Wir Braut

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Mit Bildern ist das so eine Sache: Jeder sieht etwas anderes.

Die Sprache der Bibel ist – zumindest aus heutiger Sicht – ausgesprochen bildhaft. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. An manchen Stellen versucht die Bibel zu beschreiben, was mit menschlichen Worten nicht beschreibbar ist, in der Offenbarung zum Beispiel. An anderen Stellen wird mit einer bildhaften Sprache eine emotionale Nähe geschaffen, die mit anderen Mitteln nicht erreichbar wäre. Die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn kann man kaum lesen, ohne persönlich berührt zu sein. Andererseits lehrt Jesus auch deshalb in Bildern und Gleichnissen, um Menschen den Zugang zu seiner Botschaft zu erschweren, vielleicht weil sie nicht willens sind, sich auch auf einer emotionalen Ebene auf seine Lehren einzulassen.

Bilder sind zwiespältig: Einerseits ermöglichen sie es uns, eine Sache besser zu verstehen, besser zu durchdringen, andererseits führen sie auch von der Sache weg, beschreiben nicht das Eigentliche, sondern nur eine Analogie. Dadurch haben sie Grenzen. Jedes Bild, jedes Gleichnis kann überstrapaziert werden. Treibt man die Auslegung zu weit, kommt zwangsläufig Unsinn heraus.

Das gilt selbst für die wichtigsten, edelsten Bilder in der Bibel. Wir reden von Gott, dem Vater, und von Gott, dem Sohn, und verwenden dabei ein menschliches Bild, um die Beziehung zwischen der ersten und der zweiten Person des dreieinigen Gottes zu beschreiben. Ich bin überzeugt, dass es kein besseres Bild für diese Beziehung gibt, aber wenn wir im Bezug auf Gott von Vater und Sohn reden, versuchen wir nur eine sehr grobe Annäherung an ein Phänomen, das sich menschlichem Denken und menschlicher Sprache entzieht. Eine grobe Annäherung, die grob falsch wird, wenn wir sie zu weit treiben. Der menschliche Vater ist immer vor dem Sohn da. Der göttliche Sohn ist genauso ewig wie der Vater. Es gab keine Vergangenheit, in der die Dreieinigkeit unvollständig war.

Eine weitere wichtige Beziehung ist die zwischen Jesus Christus und der von ihm berufenen und erlösten Gemeinde. Auch diese Beziehung ist letztlich nach menschlichen Maßstäben und mit menschlichen Worten nicht zu fassen. Das tiefste und beeindruckendste Bild dafür in der Bibel ist das von Jesus als Bräutigam und der Gemeinde als Braut. Auch hier greift die Bibel auf eine der wichtigsten menschlichen Beziehungen zurück, um eine der wichtigsten geistlichen Beziehungen zu beschreiben.

Besonders faszinierend an diesem Vergleich ist, dass er ein beide Richtungen funktioniert: Die Liebe zwischen Christus und der Gemeinde kann die Liebe zwischen Brautleuten (und Ehepartnern) inspirieren und vertiefen. Ebenso haben Verliebte und Verheiratete einen besonderen Schlüssel zum Verständnis der Liebe Christi und zur Vertiefung ihrer Liebe zu ihm. Paulus verwendet das Bild auch tatsächlich in beiden Richtungen.

Schwieriger wird es, wenn man versucht, auf dieser Analogie so etwas wie Moraltheologie zu bauen. Eine eins-zu-eins-Übertragung führt – wie bei jedem anderen Vergleich – zwangsläufig zu Unsinn. Andererseits kann man die einschlägigen Bibelstellen nicht einfach außen vor lassen, nur weil sie bildhaft sind. Wo zieht man als sorgfältiger Ausleger die Grenze?

Kommen wir also auf die Rangfolge zu sprechen. Denn eins ist klar: Christus ist das Haupt der Gemeinde. Er ist der Chef, und die Gemeinde ist ihm Gehorsam schuldig. Und schon haben wir fröhlich ein zweites Bild mit in die Diskussion gebracht, nämlich das von Christus als Haupt und der Gemeinde als Glieder eines Körpers. Lassen sich diese beiden Bilder vermischen? Kommt noch etwas vernünftiges dabei raus, wenn wir es tun?

Für die Leser der Paulusbriefe war eine klare Rangfolge zweifellos ein wesentlicher Bestandteil einer ehelichen Beziehung. Der Mann hat das Sagen, die Frau hat zu gehorchen. Die Gesellschaft war ausgesprochen patriarchalisch und dort, wo sie griechisch geprägt war, häufig extrem frauenfeindlich. Für die Christen des ersten Jahrhunderts war die Frage nicht, ob der Mann über seiner Frau stand, denn das war eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Es ging vielmehr um die Frage, auf welche Weise der Mann diese Rolle ausfüllt. Und hier hat gerade das Vorbild Christi als Haupt der Gemeinde den Ehemännern eine ganze Menge zu sagen.

Die Situation hat sich gewandelt, wir reden von Gleichberechtigung und verankern sie sogar in den Grundrechten, also in die einklagbare Basis des menschlichen Zusammenlebens. Gehen wir hier zu weit? Schreibt uns die Bibel mit dem Vergleich mit Christus und der Gemeine eine Rangfolge vor, die uns in der Gesellschaft verloren gegangen ist?

Eins ist schon mal klar: Wir bewegen uns mindestens am Rande biblischer Botschaft. Wir betrachten nur eine Richtung eines Vergleiches, der in zwei Richtungen gültig ist, wir konzentrieren uns auf einen Teilaspekt eines Vergleiches, der in seiner Bedeutung und Auslegung sehr vielfältig ist, und wir bewegen uns in einem Gebiet, in dem die biblische Botschaft schon stark mit gesellschaftlichen Randbedingungen durchmischt ist. Wer allein aus dem Vergleich mit Christus und der Gemeinde die Rangfolge von Mann und Frau als zwingende, biblische Lehre ansieht, hat den Bereich sorgfältiger und gründlicher Bibelauslegung längst verlassen.

Paulus schreibt an die Galater, dass es unter den Kindern Gottes keine Unterschiede mehr gibt, auch nicht zwischen Mann und Frau. Hier werfen wir einen flüchtigen Blick auf die wirklichen, theologischen Grundlagen. Die Realität im ersten Jahrhundert sieht anders aus. Eine wirkliche Gleichbehandlung von Mann und Frau ist unter den Bedingungen des ersten Jahrhunderts nicht lebbar. Dennoch gibt es unter den ersten Christen erstaunlich viele wichtige, einflussreiche Frauen. Kann es sein, dass Paulus hier einfach ein wenig auf die Bremse treten muss, weil die Botschaft Christi ernst genommen werden soll, und weil sich deshalb die Gemeinde nicht zu sehr von den gesellschaftlichen Realitäten um sie herum entfernen darf?

Fragen über Fragen. Ich werde hier bewusst keine eindeutige Antwort geben, weil ich der Überzeugung bin, dass das Neue Testament als Ganzes diese Antwort nicht liefert. Wir erinnern uns: Die Bibel redet nicht zuletzt deshalb in Bildern und Gleichnissen, um den Unwilligen die Augen zu verschließen. Wer mit Hilfe der Bibel sein überkommenes Eheverständnis zementieren will, wird blind für die biblische Wahrheit. Wer mit Hilfe der Bibel sein modernes und progressives Verständnis der Ehe als einzig richtig verkaufen will, wird ebenso blind für die biblische Wahrheit. Der Reichtum der Bibel erschließt sich für den offenen, lernbereiten Nachfolger, der in der Erfahrung von vor zweitausend Jahren nach der Hilfe für heute sucht. Daran möchte ich mich nächste Woche ein wenig versuchen.

