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Archiv der Kategorie: unter Christen

Jesus zuerst

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Mein Arbeitgeber hat vor einiger Zeit eine Kampagne gestartet, dass es bei allen Entscheidungen immer zuerst um das Wohl und den Erfolg der Firma gehen soll. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber natürlich nicht. Wie in allen großen Unternehmen wird die Firmenpolitik nicht zuletzt von internen Machtkämpfen bestimmt. Jeder versucht, sich selbst und seine eigene Abteilung gut dastehen zu lassen. Das ist menschlich und bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich, aber natürlich nicht besonders vorteilhaft für den wirtschaftlichen Erfolg.

Die erwähnte Kampagne thematisiert das Problem, liefert den richtigen Lösungsansatz, wird aber in der Praxis nur wenig Erfolg zeigen. Denn die meisten Konflikte drehen sich um die Frage, was denn genau für das Wohl der Firma als Ganzes das beste sei, entweder weil sich die Beteiligten tatsächlich darüber uneins sind, oder weil sie das Wohl der Firma vorschieben, obwohl sie in Wirklichkeit eigene Interessen verteidigen. Niemand wird gegenüber seinen Gegnern zugeben, dass er seinen persönlichen Erfolg über den Erfolg der Firma stellt.

Unter Christen gibt es ganz ähnliche Konflikte: Wir sind uns alle einig, dass Jesus immer an erster Stelle kommen sollte, streiten aber ständig darüber, was dies in der Praxis genau heißt. Dabei werden die Kämpfe oft noch viel verbitterter geführt als in mancher Firma, weil man nicht um Karriere und Geld kämpft, sondern um ewige Wahrheiten. Jeder Krieg hat die Tendenz, jedes Maß und jede Hemmschwelle zu verlieren, aber im Kampf um Glaube und Religion ist das noch viel stärker der Fall als im Kampf um Macht und Einfluss.

Zum Machtkampf in der Firma gibt es noch einen weiteren, viel wesentlicheren Unterschied. Selbst wenn sich Mitarbeiter manchmal für das personifizierte Wohl der Firma halten, bleibt das Ziel doch eine abstrakte Größe. Christen haben den Vorteil, dass sich Christus selbst zu Wort melden kann. Und das tut er auch.

Nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es dafür aber zwei Voraussetzungen. Zum einen muss das Thema für Jesus wichtig sein. Ich habe schon oft erlebt, dass Jesus zu einem Thema, das mir persönlich unter den Nägeln brannte, merkwürdig stumm blieb. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass meine Maßstäbe von wichtig und unwichtig sich häufig doch erheblich von den seinen unterschieden haben. Und dass ich eher auf das hätte hören sollen, was er mir zu den Themen sagen wollte, die ihm wichtig waren, statt mich einseitig auf meine Prioritäten zu konzentrieren.

Das bringt mich zur zweiten Voraussetzung: Ich muss bereit sein zu hören. Ich vertraue Jesus, dass er jederzeit dazu fähig ist, sich bei mir Gehör zu verschaffen, aber ich weiß einfach auch, dass er sich mein offenes Ohr dazu wünscht, und dass er oft geduldig darauf wartet, bis ich wirklich bereit und in der Lage bin, ihn zu hören. Diese Geduld ist manchmal lästig, weil sie mir erlaubt, mir selbst im Wege zu stehen, aber sie ist Zeichen und Ausdruck seiner Liebe.

Das alles macht die Diskussion unter Christen nicht einfacher. Wenn Jesus ganz persönlich zu mir redet, lässt sich daraus eben nicht eine allgemeine Verhaltensregel für alle erzeugen. Die persönliche, ja intime Natur der Beziehung zu Jesus macht die Suche nach einer gemeinsamen Basis zunächst schwieriger. Ich bin überzeugt, dass es allgemein gültige Regeln für das Leben als Christ gibt, aber die persönliche Beziehung zu Jesus macht diese Regeln flexibler, anpassbarer, diffuser als es uns manchmal lieb ist. Das ist Absicht. Klare, eindeutige Regeln bringen auch immer die Gefahr mit sich, das Hören auf Jesus zu verdrängen, ja überflüssig zu machen. Man weiß ja auch ohne ihn schon alles.

