Gott, der ganz Andere

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Für das Zwischenraum-Treffen in Wiesbaden hat sich ein netter Mensch die Mühe gemacht, 80 Namen und Bezeichnungen für Gott aufzuschreiben. Wir sollten daraus die Begriffe aussortieren, die uns jeweils am wenigsten bedeuteten, bis für jeden nur noch fünf Gottesnamen übrig waren. Meine fünf Namen haben mir nicht nur gezeigt, wie viel Gott für mich bedeutet, sondern auch wie sich meine Beziehung zu ihm verändert hat. Deshalb schreibe ich heute und an den nächsten vier Sonntagen über diese Bezeichnungen für Gott, und was sie für mich bedeuten.

Wenn ich zurückblicke, dann gibt es ein Gefühl, das mich eigentlich immer in die Irre geführt hat, ein Gefühl, das der sichere Vorbote einer großen Enttäuschung war. Es ist das Gefühl, genau zu wissen, was Gott von mir erwartet. Das Ergebnis war meist, dass ich mit aller meiner Kraft versucht habe, Gott gehorsam zu sein. Mit aller meiner Kraft. Im Blick auf das Ziel, das Gott mir anscheinend vorgegeben hatte, habe ich sehr schnell Gott selbst aus den Augen verloren.

Die Abhängigkeit von Gott, wie sie nach meiner Meinung Ziel jedes Christen sein sollte, bringt immer ein gewisses Maß an Unsicherheit mit. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“, betet der Psalmist, und meint damit keinen Scheinwerfer, der den gesamten Weg vor ihm ausleuchtet, denn so etwas kannte er einfach nicht. Gott zeigt den nächsten Schritt, das muss reichen, und schon der übernächste kann eine Überraschung sein.

Eine meiner größten Überraschungen habe ich Anfang des vergangenen Jahres erlebt. Nach langen Zögern hatte ich mich entschlossen, mich einmal wieder der Verunsicherung und Verwirrung (und auch Wut) zu stellen, die mein ständiger Begleiter waren, so lange ich glaubte, dass Gott mir eine Beziehung mit einem Mann verbieten würde. Meine Hoffnung war, dass Gott mir endlich etwas zeigen würde, das mich mit einem zölibatären Lebensstil versöhnen könnte. Statt dessen bin ich auf das Buch Streitfall Liebe und die gleichnamige Website von Valeria Hinck gestoßen.

Valerias Ausführungen haben mir genau die Perspektive geöffnet, die ich für völlig ausgeschlossen gehalten hatte, nämlich die, dass ich auch als schwuler Christ Erfüllung und (noch viel wichtiger) Gottes Segen in einer festen Beziehung finden könne. Der Rest ist Geschichte, meine Geschichte, die mich in eine tiefere und vertrauensvollere Beziehung zu Gott und nebenbei auch zu diesem Blog geführt hat.

Gott ist der ganz Andere, der mit menschlichen Maßstäben und Vorstellungen nicht zu fassen ist. Das ist zu erwarten: Ein Gott, der mit dem menschlichen Verstand erfassbar, ja durchschaubar ist, ist kein Gott, sondern ganz offensichtlich eine menschliche Erfindung. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt es im Gebot, und gemeint ist die antike Vorstellung, dass Götterbildnisse Repräsentanten, ja Verkörperungen der Gottheit selbst sind. Die Gefahr, irgendwelche Gegenstände für Götter zu halten, ist in unserer Kultur geringer geworden. Aber jeder von uns steht in der Gefahr, seine Vorstellungen von Gott für letztgültige Wahrheit, ja für Gott selbst zu halten.

Laut Calvin ist das menschliche Herz eine Götzenfabrik. Unsere Götzen sind weniger materiell, weniger greifbar als die zur Zeit des Alten Testaments, und manchmal kommen sie sogar in christlichem Gewand daher. Sie sind deshalb aber nicht weniger gefährlich. Es tut uns gut, wenn Gott uns immer mal wieder daran erinnert, dass er sämtliche menschlichen Maßstäbe sprengt. Eigentlich sollten wir uns das wünschen, wir sollten es begrüßen, wenn Gott uns verunsichert, uns überrascht und gelegentlich sogar unsere Maßstäbe über den Haufen wirft. Wenn uns Gottes Handeln verblüfft, wenn er uns überrumpelt und verwirrt, sind wir der Erkenntnis des wahren, des ganz anderen Gottes vielleicht näher, als wenn wir glauben, sein Handeln zu verstehen.

Jesus zuerst

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Mein Arbeitgeber hat vor einiger Zeit eine Kampagne gestartet, dass es bei allen Entscheidungen immer zuerst um das Wohl und den Erfolg der Firma gehen soll. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber natürlich nicht. Wie in allen großen Unternehmen wird die Firmenpolitik nicht zuletzt von internen Machtkämpfen bestimmt. Jeder versucht, sich selbst und seine eigene Abteilung gut dastehen zu lassen. Das ist menschlich und bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich, aber natürlich nicht besonders vorteilhaft für den wirtschaftlichen Erfolg.

Die erwähnte Kampagne thematisiert das Problem, liefert den richtigen Lösungsansatz, wird aber in der Praxis nur wenig Erfolg zeigen. Denn die meisten Konflikte drehen sich um die Frage, was denn genau für das Wohl der Firma als Ganzes das beste sei, entweder weil sich die Beteiligten tatsächlich darüber uneins sind, oder weil sie das Wohl der Firma vorschieben, obwohl sie in Wirklichkeit eigene Interessen verteidigen. Niemand wird gegenüber seinen Gegnern zugeben, dass er seinen persönlichen Erfolg über den Erfolg der Firma stellt.