Wir als weltweite, christliche Gemeinde sind die Braut Christi. Ein Bild voller Tiefe, voller Schönheit, voller Liebe. Ein Bild, das es wert ist, in alle Richtungen durchdacht, durchlebt, durchfühlt zu werden. Ein Bild, dessen Wert wir verlieren, wenn wir uns nur auf einen umstrittenen Randbereich konzentrieren.

Die biblische Ehe im Wandel der Zeit

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Die Bibel ist der richtige Ort für jeden, der nach ewigen Wahrheiten sucht. Sie ist voll davon. Aber dennoch ist bei weitem nicht alles, was in der Bibel steht, ewige Wahrheit. Manchmal kann es sogar im Grundsatz falsch sein, in der Bibel nach ewigen Wahrheiten zu suchen, nämlich genau dann, wenn es um Themen geht, die ihrer Natur nach nicht ewig sind, die keine ewige Gültigkeit haben. Eines der wichtigsten derartigen Themen ist die Ehe.

Nicht nur dass jede Ehe (spätestens) mit dem Tod eines Partners für alle Zeiten endet, auch die Institution Ehe an sich wird mit dieser Welt enden, wenn der Herr einmal alles neu machen wird. Die Sadduzäer weisen im Gespräch mit Jesus zurecht darauf hin, dass unsere Vorstellung von Ehe zu Widersprüchen führt, wenn es stimmt, dass die Menschen von den Toten auferstehen und ewig leben werden. Sie wollen damit die Vorstellung der Auferstehung ad absurdum führen, aber Jesus macht klar, dass es das Konzept der Ehe ist, das aufhören wird zu existieren, nicht der Mensch. Es mag ja romantisch sein, wenn sich Verliebte ewige Liebe schwören, biblisch gesehen ist das Unsinn.

Darüber hinaus ist unsere Vorstellung von der Ehe schon in dieser Welt immer wieder Veränderungen unterworfen. Das liegt auch und gerade an ihrer immensen Wichtigkeit: Gerade weil die Ehe von so großer Bedeutung für das Zusammenleben und den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist, kann sie keinesfalls unabhängig und losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen gelebt werden. Sie hat ihren unveränderlichen Kern, nämlich den Menschen als Schöpfungswerk Gottes. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Aber die praktische Ausgestaltung dieser göttlichen Ordnung muss sich nach den jeweiligen Möglichkeiten richten, muss sich den Rahmen menschlicher Ordnung geben. Die Ehe ist, wie Luther sagt, ein weltlich Ding. Die protestantische Christenheit versteht unter einer kirchlichen Trauung nicht, dass zwei Menschen in die göttliche Ordnung der Ehe eintreten, sondern dass sich Gott selbst zu der nach Menschenordnung geschlossenen Ehe bekennt und sie segnet.

Im Mittelpunkt steht der Mensch. Es geht nicht darum, abstrakten göttlichen Prinzipien zur Geltung zu verhelfen. Wie immer bei ethisch-moralischen Fragen geht es darum, die Lösung zu finden, mit der der Mensch als Geschöpf Gottes am besten zur Ehre Gottes leben kann. Dass dabei immer wieder Kompromisse gemacht werden müssen, ist in Ordnung, denn Gott selbst macht es so. Schon die Ehescheidung ist so ein Kompromiss, der immer wieder hinterfragt werden muss. Jesus verurteilt den Wildwuchs in dieser Frage, aber schon wenige Jahrzehnte später öffnet Paulus im ersten Korintherbrief wieder eine neue Möglichkeit für Menschen, deren Partner sich wegen ihres neuen Glaubens an Christus von ihnen getrennt haben. Er macht das nicht, weil er Jesu Worte nicht ernst nimmt, sondern weil neue gesellschaftliche Randbedingung eine Neujustage dieses Kompromisses notwendig gemacht haben.

Die Bibel versucht sich immer wieder an dieser Neujustage ehelicher Prinzipien, manchmal auch vergebens. „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen“, steht gleich zu Anfang, und wir überlesen aus unser heutigen Sicht allzu leicht, wie provozierend, ja revolutionär dieser harmlos aussehende Halbsatz in einer durch und durch patriarchalischen Gesellschaft geklungen haben muss. Einer der (aus heutiger Sicht) skurrilsten Kompromisse mit den Prinzipien der Ehe wird von Gott selbst geboten, nämlich die Schwagerehe: Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt, soll seine Witwe seinen nächst jüngeren, ledigen Bruder heiraten. Eine Regel, die nur unter den Bedingungen der damaligen Gesellschaft halbwegs verständlich ist, und auch nur in der damaligen Gesellschaft Sinn ergibt. Sie ist nach meiner Meinung der Inbegriff eines geringeren Übels, geboten von Gott unter bewusster Missachtung der Schöpfungsprinzipien der Ehe. Und sie wäre völlig unnötig, wenn das mit dem Mann, der Vater und Mutter für seine Frau verlässt, auch nur ansatzweise gesellschaftliche Realität gewesen wäre.

Nur Rechthaber und Idioten bestehen auf dem Idealfall. Der gute Hirte achtet stets darauf, seinen Schafen nicht zu weit voraus zu sein. Was die Bibel zur Ehe schreibt, ist durchweg geprägt von dem Wunsch Gottes, die realen Verhältnisse der Ehe zu verbessern. Es ist damit zwangsläufig auch durchweg von den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit geprägt. Wer versucht, diese Unterweisungen eins zu eins auf heutige Verhältnisse anzuwenden, geht an ihrem Kern vorbei. Schlimmer noch: Er läuft Gefahr, ihren Sinn ins Gegenteil zu verkehren. Schwagerehen sind nicht mehr nötig. Was vor dreitausend Jahren ein großer Fortschritt war, kann heute ein massiver Rückschritt sein.

Der sorgfältige Ausleger sieht sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, die konkrete, biblische Unterweisung von ihren gesellschaftlichen Ursachen zu befreien und den verborgenen Kern, das Schöpfungsprinzip dahinter freizulegen. So und nur so kann aus dem biblischen Wortlaut wirklich eine segensreiche Hilfestellung für heutige Ehen gewonnen werden. Wir haben es nötig.

Dies ist wieder mal der Anfang einer kleinen Serie. Ich möchte mich in den nächsten Wochen ein wenig dieser Aufgabe zu widmen, auch wenn ich als Single und Laie vielleicht nicht der geeignetste Kandidat dafür bin. Aber das Verständnis gleichgeschlechtlicher Ehen steht und fällt mit dem richtigen Verständnis der Ehe an sich, und ich denke, ich kann da zumindest ein paar Missverständnisse ausräumen.

Referenzen

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Ich bin das ganze Wochenende unterwegs, und das nächste Thema, das ich mir vorgenommen habe, bedarf noch einiger Vorbereitung. Deshalb gibt’s heute nur einen Lückenfüller.