Jesus zuerst heißt eben, alles andere an die zweite Stelle zu setzen. Das gilt für Egoismus und den persönlichen Vorteil. Das gilt auch für die Bibel und die christliche Ethik. Natürlich wird uns Jesus nie etwas sagen, was dem Wesen und Willen Gottes widerspricht. Aber wenn wir ihn an erste Stelle setzen, müssen wir ihm auch erlauben, uns etwas zu sagen, was unserer Vorstellung vom Wesen und Willen Gottes widerspricht. Nur so können wir lernen.

Jesus in unserem Leben konsequent an erste Stelle zu setzen, ist gefährlich, weil durchaus fehleranfällig, kann uns unserer Sicherheiten berauben und uns manchmal sogar ratlos zurücklassen. Aber es ist – man verzeihe mir das viel missbrauchte Wort – alternativlos. „Jesus zuerst“ sei unser Motto. Es wird unser Leben zuweilen auf den Kopf stellen. Gott sei Dank!

Burka und Homo-Ehe

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Nein, ich möchte nicht die Vollverschleierung von Frauen mit gleichgeschlechtlichen Ehen vergleichen. Ich möchte vielmehr die Vollverschleierung von Frauen mit der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Ehen vergleichen. Ich möchte heute die Parallelen aufzeigen zwischen denen, die es ablehnen, dass Frauen in der Öffentlichkeit unverschleiert sind, und denen, die es ablehnen, dass zwei Männer bzw. zwei Frauen heiraten dürfen. Da gibt es nämlich eine Menge Gemeinsamkeiten.

Es geht schon damit los, dass beides hochmoralische Positionen sind, dass beide Parteien vom moralischen hohen Ross herunter argumentieren. Wer die Vollverschleierung von Frauen propagiert, sieht sich selbst als Verteidiger, meist als einzig wahre Verteidiger der Ehre der Frauen. Er sieht in der Vollverschleierung selbstverständlich keine Herabwürdigung, vielmehr beklagt er den moralischen Verfall aller anderen, die es zulassen, dass Frauen in der Öffentlichkeit zum Objekt männlicher Begierde gemacht und damit abgewertet werden.

Genauso sehen sich die Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen als einzig wahre Verteidiger der Institution Ehe, deren Gefährdung, Zerstörung, Abschaffung sie fürchten. Sie sehen gleichgeschlechtliche Beziehungen als vorrangiges Zeichen eines moralischen Verfalls, der längst Hand an die Grundfesten unserer Gesellschaft gelegt hat, und der zum Wohle aller unbedingt aufgehalten werden muss.

Beide bilden dabei nur eine Fraktion innerhalb ihres Glaubens, weder sind alle Muslime für Vollverschleierung noch alle Christen gegen gleichgeschlechtliche Ehen. Dabei gehören sie regelmäßig zum konservativen, mehr noch zur konservativ verbohrten Teil ihrer Religionsgemeinschaften. Sie stehen für ewige Werte und lehnen alle neuen Gedanken schon deshalb ab, weil alles Neue nicht ewig sein kann und deshalb falsch sein muss. Neue Ideen, neue Erkenntnisse sind für sie keine Möglichkeit, etwas Neues zu lernen und dabei den moralischen Kompass neu und eventuell besser auszurichten. Nein, diese Gruppen halten die Ausrichtung ihres moralischen Kompasses von Alters her für richtig und sehen diese durch Neues grundsätzlich bedroht.

In beiden Fällen sind die Betroffenen selbst oft, aber nicht immer Teil der Bewegung. Viele Frauen, die Burka oder Niqab tragen, tun dies durchaus freiwillig und aus innerer Überzeugung. Genauso verzichten viele Schwule und Lesben freiwillig und aus innerer Überzeugung auf einen Partner. Und in beiden Fällen ist freiwillig ein durchaus dehnbarer, fließender Begriff. Sowohl die Vollverschleierung als auch die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen werden als Akt der Menschenfreundlichkeit, als hilfreicher Schutz in einer moralisch gefallenen und verkehrten Welt propagiert. Und es ist nur natürlich, dass die Betroffenen selbst, die vielleicht mit einer solchen Argumentation aufgewachsen sind, sich diese zu eigen machen. Das macht diese Ideen noch lange nicht richtig. Die Zustimmung der Unterdrückten macht eine Unterdrückung nicht ungeschehen. Sie macht sie noch schlimmer.