Unter Christen gibt es ganz ähnliche Konflikte: Wir sind uns alle einig, dass Jesus immer an erster Stelle kommen sollte, streiten aber ständig darüber, was dies in der Praxis genau heißt. Dabei werden die Kämpfe oft noch viel verbitterter geführt als in mancher Firma, weil man nicht um Karriere und Geld kämpft, sondern um ewige Wahrheiten. Jeder Krieg hat die Tendenz, jedes Maß und jede Hemmschwelle zu verlieren, aber im Kampf um Glaube und Religion ist das noch viel stärker der Fall als im Kampf um Macht und Einfluss.

Zum Machtkampf in der Firma gibt es noch einen weiteren, viel wesentlicheren Unterschied. Selbst wenn sich Mitarbeiter manchmal für das personifizierte Wohl der Firma halten, bleibt das Ziel doch eine abstrakte Größe. Christen haben den Vorteil, dass sich Christus selbst zu Wort melden kann. Und das tut er auch.

Nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es dafür aber zwei Voraussetzungen. Zum einen muss das Thema für Jesus wichtig sein. Ich habe schon oft erlebt, dass Jesus zu einem Thema, das mir persönlich unter den Nägeln brannte, merkwürdig stumm blieb. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass meine Maßstäbe von wichtig und unwichtig sich häufig doch erheblich von den seinen unterschieden haben. Und dass ich eher auf das hätte hören sollen, was er mir zu den Themen sagen wollte, die ihm wichtig waren, statt mich einseitig auf meine Prioritäten zu konzentrieren.

Das bringt mich zur zweiten Voraussetzung: Ich muss bereit sein zu hören. Ich vertraue Jesus, dass er jederzeit dazu fähig ist, sich bei mir Gehör zu verschaffen, aber ich weiß einfach auch, dass er sich mein offenes Ohr dazu wünscht, und dass er oft geduldig darauf wartet, bis ich wirklich bereit und in der Lage bin, ihn zu hören. Diese Geduld ist manchmal lästig, weil sie mir erlaubt, mir selbst im Wege zu stehen, aber sie ist Zeichen und Ausdruck seiner Liebe.

Das alles macht die Diskussion unter Christen nicht einfacher. Wenn Jesus ganz persönlich zu mir redet, lässt sich daraus eben nicht eine allgemeine Verhaltensregel für alle erzeugen. Die persönliche, ja intime Natur der Beziehung zu Jesus macht die Suche nach einer gemeinsamen Basis zunächst schwieriger. Ich bin überzeugt, dass es allgemein gültige Regeln für das Leben als Christ gibt, aber die persönliche Beziehung zu Jesus macht diese Regeln flexibler, anpassbarer, diffuser als es uns manchmal lieb ist. Das ist Absicht. Klare, eindeutige Regeln bringen auch immer die Gefahr mit sich, das Hören auf Jesus zu verdrängen, ja überflüssig zu machen. Man weiß ja auch ohne ihn schon alles.

Jesus zuerst heißt eben, alles andere an die zweite Stelle zu setzen. Das gilt für Egoismus und den persönlichen Vorteil. Das gilt auch für die Bibel und die christliche Ethik. Natürlich wird uns Jesus nie etwas sagen, was dem Wesen und Willen Gottes widerspricht. Aber wenn wir ihn an erste Stelle setzen, müssen wir ihm auch erlauben, uns etwas zu sagen, was unserer Vorstellung vom Wesen und Willen Gottes widerspricht. Nur so können wir lernen.

Jesus in unserem Leben konsequent an erste Stelle zu setzen, ist gefährlich, weil durchaus fehleranfällig, kann uns unserer Sicherheiten berauben und uns manchmal sogar ratlos zurücklassen. Aber es ist – man verzeihe mir das viel missbrauchte Wort – alternativlos. „Jesus zuerst“ sei unser Motto. Es wird unser Leben zuweilen auf den Kopf stellen. Gott sei Dank!

Burka und Homo-Ehe

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Nein, ich möchte nicht die Vollverschleierung von Frauen mit gleichgeschlechtlichen Ehen vergleichen. Ich möchte vielmehr die Vollverschleierung von Frauen mit der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Ehen vergleichen. Ich möchte heute die Parallelen aufzeigen zwischen denen, die es ablehnen, dass Frauen in der Öffentlichkeit unverschleiert sind, und denen, die es ablehnen, dass zwei Männer bzw. zwei Frauen heiraten dürfen. Da gibt es nämlich eine Menge Gemeinsamkeiten.

Es geht schon damit los, dass beides hochmoralische Positionen sind, dass beide Parteien vom moralischen hohen Ross herunter argumentieren. Wer die Vollverschleierung von Frauen propagiert, sieht sich selbst als Verteidiger, meist als einzig wahre Verteidiger der Ehre der Frauen. Er sieht in der Vollverschleierung selbstverständlich keine Herabwürdigung, vielmehr beklagt er den moralischen Verfall aller anderen, die es zulassen, dass Frauen in der Öffentlichkeit zum Objekt männlicher Begierde gemacht und damit abgewertet werden.

Genauso sehen sich die Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen als einzig wahre Verteidiger der Institution Ehe, deren Gefährdung, Zerstörung, Abschaffung sie fürchten. Sie sehen gleichgeschlechtliche Beziehungen als vorrangiges Zeichen eines moralischen Verfalls, der längst Hand an die Grundfesten unserer Gesellschaft gelegt hat, und der zum Wohle aller unbedingt aufgehalten werden muss.

Beide bilden dabei nur eine Fraktion innerhalb ihres Glaubens, weder sind alle Muslime für Vollverschleierung noch alle Christen gegen gleichgeschlechtliche Ehen. Dabei gehören sie regelmäßig zum konservativen, mehr noch zur konservativ verbohrten Teil ihrer Religionsgemeinschaften. Sie stehen für ewige Werte und lehnen alle neuen Gedanken schon deshalb ab, weil alles Neue nicht ewig sein kann und deshalb falsch sein muss. Neue Ideen, neue Erkenntnisse sind für sie keine Möglichkeit, etwas Neues zu lernen und dabei den moralischen Kompass neu und eventuell besser auszurichten. Nein, diese Gruppen halten die Ausrichtung ihres moralischen Kompasses von Alters her für richtig und sehen diese durch Neues grundsätzlich bedroht.