Ich denke, ich teile heute mal ein paar der Internet-Seiten, die mich in den letzten zwei Jahren maßgeblich beeinflusst haben. Zu allererst und als wichtigste Quelle sei die Seite Streitfall Liebe der unvergleichlichen Valeria Hinck genannt. Sie liefert die zweifellos solideste und tiefgründigste Auslegung der Bibel zum Thema Homosexualität, die in deutscher Sprache verfügbar ist. Ihre Website und ihr Buch haben mein Leben auf den Kopf, nein, eher vom Kopf auf die Füße gestellt und mich in meiner Beziehung zu Gott zu neuer Tiefe geführt, wie ich das schon in ein paar Blogeinträgen beschrieben habe.

Vergleichbares leistet in englischer Sprache Matthew Vines. Von ihm gibt es auch ein gut gemachtes, kurzes Youtube-Video, das die wichtigsten Punkte zusammenfasst und sich gut zum Teilen eignet:

 

Recht neu und stellenweise noch im Aufbau, aber dennoch uneingeschränkt zu empfehlen ist horeb.world. Dem Autor gelingt das Kunststück, recht umfassend, kompakt und gleichzeitig persönlich zu schreiben.

Bei YouTube wurden in den vergangenen Jahren unzählige Coming-Out-Videos unterschiedlichster Art und Form hochgeladen. Hier hat sich ein unvergleichlicher Schatz an Erfahrung und Ermutigung angesammelt. Mit dem Suchbegriff Coming Out landet man natürlich vor allem bei englischsprachigen Videos. Ich möchte zwei vorstellen, zunächst einmal das Video von Matthew Schueller, der unter anderem sehr persönlich und eindrücklich beschreibt, was bekannte „christliche“ Positionen in einem Menschen anrichten können:

 

Und dann wäre da noch Connor Franta. In seinem Coming-Out-Video spürt man die Erfahrung eines Multi-Millionen-Abonnenten-Youtubers. Das Video ist natürlich auch persönlich und inhaltlich beeindruckend, aber ich fand es im Aufbau so gelungen, dass ich es sozusagen als Blaupause für mein eigenes Coming-Out in meiner Gemeinde genommen und meine Geschichte in Connors Erzählstruktur verpackt habe:

 

Wer es direkt vergleichen will: Hier ist meine Geschichte.

Die Liste erhebt nicht den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist eine Auswahl der Referenzen, der Menschen, die für mich besonders wichtig waren. Und es bleibt mir nur, diesen allen (und vielen anderen) zu sagen: Danke!

Reformations-Halloween

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Im Jahr 1517 soll ein gewisser Hans von Hake bei Johann Tetzel einen Ablassbrief „für noch zu begehende Sünden“ gekauft haben. Kurz darauf überfiel und beraubte er Tetzel unter Vorzeigung dieses Ablassbriefes. Historiker bezweifeln, dass dies so stattgefunden hat, aber unabhängig von ihrem historischen Gehalt zeigt die Geschichte wunderbar die Absurdität des Ablasshandels auf.

Tetzel ist längst tot und glücklicherweise auch die von ihm vertretene Form des Ablasses gegen Geld. Ablässe gibt es aber immer noch. Die katholische Kirche definiert wie folgt (Stand 1983):

Ablaß ist der Nachlaß zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.

Als aufrechter Protestant des 21. Jahrhunderts muss ich sagen: Mir gruselt. Ich möchte hier nicht auf die theologischen Details eingehen, aber ich muss sagen: Mehr noch als die Ablass-Praxis des 16. Jahrhunderts jagt mir die theologische Begründung kalte Schauer über den Rücken. Das passt gut zur Jahreszeit, denn morgen ist der ideale Tag für Gruselgeschichten aller Art, auch über den Ablasshandel.

Statt Hans von Hakes Überfall, der wohl eher dem Reich der Legende zuzuordnen ist, gedenken wir morgen am Reformationstag Martin Luthers historisch verbürgten 95 Thesen. Statt einer äußerst gelungenen, aber theologisch vermutlich fragwürdigen Satire-Aktion feiern wir ein theologisch fundiertes, aber ziemlich langatmiges Thesenpapier. Die evangelische Christenheit hat nicht viel Glück mit ihren spezifischen Feiertagen: Der Reformationstag hat einen trockenen theologischen Disput zum Thema, beim Buß- und Bettag klingt schon der Name nach schlechter Laune – zumindest seit der Rechtschreibreform, die es unmöglich gemacht hat, im Bet-Tag einen Bett-Tag zu lesen.

Entsprechend hoffnungslos erscheint es mir, sich der Überlagerung des Reformationstags durch Halloween entgegenzustellen. Denn gegenüber so ziemlich jeder Reformationstags-Feier hat so ziemlich jede Halloween-Feier einen entscheidenden Vorteil: Sie macht Spaß. Wenn ich sehe, mit welcher Kreativität, welchem Humor und welcher Liebe zum Detail sich die angelsächsische Welt diesem Feiertag widmet, werde ich ein wenig neidisch. Mit dem deutschen Kulturgut Fasching stehe ich seit jeher auf Kriegsfuß. Der amerikanische Halloween-Kult liegt mir da wesentlich näher. Ich stelle mir einen Abend in Gesellschaft von Horror-Clowns wesentlich lustiger vor als einen Abend in Gesellschaft von Faschingsprinzen und Funkenmariechen.

Im Gegensatz zu Vatertag und Himmelfahrt wurde ja Halloween nicht mit Absicht auf einen christlichen Feiertag gelegt. Die Termine haben zwar einen gemeinsamen Grund (der Tag vor Allerheiligen), entstanden aber völlig unabhängig voneinander. Die Protestanten haben bekanntlich ihren Namen davon, dass sie 1529 gegen die Ächtung Martin Luthers protestierten. Heute protestieren sie vielfach dagegen, dass fröhliche Halloween-Feiern den theologisch-trockenen Reformationstag verdrängen. Ein verlorener Kampf, mit dem sie in erster Linie erreichen, dass die Anhänger Jesu, der von seinen Gegnern als Fresser und Weinsäufer bezeichnet wurde, heute vor allem als Spaßbremsen bekannt sind.

Statt den Terminkonflikt gelassen hinzunehmen, wird er zum Kultur- oder gar Glaubenskampf überhöht. Wer sich und seine Sache zu ernst und zu wichtig nimmt, gleitet allzu leicht ins Absurde ab und macht sich am Ende nur lächerlich – so wie Tetzel durch durch Hans von Hake lächerlich gemacht wurde. Halloween-Feiern haben ebenso ihre Berechtigung wie Reformationstags-Gottesdienste. Dabei sind beide Feste derart unterschiedlich, dass sie unmöglich in Konkurrenz zueinander stehen könnten, lägen sie nicht dummerweise auf demselben Tag. Was beide aber letztendlich gemeinsam haben, ist das wohlige Gruseln in der Erinnerung an längst überwundenen Aberglauben.