Denn egal mit welchen Argumenten beide Gruppen für ihre Position werben: In beiden Fällen werden Menschen herabgewürdigt und in ihrer Würde verletzt. Sowohl bei der Ablehnung unverschleierter Frauen als auch bei der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehung ist der angebliche Schutz nur ein Vorwand, die Menschenfreundlichkeit nur Fassade. Beide sehen den eigenen moralischen Verfall nur im anderen. Die patriarchalische Gesellschaft der arabischen Welt wirft den Schleier nicht zum Schutz über die Frauen, sie versucht damit die Verkommenheit der Männer zu verschleiern. Und das christliche, heteronorme Abendland sieht in gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Pochen auf das „heilige Recht auf sexuelle Befriedigung“ und offenbart damit mehr über ihre eigenen, verdrängten Begierden als über die Realität gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Das moralische hohe Ross ist traditionell der Platz für alle, die mit ihrer eigenen inneren Zerrissenheit nicht zurecht kommen, und ihr Heil in der Verurteilung anderer sehen. Die unverschleierte Frau ist nur eine Bedrohung für den Mann, der seine sexuellen Begierden nicht unter Kontrolle hat. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist nur eine Bedrohung für den Menschen, der längst nicht mehr an die Kraft von Liebe und Treue glaubt und den eigenen moralischen Verfall durch ein Korsett aus Tradition aufhalten will. Die verschleierte Frau und der enthaltsame Homosexuelle sollen retten, was an ganz anderer Stelle zerstört wurde.

Es gibt natürlich für uns im christlichen Abendland auch einen wichtigen Unterschied: Die Ablehnung von Schwulen und Lesben ist Teil unserer Tradition, die Verschleierung von Frauen nicht. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wurde im Jahr 1895 wegen homosexueller Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Von den gesundheitlichen Folgen dieser Bestrafung hat er sich nicht mehr erholt und starb 1900 im Alter von nur 46 Jahren. In der Türkei wäre ihm das, zumindest damals, nicht passiert. Dort wurde die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen schon 1852 abgeschafft, in Deutschland hat man sich bis zur endgültigen Abschaffung des § 175 bis ins Jahr 1994 Zeit gelassen.

Der Kampf gegen die Vollverschleierung, wie er von konservativ-christlicher Seite geführt wird, ist kein Kampf gegen die Unterdrückung und für die Rechte von Menschen, er ist ein Kampf gegen das Neue und Fremde und für die Tradition. Der Seitenblick auf den von denselben Menschen geführten Kampf gegen die Ehe für alle macht das mehr als deutlich.

Trostlos

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„Wie hältst du’s mit der Religion?“ fragt Gretchen. Faust antwortet ausweichend, und das, obwohl er viel mehr über die Realität der transzendenten Welt weiß als sie. Es geht Gretchen nicht um Wissen, es geht ihr um die persönliche Haltung gegenüber Gott. Und die ist bei Faust längst entschieden, immerhin hat er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ich bin ein großer Fan von Wissen, aber Gretchen hat recht: Unsere persönliche Haltung gegenüber Gott sagt mehr über unseren Glauben als unser Wissen.

Unsere Haltung bestimmt, wie wir Gott erleben, welchen Raum er in unserem Leben einnimmt, welche Bedeutung die Beziehung mit ihm für uns hat. Und vor allem: Ob diese Beziehung zwischen Gott und mir wirklich eine Liebesbeziehung ist. Die aktuelle Jahreslosung zeigt nicht nur die Größe der Liebe Gottes zu uns, sie liefert uns auch einen Gradmesser für diese Liebesbeziehung:

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Und die Gretchenfrage dazu lautet: Findest Du Trost bei Gott?

Über weite Strecken meines Glaubenslebens hätte ich auf diese Frage ebenfalls sehr ausweichend geantwortet, denn die wahre Antwort, die ich aber nicht bereit war zu geben, hätte „Nein“ gelautet. Und ich weiß aus vielen Gesprächen, dass es anderen Christen ähnlich geht. Trost ist kein theologisches Konzept. Trost ist nur real, wenn er als solcher erlebt wird. Und damit ist er ein guter Gradmesser dafür, wie sich die Liebe Gottes wirklich in meinem Leben auswirkt.

Unsere Haltung dazu ist vor allem eine Frage der Priorität. Wie wichtig ist es uns, diese Trost erleben zu können? Und das meine ich nicht im Gegensatz zu verschiedenen „weltlichen Verlockungen“, sonder im Bezug auf andere geistliche Werte, vor allem auf das, was gerne leichtfertig als biblische Wahrheit bezeichnet wird.