In beiden Fällen sind die Betroffenen selbst oft, aber nicht immer Teil der Bewegung. Viele Frauen, die Burka oder Niqab tragen, tun dies durchaus freiwillig und aus innerer Überzeugung. Genauso verzichten viele Schwule und Lesben freiwillig und aus innerer Überzeugung auf einen Partner. Und in beiden Fällen ist freiwillig ein durchaus dehnbarer, fließender Begriff. Sowohl die Vollverschleierung als auch die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen werden als Akt der Menschenfreundlichkeit, als hilfreicher Schutz in einer moralisch gefallenen und verkehrten Welt propagiert. Und es ist nur natürlich, dass die Betroffenen selbst, die vielleicht mit einer solchen Argumentation aufgewachsen sind, sich diese zu eigen machen. Das macht diese Ideen noch lange nicht richtig. Die Zustimmung der Unterdrückten macht eine Unterdrückung nicht ungeschehen. Sie macht sie noch schlimmer.

Denn egal mit welchen Argumenten beide Gruppen für ihre Position werben: In beiden Fällen werden Menschen herabgewürdigt und in ihrer Würde verletzt. Sowohl bei der Ablehnung unverschleierter Frauen als auch bei der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehung ist der angebliche Schutz nur ein Vorwand, die Menschenfreundlichkeit nur Fassade. Beide sehen den eigenen moralischen Verfall nur im anderen. Die patriarchalische Gesellschaft der arabischen Welt wirft den Schleier nicht zum Schutz über die Frauen, sie versucht damit die Verkommenheit der Männer zu verschleiern. Und das christliche, heteronorme Abendland sieht in gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Pochen auf das „heilige Recht auf sexuelle Befriedigung“ und offenbart damit mehr über ihre eigenen, verdrängten Begierden als über die Realität gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Das moralische hohe Ross ist traditionell der Platz für alle, die mit ihrer eigenen inneren Zerrissenheit nicht zurecht kommen, und ihr Heil in der Verurteilung anderer sehen. Die unverschleierte Frau ist nur eine Bedrohung für den Mann, der seine sexuellen Begierden nicht unter Kontrolle hat. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist nur eine Bedrohung für den Menschen, der längst nicht mehr an die Kraft von Liebe und Treue glaubt und den eigenen moralischen Verfall durch ein Korsett aus Tradition aufhalten will. Die verschleierte Frau und der enthaltsame Homosexuelle sollen retten, was an ganz anderer Stelle zerstört wurde.

Es gibt natürlich für uns im christlichen Abendland auch einen wichtigen Unterschied: Die Ablehnung von Schwulen und Lesben ist Teil unserer Tradition, die Verschleierung von Frauen nicht. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wurde im Jahr 1895 wegen homosexueller Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Von den gesundheitlichen Folgen dieser Bestrafung hat er sich nicht mehr erholt und starb 1900 im Alter von nur 46 Jahren. In der Türkei wäre ihm das, zumindest damals, nicht passiert. Dort wurde die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen schon 1852 abgeschafft, in Deutschland hat man sich bis zur endgültigen Abschaffung des § 175 bis ins Jahr 1994 Zeit gelassen.

Der Kampf gegen die Vollverschleierung, wie er von konservativ-christlicher Seite geführt wird, ist kein Kampf gegen die Unterdrückung und für die Rechte von Menschen, er ist ein Kampf gegen das Neue und Fremde und für die Tradition. Der Seitenblick auf den von denselben Menschen geführten Kampf gegen die Ehe für alle macht das mehr als deutlich.

Verschleierte Grundrechte

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Um es vorweg in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich bin entschieden gegen das Tragen von Ganzkörper- oder Gesichtsschleiern, sei es Burka, Niqab oder was auch immer. Ich bin dagegen, dass Frauen (und der Vollständigkeit halber: auch Männer) ihr Gesicht in Gegenwart anderer Menschen verschleiern, weil ich persönlich der Meinung bin, dass dies nicht zu den Werten unserer Gesellschaft passt. Zur Würde des Menschen gehört es, anderen Menschen offen, unverhüllt, als der Mensch, der man ist, gegenübertreten zu dürfen und zu können. Der Schleier steht dieser Offenheit sowohl symbolisch als auch ganz praktisch entgegen. Damit ist er allerdings nicht allein. Die Angriffe auf die Menschenwürde sind vielfältig, und vermutlich beschädigt eine durchschnittliche Ausgabe der Bild mehr die Würde von Menschen als eine Burka oder ein Niqab.

Das Verbot der Bild ist ein verlockender Gedanke, ist aber völlig zurecht nicht mit der Pressefreiheit vereinbar. Statt dessen wird zur Zeit mal wieder ein allgemeines Verschleierungsverbot diskutiert. Viele sehen darin eine Verletzung der Religionsfreiheit. Ich finde: zu Recht.

Dabei spielt es nur eine sehr untergeordnete Rolle, ob die Verschleierung wirklich Teil des Islams oder bestimmter Strömungen des Islams ist. Es steht dem Staat nicht zu, in die religiösen Überzeugungen seiner Bürger hineinzureden. Wenn ein Mensch der Meinung ist, die Verschleierung von Frauen sei Teil seiner Religion, dann ist das Teil seiner Religion. Es gehört zum Wesenskern der Religionsfreiheit, dass sich der Staat aus den inhaltlichen Glaubensfragen herauszuhalten hat, und es steht dem Staat nicht zu zu definieren, was wahrer Islam ist und was nicht, genauso wenig wie er sich in theologische Streitfragen unter Christen einmischen darf.

Es geht auch nicht darum, ob hier die Religionsfreiheit zu weit getrieben wird. Es gehört zum Wesen der Grundrechte, dass sie zunächst grenzenlos sind und nur durch andere Grundrechte eingeschränkt werden können. Kein Grundrecht gilt absolut, jedes Grundrecht steht in ständiger Konkurrenz zu anderen Grundrechten, und im Konfliktfall muss stets abgewogen werden, welches Grundrecht im Einzelfall stärker gewichtet werden muss.