Halloween bietet neben traditionellen Motiven auch die Gelegenheit für ungewöhnliche Kostüme. Von mehreren Anbietern gibt es passende Perücken, um sich als Donald Trump zu verkleiden, eine wahrhaft gruselige Figur. Nächstes Jahr wird zum Reformations-Jubiläum sicher auch der eine oder andere Luther auftauchen. Ich hätte da eine viel bessere Idee: Johann Tetzel inklusive Ablassbriefe, Geldkasten und Tonsur. Zwar werden nur die wenigsten verstehen, was daran gruselig sein soll, aber beim Rest lässt sich mit dieser Figur, wenn man sie gut spielt, nebenbei sehr schön Geld für einen guten Zweck sammeln.

Kreuz und Selbstwert

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Letzte Woche habe ich das Thema Vergebung angesprochen. Ich bin nicht sehr gut darin. Das heißt nicht, dass es mir nicht wichtig ist, anderen zu vergeben. Jesus betont es ja mehrfach und sogar im Vaterunser ist es enthalten: Wenn ich auf einen gnädigen Gott hoffen will, muss ich dieselbe Gnade auch anderen entgegenbringen. Das versuche ich täglich, aber ich erlebe auch täglich, dass es mir viel schwerer fällt, anderen zu vergeben, als es mir recht sein kann, und dass ich oft viel zu nachtragend bin.

Das gilt gerade auch in Fällen, in denen jemand gar nicht weiß, dass er oder sie etwas Falsches getan hat. Ich denke, wer mich um Entschuldigung bittet, bekommt meist eine ehrlich freundliche Reaktion. Aber wenn jemand sein Unrecht nicht erkennt oder nicht einsieht, werde ich fuchsig. Das ist vor allem deshalb besonders schlecht, weil ich nicht nur nicht vergebe, sondern auch noch über andere urteile – und dabei mit meinem Urteil nicht selten auch noch falsch liege. Das mag eine sehr menschliche Reaktion auf gefühltes, erlittenes Unrecht sein, aber nach über 30 Jahren als Christ sollte ich vielleicht weiter sein. Sollte. Wie gut, dass Gottes Liebe nicht davon abhängig ist.

Jesus ist für mich gestorben, als ich noch Sünder war. Und Jesus ist auch für mein derzeitiges Ich gestorben, dem Vergebung immer noch zu schwer fällt. Ich bilde mir nicht ein, Jesu Tod am Kreuz und seine Auswirkungen auf mich vollständig zu verstehen. Manches daran wird lebenslang für mich geheimnisvoll bleiben, und das ist auch gut so. Aber ich habe in letzter Zeit einen Aspekt entdeckt, der mir gerade beim Thema Vergebung weiterhilft.

Aber zunächst habe ich erkannt, wieder einmal erkannt, dass nicht jede biblische Wahrheit in jeder Situation hilfreich ist. Mein Verständnis von Vergebung ist von jeher von zwei Wahrheiten geprägt. Als erstes ist die Schuld des Anderen meist viel kleiner, als ich es annehme. Sehr wenig von dem, was bei mir als böse ankommt, ist das Ergebnis böser Absicht. Manchmal ist Dummheit, Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit die wahre Ursache, manchmal auch einfach nur andere Werte oder kulturelle Unterschiede. Die wenigsten Treffer auf meiner Seele sind gezielt. Es ist daher sicher nicht verkehrt, erst einmal von der besten Absicht auszugehen und möglichst gut von anderen Menschen zu denken.

Die zweite Wahrheit ergibt sich schon fast daraus und wurde schon eingangs erwähnt: Ich bin keinesfalls besser. Wie kann ich bei der mutmaßlich geringen Schuld des anderen nachtragend sein, wenn ich das Maß meiner eigenen Schuld gegenüber anderen auch nur halbwegs erkannt habe?

Beide Wahrheiten sind nicht nur offensichtlich wahr, sondern auch ganz offensichtlich sehr wichtige Aspekte des Themas Schuld und Vergebung. Es sind wichtige Erkenntnisse im Umgang mit anderen Menschen und mit mir selbst, sie stutzen mich auf ein realistisches Maß zurück und wehren Rechthaberei und Hochmut ab. Sie haben aber auch ihre Grenzen: Sie ermöglichen mir Vergebung nur auf Kosten des eigenen Ichs. Wahrheit Nummer eins verharmlost die Schuld an mir und Wahrheit Nummer zwei macht mir zusätzlich ein schlechtes Gewissen.

Was Vergebung für mich in der Praxis oft so schwer macht, sind meine verletzten Gefühle. Und Vergebung auf Grundlage dieser beiden Wahrheiten hilft mir gerade in diesem Punkt überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Sie erklärt die Unterdrückung dieser schlechten Gefühle zu meiner eigenen Aufgabe, meiner Verpflichtung, die ich allein aus menschlicher Kraft zu bewältigen habe. Das geht natürlich nur so lange gut, wie meine menschliche Kraft dafür ausreicht, und das ist bei weitem nicht lange genug.

Und es geht am Kern der Vergebung vorbei. Gottes Strategie ist nicht Verharmlosung, nicht Relativierung und erst recht nicht, uns ein möglichst schlechtes Gewissen zu machen. Gottes Strategie ist es, das Thema ein für allemal zu erledigen. Dafür starb Jesus am Kreuz. Dafür musste Jesus am Kreuz sterben. Das ist das absolute Gegenteil von Verharmlosung.

Nie wurde die Schuld der Menschen so offensichtlich so ernst genommen wie vor knapp 2000 Jahren auf Golgatha. Nie wurde so deutlich, wie ernst Gott dieses Thema nimmt, wie wenig er zu das ist ja nicht so schlimm oder das war ja keine böse Absicht oder das kann ja jedem mal passieren neigt. Jede einzelne Schuld ist in Gottes Augen so schlimm, dass sie nur gesühnt werden konnte, indem ein Unschuldiger dafür stirbt. Wie schon erwähnt, ich verstehe das nicht vollständig, aber trotz allem ist es offensichtlich so.

Ich habe schon lange begriffen, dass dies meine eigene Schuld betrifft, dass Jesus für mich sterben musste, dass es für mich sonst keine Vergebung, keine Rettung gegeben hätte. Erst allmählich begreife ich, was es heißt, dass Jesus auch für andere gestorben ist, dass er gerade auch für die gestorben ist, die an mir schuldig wurden. Er zeigt mir damit, wie bitter ernst er jede einzelne Schuld an mir, jede Verletzung, jeden Stich in meiner Seele nimmt. Er macht mir mehr als deutlich, dass es für ihn unter keinen Umständen akzeptabel ist, dass mir unrecht geschieht. Das Jesus für mich gestorben ist, zeigt seine unbegreiflich große Liebe für mich. Dass Jesus für die Menschen gestorben ist, die an mir schuldig geworden sind, zeigt diese Liebe nicht minder.

Das heißt auch, dass Jesus meine verletzten Gefühle sehr ernst nimmt, vielleicht ernster als ich selbst. Ich muss sie nicht relativieren oder unterdrücken. Ich kann sie in die Zuständigkeit dessen abgeben, für den sie mindestens ebenso wichtig sind wie für mich selbst. Für Gerechtigkeit ist letztlich allein Gott zuständig. Als Mensch bin ich höchstens sein Beauftragter in der Umsetzung, in den allermeisten Fällen nicht einmal das. Vergebung heißt nicht, dass ich Schuld leugne. Es heißt, dass ich die Zuständigkeit für die Sühne abgebe. Dazu brauche ich noch viel Übung, und ich werde lebenslang ein Lernender bleiben. Aber ich verlasse mich dabei nicht mehr auf meine begrenzte Kraft, Gefühle zu unterdrücken. Und dabei hilft mir, dass ich mich als Opfer ebenso von Gott ernst genommen fühle wie als Täter.