Diese biblische Wahrheit verlangte anscheinend von mir als schwulem Christen, auf eine Beziehung zu verzichten. Viele Menschen bleiben unfreiwillig alleinstehend, aber diese Situation ist eine andere: Es geht nicht um unerfüllte Hoffnung, es geht um verbotene Hoffnung. Es geht darum, dass die Hoffnung selbst zur Sünde erklärt wird. Diese Situation ist zutiefst trostlos, und sie hat mich auch tatsächlich von dem Trost Gottes, wie er in der diesjährigen Jahreslosung beschrieben wird, getrennt.

Dabei muss ich ehrlich zugeben: Diese Situation war nicht alternativlos. Ich hatte Kontakt zu Menschen, zu Christen, die sich anders entschieden haben, die bewusst diese angebliche biblische Wahrheit zur Seite geschoben haben, weil sie spürten, dass diese Position zerstörerisch für ihre Beziehung zu Gott ist. Meine Reaktion auf diese Menschen war, auf Abstand zu gehen, teils aus Angst, noch mehr verwirrt und verletzt zu werden, teils aus Neid, weil sie anscheinend das dürfen, was mir verboten war. Aber vor allem, weil ich mich entschieden habe, der Wahrheit zu folgen, egal wie sehr ich darunter leide, wie sehr meine Beziehung zu Gott darunter leidet. Im Rückblick muss ich sagen: Diese Entscheidung war falsch.

Natürlich kann es keine biblische Wahrheit geben, die einen Menschen von Gott weg treibt. Heute weiß ich die Schwächen und Unwahrheiten dieser angeblichen biblischen Wahrheit zu entlarven. Damals hatte ich diese Möglichkeit nicht. Mit den Mitteln, die ich damals zur Verfügung hatte, war dieser Widerspruch für mich unauflöslich. Das gilt für viele theologisch-praktische Fragen bis heute. Unser begrenztes Wissen, unsere begrenzte Erkenntnisfähigkeit führt uns nicht selten in einen scheinbaren, aber dennoch nicht auflösbaren Widerspruch zwischen Bibel und Menschenfreundlichkeit, zwischen göttlicher Wahrheit und göttlicher Liebe.

Wenn wir in solchen Situationen pauschal der Wahrheit den Vorzug geben, sind wir – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht mehr bei Trost. Für Faust hat die Suche nach Wahrheit, nach Erkenntnis oberste Priorität. In seiner verzweifelten Suche danach verkauft er jede Hoffnung auf Freude, auf Trost an den Teufel. Wir müssen unsere Prioritäten unbedingt anders setzen, und unsere oberste Priorität muss die möglichst ungestörte Verbindung, die möglichst ungestörte Liebesbeziehung zu Gott sein.

Das Jahr 2016 ist zur Hälfte vorbei. Ein guter Anlass, sich in den nächsten Wochen noch etwas mehr mit der Jahreslosung auseinanderzusetzen. Und mit der Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Religion? Wie hältst du’s mit der Beziehung zu Gott? Wie hältst du’s mit dem Trost?

Frömmigkeit

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Der Sabbat wurde für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat.

Das sagte Jesus zu den Pharisäern und zeigt damit eine wichtige Eigenschaft christlicher Ethik, die weit über das Sabbat-Gebot hinaus gilt. Über die Einhaltung des Feiertags wird ja heute relativ wenig diskutiert, die Streitpunkte liegen woanders.

Letzte Woche ging es hier unter anderem darum, dass Gottes Willen aus der Schöpfung erkennbar ist. Das hat zumindest da Auswirkungen, wo sich christliche Ethik und Morallehre mit eher weltlichen Themen beschäftig. Christen haben also kein durch die Bibel vermitteltes Exklusivwissen, dass der restlichen Welt fehlt. Christen haben höchstens ein tieferes, im Detail genaueres Verständnis einer Morallehre, die sie grundsätzlich mit allen moralisch hoch stehenden Menschen und Kulturen teilen. Die Vergeistigung und Verabsolutierung moralischer Vorstellungen, wie sie sich in den pharisäischen Sabbatvorschriften zur Zeit Jesu zeigt, ist also unbiblisch und unchristlich.

Was ich damit meine, lässt sich schön an der gewandelten Bedeutung des alten Wortes fromm erkennen. Es bedeutete früher nützlich und tüchtig, im erweiterten Sinne auch rechtschaffen. Im 16. Jahrhundert war es unter anderem als Lobeswort für brave und brauchbare Haustiere durchaus gebräuchlich.