Beim Verschleierungsverbot geht es also nicht darum, ob zu viel Religionsfreiheit gewährt wird. Vielmehr müssen die Gegner der Verschleierung (also auch ich) konkret nachweisen, welche andere Grundrechte so stark betroffen sind, dass das Recht auf Religionsfreiheit eingeschränkt werden muss. Ich denke, der Nachweis dürfte in vielen Fällen recht einfach zu führen sein: Für Verfahrensbeteiligte bei Gericht lässt sich mit dem Recht auf ein faires Verfahren argumentieren, an Schulen mit dem Erziehungsauftrag des Staates (für Schüler) und dessen Neutralitätspflicht (für Lehrer), und selbst für den Bäckerladen an der Ecke kann man aus Vertragsfreiheit und Hausrecht noch halbwegs plausible Argumente zusammenbauen.

Für ein generelles Verschleierungsverbot im öffentlichen Raum fehlt mir aber jede tragfähige, grundrechtsbasierte Argumentation, fehlt mir die Verletzung anderer Grundrechte, die schwerwiegend genug ist, um diese Einschränkung der Religionsfreiheit zu rechtfertigen. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages kam 2012 in einem Gutachten zu einem ähnlichen Ergebnis.

Natürlich gibt es da noch die Menschenwürde der betroffenen Frauen, die allerhöchsten Grundrechtsrang hat. Es ist anzunehmen, dass viele Frauen die Burka oder den Niqab nicht aus freier Entscheidung, sondern wegen gesellschaftlichen oder familiären Zwangs tragen, und dass diese Frauen durch den Schleier zum Objekt der Vorstellungen anderer degradiert und dadurch in ihrer Menschenwürde verletzt werden. Aber auch ein generelles Verbot macht diese Frauen nicht weniger zum Objekt der Entscheidung anderer, in diesem Fall des Staates. Es bringt uns nicht weiter, eine Verletzung der Menschenwürde durch eine andere Verletzung der Menschenwürde zu ersetzen.

Ab da geht es nur mit Wertungen weiter. Man könnte argumentieren, dass das Verbot des Schleiers weniger schlimm ist als der Zwang, ihn zu tragen. Man könnte sagen, dass das Verbot letztlich nur dem Wohl der betroffenen Frauen dient und deshalb auch gegen ihren Willen durchgesetzt werden darf. Und außerdem könnte man der Meinung sein, dass der Islam, insbesondere der Teil davon, der Vollverschleierung propagiert, aus Deutschland zurückgedrängt werden müsse. Argumente, denen ich persönlich eine ganze Menge abgewinnen kann, denen ich in Teilen auch zustimme. Aber wenn sich die Organe des Staates diese Argumente zu eigen machen sollen, bekomme ich ein ganz, ganz schlechtes Gefühl.

Als Christ vertrete ich viele Positionen, die von vielen meiner Mitmenschen als absurd, vielleicht sogar als abartig oder intolerant oder schädlich angesehen werden. Die Religionsfreiheit gewährt mir das Recht, diese Positionen öffentlich zu vertreten und zu leben, auch wenn ich damit in der Minderheit bin und ich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung als Gegner habe. Als Nachfolger Jesu ist man fast immer Teil einer Minderheit, egal wie christlich geprägt die Gesellschaft um uns herum sein mag. Ich brauche den Schutz der Religionsfreiheit nicht weniger als die verschleierte Muslimin.

Der inhaltliche Kampf gegen den Islam darf gerne geführt werden, mit möglichst viel Sachkenntnis und Überzeugungskraft, mit viel Respekt und Liebe, aber vor allem muss er privat geführt werden, mit den Mitteln der Zivilgesellschaft. Dort, wo sich der Staat einmischt, wo es um Verbote geht, haben sämtliche religiösen Argumente, haben Diskussionen und Wertungen von Glaubensfragen tabu zu sein. Und wenn Christen mit christlichen Argumenten für ein Verschleierungsverbot argumentieren, wenn sie unsere christliche Kultur oder gar die Überlegenheit des christlichen Glaubens ins Feld führen, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun. Denn im Kampf gegen den Islam bekämpfen sie die Religionsfreiheit gleich mit. Und damit sägen sie an dem Ast, auf dem wir alle sitzen.

Beschenkt

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Vor zwei Wochen habe ich unter anderem den Zwischenraum erwähnt. Die letzten Tage war ich auf dem Zwischenraum-Jahrestreffen in Wiesbaden. Mein Plan war, hier nach meiner Rückkehr ein wenig von den Eindrücken zu schreiben, die ich von diesem Treffen mitgenommen habe. Dieser Plan ist gründlich schief gegangen: Es sind einfach viel zu viele.

Ich bin noch völlig überwältigt von der Gemeinschaft, von der gegenseitigen Liebe, die in dieser wunderbaren Gruppe von fast 150 schwulen, lesbischen, bisexuellen und trans*geschlechtlichen Christen erlebt habe. Ich bin überwältigt von der geistlichen Vielfalt, von der Tiefe der Gespräche und von dem kaum beschreibbaren Gefühl, dass ich mich in einer so großen Gruppe von Menschen, die ich wenig oder gar nicht kenne, einfach nur zu Hause gefühlt habe.

Und ich bin überwältigt von Gottes Reden. Er hat die letzten Tage genutzt, um meine drängendsten Fragen zu beantworten. Ich habe mich an Elia am Berg Horeb erinnert. Gott war damals weder im starken Sturm, noch im Erdbeben, noch im Feuer. Er war im sanften Säuseln. Gott hat die letzten Tage unentwegt zu mir gesäuselt, sanft, sehr liebevoll, aber sehr klar und deutlich zu verstehen. Manches davon wird vielleicht hier im Blog noch auftauchen, manches ist dafür zu persönlich und geht nur Gott und mich etwas an.