Homosexualität ist …

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Vor ein paar Wochen schrieb mir ein sehr guter Freund: „Ich finde einfach mehr Argumente die nicht für eine Vereinbarkeit von Homosexualität und Bibel sprechen (…).“ Es sind Sätze wie diese, die einem schwulen Christen immer wieder begegnen: „Homosexualität ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ Oder in der schärferen Form: „Homosexualität ist Sünde.“ Ich möchte heute nicht auf die biblische Seite eingehen, die in diesen Sätzen mitschwingt. So weit komme ich gar nicht, denn wenn ich solche „Antworten“ sehe, kann ich nur mit Loriot bzw. Evelyn Hamann ausrufen: „Da regt mich ja die Frage schon auf!“

Homosexualität ist ein Oberbegriff für eine Gruppe sehr unterschiedlicher Phänomene. Ohne zu erklären, was hier genauer gemeint ist, entbehren solche Sätze erst mal völlig jeder Aussagekraft. Meint der Schreiber die sexuelle Orientierung, will er stattdessen etwas über sexuelle Handlungen aussagen oder über erotische oder romantische Gefühle? Redet er von der Beziehung zweier Menschen, und wenn ja, von welcher Art von Beziehung? Oder hat er homosexuelles Verhalten bei Tieren im Blick, dafür gibt es bekanntlich ja auch jede Menge Beispiele. Je nachdem, welche Teilbedeutung man einsetzt, kommt jeweils eine völlig andere Aussage heraus. Die wahre Bedeutung bleibt rätselhaft.

Doch eine Aussage ist in solchen Sätzen tatsächlich immer vorhanden, nämlich die über die Fachkompetenz des Äußernden: Sie ist offensichtlich nicht in annähernd ausreichendem Maße vorhanden. Es ist doch selbstverständlich, dass bei jeder Form moralischer Wertung deutlich zwischen der Persönlichkeit, den Gefühlen und den Handlungen eines Menschen unterschieden werden muss. Wer den Begriff Homosexualität, der ja alle drei Bereiche umfasst, als Ganzes einer Wertung zu unterziehen, macht deutlich, dass ihm zu einem Werturteil in dieser Frage jegliche Grundlage fehlt.

Trotzdem hört und liest man diese Sätze immer wieder. Was macht man nun mit den Menschen, die so einen offensichtlichen Unsinn von sich geben? Ich glaube, ignorieren wäre die beste Lösung. In den meisten Fällen können diese Menschen einfach nicht erkennen, wie wenig sie wirklich über Homosexualität wissen. Wenn man noch bedenkt, wie viele Klischees, Gerüchten und leider auch Lügen auch von christlichen Führungspersönlichkeiten zu diesem Thema quasi als biblische Wahrheit verbreitet werden, entsteht hier leicht, gerade bei Heteros, ein Gefühl scheinbarer Kompetenz, das dann zu den eingangs erwähnten, sinnfreien Aussagen führt.

Zum Glück lassen eben diese Aussagen leicht erkennen, dass der Äußernde nicht wirklich weiß, wovon er spricht, so dass man getrost die Ohren auf Durchzug schalten kann. Aus dem Mund, der einen derartigen Unsinn äußert, ist zum gleichen Thema nicht mit Weisheit zu rechnen. Und mit den Ohren auf Durchzug bleibt der Raum dazwischen schön frei für die netten, liebevollen und oft sehr weisen Sachen, die diese Menschen vielleicht zu anderen Themen zu sagen haben.

Wenn es denn so einfach wäre. Mir fällt dieses Ignorieren regelmäßig sehr schwer, gerade wenn solche Aussagen von Menschen kommen, die ich ganz besonders schätze, denn im Grunde sind diese Aussagen zutiefst verletzend. Wenn der Begriff Homosexualität ohne Zusätze verwendet ist, ist heute normalerweise die sexuelle Orientierung gemeint, die Teil der sexuellen Identität und damit Teil der Persönlichkeit ist. Und deshalb: Wenn jemand „Homosexualität ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ sagt, höre ich zwangsläufig: „Deine Persönlichkeit ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ Oder kurz: „Du bist nicht mit der Bibel vereinbar.“

Solche Aussagen sind abwertend und entwürdigend, sie stellen meinen Wert als Person infrage, und ich bringe es einfach nicht fertig, sie zu ignorieren, gerade wenn sie von sehr guten Freunden kommen. Auch wenn ich weiß, dass diese Abwertung meiner Person nur fahrlässig aus Inkompetenz geschieht, werden da bei mir leider sehr unchristliche Gefühle geweckt. Ich bin regelmäßig nicht nur verletzt, sondern auch wütend und stinksauer. Um es recht drastisch auszudrücken: Meine geschundene Seele verlangt nach Vergeltung.

Wie gesagt, das sind sehr unchristliche Gefühle. Die richtige Antwort wäre Vergebung. Sie wäre nicht nur „Christenpflicht“, sie wäre auch der Situation angemessen und würde nicht zuletzt auch mir selbst gut tun. Sie hätte mir manche durch Wut und Ärger schlaflose Nacht erspart. Dass es mir trotzdem immer noch in solchen Situationen so schwer fällt zu vergeben, zeigt vor allem, wie viel ich hier noch zu lernen habe.

Ich möchte solche Sätze wie „Homosexualität ist nicht mit der Bibel vereinbar.“ nicht verharmlosen. Wer andere Menschen verletzt, weil er Werturteile zu Themen abgibt, von denen er offensichtlich keine Ahnung hat, der sündigt. Meine verletzten Gefühle allerdings haben ihre Ursache nicht in diesen Sünden, sondern in meinem Umgang damit. Wie Eleanor Roosevelt einst sagte: „Niemand kann dir, ohne deine Zustimmung, das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“

Gott, der Herr

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Dies ist der letzte Eintrag meiner kleinen Serie über Gottesnamen, die ich vor vier Wochen mit „Gott, der ganz Andere“ begonnen habe.

Als Kind hat es mich immer gestört, wenn andere vom Herrn Jesus gesprochen haben. Den Namenszusatz Herr kannte ich natürlich schon, aber den verwendet man doch nur beim Nachnamen, wie bei Herr Müller oder Herr Schmidt, und Jesus war ja der Vorname. Später wurde „Herr“ (ohne Namen) meine persönliche Anrede für Gott im Gebet. In früheren Jahren habe ich Gott fast ausschließlich mit „Herr“ angesprochen, und auch heute dürfte es noch die am häufigsten verwendete Anrede sein.

Die Häufigkeit des Wortes Herr in der Bibel geht auf eine Idee Martin Luthers zurück. Im Judentum ist es üblich, bei der Schriftlesung den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen, weswegen zu Luthers Zeiten schon lange nicht mehr bekannt war, wie man ihn denn korrekt ausspricht. Er hat deshalb an den meisten Stellen – in Anlehnung an die jüdische Tradition – den Gottesnamen bei der Übersetzung mit dem Wort Herr ersetzt.