Nun ist auch der rechte Christ in diesem Sinne fromm, weil er tüchtig und rechtschaffen das Werk des Herrn tut und damit für Gott und die Menschen nützlich ist. Ab hier hat sich die Bedeutung allerdings verselbständigt: Fromm ist nicht mehr, wer gut und rechtschaffen handelt, sondern wer sich allein auf Gott als Quelle der Rechtschaffenheit konzentriert. Aus einer Hinwendung zu Gott und den Menschen, die Nutzen zu schaffen versucht, wurde zunächst eine reine Hinwendung zu Gott, der der Nutzen egal ist, und schließlich eine Gottbezogenheit, die mit einer Abkapselung von der Welt und einer durchaus beabsichtigten Nutzlosigkeit für diese einher geht. Wer heute fromm sein will, schottet sich von der Welt ab, wird also gewissermaßen weltfremd, und das mit voller Absicht – das ist so ziemlich das Gegenteil der ursprünglichen Wortbedeutung.

Wenn wir nicht aufpassen, geht es uns mit christlicher Ethik genauso. Aus einer Vorschrift, die das Wohl des Menschen zum Ziel hatte, wird ein göttliches Prinzip, das unabhängig vom Menschen gilt, und schließlich ein starres Schema, in das der Mensch gepresst werden muss, um ihn zu formen, um aus ihm etwas zu machen, das er nicht ist. Die Ethik dient nicht mehr dem Menschen, der Mensch dient der Ethik.

Nirgends zeigt sich das zurzeit deutlicher als an der christlichen Sexualethik. Die Ehe ist nicht mehr ein hilfreicher Rahmen, der den Menschen dient und das Glück in Beziehungen fördert, sie ist göttliches Schöpfungsprinzip, in das sich der Mensch einzufügen hat. Dass die Apologeten dieser transzendenten Schöpfungsordnung ein Ehe- und Familienverständnis propagieren, das mit dem Verständnis zu biblischen Zeiten wenig zu tun hat, sei nur am Rande erwähnt. Trotzdem ist jeder Zweifel an diesem Ehemodell für diese Christen pure Ketzerei.

Gleiches geschieht mit der biblischen Unterscheidung von Mann und Frau. Sie verliert ihre Bedeutung als Orientierung, die uns hilft, uns selbst und unseren Platz in der Welt zu finden, und wird zum heteronormativen Schema, in das alle Menschen zwangsweise gepresst werden müssen.

Es ist an der Zeit, dass sich die Frommen auf die alte Bedeutung von Frömmigkeit besinnen, dass sie danach sinnen, was Menschen wirklich nützt, was ihnen frommt. Christliche Ethik und Morallehre ist natürlich keine reine Nützlichkeitserwägung, aber ohne die Nützlichkeitserwägung hört sie auf, christlich zu sein. Und wenn es um die Ehe, vor allem wenn es um gleichgeschlechtliche Ehen geht, muss an erster Stelle stehen, dass die Ehe für den Menschen geschaffen wurde und nicht der Mensch für die Ehe.

Reality-Check

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Gott ist der perfekte Realist. Er sieht alles in der Welt genau so, wie es ist, und bei ihm gibt es keine Täuschung, keinen Irrtum und vor allem kein Wunschdenken. Das ist bei uns Menschen nicht so. Unsere Wahrnehmung wird von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst und sehr oft auch getrübt. Man muss sich nur mal ein paar optische Täuschungen anschauen, um zu erkennen, wie sehr der angeblich einfache Vorgang des Sehens von Erwartungshaltungen und Gewohnheiten beeinflusst wird.

Wenn wir Gott wirklich ähnlicher werden wollen, gehört es dazu, dass unser Blick auf die Welt realistischer wird, dass wir Irrtum und Wunschdenken zurückdrängen. Und das gelingt nicht ohne die Anerkennung und Anwendung dessen, was wir Wissenschaft nennen. Denn insbesondere die Natur- und Humanwissenschaften haben in den letzten Jahrhunderten ausgefeilte Verfahren hervorgebracht, die unsere menschlichen Schwächen zu kompensieren versuchen und einen weitgehend realistischen Blick auf Natur und Mensch ermöglichen.