Aber heute ist ein Teil von mir noch in Wiesbaden bei diesen wunderbaren Menschen, denen ich viel verdanke, und die mich wieder viel näher zu Gott gebracht haben, zu meinem Gott, der es so gut mit mir meint und mich die letzten Tage sehr verwöhnt hat.

Ménage-à-trois

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Wenn man als Christ für gleichgeschlechtliche Ehen ist, wird einem oft das Dammbruch-Argument entgegengehalten: Eine Erweiterung des heteronormen Ehebegriffs würde die Ehe für alle möglichen Formen von Beziehungen geöffnet, sie würde völlig ihren Charakter verlieren, und es gäbe ethisch und moralisch gar keinen Halt mehr. Es ist natürlich richtig, dass sich die Vielfalt der gesellschaftlich akzeptierten Beziehungsmodelle in den letzten Jahren erheblich erweitert hat. Man kann darin einen Werteverfall erkennen. Ich persönlich sehe darin eher ein Werteverschiebung mit positiven und negativen Aspekten, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Ich bin nämlich über Facebook auf diesen Artikel zu einer schwulen Dreierbeziehung hingewiesen worden. Ich will mich einmal daran versuchen, inwieweit mir als theologischem Laien auf die Schnelle eine biblische Beurteilung eines solchen Beziehungsmodells gelingt.

Die Bibel kennt Dreiecksbeziehungen (wie alle Beziehungen) nur in der heterosexuellen Form, und auch da nur in der Kombination: ein Mann, mehrere Frauen. Gerade in der stark patriarchalischen Gesellschaft zur Zeit des Alten Testamentes waren solche Beziehungen nicht nur geduldet, sondern vielmehr durchaus üblich und erlaubt, auch im Volk Gottes. Insgesamt zeigt gerade der Blick ins Alte Testament auch, dass das biblische Modell der Ehe sich auch durch gesellschaftliche Realitäten formt, dass es neben dem unveränderlichen, in den Menschen hineingeschaffenen Kern (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.) eine erhebliche Variationsbreite dessen gibt, was in der jeweiligen Gesellschaft noch Teil des biblischen Ehemodells sein kann oder auch nicht.

Die im verlinkten Artikel vorgestellte Dreierbeziehung unterscheidet sich in zumindest einem wichtigen Punkt von der klassischen, heterosexuellen Vielehe. Letztere ist nämlich keine echte Dreiecksbeziehung, sondern stellt vielmehr ein V dar: Die Frauen führen die Beziehung nicht untereinander, sondern nur jede für sich mit ihrem Mann. Dagegen kann eine Dreierbeziehung mit bi- oder homosexuellen Beteiligten ein echtes Dreieck darstellen: Jeder liebt jeden. Man könnte argumentieren, dass diese Beziehung damit weiter von der Einehe entfernt ist, weil sie das eins-zu-eins-Prinzip stärker durchbricht. Man könnte aber auch sagen, dass sie näher am biblischen Ehemodell dran ist, weil sie die gegenseitige Liebe und Treue aller Partner untereinander ermöglicht. Ich tendiere persönlich zur zweiten Ansicht, möchte mich da aber nicht festlegen.

Angesichts der Vielzahl der Mehrehen im Alten Testament komme ich nur schwerlich zu einem strengen Verbot von Dreierbeziehungen. Es gibt aber zahlreiche Hinweise, dass sie einfach keine gute Idee ist, und dass man besser die Finger davon lassen sollte. Die Vielehen in der Bibel laufen allesamt nicht sehr gut und führen zu zahlreichen Problemen und Verwicklungen. Selten ist jemand glücklich mit so einer Konstellation, zumeist ist sie aus der Not geboren oder beruht von vornherein auf Fehlentscheidungen. Das heißt zumindest einmal, dass die Motive zum Eingehen einer Dreierbeziehungen genau hinterfragt werden sollten.

Im Neuen Testament ist die Ablehnung der Vielehe schon recht deutlich. Paulus hält sie unter anderem für nicht vereinbar mit der Vorbildfunktion eines Gemeindeleiters. In der Gesamtheit stellt sich die Ehe mit mehr als zwei Beteiligten für mich eher als Ausnahme zur Regel denn als Erweiterung der Regel dar. Sie ist ein vertretbarer Kompromiss, wenn es die gesellschaftlichen Verhältnisse erfordern, bringt aber meist mehr Schaden als Nutzen, mehr Fluch als Segen.

Hier liegt der wesentliche Unterschied zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Ich habe es bereits früher schon einmal geschrieben, für mich liegt auf der Ehe ein besonderer Segen Gottes, der allen zuteil wird, die die eheliche Beziehung nach Gottes Maßstäben leben und gestalten. Die gleichgeschlechtliche Ehe öffnet diesen Segen Gottes für Menschen, die ihn sonst nicht erleben könnten, sie vermehrt den Segen Gottes in der Welt. In einer Dreierbeziehung hingegen sehe ich keinen Segen Gottes, der auf anderem Wege nicht erreichbar wäre. Dafür gibt es aber jede Menge zusätzlicher Probleme.

Alle modernen Dreierbeziehungen, von denen ich bisher mitbekommen habe, werden gelebt nach dem Prinzip: „Wir schauen mal, ob es gut geht.“ Das ist für mich kein biblisches Ehemodell. Die eheliche Beziehung basiert auf gegenseitiger Liebe und Hingabe, aber die Ehe als Institution ist in ihrem Kern ein nüchternes Versprechen, ein rechtlich bindender Treueschwur. Beides ergänzt sich, gehört untrennbar zusammen, und sobald man eine dieser beiden Komponenten der biblischen Ehe weglässt, ist sie im Kern beschädigt. Die mir bekannten Beispiele von echten Dreierbeziehungen verstoßen also nicht unbedingt gegen biblische Ordnungen, weil sie aus drei Personen bestehen. Sie verstoßen aber in jedem Fall gegen biblische Ordnungen, weil sie den nötigen Willen einer lebenslangen Verbindlichkeit nicht erkennen lassen.