Ich mag diese Ersetzung. Sie erweist nicht nur der jüdischen Tradition den angemessenen Respekt, sie stellt auch klar, welche Rolle Gott in der Bibel (und nicht nur da) spielt: Er ist der Chef im Ring. Sein Wille und sein Handeln dominiert die Weltgeschichte, im Großen und im Kleinen, und er dominiert auch meine persönliche Geschichte. Sowohl meine Lebensumstände als auch meine Entscheidungen müssen sich an ihm ausrichten. Die äußeren Umstände machen das ohne mein Zutun, bei meinen Entscheidungen bin ich auch selber gefordert, diese Ausrichtung herzustellen.

Aber Luthers Entscheidung hat auch einen großen Nachteil. Als Gott gegenüber Mose seinen Namen nennt, verzichtet er ja bewusst darauf, sich selbst irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben. Gott ist der, der er von sich heraus ist. Punkt. Keine weiteren Erklärungen. Luther ersetzt den Namen für das Wesen Gottes durch eine, wenn auch wesentliche, Eigenschaft. Er beschreibt, und damit reduziert er auch. Die Souveränität, zu entscheiden wie er will, die im Wort Herr zum Ausdruck kommt, ist nur ein Teil der Souveränität Gottes, die darin besteht, eben der zu sein, der er ist.

Es ist diese Falle der Konkretheit, die oft dazu führt, dass uns gerade die Wahrheiten in die Irre leiten. Wir fassen zu eng, wir grenzen die Eigenschaften Gottes auf unsere menschlichen Vorstellungen ein und vergessen: Selbst das beste und größte, was wir uns vorstellen können, ist zu schlecht und zu klein, um Gott so zu beschreiben, wie er wirklich ist. Genau dies ist mir beim Wort Herr passiert, und es gehört zu den schwierigsten Lernprozessen meines Glaubenslebens, mich daraus zu befreien.

Meine Vorstellung von Gott, dem Herrn, ist die eines idealen Arbeitgebers, eines idealen Chefs. Ein Gott, der mir Aufgaben überträgt, die mich herausfordern, die ich aber auch bewältigen kann. Ein Gott, der mir Fehler nicht nachträgt, sondern sie als Ausgangspunkt für zukünftige Lernprozesse sieht. Ein Gott, der mir Erfolgserlebnisse gönnt und mir dabei hilft, möglichst viele davon zu erleben.

Ein toller Gott, wenn man ihn so sieht, und nichts davon ist falsch, aber das Bild ist unvollständig. Und leider fehlt gerade ein Teil, der für mich besonders wichtig ist. Ich wurde so erzogen, dass man für Intelligenz, für seine Talente oder auch für äußere Umstände nichts kann. Dafür ist man nicht verantwortlich, und wenn mir in diesen Bereichen etwas fehlt, darf mir das keiner vorwerfen. Die eigene Zutat ist der Fleiß, einen Mangel davon kann und muss man mir vorwerfen. Fleiß ist Pflicht.

Das ist kein falscher Maßstab, aber es ist leider der Maßstab, bei dem gerade ich mit meiner spezifischen Persönlichkeitsstruktur beständig schlecht wegkomme. Es ist ein Maßstab, der meine Erfolge herabwertet und meine Fehler betont. Es ist ein Maßstab, der meinem chronisch unterentwickeltem Selbstwertgefühl die Chance zum Wachsen nimmt. Und in Verbindung mit meiner Vorstellung von Gott, dem Herrn, verstellt mir dieser Maßstab den Blick darauf, wie sehr Gott mich liebt.

Gott hat für dieses Problem in seiner grenzenlosen Liebe und Souveränität längst seine ganz eigene Lösung gefunden und versucht beständig, sie mir beizubringen. Er will einfach auf eine andere Weise mein Herr sein. Er gibt mir keine Aufträge, sondern schenkt mir Gelegenheiten. Gott hat mir das gerade vor kurzem wieder aufgezeigt, und es ist im Rückblick wirklich verblüffend: Wenn ich in meinem Leben die Initiative ergriffen habe, wenn ich versucht habe, mich für die gute Sache einzusetzen, in einer Situation das Richtige und Nötige zu tun, war das Ergebnis jämmerlich. Was ich versucht habe, auf die Beine zu stellen, war meist den Versuch nicht wert. Die großen und dauerhaften Erfolge in meinem Leben beruhen auf Gelegenheiten, die ganz ohne mein Zutun entstanden sind. Ich habe immer nur dann erfolgreich gebrütet, wenn ich mich ins gemachte Nest gesetzt habe.

Gott ist mein Herr, und ich glaube, das gilt mehr denn je. Aber Gott hat in seiner Liebe und Souveränität diesem Satz speziell für mich eine andere Bedeutung gegeben, als ich lange dachte. Er gibt mir keine Aufträge, die ich zu erfüllen habe. Er geht mir voran, und ich muss ihm so dicht wie möglich folgen. Ich möchte betonen, dass dies Gottes spezielle Lösung für mich ist, und dass es gerade Kennzeichen seiner Souveränität, seines sich-selbst-Seins ist, die Worte „Gott, der Herr“ bei jedem seiner Geschöpfe auf andere Weise mit Leben zu füllen.

Es ist dies eine Form von Nachfolge, mit der sich meine Seele immer noch schwer tut, weil es sich für mich, mit meiner Geschichte und Prägung, nach einem Leben in ständiger Pflichtverletzung anfühlt. Denn selbst wenn da Aufgaben sind, die getan werden müssen, selbst wenn meine Fähigkeiten gefragt wären, und ich glaube, die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können: Wenn ich meinen Herrn nicht voraus gehen sehe, muss auch ich die Füße still halten, und das fällt mir schwer. Aber wenn ich das wirklich ernst meine, dass Gott mein Herr ist, dann muss ich ihm auch die Entscheidung überlassen, wie er mein Herr sein will, wie er dieses Wort mit Leben füllen will. Und ich lerne dabei: Egal was meine Vorstellungen dazu sagen: Gottes Wege sind gut für mich.

Gott, die Zuflucht

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Ich habe in einem früheren Eintrag erzählt, dass es mir schwer fällt, Gottes Nähe zu suchen. Das liegt gerade einmal zweieinhalb Monate zurück, und ich stelle beim Schreiben dieser Zeilen fest, wie viel sich seither bei mir getan hat. Ich habe erlebt, wie ich in Gottes Nähe Ruhe, Ermutigung und Stärkung erfahren durfte, gerade in schwierigen Situationen. Und ich habe mich immer wieder in Gottes Nähe wohl und geborgen gefühlt. Die Gefühle, die mich von Gott fern halten wollen, sind noch da, aber sie sind in den letzten Monaten spürbar schwächer geworden.

Eines der ersten Bücher zum Thema Homosexualität, das ich gelesen habe, verwendet das Bild eines Baches. Wird sein Bachbett durch äußere Ereignisse, zum Beispiel einen Erdrutsch, blockiert, sucht sich der Bach einen neuen Weg und bildet sich ein neues Bett. Will man den Bach zurück in sein altes Bett bringen, muss man zunächst die Blockade entfernen. Danach bedarf es nur ein wenig Hilfe, damit der Bach sein altes Bett wiederfindet und fortan wieder hier fließt.