Sie erfüllen damit den Auftrag Gottes an Adam. Denn in 1. Mose, Kapitel 2, steht vor dem bebauen und bewahren das benennen. Adam – und damit die gesamte Menschheit – ist beauftragt, den Tierarten ihre Namen zu geben, sie zu kategorisieren und einzuordnen. Wissen über die Natur ist nicht nur die notwendige Voraussetzung für erfolgreiches Gestalten und Schützen, es stellt auch einen Wert an sich dar. Gott sieht die Schöpfung, wie sie ist, und wir sollten zumindest versuchen, dem nahe zu kommen.

Damit erfüllen die Natur- und Humanwissenschaften nicht nur den Schöpfungsauftrag Gottes, sie beschäftigen sich auch indirekt mit Gott, denn Gottes Wesen und Gottes Willen sind in der Schöpfung offenbart, wie Paulus an die Römer schreibt. Dass sie dabei Gott außen vor lassen, steht dazu nicht im Widerspruch, denn es ist methodisch notwendig und praktisch bewährt. Die Loslösung von Bibel und Glauben hat den atemberaubenden Erfolg moderner Wissenschaften erst möglich gemacht.

Auf dieses Konzept der Gewinnung von Erkenntnissen hat die Christenheit häufig mit Skepsis oder sogar Ablehnung reagiert. Die Bibel als Wort Gottes stünde über der Wissenschaft, so die Argumentation, und wenn beide uneins sind, müsse die Bibel recht behalten. Die entscheidende Frage ist aber, warum sie überhaupt uneins sein sollten.

Beide, Theologie und Naturwissenschaft, beschäftigen sich mit Betrachtung, Auslegung und Systematisierung der Offenbarung Gottes. Bibel und Schöpfung sind zwei getrennte, dem Wesen nach sehr unterschiedliche Offenbarungen Gottes, aber sie kommen aus derselben Quelle, und so wie ich die Quelle kenne, können sie gar nicht im Widerspruch zueinander stehen. Wenn also die Natur- und Humanwissenschaften zu Erkenntnissen kommen, die anscheinend der Bibel widersprechen, dann hat sich mindestens eine Seite geirrt. Und ich sehe keinen Grund zu der Annahme, dass dies immer die Wissenschaften sein sollen.

Ich will keineswegs behaupten, dass die Wissenschaft immer Recht habe. Der natur- und humanwissenschaftliche Erkenntnisprozess verläuft langsam, geht häufig im Zickzack und manchmal auch Irrwege. Das in den Medien oft verbreitete Bild der Wissenschaft, die schlagartig bahnbrechende, neue Erkenntnisse beschert, ist ein Mythos. Aber der realistische Blick in die Vergangenheit zeigt eindeutig, dass die wissenschaftliche Methodik auf Dauer zu erstaunlichen Erfolgen führt, dass sie manchmal sehr bahnbrechende und unerwartete, häufig sehr belastbare und zutreffende Erkenntnisse hervorbringt. Und das Christen, die sich gegen diese Erkenntnisse gesträubt haben, sich im Rückblick regelmäßig ziemlich lächerlich gemacht haben.

Die allermeisten echten Wissenschaftler wissen um die konkreten Schwächen ihrer Theorien. Daran sollte man sich als Bibelausleger ein Vorbild nehmen. Der Konflikt entsteht meist erst dann, wenn man von der Unfehlbarkeit der Bibel auf die Unfehlbarkeit des Auslegers schließt. Das aber ist keine geistliche Position, das ist Überheblichkeit, das ist menschliche Hybris. Ein Bibelausleger, der wissenschaftliche Erkenntnis ignoriert oder gar als feindlich ansieht, beraubt sich damit nicht nur eines wichtigen Weges zur Erkenntnis Gottes, er beraubt sich damit auch eines wichtigen Korrektivs seiner eigenen Arbeit.

Es geht hier um Warnsignale, um Indizien, dass eine gewohnte Auslegung der Bibel falsch sein könnte und sie dringend gründlich überprüft werden müsste. Und wenn eine Bibelauslegung im krassen Widerspruch zur gefestigten wissenschaftlichen Meinung steht, dann müssten eigentlich für den sorgfältigen Bibelausleger sämtliche Warnglocken läuten, so dass man schon fast taub davon würde. Gott sieht die Schöpfung genau so, wie sie ist. Wenn wir das auch wollen, sollten wir alle Möglichkeiten menschlicher Erkenntnisfähigkeit nutzen. Und wenn wir das richtig gut machen, wird so etwas wie ein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Bibel gar nicht erst auftreten.

Ein Hoch auf Baden!

