutlicher als an der christlichen Sexualethik. Die Ehe ist nicht mehr ein hilfreicher Rahmen, der den Menschen dient und das Glück in Beziehungen fördert, sie ist göttliches Schöpfungsprinzip, in das sich der Mensch einzufügen hat. Dass die Apologeten dieser transzendenten Schöpfungsordnung ein Ehe- und Familienverständnis propagieren, das mit dem Verständnis zu biblischen Zeiten wenig zu tun hat, sei nur am Rande erwähnt. Trotzdem ist jeder Zweifel an diesem Ehemodell für diese Christen pure Ketzerei.

Gleiches geschieht mit der biblischen Unterscheidung von Mann und Frau. Sie verliert ihre Bedeutung als Orientierung, die uns hilft, uns selbst und unseren Platz in der Welt zu finden, und wird zum heteronormativen Schema, in das alle Menschen zwangsweise gepresst werden müssen.

Es ist an der Zeit, dass sich die Frommen auf die alte Bedeutung von Frömmigkeit besinnen, dass sie danach sinnen, was Menschen wirklich nützt, was ihnen frommt. Christliche Ethik und Morallehre ist natürlich keine reine Nützlichkeitserwägung, aber ohne die Nützlichkeitserwägung hört sie auf, christlich zu sein. Und wenn es um die Ehe, vor allem wenn es um gleichgeschlechtliche Ehen geht, muss an erster Stelle stehen, dass die Ehe für den Menschen geschaffen wurde und nicht der Mensch für die Ehe.