Der Autor meinte, dass bei jedem Menschen die Heterosexualität das natürliche Bachbett sei, und dass eine sexuelle Orientierung auf das gleiche Geschlecht nur entstehen könne, wenn die „natürliche“ Entwicklung durch äußere Umstände blockiert sei. Man müsse dann nur die Blockade entfernen und ein wenig „nachhelfen“ schon würde aus dem Schwulen und der Lesbe wieder ein „gesunder Hetero“.

Wer als schwuler oder lesbischer Mensch halbwegs mit sich selbst im Reinen ist, wird diesen Unsinn sofort durch ein wenig Selbstbeobachtung als solchen identifizieren können. Heteros tun sich da schwerer, insbesondere wenn sie keine gleichgeschlechtlichen Paare in ihrem Freundeskreis haben. Ihnen fehlt die Erfahrung aus erster Hand. Gefährlich wird diese Vorstellung für Menschen, die tatsächlich solche Blockaden in ihrem Leben haben. Denn das Bild ist ja nicht prinzipiell falsch: Die natürliche Entwicklung eines jungen Menschen kann ja durch vielerlei äußere Ereignisse blockiert und in falsche Bahnen gebracht werden.

Mich hat damals das Bild mit dem Bachbett sehr angesprochen, ich habe mich darin wiedergefunden. Mittlerweile konnte ich mit Gottes Hilfe viele dieser Blockaden entfernen, und vieles in meinem Leben, das früher blockiert war, fließt wieder in den richtigen Bahnen. Deshalb kann ich auch zweifelsfrei sagen, dass mein persönliches, natürliches Bachbett schwul ist, dass meine sexuelle Orientierung ein Teil dessen ist, wie Gott mich gedacht hat. Damals, als ich dieses Buch gelesen habe, war mir diese Erkenntnis verwehrt.

Ich habe mich seinerzeit in die Hände derer begeben, die dieses Verständnis von Homosexualität vertreten haben, weil ich zurecht der Überzeugung war, dass bei mir solche Blockaden vorlagen. Diese Menschen haben mir auch tatsächlich geholfen, einige dieser Blockaden zu entfernen. Aber leider haben sie sie durch neue ersetzt. Sie haben Kiesel weggeräumt und Felsbrocken herbeigeschafft. Sie haben entfernt, was mir eine erfüllte, lebenslange Beziehung erschwert hätte, aber sie haben mir gleichzeitig eine erfüllte, lebenslange Beziehung unmöglich gemacht. Sie wollten mir den Zugang zu anderen Menschen erleichtern und haben mir den Zugang zu Gott erschwert. Sie haben den Splitter aus meinem Auge entfernt und statt dessen einen Balken eingesetzt.

Von allen Blockaden, die sich in unser Leben eingeschlichen haben, sind die am schlimmsten, die zwischen uns und Gott liegen. Jesus sagt:

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

Es ist Gottes Wille, dass wir bei ihm Zuflucht finden, dass wir Ruhe finden für unsere Seelen. Das ist der Qualitätserweis des Jochs Jesu. Wie ich schon vor einigen Wochen geschrieben habe: So etwas braucht Zeit. Die menschliche Seele hält an dem fest, was sie kennt, und selbst an die Ruhe in Gottes Nähe muss sie sich erst langsam gewöhnen. Aber wenn diese Ruhe auf Dauer ausbleibt, dann tragen wir nicht das Joch Jesu, sondern ein Joch, das uns Menschen auferlegt haben.

Viele Blockaden sind bei mir heute beseitigt, auch viele derer, die andere Christen in meinem Leben aufgetürmt haben. Darunter kommt ein Bachbett zum Vorschein, das nicht so aussieht, wie ich es mir vor 20 Jahren vorgestellt habe, und viele Christen können sich bis heute nicht vorstellen, dass ein natürliches Bachbett so aussehen könnte. Aber das spielt keine Rolle, denn ich spüre, dass das Wasser mehr und mehr wieder da fließt, wo es fließen soll. Und als Folge erlebe ich, dass ich Gott meine Zuflucht nennen kann, nicht nur aus theologischer Überzeugung, sondern aus persönlicher Erfahrung.

Gott, der Mensch gewordene

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Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten. Ein einfacher Satz, der so viel Geheimnisvolles in sich birgt, das wir unser ganzes Leben mit dem Versuch verbringen können, ihn wirklich zu verstehen. Wir können es auch bleiben lassen, denn um durch Jesus gerettet zu werden, muss man seine Rettungstat glücklicherweise nicht gänzlich verstehen. Ich bin sogar der Meinung, dass man Jesus noch nicht einmal kennen muss, zumindest nicht unter diesem Namen, um von ihm gerettet zu werden. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Dabei übersehen wir leicht, dass es auch von Gottes Seite ein gewisses Verständnisproblem gibt. Die Versuchung ist beständiger, ja fast schon definierender Teil des Menschseins. Wir besitzen die im Grunde sehr erstaunliche Fähigkeit, das Richtige zu erkennen, und trotzdem das Falsche zu tun. Moralisch richtiges Handeln setzt für uns eine aktive, häufig eine schwierige Entscheidung voraus. Die besten Denker der Menschheit haben viel Zeit damit zugebracht zu überlegen, wie diese Entscheidungen besser und einfacher zu treffen sein könnten.

Um dieses Dilemma geht es auch, wenn die Bibel von Versuchung spricht. Und dieses Dilemma ist etwas, das Gott tatsächlich nicht kennt, das seinem Wesen nicht entspricht. Wie könnte Gott versucht werden? Wie könnte Gott durch Kräfte außerhalb von ihm dazu verleitet werden, etwas Unrechtes zu tun? Der Schöpfer des Universums ist immer mit sich selbst eins und kennt keine inneren Konflikte.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten. Er ist aber auch Mensch geworden, um sich bewusst den Umständen auszusetzen, die für uns Menschen Teil unserer Existenz sind, für die bei Gott aber eigentlich kein Platz ist. Und dazu gehört auch, versucht zu werden. Im eingangs zitierten Vers aus dem Hebräerbrief ist mit dem Hohepriester natürlich Jesus gemeint. Er hat Versuchung erlebt, und zwar nicht einfach nur so, sondern „in allem“ und „wie wir“.

Es gab im Leben Jesu eine kurze Episode in der Wüste, die in den meisten Bibeln mit „Versuchung Jesu“ überschrieben wird. Es waren Versuchungen besonderer Art, die Jesus in dieser Situation erlebt hat, aber es waren nicht seine einzigen. Er wurde nicht nur einzelnen Versuchungen ausgesetzt, damit dem Prinzip genüge getan würde. Der Teufel hat ihm nicht nur diesen Musterkoffer mit einer Auswahl erlesenster Versuchungen präsentiert.