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Und wenn ich als gebürtiger Württemberger das sage, will das etwas heißen. Während meine frühere geistliche Heimat, die Evangelische Landeskirche in Württemberg, noch stark von den Bildungsgegnern, Verzeihung, Bildungsplangegnern beeinflusst wird, hat nebenan die Evangelische Landeskirche in Baden Fakten geschaffen. Richtige und biblisch wohlbegründete Fakten. Nämlich die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften inklusive vollwertiger kirchlicher Trauung.

Was mich ebenso sehr freut wie die Tatsache an sich, ist die solide biblische Begründung durch Oberkirchenrat Dr. Matthias Kreplin, denn er schreibt: „Unser Urteilen und Handeln in der Kirche hat sich an der Heiligen Schrift zu orientieren.“

Ich habe versucht, hier noch die Grundzüge von Kreplins Begründung einzufügen, aber ein paar aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate geben einfach nicht die Stringenz in Kreplins Argumentation wider. Es lohnt sich unbedingt, die Ausführung von Kreplin und von Prälatin Dagmar Zobel als Ganzes zu lesen.

Von den zwanzig Landeskirchen der EKD ist Baden nun Nummer vier. Weitere werden folgen. Bei den Freikirchen ist die Situation unübersichtlicher, aber auch hier ist die Tendenz spürbar, neu und gründlich über die Frage der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare nachzudenken. Und die Frage darf natürlich gestellt werden, wer hier auf der richtigen Seite der (Kirchen-) Geschichte steht.

In der Theorie spielt die geschichtliche Entwicklung natürlich keine Rolle, weil, wie Kreplin richtig schreibt, wir uns an der Heiligen Schrift zu orientieren haben. Und wer das Dokument von Prälatin Zobel und Oberkirchenrat Kreplin liest, wird ihnen kaum willfährige Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen und politischen Opportunismus vorwerfen können. Aber in der Praxis brauchen wir oft – leider – gesellschaftliche Entwicklungen als Grundlage, um die Bibel in einem neuen, besseren Licht zu sehen.

Auf Facebook wird die Entscheidung der Badischen Landeskirche natürlich heftig diskutiert. Auf den Einwand, wie ein Jahrtausende währender Konsens innerhalb der Weltchristenheit von einem Synodenbeschluss vom Tisch gewischt werden könne, kommt vom Facebook-Account der Landeskirche die Antwort:

Es gab in der Geschichte schon viele Konsense, die irgendwann aufgekündigt wurde: Sklavenhaltung, Schlagen von Kindern als Erziehungsmethode, kein Verkündigungsrecht für Frauen, das Tragen von Hosen usw – Der Geist Gottes, der seit den Zeiten des Apostelkonzils Eintracht auch in Verschiedenheit schafft, wird das sicher auch hier schaffen.

Die Synode der Evangelischen Landeskirche in Baden hat die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt, sondern auch gründlich geprüft. Und sie hat einen Beschluss gefasst, der nicht nur biblisch gerechtfertigt sondern auch seelsorgerlich notwendig ist. Er ist ein weiterer Schritt der Anerkennung schwuler, lesbischer, bi- und transsexueller Gläubiger als vollwertige Christen, als vollwertige Menschen.

Viele Menschen haben hart gearbeitet, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Als jemand, der erst seit Kurzem beginnt, sich aktiv für diese Ziele einzusetzen, möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die durch ihre unermüdliche Arbeit über viele Jahre hinweg dazu beigetragen haben. Und ich entbiete Euch meinen Respekt, freue mich mit Euch und singe mit Bob Dylans Worten: The times they are a-changin‘

Christliche Wandschränke

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Die englische Sprache bietet ein paar praktische Möglichkeiten. Das Wort gay lässt sich auf beide Geschlechter anwenden, es gibt ein umgangssprachliches Wort für heterosexuell und die Worte girlfriend und boyfriend, deren Eindeutigkeit ich im Deutschen oft vermisse.

Und es gibt den Begriff coming out. Nun, denn haben wir in der deutschen Sprache einfach direkt übernommen, aber dabei geht einiges von seiner Bedeutung verloren, weil die englische Metapher to come out of the closet, die so wunderbar treffend ist, sich mit dem für uns fremdsprachigen Fachausdruck nicht so einfach vermitteln lässt. Sich zu verstecken, sich (zumindest gefühlt) verstecken zu müssen im dunklen, engen Wandschrank, und schließlich hinauszutreten ins Licht und in die Freiheit, das kann jeder nachvollziehen, der ein Coming Out hinter sich bringen musste.

Für lange Zeit, für manche Gemeinden bis heute, bleibt der Wandschrank fest verschlossen. Coming Out ist etwas böses, etwas verderbtes und verwerfliches, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Homosexuelle sind nach dieser Auffassung Feinde, die die Gemeinde zerstören wollen. Wer sich als schwuler oder lesbischer Christ in einer solchen Gemeinde wiederfindet, dem bleibt nur, die Türen des Wandschranks fest geschlossen zu halten. Von innen. Oder sich, bitte, eine andere, bessere Gemeinde zu suchen.

Es hat sich nämlich dann doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Versteckspiel keine christliche Tugend ist, und das eine Gemeinde ein Ort sein sollte, in dem man offen über alles reden kann, was einen bewegt. Die Türen des Wandschranks werden geöffnet. Was dann kommt, da sind sich die Gemeinden noch nicht so richtig einig.

Manche Gemeinden öffnen die Türen, damit das helle Licht Christi die Dunkelheit erleuchte. Das geht so lange gut, wie der Betroffene dankbar im Wandschrank sitzen bleibt. Man ist als Gast akzeptiert, aber wehe, man kommt auf den Gedanken, mehr als nur Gast sein zu wollen.

Wenn man dann doch den Wandschrank verlassen darf, dann geschieht das zumeist unter Auflagen, häufig in Form einer „freiwilligen“ Selbstverpflichtung zu einem zölibatären Leben, manchmal ergänzt durch verschiedene Vorsichtsmaßnahmen. Man darf durchaus zu seiner sexuellen Orientierung stehen, so lange man sie in ausreichendem Maße als böse und verderbt betrachtet.

Die größte Grausamkeit in diese Richtung läuft unter dem euphemistischen Begriff „reparative Therapie“, ein pseudo-therapeutischer Ansatz, der zum Ziel hat, die sexuelle Orientierung eines Menschen dauerhaft zu ändern. In den wenigen Fällen, in denen diese Versuche überhaupt etwas bewirken, besteht der Erfolg meist darin, die wahre sexuelle Orientierung unter einem solchen Berg an Vorurteilen, Ängsten und Verdrehungen zu begraben, dass sie für Jahre oder sogar Jahrzehnte unsichtbar bleibt – sogar für den so Therapierten selbst.

All diese Ansätze klingen natürlich in den Worten ihrer Befürworter sehr viel freundlicher. Sie haben aber alle gemeinsam, dass das Herz im Wandschrank bleiben muss, dass bei aller angeblicher Freiheit und Freundlichkeit der innerste Kern des Menschen in Dunkelheit und Enge zurückbleibt. Denn die sexuelle Orientierung, die sexuelle Identität ist Teil der menschlichen Identität. Und viele Christen wollen es sogar noch als Zeichen besonderer Freundlichkeit anerkannt sehen, wenn sie diese Identität in einen guten und bösen Teil zerreißen wollen, damit der gute Teil in der Gemeinde angenommen werden kann.

Der Wandschrank ist kein Lebensraum, für keinen Teil der eigenen Identität, der eigenen Persönlichkeit. Der Wandschrank ist Stauraum, ein Ort, in dem man Dinge aufbewahrt, die man nicht unbedingt ständig braucht. Dazu gehört die eigene Vergangenheit. Dazu gehören für mich die Erinnerungen an die Zeiten, die ich im Wandschrank verbracht habe oder versucht habe, Teile von mir im Wandschrank zurück zu lassen. Dazu gehören sehr schwierige, belastende Erinnerungen, die ich nur gelegentlich und vorsichtig und einzeln heraushole. Aber wenn ich in meinen persönlichen Wandschrank schaue, entdecke ich in jeder Ecke Gottes wunderbare Fähigkeit, selbst aus Dunkelheit und Enge immer wieder Gutes zu schaffen. Der Mensch, der ich heute bin, bin ich durch das, was ich erlebt habe, was ich mit Gott erlebt habe. Da finde ich vieles, was besser nie geschehen wäre, aber wofür ich dennoch dankbar sein kann.

Und so wichtig der Wandschrank für mich ist als Stauraum für meine Erinnerungsstücke – als Lebensraum hat er ausgedient, endgültig und zurecht. Und das sollte er auch für alle lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Christen haben. Jede Lösung, die den Wandschrank zum Lebensraum erklärt, und sei es auch nur für einen Teil eines zerrissenen Menschen, ist keine menschliche, ist keine christliche Lösung.