Für eine solche Verbindlichkeit fehlen auch alle Grundlagen. Der ethische und rechtliche Rahmen einer Ehe bedarf natürlich ständiger Weiterentwicklung, kann sich aber auf jahrtausendealte Erfahrungen stützen. Für Dreierbeziehungen müsste hier erst noch Pionierarbeit geleistet werden: Eigentumsrecht, Erbrecht, Scheidungsrecht, Konfliktlösungs-Strategien, Betreuungsformen im Krankheitsfall und nicht zuletzt das Adoptions- und Elternrecht: Die ungeklärten Fragen für eine tatsächlich nach biblischen Maßstäben gelebte Dreier-Ehe sind überwältigend, und ich möchte bezweifeln, dass sie jemals befriedigend geklärt werden können.

Der Dammbruch findet nicht statt. Selbst wenn man völlig ergebnisoffen an die Bibel herangeht, kommt man bei der Beurteilung neuer Beziehungsmodelle zu durchaus konkreten Ergebnissen. Sie sind vielleicht nicht so eindeutig, wie manche Christen sich das wünschen würden. Aber sie halten nebenbei die Tür offen für das Gespräch in gegenseitiger Achtung, für Gespräche, bei denen nicht die Moral, sondern die Bibel im Mittelpunkt steht. Das Wort Gottes, wenn man es denn wirklich zu Wort kommen lässt, besitzt große Kraft. Wer moralische Dämme für nötig hält, unterschätzt diese Kraft.

Updates

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Ab heute ist die Altersangabe in meinem ersten Eintrag nicht mehr aktuell. Außerdem findet an diesem Wochenende in Nürnberg das Bardentreffen statt, das für mich jedes Jahr ein musikalisches Highlight ist. Ich bin also dieses Wochenende ziemlich beschäftigt, deshalb gibt es heute nur ein paar neue und weniger neue Informationen.

Ich habe mir eine eigene Domain gegönnt. Ab sofort ist Herz im Wandschrank erreichbar unter:

herz-im-wandschrank.com

Tadaaaa! Die bisherige Adresse funktioniert natürlich weiterhin.

Dann möchte ich an dieser Stelle einmal auf den Verein Zwischenraum hinweisen, eine Gruppe homo- und bisexueller und trans*geschlechtlicher Christen mit vielen Regionalgruppen im deutschsprachigen Raum. Ich habe Zwischenraum vor etwa einem Jahr kennengelernt und dort viel Hilfe erfahren.

Leider sind die Regionalgruppen noch recht ungleich und keineswegs flächendeckend verteilt, so dass viele Zwischenraum-Mitglieder und -Freunde lange Wege für ein Treffen auf sich nehmen müssen. Einer dieser weißen Flecken auf der Karte ist der Norden Bayerns. Ich würde gerne im Großraum Nürnberg eine Gruppe gründen. Wer Interesse hat mitzumachen, findet hier die Kontaktinformationen.

Und dann gab es da noch ein Coming Out. Natürlich gab es da in meinem Leben viele davon, aber eines war für mich besonders wichtig und hat letztlich zu diesem Blog geführt. Letztes Jahr am 18. November im Buß- und Bettags-Gottesdienst habe ich mein Herz in die Hand genommen und bin damit vor versammelter Gemeinde aus dem Wandschrank geklettert. Die Tonaufnahme davon habe ich damals auf SoundCloud hochgeladen. Es wird höchste Zeit, dass ich sie hier auch teile:

Fürchte dich nicht

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Am vergangenen Montag griff ein vermutlich Minderjähriger in der Nähe von Würzburg Mitreisende in einem Regionalzug und später eine Passantin an und verletzte fünf Personen, vier davon schwer. Der Angreifer wurde von der Polizei in Notwehr erschossen. Nur vier Tage später, am Freitag, eröffnete ein 18-jähriger in einem Münchner Einkaufszentrum das Feuer, traf dreizehn Menschen, neun davon tödlich, und erschoss sich schließlich selbst.

Ich schreibe heute nicht für die mittelbar oder unmittelbar Betroffenen dieser Taten, nicht für die Opfer und deren Angehörige, nicht für die Augenzeugen oder Helfer. Ich bin weder selbst betroffen, noch kenne ich mich in Notfallseelsorge aus, und ich maße mir nicht an, auch nur annähernd beurteilen zu können, was in den Betroffenen selbst vorgeht. Ich will auch nicht über mögliche Motive und sich daraus ergebende Präventionsmaßnahmen spekulieren. Ich schreibe für den Rest von uns.

Zu oft habe ich in den letzten Wochen die Tagesschau-Eilmeldung zu einem ähnlichen Angriff auf meinem Handy gesehen und dann auf weitere Informationen gewartet. Und je näher die Tatorte waren (von Orlando einmal abgesehen), desto mehr schockieren mich die Taten. Vielleicht sollte es nicht so sein. Ein Menschenleben ist in München nicht mehr wert als in Nizza oder in Ankara oder in Bagdad. Aber räumliche Nähe bedeutet nun mal auch emotionale Nähe, so sind wir Menschen nun mal gestrickt, und mit der räumlichen Nähe kommt auch die Furcht. Ich war noch nie in Nizza oder Ankara oder Bagdad, aber im Zug in der nähe von Würzburg war ich schon oft unterwegs, und auch München habe ich schon häufig besucht. Es hätte zumindest theoretisch auch mich treffen können.

Furcht braucht keine rationale Grundlage. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut polizeilicher Kriminalstatistik 589 Menschen Opfer von Mord oder Totschlag. Im gleichen Zeitraum starben 3.475 Menschen im Straßenverkehr und vermutlich über 50.000 Menschen an einem Herzinfarkt. Ich denke, ich könnte mein Risiko, bei einem Anschlag oder Amoklauf ums Leben zu kommen, schon mit ein wenig mehr Bewegung und besserer Ernährung mehr als kompensieren. Und die Autofahrt nach München ist mit Sicherheit gefährlicher als der Aufenthalt in einem Einkaufszentrum dort oder die gleiche Strecke im Zug.

Furcht ist auch ein schlechter Ratgeber. Sie verdrängt rationale Erwägungen und führt allzu leicht in Panik. Sie ist Nährboden für Extremismus, Hass und Gewalt und macht damit viel mehr Menschen zu Opfern als die Taten, vor denen wir uns fürchten. Die Gefahr, in Deutschland einem Anschlag zum Opfer zu fallen, mag real sein, sie ist aber sehr gering. Sie kann uns blind machen für viele andere, viel größere Gefahren und damit großen Schaden anrichten. Sie kann uns aber auch die Augen dafür öffnen, dass Leben immer bedroht ist.

Ich lebe glücklicherweise in einem Land, in dem die meisten Menschen ein hohes Alter erreichen. Das ist sehr schön, das kann uns aber auch in einer trügerische Sicherheit wiegen. Ein dummer Zufall kann dazu führen, dass ein Mensch dieses hohe Alter nicht erreicht. Einmal zum falschen Zeit am falschen Ort zu sein, genügt schon. Mose betet im Psalm 90:

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Ich habe vielleicht Angst vor dem Sterben, aber eigentlich keine Angst vor dem Tod. Aber von der Klugheit, die aus dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit erwächst, könnte ich durchaus noch etwas mehr gebrauchen. Die Amokläufe dieser Woche hätten jeden treffen können. Sie sind aber nur ein ganz kleines Beispiel für die Gefahren, die menschliches Leben bedrohen. Sie können uns auf diese Gefahren hinweisen, sie können Anlass sein, sich einmal wieder der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden.

Die Antwort darauf lautet nicht Furcht, die Antwort darauf lautet Klugheit, und zwar die Klugheit, die uns hilft, unser Leben richtig auszurichten, unsere Prioritäten richtig zu setzen. Wenn wir das Glück haben, von solchen Taten nur in den Nachrichten zu hören, sind sie eine gute Gelegenheit zu überlegen, was im Leben wirklich zählt. Und wenn wir uns gegen die Furcht entscheiden, können sie uns sogar den Mut geben, entsprechende Entscheidungen zu treffen, um in unserem Leben wirklich etwas zum Besseren zu verändern.

Was wir dabei aber keinesfalls vergessen dürfen, sind die Opfer dieser Verbrechen. Die Selbstreflexion darf uns keinesfalls davon abhalten zu helfen, wo Hilfe bitter nötig ist. Und wenn wir keine Gelegenheit zur praktischen Hilfe haben: Beten kann jeder.

Schlechte Angewohnheit

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Auch diese Woche soll es noch einmal um die Jahreslosung gehen, um den tröstenden Gott und meine Erfahrungen damit. In den letzten beiden Wochen ging es vor allem darum, wie und warum mir dieser Trost lange Zeit gefehlt hat, und wie ich ihn wiedergefunden habe. Ja, ich habe ihn wiedergefunden. Ich erlebe, wie ich in der Nähe Gottes Ruhe finden und auftanken kann. Aber ich erlebe das eigentlich noch zu selten, und daran ist eine schlechte Angewohnheit schuld.

Ich habe mit der Nähe Gottes schlechte Erfahrungen gemacht. Bei Gott habe ich abgewertet und abgelehnt gefühlt, seine Nähe hat meine Schuldgefühle verstärkt, und das Gespräch mit Gott endete nicht selten in Streit und Frust. Über einen erheblichen Teil meines Glaubensweges war die Nähe Gottes häufig Auslöser negativer, leidvoller Gefühle.

Ich will damit keineswegs sagen, dass Gott diese Gefühle in mir hervorgerufen hat. Und ich bin fest überzeugt, dass er unter dieser Situation noch viel mehr gelitten hat als ich. Jesus ist für mich ans Kreuz gegangen. Er hat die Trennung von seinem Vater erlitten, nicht zuletzt damit er nachfühlen kann, was mich von ihm trennt. Es war ihm nie zu schwer, mein Leid mit auszuhalten. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Dieser Gedanke war für mich der Anfang des Trostes. Es hat meine dunkelsten Zeiten nicht heller gemacht, aber es war tröstlich, in dieser Dunkelheit zumindest nicht allein zu sein. Aber es hat auch nichts daran geändert, dass auch diese Begegnungen mit Gott mit leidvollen Gefühlen verbunden war.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und das gilt um so mehr, wenn es um Gefühle geht. Und wir versuchen instinktiv die Situationen zu vermeiden, die in der Vergangenheit mit unangenehmen Gefühlen verbunden waren. Das ist erst mal ein guter und richtiger Schutzmechanismus, den ein liebender Schöpfer in uns hineingelegt hat, aber in manchen Fällen, wenn sich die Randbedingungen geändert haben, steht uns dieser Schutzmechanismus auch im Weg.

So geht es mir zurzeit mit der Nähe Gottes. Ich genieße es sehr, wenn ich sie finde, sie bereichert mein Leben und hilft mir sehr. Aber ich habe immer noch diese Scheu, sie zu suchen, diese Angst, wieder abgelehnt und verletzt zu werden, diesen Schutzreflex gegen negative Gefühle. Und so unberechtigt und grundfalsch diese Abwehrhaltung auch sein mag, im Grunde kann ich recht wenig aktiv dagegen tun. Ich kann nunmal nicht aus meiner Haut, und auch meine Erfahrungen in der Vergangenheit, die mich in diese Situation gebracht haben, kann ich nicht einfach auslöschen. Und ehrlich gesagt will ich das noch nicht mal.

Aber es gibt dafür eine biblische Antwort: Paulus schreibt an die Philipper, dass Gott beides schenkt, das Wollen und das Vollbringen, und der unbekannte Schreiber des Hebräerbrief ergänzt, dass das Herz eines Christen durch Gnade gestärkt wird. Natürlich werde ich das Meine dazu tun, Gottes Nähe zu suchen, und mit der Zeit werden die Schöpfungskräfte, die im Moment gegen mich arbeiten, ganz von selbst wieder für mich arbeiten. Und in der Zwischenzeit werde ich nicht den Fehler machen, wieder in christlichen Leistungsdruck zu verfallen, sondern ich vertraue auf das, was ich schon oft erlebt habe, nämlich dass Gott auf jeden Fall stark genug ist, um meine Schwachheit auszugleichen.

 

Catch-22

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Vor ein paar Monaten habe ich schon mal einen Einblick in meine dunkelsten Zeiten gegeben. Gott verlangte anscheinend von mir, auf eine echte Beziehung zu einem Mann kategorisch und für alle Zeiten zu verzichten. Für mich ergab das (zurecht) nicht den geringsten Sinn, und ich sah mich außerstande, diesen Gehorsamsschritt zu tun. Ein Dilemma, das mich in tiefe Verzweiflung geführt hat.

In dieser Zeit besorgte mir ein Freund einen Termin bei einer erfahrenen Seelsorgerin. Ich tat mich damals noch schwerer als heute, über meine Gefühle, über meine Verzweiflung zu reden. Ich tat mein Bestes und erklärte Ihr meine Situation, dass Gott von mir einen Schritt verlangte, den zu gehen über meine Kräfte ging. Frau Erfahrene Seelsorgerin™ erklärte mir, dass sie mir nicht helfen könne, wenn ich nicht zu unbedingtem Gehorsam bereit wäre, und schickte mich weg.

Dieses Gespräch hat dazu beigetragen, zwei Überzeugungen bei mir zu festigen:

  • Trost und Hilfe gibt es bei Gott nur gegen Vorleistung.
  • An meiner trostlosen Situation bin ich selbst schuld.

Diese beiden Überzeugungen haben meine Beziehung zu Gott in den Jahren darauf nachhaltig beeinflusst, und zwar ziemlich zerstörerisch beeinflusst. In der Nähe Gottes erwarteten mich Schuldgefühle und psychischer Druck. Es ist schon ein kleines Wunder, dass ich in dieser Zeit überhaupt noch zuweilen die Nähe Gottes gesucht habe.

Erst Jahre später habe ich allmählich gelernt, auch zu klagen und mit Gott zu streiten, so wie es die Bibel ja an verschiedenen Stellen vorexerziert. Ich habe gelernt, meine Gefühle als das wahrzunehmen, was sie sind, nämlich meine wahren Gefühle. Ich habe gelernt, sehr langsam gelernt, dass Gott dem Menschen begegnen will, der ich tatsächlich bin, und nicht einer bereinigten, beschönigten Version von mir, und dass in einer solchen Begegnung viel Trost liegen kann.

Es war kein Trost, der aus schnellen Lösungen bestand. Es war ein Trost, der damit begann, die Verzweiflung aushalten zu können und aus Gottes Hand nehmen zu können, was mein Leben zerstört. Und der mir dann ganz langsam die Perspektive eröffnete, dass Not und Verzweiflung vielleicht doch nicht Gottes Plan für mein Leben seien – ein langer und schwieriger Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Aber entlang dieses Weges habe ich viel gelernt. Als Christ meint ja man immer, man müsse auf dem Weg des Glaubens schon viel weiter sein. Aber Trost und Hilfe gibt es nicht für Wunschdenken, nicht für die Wegkreuzung, an der ich gern wäre, sondern nur für die Wegkreuzung, an der ich mich tatsächlich befinde, ob es mir nun passt oder nicht.

Wenn wir das nicht beachten, landen wir allzu leicht in einer Situation, die nach einem Roman von Joseph Heller als Catch-22 bezeichnet wird. Hellers Protagonist möchte sich für geisteskrank erklären lassen. Im Roman kann aber nur jemand als geisteskrank erklärt werden, der darum bittet. Und wer das tut, beweist aber gleichzeitig so viel Urteilskraft bezüglich der eigenen geistigen Gesundheit, dass er unmöglich geisteskrank sein kann.

Die Seelsorgerin seinerzeit zeigte mir ein geistliches Catch-22: Um Gott gehorsam zu sein, brauchte ich damals ganz offensichtlich Hilfe. Die Voraussetzung dafür, diese Hilfe bekommen zu können, war aber, Gott gehorsam zu sein. Sie machte Gottes Hilfe von Voraussetzungen abhängig, die damals ganz offensichtlich jenseits meiner menschlichen Möglichkeiten lagen. Trost gibt es nur für die, die ihn gar nicht so dringend brauchen.

Dabei sagt Jesus etwas ganz anderes: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken, und Paulus ergänzt, dass Gott in uns beides bewirkt, das Wollen und das Vollbringen. Als Christen müssen wir den Weg der Heiligung beschreiten. Aber Gott erwartet uns nicht am Ende dieses Weges, sonder am Anfang, wirklich ganz am Anfang, weil er ihn mit uns gemeinsam gehen will, weil wir ohne seine Hilfe nicht einen Schritt tun können.

Wir sind immer noch bei der Jahreslosung aus Jesaja 66, Vers 13, und auch nächste Woche soll es noch mal um dieses Thema gehen. Aber bis dahin: Die Liebe einer Mutter ist bedingungslos, und Liebesentzug gehört nicht zu Gottes Erziehungsmethoden. Catch-22 existiert nur in der beschränkten Welt engherziger Christen, die meinen, Zugangsvoraussetzungen zur Gnade Gottes aufrichten zu müssen, und damit dem tröstenden Gott eigentlich ein ganz schlechtes Zeugnis ausstellen. Denn egal wie dunkel und voll von Not, Verzweiflung und Sünde unser Leben auch sein mag: Gottes Trost kann uns immer und überall erreichen.