Dass Jesus in allem wie wir versucht wurde, ist bestimmt auch theologisch sehr interessant, aber für mich bedeutet diese Tatsache vor allem persönlich sehr viel. Er versteht. Ich muss ihm nichts erklären. Dass er es fertig gebracht hat, der Versuchung nicht nachzugeben, heißt nicht, dass sie bei ihm weniger stark war. Und es heißt vor allem und ganz entschieden nicht, dass es ihm leicht gefallen sei. Er kann mitfühlen mit meiner Schwachheit, weil er selbst schwach war, müde, abgekämpft, enttäuscht, mutlos. Da ist kein: „Jetzt stell Dich nicht so an!“. Da ist ein „Ich weiß.“ Und wenn es nötig ist und er es mir zutraut, ist da ein „Ich weiß, aber …“

Denn Gott will mich natürlich jeden Tag ein wenig zu einem besseren Menschen machen. Er will, dass ich lerne, Versuchungen zu widerstehen. Dabei kennt er den Weg, weil er ihn selbst schon gegangen ist. Meine Stolperschritte, mein Versagen, meine Rückschläge machen ihm nichts aus, weil er sehr genau ihre Ursachen kennt, sie selbst erlebt hat. Es ist ja schon nett, wenn der allmächtige Gott bereit ist, meine Schwachheit als Mensch zu akzeptieren. Jesus hat aber so viel mehr getan: Er hat sich freiwillig dazu entschieden, diese Schwachheit zu teilen.

„Lass mir das Ziel vor Augen bleiben“, so heißt es in einem Lied. Eigentlich ein guter Ratschlag, aber ich stelle immer wieder fest, dass ich auf diese Weise gerade bei den großen, bei den schwierig zu erreichenden Zielen Jesus aus den Augen verliere. Denn der Mensch gewordene Jesus wartet nicht am Ziel auf mich. Er geht mit mir.

Gott, der Beschützer

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Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Interessanterweise ist dieser Spruch nicht christlichen, sondern heidnischen Ursprungs, er lässt sich laut Wikipedia auf antike griechische und römische Ursprünge zurückführen. Ob er stimmt oder nicht, ist eine sehr schwierige Frage, ich denke, die meisten Christen würden ihn als irgendwie teilweise richtig ansehen.

Der Spruch trifft bei mir einen Nerv, weil er eine unerfüllte Sehnsucht in mir ausdrückt. Ich wäre gern ein Mensch, der nach diesem Spruch leben könnte, ein souveräner, in sich selbst ruhender Mensch, der alle Probleme des Lebens mutig und entschlossen anpackt, der alles tut, was in seiner Macht steht, um dann den Rest, den ganzen, riesigen Rest, der nicht in seiner Macht steht, getrost Gott zu überlassen. Ich bin nicht so ein Mensch.

Ich schreibe heute von Gott als meinem Beschützer. Ich würde gerne von dem Gott schreiben, der mich in den vielen Unwägbarkeiten des Lebens schützt, der mich vor Naturgewalten bewahrt und vor der bösen Absicht anderer Menschen in Schutz nimmt. Ich könnte das tun, aber das wäre unehrlich. Denn ich erlebe Gott als Beschützer, der mich vor den Folgen meiner eigenen Schwäche, meiner eigenen Unfähigkeit, meines eigenen Versagens bewahrt.

Ich gehöre zu den Menschen, die nur mit Mühe durchs Leben stolpern, die Sachen nicht auf die Reihe kriegen, und zwar gerade die Sachen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, und die „normalen“ Menschen leicht fallen. Viele derartige Erfahrungen haben die Überzeugung in mein Herz gepflanzt, dass ich den Grundansprüchen, die man billigerweise an einen Menschen stellen kann, nicht genüge. Eine Überzeugung, deren Wurzeln ich wohl trotz all meiner Bemühungen nie ganz ausreißen können werde.

Deshalb ist der eingangs erwähnte Spruch Gift für mich, weil er Ansprüche an mich stellt, die ich nicht erfüllen kann, und weil er mir folglich die Hoffnung auf Gottes Hilfe raubt und mir selber noch die Schuld dafür gibt. Gott ist glücklicherweise nicht so. Und er ist mir gerade deshalb als Beschützer lieb und wert geworden, weil er mich gerade in meiner Schwachheit beschützt. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass ich oft versage, dass ich oft unfähig und hilflos bin. Ich glaube, es ist sogar seine bewusste Entscheidung, die erwähnte giftige Wurzel in meinem Herzen zu belassen.

Ich habe ihn oft gebeten, dieses Gift zu entfernen. Das hat mich oft taub gemacht für seine Botschaft, nämlich dass seine Liebe viel stärker ist als jedes Gift, und dass ich souveräner und selbstsicherer Mensch viel weniger Gelegenheit hätte, seinen Schutz zu erleben. Wenn ich die Andeutungen, die Paulus im 2. Korintherbrief, Kapitel 12 macht, richtig verstehe, dann bin ich wohl mit dieser Erfahrung nicht ganz allein.

Leider werden daraus keine Heldengeschichten gemacht. Ich kann nicht von den großen Gefahren erzählen, aus denen mich die Hand Gottes auf wundersame Weise errettet hat. Und ich tue mich nach wie vor sehr schwer damit, konkret davon zu erzählen, wie Gott immer wieder verhindert, dass der Mist, den ich beständig baue, auf mich zurückfällt. Mir fehlt leider immer noch die Fähigkeit, mich auch mal unbekümmert zu blamieren. Ich arbeite daran.

Aber ich beginne zu begreifen, dass Gottes Liebe sich viel stärker in mancher peinlicher Alltagsgeschichte zeigt als in den großen Heldenepen, die ich mir erträume, und dass sein Umgang mit mir gerade dann besonders liebevoll ist, wenn meine Kräfte mal wieder viel zu früh erschöpft sind. Und was viel wichtiger ist: Ich beginne, das zu spüren. Gottes Liebe dringt durch, ganz allmählich, bis zu den giftigen Wurzeln in mir.

Manchmal hilft die Musik, etwas begreiflich zu machen, was nur schwer in Worte zu fassen ist. Es gibt eine Szene aus der Oper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, die für mich den Schutz Gottes besser darstellt, als Worte es können. Humperdincks Hänsel und Gretel sind keine unschuldigen Kinder. Sie sind eher ganz normale Kinder, und bis zum Ende des zweiten Aktes waren sie nicht gerade brav. Aber nun sind sie allein nachts im gefährlichen Wald, finden nicht mehr nach Hause und müssen hier übernachten. Bevor sie schlafen, beten sie ein schlichtes, auswendig gelerntes Kindergebet von vierzehn Engeln, die sie beschützen sollen.

Hänsel und Gretel schlafen ein, die Musik wird für einen Moment sehr sanft, sehr zerbrechlich, und spiegelt die Schutzlosigkeit der Kinder wieder, bis sie sich plötzlich verändert. Aus dem aufsteigenden Nebel lösen sich, je zwei und zwei, vierzehn Engel mit Posaunen, und die Musik macht mehr und mehr klar: Mit diesen Geschöpfen ist nicht zu spaßen. Dann erklingt, diesmal gespielt von den Posaunen, erneut die Melodie des Abendgebetes, und erstrahlt in der Macht und dem Glanz dieser kleinen Heerschar Gottes, die sich zum Schutz der Kinder versammelt hat. Und schließlich wird die Musik wieder sanft, die Nachtruhe kehrt ein, aber dieses Mal nicht zerbrechlich, sondern friedlich und wohlbehütet.

Gesehen habe ich diese Szene zum ersten Mal im Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Die eher traditionelle, aber sehr gelungene Inszenierung damals hat gerade die Schönheit dieser Szene besonders zum Ausdruck gebracht. Eine ähnlich beeindruckende Inszenierung habe ich auf YouTube nicht gefunden, deshalb bette ich hier eine konzertante Version ein: